
Seit 2011 veröffentlicht die SKL jährlich ihren Glücksatlas und kürt die glücklichsten Orte – das italienische Bergdorf Remis aus Paolo Strippolis „The Holy Boy“ würde es darin vermutlich mühelos an die Spitze schaffen. Denn hier scheint das Glück kein flüchtiger Zustand zu sein, sondern ein Dauerzustand: Die Bewohner wirken ausnahmslos zufrieden, fast unheimlich erfüllt. Diese irritierende Idylle erlebt auch der Vertretungslehrer Sergio Rossetti (Michele Riondino), der selbst schwer an seinem emotionalen Ballast trägt. Seine Ankunft im Dorf wirkt wie ein Kontrastprogramm – bis er nach und nach hinter das Geheimnis des Ortes kommt. Im Zentrum steht der unscheinbare Teenager Matteo Corbin (Giulio Feltri), um den sich längst ein eigenwilliger Kult gebildet hat. Der Grund: Matteo scheint über eine verstörend einfache, aber wirkungsvolle Gabe zu verfügen – wer ihn umarmt, wird von seinem Unglück befreit. Was zunächst wie ein Wunder wirkt, entfaltet schnell eine beunruhigende Dynamik. Denn die Konsequenzen dieser Fähigkeit bleiben nicht ohne Preis, und die scheinbare Glückseligkeit des Dorfes bekommt zunehmend Risse. Strippoli versteht es, diese Entwicklung mit ruhiger Hand zu inszenieren und eine Atmosphäre aufzubauen, die gleichermaßen fasziniert und verstört. „The Holy Boy“ ist kein lauter Schocker, sondern ein fein austarierter Balanceakt zwischen Drama und Horror. Gerade in seinen leisen Momenten entfaltet der Film seine größte Wirkung und setzt auf unterschwellige Spannung statt auf plakative Effekte. Wer intelligenten, entschleunigten Horror schätzt, der mehr andeutet als zeigt, sollte hier definitiv einen Blick riskieren. (FT)
Bewertung: 3