
Es gilt das ungeschriebene Gesetz, dass man sich an manche Klassiker der Literatur- und Filmgeschichte besser nicht mehr heranwagen sollte, weil das unsterblich starke Original eigentlich für immer unangetastet scheint und man sich in der Regel nur verzweifelt die Zähne ausbeißen kann. Die Adaptionen der Bücher von Michael Ende sind diesem erlesenen Kreis sicher hinzuzurechnen, schließlich ist geradezu undenkbar, dass vor allem die grandiosen Verfilmungen aus den 80ern noch einmal mit gleicher Begeisterung aus einem moderneren Blickwinkel betrachtet werden könnten. Entsprechend viel Skepsis herrschte bei der Ankündigung einer weiteren „Momo“-Verfilmung, schließlich ist der Originalstreifen mit seiner außergewöhnlich besonderen Atmosphäre ein echter Kunstgriff, der gemeinsam mit „Die unendliche Geschichte“ ein wahrlich beeindruckendes Fantasy-Duo bildete, dessen Strahlkraft auch vier Jahrzehnte später noch nachwirkt. Überraschenderweise ist die Neuauflage aus der Feder von Michael Ditter jedoch äußerst sehenswert geworden, zum einen weil der Regisseur sich nicht krampfhaft bemüht hat, die Story künstlich zu modernisieren, zum anderen weil er der visuellen Komponente gehörige Aufmerksamkeit geschenkt und abseits der Story vor allem für eine atemberaubende Rahmenuntermalung gesorgt hat. „Momo“ funktioniert auch hier als zeitloses Märchen, vielleicht mit etwas jugendlicheren Dialogen, manchmal auch dem derzeitigen Zeitgeist entsprechend, aber dennoch mit der nötigen Tiefe, die das ursprüngliche Gerüst der Handlung mitbringt. Vielleicht kann man manche Augenblicke nicht mehr mit dem gleichen Gänsehautfaktor reproduzieren, man kann aber den Blickwinkel in der Inszenierung verändern, und genau das ist dieser erstaunlich erfrischenden Aufbereitung des Klassikers sehr, sehr gut gelungen! (BB)
Bewertung: 4