PRONG - New York Tunnelvision
PRONG-Mastermind Tommy Viktor ist aktuell mit Danzig auf Tour und schiebt vor dem Soundcheck in Nashville ein Video-Interview zum bärenstarken neuen Album ein. Das auf seinen sozialen Netzwerken in der letzten Zeit öfter Gaumenfreuden wie kürzlich aus der besten Auster-Bar in New Orleans oder die beste New Yorker Pizza gepostet werden, hat sich eher zufällig ergeben. Es ist aber etwas, das dem 65-jährigen Spaß macht und das er beibehalten möchte.

Foto-Credits: Rudy DeDoncker
Seiner Meinung nach hat die Band seit Anbeginn nie in irgendeine Schublade gepasst. Nicht mal in der bzgl. Punk, Metal und Hardcore sehr vielfältige New Yorker Szene. „Das ist auch etwas, dass ich im Song `The Banner`auch auf spezielle Art thematisiere. Du siehst das Banner auch auf dem Albumcover. Es ist der einzige Song, den ich zusammen mit Drummer Tyler geschrieben habe. Der Rest des Materials stammt komplett aus meiner Feder. Im Studio hat auch Tyler das Schlagzeug eingespielt. Den Bass habe ich dieses Mal auch selbst gestemmt, was primär an stark limitierter Studiozeit lag. Wir hatten ein enges Fenster von max. 2 Wochen, in denen ich jemanden hatte, der sich um meine zwei jungen Kids kümmert. Meine Frau ist auch berufstätig. Dazu kam dann noch, dass unser Bassist Dean ebenfalls familiäre Verpflichtungen hatte“, erklärt der Familienvater. Wir kommen auf die frühen musikalischen Einflüsse und Lieblingsmusiker von Tommy zu sprechen, die ihn am stärksten prägten und halfen den sehr eigenen PRONG-Sound zu entwickeln. „Post-Punk wie z. B. Killing Joke und Bauhaus, aber auch Prog-Rock von Rush oder so etwas wie King Crimson war wichtig. Natürlich spielte auch Proto-Metal wie Back Sabbath oder Deep Purple, als auch klassischer Punk wie Stooges/Ramones eine Rolle. Aber die schrägen und dissonanten Sachen waren definitiv dominierend. Wir wollten anders als der Rest der New York Szene rund ums CBGB`s sein. Meinen speziellen Stil als Gitarrist hat in frühen Tagen Geordie Walker (R.I.P), Helios Creed von Chrome oder Greg Ginn (Black Flag) stark geprägt. Wenn wir jetzt etwas mehr nerdy werden, sollte ich noch Steve Albini zur Big Black Zeit erwähnen. Sonic Youth mochte ich auch von Anbeginn an. Und es gab diesen verrückten, wahnsinnigen New Yorker Typen Von LMO (Frank Cavallo), von dem ich ein großer Fan war. Für einen kurzen Moment war er mal groß in der Stadt. Heute kennen ihn viele gar nicht mehr, aber es lohnt sich ihn zu entdecken“, schwärmt Mr. Viktor.
Die Marschrichtung für das neue Werk war klar, sich nicht zu wiederholen. Gleichzeitig aber auch, das Stilkorsett bzw. Härte als auch Melodie zu erweitern plus sich auf die Stärken bzw. die Kernkompetenz von PRONG zu besinnen. Die Jubiläumstour für „Cleansing“ färbte dabei auch deutlich im Songwriting-Prozess ab. „Bevor ich an ein neues Album heran gehe, mach ich mir immer starke Gedanken, was auf den ein bis zwei Vorgängerwerken gefehlt hat und welche Ideen und Marschrichtungen ich gerne noch weiterverfolgen und entwickeln möchte. Es war kein leichter und ein langer Weg dorthin, aber die Ziele, die ich mir für die neue Platte gesetzt habe wurden erreicht. Und das werte ich als Erfolg. Im Wesentlichen wollte ich auf dem neuen Longplayer die Essenz dies typischen Prong Bandsounds und den Spirit von Alben wie „Beg To Differ“ und „Cleansing“ wieder mehr zurückholen. Das sind die Werke, die am einflussreichsten für Fans als auch andere Bands, die teilweise auch stark davon inspiriert wurden, waren. Und damit wird der Name PRONG am meisten assoziiert. Ich stehe auch hinter Platten wie „X – No Absolutes“, aber darauf habe ich mich an etwas ganz anderem versucht“, analysiert der Musiker. Auch textlich bewegte sich Tommy etwas weg von persönlichen, abstrakten Lyrics wieder mehr hin zu teilweise direkteren, oder mit dem berühmten New-York-PRONG-Tunnelblick versehenen Inhalten. Angst, Katharsis, Klaustrophobie und düstere Visionen und Gedanken, die aber stets von Hoffnung, positiven Gedanken, Kampfgeist und (Selbst-)Reflektion begleitet werden. „Das hast Du analytisch wirklich perfekt erfasst (lacht). Es hat etwas von dieser New York Hardcore Mentalität und Herangehensweise. So ein spezielles Gefühl etwas isoliert und aus dieser Blase heraus zu betrachten. Es ist eine besondere Emotion, die in den 90s präsent war und es heute so eigentlich gar nicht mehr gibt. Diesen speziellen Vibe der sonst nirgendwo hineinpasst wollte ich wiederbeleben“, philosophiert der Texter. Aktuelle Kriege und andere Problemherde in der Welt beeinflussen ihn eher indirekt und abstrakt. In der Form, was solche Themen in der persönlichen Gefühlswelt auslösen. „Ich beobachte auch, wie die aktuelle Weltlage die Mentalität und das Verhalten der Menschen beeinflusst und verändert. Und in diesem Zusammenhang: Mich nerven und kotzen die aktuellen Auswüchse von beschissener, generischer Social/Big-Media und großer, moderner beliebiger Popkultur extrem an. Beliebigkeit und keine Ecken und Kanten. Es ist ekelhaft!“, findet Tommy. Auch wenn in den 90s nicht alles besser war, können einem als älteres Semester heutzutage Nuancen, Subkulturen und weniger digitale Herangehensweisen durchaus fehlen. „In Yew York explodierte damals die Künstlerszene. Denk an Namen wie Keith Haring, Jean-Michael Basquiat usw. Und ich fand total originell, mit was musikalisch damals Sonic Youth ankamen. Es herrschte überall Aufbruchstimmung. Wir wollten komisch und anders sein und etwas Neues erschaffen. Es war uns egal ob wir bekannt oder beliebt sind. Die Probleme der Band kamen später, als wir Erfolg hatten und (incl. Management) anfingen und darüber Gedanken zu machen. So nach dem Motto ein Texaner versteht nicht um was es bei PRONG geht und woher wir kommen (lacht). Und nach `Snap Your Fingers…`klickte es dann. Die Leute fanden Zugang zu uns, aber wir taten uns schwer den Bandmotor auf Kurs und am Leben zu halten“, resümiert der Gitarrist.
Das Bananarama-Cover entstand nicht deswegen, weil Tommy dazu historisch einen besonderen Bezug hatte. „Das witzige an diesem 80s-Video ist, dass sie sich darin als New Yorkerinnen verkauften, was sie nicht wirklich waren. Natürlich ist es Kult usw. Aber die Idee sich das Lied vorzunehmen, kam erst dieses Jahr während einer Aftershow Party in Boston auf. Sie spielten dort 80s und New Wave Zeug und der Track war dabei. Wir waren gerade auf der Suche nach einem Cover und Tyler schlug ihn dann vor. Ich arbeitete dann kurzfristig ein Demo aus, das recht gut wurde. Wir taten uns dann im Studio recht schwer den Vibe dessen zu reproduzieren. Aber am Ende hat Andy Sneap dann etwas Großes daraus geformt mit dem wir sehr zufrieden sind“, erklärt Mr. Viktor. Sneap ist für einen gewissen Signatur-Produktionssound bekannt. Davon ist auf dem selbstbetitelten Album von PRONG aber nichts zu bemerken. „Andy sagte mir, dass es im Vergleich zu allen anderen Gitarristen, mit denen er bisher arbeitete, für ihn mit mir teilweise sehr unterschiedlich war. Ich hätte einen harten Anschlag und viel „Attack“, eine spezielle Herangehensweise inne, weswegen an vieles in der Produktion anders als sonst heran ging. Zu Beginn meiner Karriere war ich eigentlich Bassist. Mike Kirkland drückte mir dann die Gitarre in die Hand und sagte, die spielst Du jetzt (lacht). Und wir hatten, als wir den Major Deal hatten etc. nicht viel Zeit. Also packte ich mir im Eiltempo was drauf und musste auf einmal mit Leuten wie Zakk Wylde und Dimebag Darrel konkurrieren. Ich bin ja kein Klassischer Gitarrist mit Fokus auf Solos und Virtuosität. Aber ich gehe rhythmisch intensiv und anders als andere an die Sache heran“, beschreibt der bodenständige Gitarrist.
Tommys musikalischer Favorit auf der neuen Platte ist aktuell der Bonustrack `Out Of Body`weil er so anders als der Rest des Materials ist. „Schon textlich geht es in eine andere Richtung. Leichtere Kost, so etwa wie Meditation. Und musikalisch hat mich der Geist von ca. 1986 in New York beeinflusst. Als Bands wie Antietam und natürlich Sonic Youth hochkamen. Dieses Gefühl und diesen Sound wollte ich einfangen. Und evtl. verwundert Dich jetzt diese Aussage. Aber ich finde auf dem letzten Pearl Jam Album machten sie in dieser Hinsicht einen super Job. Das Gefühl von Oldschool-Alternative-Rock. Es ist ein spezieller Gitarrensound. Dinosaur Jr. wäre hier ein weiteres gutes Beispiel. Und ganz andere Ecke: Godflesh hatte ich beim Komponieren des Tracks auch im Kopf. `Out Of Body`war in meiner Liste von geschriebenen Songs die auf das Album könnten. Aber ich hatte etwas Angst ihn zu verwenden, weil er so anders als der Rest des Materials war. Letztendlich haben wir ihn dann aber doch als Bonus-Track ausgewählt. Und ich finde ihn sehr gelungen“, schwärmt der Ami. Seine Kinder sind jetzt 3 und 6 Jahre alt. Tommy genießt es, dass sie nun ihre Persönlichkeit stärker entwickeln und mehr mit ihm kommunizieren können. Zoom & Konsorten sei für tourende Musiker ein Segen. Ohne diese Möglichkeiten würde es ihm schwerfallen so viel wie aktuell auf Tour zu sein.
