29. Oktober 2026
SHARP CORNER – TÖDLICHE OBSESSION

Wenn das Traumhaus zum Traumahaus wird
Titel: SHARP CORNER – TÖDLICHE OBSESSION
Land/Jahr: Kanada 2025
Label: Ascot Elite
FSK & Laufzeit: ab 12, ca. 110 Min.
Bereits erschienen
Regisseur Jason Buxton braucht keine Geister, Hexen oder Dämonen, damit der Einzug in ein neues Jahr zum Horrortrip wird. Er zeigt, dass eine enge Straßenkurve, ein Panoramafenster und ein Mensch, der nicht mehr loslassen kann, vollkommen ausreichen.
Im Jahr 2012 machte der kanadische Filmemacher Jason Buxton mit „Blackbird“ auf sich aufmerksam. Der Film über einen Teenager, der zu Unrecht eines Verbrechens beschuldigt wird, erhielt zahlreiche Auszeichnungen und begeisterte weltweit die Kritik. So hoffte man, alsbald noch mehr von Buxton zu sehen. Allerdings ließ der Filmemacher, von einem Kurzfilm im Jahr 2018 abgesehen, seither nichts mehr von sich hören. Doch nun meldet er sich mit SHARP CORNER – TÖDLICHE OBSESSION endlich zurück.
In diesem lernen wir Josh McCall, gespielt von Ben Foster, kennen. Josh ist ein sympathischer Mensch, der auf den ersten Blick auf der Sonnenseite des Lebens steht. Er hat einen gut bezahlten Job, mit Rachel (Cobie Smulders) eine wunderschöne Frau und einen Sohn, den er über alles liebt. Und nun erfüllt er sich auch noch einen Lebenstraum: den Kauf eines großen Hauses, das mit seinem großen Panoramafenster einen tollen Blick auf eine idyllische und scheinbar ruhige Landstraße gewährt.
Es könnte alles so wunderbar sein, doch dann geschieht etwas Schreckliches. Der geneigte Horrorfan wird sich an dieser Stelle vielleicht denken: Das Haus ist verflucht. Und ganz falsch ist das auch nicht. Doch statt Geistern, Hexen oder Dämonen sorgt hier nur die unglückliche Straßenplanung der kanadischen Gemeinde für das Grauen. Denn das Haus steht nicht auf einem alten Indianerfriedhof, sondern schlicht und ergreifend sehr nah an einer sehr engen Kurve.
Ausgerechnet in der ersten Nacht im neuen Haus kommt es zu einem folgenschweren Ereignis. Durch das Panoramafenster müssen Josh und Rachel mitansehen, wie ein Highschool-Schüler auf der Straße vor ihrem Haus einen schweren Unfall hat und stirbt. Für beide ist das Erlebnis schrecklich, doch während Rachel versucht, das Geschehene hinter sich zu lassen und sich vor allem auf ihren Sohn konzentriert, steigert sich Josh immer weiter in den Unfall hinein.
Er kann den Gedanken nicht loslassen, dass dieser Tod hätte verhindert werden können. Die Straße vor seinem Haus wird für ihn zu einem Ort, an dem jederzeit wieder etwas passieren könnte. Und so will Josh alles tun, damit niemand mehr auf der Landstraße stirbt. Was zunächst wie der verständliche Wunsch wirkt, etwas gegen die gefährliche Situation zu unternehmen, entwickelt sich immer mehr zur Besessenheit. Josh beginnt, die Straßenkurve rund um die Uhr zu bewachen. Er beobachtet den Verkehr und büßt dabei zunehmend den Blick für alles andere ein. Bald verliert er seine Arbeit, seine Ehe leidet massiv und auch die Beziehung zu seinem Sohn gerät immer weiter in den Hintergrund.
Dabei wird sein Verhalten zunehmend extremer. Der Wunsch, einen weiteren Menschen zu retten, nimmt immer mehr Raum in seinem Denken ein. Schließlich wird dieser Wunsch so stark, dass Josh selbst einen Unfall herbeiführen möchte.
Dass SHARP CORNER – TÖDLICHE OBSESSION so gut funktioniert, liegt in erster Linie am gelungenen Drehbuch. Joshs Besessenheit wird nicht mit dem Holzhammer präsentiert. Stattdessen zeigt der Film von Anfang an kleine Risse in der Fassade seines eigentlich glücklichen Lebens. Josh ist zwar zufrieden, wirkt gleichzeitig aber auch etwas antriebslos. Dadurch erscheint seine spätere Entwicklung nicht wie ein plötzlicher Wandel, sondern wie eine Entwicklung, die sich bereits vorher angedeutet hat.
Auch nach dem Unglück dreht Buxton nicht sofort voll auf. Die Geschichte lässt Joshs Besessenheit zunächst unter der Oberfläche köcheln. Aus seiner Beschäftigung mit dem Unfall wird langsam eine Fixierung, die immer mehr von seinem Leben bestimmt. Schritt für Schritt steigert sich sein Verhalten ins Obsessive. Gerade dadurch wirkt die Entwicklung umso nachvollziehbarer, denn Josh verliert nicht plötzlich jede Kontrolle. Vielmehr verschiebt sich seine Aufmerksamkeit immer weiter, bis für ihn kaum noch etwas anderes zu existieren scheint.
Zudem verbindet Buxton diese Entwicklung mit der Dynamik zwischen Josh und Rachel. Während Josh sich immer stärker in seine Aufgabe hineinsteigert, versucht Rachel, den Blick auf das gemeinsame Leben und vor allem auf ihren Sohn zu richten. Damit stehen sich nicht einfach zwei unterschiedliche Meinungen gegenüber, sondern zunehmend zwei völlig verschiedene Vorstellungen davon, wie sie mit dem Erlebten umgehen sollen. Je stärker Josh sich von seinem bisherigen Leben entfernt, desto größer wird auch die Belastung für ihre Beziehung.
Der erstklassige Cast erledigt den Rest. Vor allem Hauptdarsteller Ben Foster spielt die Rolle des zufriedenen, wenn auch eigentlich etwas antriebslosen Josh, der zunehmend in den Wahn abdriftet, grandios. Foster gelingt es dabei, die Veränderung seiner Figur nicht nur über die immer extremeren Handlungen sichtbar zu machen. Vielmehr wird spürbar, wie sich Joshs Aufmerksamkeit immer stärker auf die Straße und seine vermeintliche Aufgabe richtet.
So entwickelt sich SHARP CORNER – TÖDLICHE OBSESSION aus einer zunächst ungewöhnlichen Ausgangssituation zu einer Geschichte über einen Menschen, der etwas Schreckliches verhindern will, wobei ihm sein eigenes Leben immer mehr entgleitet.
Florian Tritsch