11. September 2026
Fieser Holzkopf

Pinocchio, wie man ihn garantiert noch nie gesehen hat: In PINOCCHIO: UNSTRUNG wird aus der beliebten Holzpuppe ein mordlustiger kleiner Albtraum – inklusive schwarzem Humor, blutigen Kills und Robert Englund.
Titel: PINOCCHIO: UNSTRUNG
Land/Jahr: USA 2026
Label: PLAION PICTURES
FSK & Laufzeit: ab 18, ca. 82 Min.
Bereits erschienen
Das TCU – deutlich weniger Disney als das MCU
Im Jahr 2022 liefen die Urheberrechte an A. A. Milnes „Pu der Bär“ aus – im Grunde ein wenig spannendes gesetzliches Detail, wie es immer wieder bei Büchern, Comics und Filmen vorkommt. Sobald das passiert, darf grundsätzlich jeder die darin enthaltenen Figuren und Geschichten frei verwenden. Regisseur Rhys Frake-Waterfield erkannte in dieser Möglichkeit jedoch weit mehr als nur eine juristische Randnotiz und machte aus dem „Bären von geringem Verstand“ kurzerhand ein mordendes Monster.
Seine vergleichsweise günstig produzierte Splatter-Groteske „Winnie The Pooh: Blood And Honey“ wurde zum viralen Hit und sorgte damit nicht nur für reichlich Aufmerksamkeit, sondern legte gleichzeitig den Grundstein für das TCU – das Twisted Childhood Universe. In diesem Filmuniversum gab Frake-Waterfield nun weiteren Filmemacher die Möglichkeit, bekannte Kindheitshelden neu zu interpretieren – selbstverständlich ebenfalls als blutrünstige und oftmals ziemlich brutale Horrorversionen ihrer einstigen Vorbilder.
Und auch PINOCCHIO: UNSTRUNG ist noch lange nicht das Finale der Filmreihe, ganz im Gegenteil – es geht erst richtig los. Wie bei Marvels MCU ist auch das TCU ist als Shared Universe angelegt – also als lose miteinander verknüpfte Filmwelt, in der zunächst jede Figur ihre eigene Geschichte bekommt, bevor die einzelnen Handlungsstränge schließlich zusammenlaufen. Als Nächstes dürft ihr euch auf POOHNIVERSE: MONSTERS ASSEMBLE freuen, in dem die mörderischen Kindheitshelden erstmals aufeinandertreffen.
Mit „Die Abenteuer des Pinocchio“ gelang dem italienischen Schriftsteller Carlo Lorenzini unter dem Pseudonym Carlo Collodi eine wunderbare Geschichte über Moral, Sozialisation und vor allem über Menschlichkeit. Leider wurde Lorenzinis Werk zu seinen Lebzeiten nicht annähernd so sehr geschätzt, wie es das verdient hätte. Erst einige Jahrzehnte nach seinem Tod fand das Buch die Anerkennung, die ihm gebührt – und schließlich auch den verdienten Erfolg. Mittlerweile ist „Pinocchio“ in rund 240 Sprachen erschienen, wurde für die Bühne adaptiert, unzählige Male als Hörspiel umgesetzt und natürlich auch vielfach verfilmt.
Neben experimentellen Werken wie dem japanischen Puppenfilm von Noburō Ōfuji und zahlreichen starbesetzten Adaptionen wie „Roberto Benignis Pinocchio“ aus dem Jahr 2002 oder „Guillermo del Toros Pinocchio“ von 2022 ist es jedoch vor allem die Disney-Version von 1940, die für die meisten das maßgebliche Bild von Pinocchio geprägt hat.
Doch nun nimmt sich Rhys Frake-Waterfield des Stoffes an und bettet die Geschichte in sein „Twisted Childhood Universe“ ein – und wenn man sich bei dem TCU-Mastermind auf eines verlassen kann, dann darauf, dass PINOCCHIO: UNSTRUNG in etwa so weit von der Disney-Version entfernt ist wie Donald Trump von einer Mitgliedschaft in der Antifa. Vielleicht sogar noch ein bisschen mehr.
Das zeigt sich schon beim Schauplatz. Denn statt in der eigentlichen Heimat Pinocchios spielt die Geschichte irgendwo in der britischen Provinz. Hier lebt Geppetto, gespielt von „Game Of Thrones“-Star Richard Brake, der mit dem bescheidenen alten Schreiber aus der Vorlage allerdings nur noch wenig gemein hat. Stattdessen ist Geppetto ein wohlhabender britischer Erfinder – wobei „Mad Scientist“ seine Tätigkeit wohl deutlich besser beschreibt. Denn dem Wissenschaftler gelingt das Kunststück, künstliches Leben zu erschaffen.
Doch dann muss Geppetto seinen Enkel James (Cameron Bell) bei sich aufnehmen, nachdem dessen Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen sind. Der Erfinder versucht zwar, die beiden „Jungs“ voneinander fernzuhalten, doch wie nun einmal ist, lässt sich das nicht ewig verhindern. Und schon bald treffen James und Pinocchio aufeinander. Während James beim ersten Anblick der etwas unheimlichen Holzfigur verständlicherweise zunächst erschrickt, entwickelt sich zwischen den beiden schnell eine Freundschaft. Und Pinocchio ist ein guter Freund. Ein wirklich guter Freund. Einer von der Sorte, die für ihren Kumpel töten würden.
Und das zeigt sich schon bald. Denn James wird von einigen Mitschülern schikaniert und gemobbt. Für Pinocchio ist die Sache schnell geklärt: Wer seinem Freund etwas antut, hat ein Problem. Ein ziemlich großes Problem. Und so dauert es nicht lange, bis die ersten Mobber Bekanntschaft mit dem kleinen Holzjungen machen. Dabei bleibt es allerdings nicht bei einer einmaligen Eskalation. Pinocchio entwickelt sich zunehmend zum persönlichen Rächer seines neuen Freundes und bestraft jeden, der James in seinen Augen schlecht behandelt.
Das kann zunächst noch jemand sein, der James tatsächlich etwas Böses will. Doch Pinocchio macht bei der Definition von „böse“ relativ schnell deutlich, dass seine Maßstäbe etwas anders funktionieren. Selbst Personen, die eigentlich nur ihren Beruf ausüben, können plötzlich auf seiner Liste landen. So bekommt beispielsweise auch der Zahnarzt Probleme mit dem kleinen Holzjungen …
Während „Peter Pan’s Neverland Nightmare“ und „Bambi: Die Abrechnung“ beide noch deutlich ernstere und stellenweise erstaunlich düstere Thriller waren, schlägt PINOCCHIO: UNSTRUNG einen etwas anderen Weg ein. Der Film entpuppt sich zunehmend als schwarze Komödie, die ihre Gewalt nicht unbedingt mit maximaler Ernsthaftigkeit präsentiert, sondern immer wieder mit einem gewissen Augenzwinkern.
Vor allem bei den Kills zeigt sich dieser Ansatz ganz wunderbar. Hier darf es durchaus etwas kreativer und vor allem etwas übertriebener werden. So werden ganz alltägliche Gegenstände plötzlich zu Mordwerkzeugen, und Pinocchio beweist, dass ein Laufband und herabfallende Gewichte durchaus eine Fitness-fremde Verwendung finden können.
Die Gewalt ist dabei weniger darauf aus, wirklich Angst zu machen, sondern soll in erster Linie überraschen, ekeln und gelegentlich auch zum Schmunzeln bringen. Wer sich also auf einen bierernsten Horrorthriller eingestellt hat, dürfte vermutlich eher enttäuscht sein. Wer dagegen wissen möchte, auf wie viele möglichst absurde Arten eine lebendig gewordene Holzpuppe Menschen umbringen kann, bekommt einiges geboten.
Bei der Darstellung der diversen Todesfälle geht PINOCCHIO: UNSTRUNG einen ähnlichen Weg wie schon die anderen Filme des TCU. Statt nur auf Computergrafik zu setzen, kommt man hier herrlich Old School mit handgemachten Effekten daher. Ein echtes Highlight ist außerdem das Design von Pinocchio selbst. Statt einer glatt gerundeten, niedlich wirkenden Zeichentrickfigur präsentiert uns PINOCCHIO: UNSTRUNG eine splitterige, grob handgefertigt wirkende Holzpuppe. Sein bösartiges kleines Gesicht, das starre Grinsen und die teilweise bewusst unperfekte Gestaltung machen ihn zu einer ziemlich unheimlichen Erscheinung – die ebenfalls kein lebloses CGI ist, sondern als charmante Animatronik umgesetzt wurde.
Dazu kommen einige kleine Highlights, die den Film zusätzlich auflockern, vor allem natürlich die Momente von Horrorlegende Robert Englund. Der Schauspieler, der untrennbar mit Freddy Krueger verbunden ist, passt als Jiminy Cricket perfekt in diese völlig verdrehte Variante der Pinocchio-Geschichte und wird hoffentlich noch einige Auftritte haben.
PINOCCHIO: UNSTRUNG macht einiges anders als seine Vorgänger. Statt eines düsteren Thrillers gibt es diesmal wieder deutlich mehr schwarzen Humor, kreative Kills und einen herrlich verrückten Pinocchio. Gerade das handgemachte Design der Puppe und einige prominente Auftritte sorgen für sehenswerte Momente. Wer Spaß daran hat, bekannte Kindheitsgeschichten möglichst hemmungslos durch den Fleischwolf gedreht und neu interpretiert zu sehen, bekommt genau das, was der Titel verspricht.
Florian Tritsch