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FINAL CRY

Wer seit 1992 aktiv ist, der kann getrost als „alte Hasen“ bezeichnet werden. Dabei weist das neue Machwerk von FINAL CRY enorme Frische auf. Ausführlich beantwortete Gitarrist Burghardt unsere Fragen. Dafür sei ihm Dank geschuldet.

Welcher Song auf „Zombique“ hat denn insgesamt am längsten gedauert – vom Komponieren her gesehen? Habt ihr im Studio noch größere Änderungen vorgenommen?

Am meisten haben wir uns mit dem ursprünglichen Titeltrack des Albums „Boukman's Prayer“ herumgeschlagen. Von diesem Track existierten sage und schreibe vier unterschiedliche Varianten und im Proberaum haben wir über Monate permanent Neues ausprobiert und wieder verworfen. Konstant blieb nur der Text, der zu den ersten gehörte, die ich für das Album verfasst habe. Am Ende ist es ein für uns vollkommen ungewöhnlicher, doomig-erdiger Song geworden, der aber auch, insbesondere im Prechorus und im Soloteil, sehr rockig daherkommt. Inhaltlich geht es hier um den haitianischen Sklaven, Rebellenführer und (wohl auch) Voodoo-Priester Dutty Boukman, der den Sklavenaufstand von 1791 im damaligen Saint-Domingue organisiert hatte. In der von ihm für die aufständischen „Maroons“ abgehaltenen Voodoo-Zeremonie im „Wald der Krokodile“ sprach Dutty dann sein berühmt gewordenes „Gebet“. Im Songtext wird nicht nur der Sklavenaufstand thematisiert, sondern auch die bis in die neueste Zeit hinein wirksame Verbindung von politischer Herrschaft und Voodoo-Priesterschaft, wie sie ja auch noch in der Zeit des Terrorregimes von Papa Doc (1907-1971) zelebriert wurde.

Nach fast 30 Jahren Underground habt ihr doch bestimmt eine Menge erzählenswerte Anekdoten auf Lager?

Wir waren und sind ja mit unseren Demo-Kassetten und ersten CDs viel auf Festivals und Konzerten unterwegs und haben unzählige witzige Leute und Geschichten erlebt. Auch mit den Bands, mit denen wir die Bühne geteilt haben, haben wir viele tolle Erlebnisse gehabt. Spontan fallen mir ein paar nette Backstage-Geschichten ein. Ein Kumpel von uns hatte Anfang der 1990er Jahre auf dem Dynamo Open Air in Eindhoven einen Haufen verschiedener Backstage-Pässe nebst einer Sonnenbrille, die irgendein sammelwütiger Roadie da verloren hatte, gefunden. Er nutzte diese Gegenstände in den darauffolgenden Jahren, um bei so ziemlich jedem größeren Festival oder Clubkonzert freien Zutritt u.a. im Backstagebereich zu bekommen, oder auch um einfach nur „wichtig“ zu sein, z.B. den Zuschauern Anweisungen zu geben oder sie des Geländes zu verweisen. 1992 oder 1993 gelang es ihm tatsächlich mit dieser Maskerade, einem Stück Flatterband und einem im Straßengraben gefundenen Alkomaten, die Hauptzugänge zum Festivalgelände zu sperren und jeden passierenden Besucher trotz Murren zum Alkoholtest zu „zwingen“. Irgendwann näherten sich die „echten“ Ordner. Da nahm er gerade noch rechtzeitig Reißaus. Sehr cool war auch unser Kontakt mit Destruction im Forellenhof/Salzgitter, das muss so 1996 gewesen sein. Da haben wir Mike und Olli (Schmier war zu der Zeit ja nicht Teil der Band) zuerst mit unseren Demokassetten („Stormclouds“) versorgt und sind dann mit den Jungs übel abgestürzt. Irgendwann kam Mike bei der x-ten Tüte auf die Idee, Schach zu spielen – das sollte man nicht tun, wenn man weiß, dass Mike da ein absoluter Meister ist und dir vor allem die ganze Nacht bis zum Morgen Eröffnungsstrategien und jeden Zug – mit diesem unverwechselbaren süddeutschen Idiom – aufwändig analysiert und erklärt. Er hat übrigens die Caro-Kann-Verteidigung gespielt. Ich habe Mike dann 2001 auf der „Hell Comes To Your Town“-Tour darauf angesprochen: Er konnte sich wirklich noch an unseren Schachmarathon erinnern, war aber zu dem Zeitpunkt rauchmäßig schon auf Zigarren umgestiegen.

Euer Grund-Line-up steht ja mit Sonja, Eiko und dir seit Langem konstant. Wie wichtig ist diese Konstante in eurer Bandgeschichte?

Ich halte ein konstantes Bandgefüge für elementar wichtig. Wobei ich hier die Betonung auf „Gefüge“ lege – es ist nicht damit getan, dass die Band durch eine Einzelperson am Leben gehalten wird, die sich von Zeit zu Zeit mit wechselnden Musikern umgibt. Klar ist es oft so, dass es einen Hauptkomponisten oder „Bandmotor“ geben muss, aber die Magie liegt im Zusammenspiel und auch darin, dass z. B. Gitarrenriffs oder Rhythmen unterschiedlich oder auch diametral interpretiert werden. Es gibt ja einige Beispiele für einst herausragende Bands, die zu eintönig und eindimensional agierenden und klingenden Ich-AGs verkommen sind. Da fehlt dann einfach der Spirit oder auch die „kritische Instanz“ von Mitmusikern. Hinzu kommt noch der „Gang-Faktor“, also das Gefühl einer über die Musik hinaus gehenden Einheit, der sich nur in langjähriger gemeinsamer Aktivität oder Mission entfaltet. Es ist schon so, dass wir uns dadurch, dass wir uns z. T. ja bereits seit der frühen Kindheit kennen und so vieles gemeinsam erlebt und durchgestanden haben, im Grunde ja auch seit 1989 [damals noch unter einem anderen Namen] in dieser Band zusammen spielen, blind verstehen und daraus auch Kraft, Stärke und einen gewissen Stolz schöpfen. Das macht es dann allerdings für neue Bandmitglieder mitunter auch etwas schwerer, sich im Gefüge zurechtzufinden. Vielleicht ist das auch der Grund, warum wir in der Vergangenheit am Mikro und an den Drums eine größere Fluktuation hatten.

Im Laufe der Zeit hat sich euer Stil gewandelt – der Sound eures neuen Machwerks knallt jedenfalls ordentlich rein. Eure Heimat ist ja eher Thrash, oder seht ihr euch mittlerweile im Melo-Death? Oder aber ist euch das egal, Hauptsache, es scheppert ordentlich?

Musikalisch geprägt sind und wurden wir ganz klar vom Thrash Metal der mittleren und späteren 1980er Jahre - und zwar vor allem aus der Bay Area (Metallica, Exodus, Testament) und aus Deutschland (Sodom, Kreator). Wir hatten allerdings auch immer eine starke „klassische“ Schlagseite zum Speed- bzw. Power Metal, der damals nicht unbedingt das meinte, was heute damit assoziiert wird: Ich glaube, dass Bands wie Metal Church, Agent Steel oder auch Flotsam & Jetsam auch ihre Spuren bei uns hinterlassen haben. Anfang der 1990er Jahre haben wir uns dann stark für die Death Metal-Wellen aus Florida und Schweden interessiert, aber das hatte zunächst überhaupt keine Auswirkungen auf unsere eigene Musik. Im Gegenteil: Wir haben uns Mitte der 1990er Jahre eher am traditionellen, klassischen Heavy Metal orientiert. Hier würde ich auch die frühen Running Wild als Einfluss nennen. Eine Initialzündung stellte für uns die NWoSDM mit den frühen Alben von Bands wie At The Gates, Dark Tranquillity oder auch den ganz frühen In Flames-Sachen dar. Wobei uns insbesondere die ersten beiden Dissection-Scheiben „The Somberlain“ und „Storm Of The Lights Bane“ sowie das Naglfar-Debut „Wittra“ beeindruckten. Ich würde sagen, dass Dissection und Naglfar mit ihrem frühen Schaffen – vor allem die Art und Weise, wie hier der traditionelle Heavy Metal und klassische Thrash Metal verarbeitet und interpretiert wurde – ein Rieseneinfluss für unsere Musik war und ist. Durch Mario Reeses sehr melodiösen Gesang sind wir immer eher in der Speed- und Thrash Metal Ecke verortet worden, wo wir uns auch ganz gut fühlen. Nun orientiert sich Eikos Gesang auf „Zombique“ eindeutig mehr am Todesmetall – ich würde unsere Musik aber trotzdem nicht als Death Metal bezeichnen, da das Riffing und insbesondere auch die Leads und Hooklines doch eher im Thrash Metal angesiedelt sind.

Wie oft wart ihr schon an dem Punkt, FINAL CRY zu beerdigen?

Das war zwar nie ein Thema, aber ich denke, dass jeder von uns darüber schon einmal nachgedacht hat. Es ist so, dass wir alle beruflich eingespannt sind und zwei von uns auch Familie und Kinder haben. Insofern hat man hier natürlich öfter mal überlegt, ob man sich das Bandengagement tatsächlich noch geben muss – wenn da durch ein über Jahre löchriges Line- up und sehr sporadisches Proben sowieso nicht viel läuft. Irgendwann war uns aber klar geworden, dass wir diese Momente im Proberaum und das kreative Arbeiten an neuen Songs nicht missen wollen. Es ist nach wie vor so, dass wir beim Proben sehr viel Spaß haben und wir nicht nur die Gitarren laut drehen, sondern auch das eine oder andere Bierchen dabei haben. Solange uns das Freude macht und wir auch musikalisch glauben, noch etwas beitragen zu können, werden wir weiter machen.

Wo soll die Zukunft euch noch hinführen, bzw. was sind eure größten Träume?

Vor 20 Jahren hätte ich dir geantwortet, dass unser größter Wunsch wäre, eine längere Tour zu fahren. Mit der Band live zu spielen war damals das Größte für uns und wir waren deutschlandweit ja auch ganz gut unterwegs in dieser Zeit. Allerdings wäre das heute nicht mehr so einfach zu realisieren; die Auftritte müssten sich auf die Wochenenden beschränken. Den einen oder anderen Gig wollen wir in Zukunft aber auch gerne spielen und ansonsten unsere neue Scheibe unters Metal-Volk bringen. Wir haben damals auch von einem Plattenvertrag und vielen verkauften Platten geträumt – auch das hat sich geändert. Der physische Tonträger ist im Internet-Zeitalter ein bisschen auf den Hund gekommen, trotzdem haben wir von unseren CDs jeweils immer vierstellige Stückzahlen absetzen können. Wir haben gemerkt, dass wir Verlag und Vertrieb am besten selbst können - das war schon so, als wir noch bei OTR-Produktions unter Vertrag waren. Also große Träume haben wir eigentlich nicht, freuen uns auf die Resonanz der Metalheads da draußen auf „Zombique“ und ansonsten auf die kreative Arbeit im Proberaum, das Komponieren neuer Songs und die nächsten Studioaufnahmen, die nicht wieder zwölf Jahre dauern sollen.

Bisher fallen die Rezensionen durchaus positiv aus. Hilft euch das bei der Entscheidung, vielleicht das nächste Album nicht erst nach zwölf Jahren zu veröffentlichen? Und was bedeuten euch Kritiken?

Gute Rezensionen zu bekommen und in den Magazinen positiv besprochen zu werden, ist natürlich schön und beinhaltet ja auch eine Anerkennung. Es ist auch wichtig für uns, bekannt zu werden, die neue Platte zu bewerben und natürlich all denen, die uns vergessen oder abgeschrieben haben, zu zeigen, dass wir noch am Start sind. Seit unserem ersten Demo „Words Unspoken“ (1994) sind wir im Metal-Underground, der damals in weiten Teilen über Briefwechsel, Tape-Trading und Fanzines funktionierte, sehr gut vernetzt und wir verdanken es ganz klar den Fanzines und Underground-Magazinen, -Radiosendern, -Venues und allen Metalverrückten, die uns schon fast 25 Jahre supporten und an uns glauben, dass wir nie aufgegeben und immer weiter gemacht haben. Ja, ich glaube schon, dass die Anerkennung und der Respekt, die wir auch schon bei den letzten Veröffentlichungen im Metal-Underground, aber auch in den kleinen und großen Magazinen erfahren haben, starke Motive für uns waren und sind. Allerdings können wir auch mit Verrissen ganz gut leben, das muss es ja auch geben.

Was hat den Ausschlag gegeben, mit MBR Publishing eine eigene Firma zu gründen, die nur für eure Musik da ist? Gebt ihr der physischen Scheibe noch eine Chance?

Unsere Erfahrung ist, dass es insbesondere in der (Underground-)Metal-Szene doch noch eine größere Wertschätzung für physische Tonträger, insbesondere für Vinyl, neuerdings sogar wieder für Musik-Kassetten, gibt. Es ist aber schon lustig, dass man heute dann und wann zu hören bekommt, dass man mit dem CD-Format im Grunde gar nicht mehr umgeht. Also der Plattenschrank ist auf jeden Fall noch immer oder wieder da, das CD-Regal ist zusammen mit dem Format jedoch vollkommen aus der Mode gekommen. Insgesamt stellt das Internet heute die wichtigste Quelle für den Bezug von Musik auf dem Wege des Streams oder Downloads dar, wobei hier kaum jemand bereit ist, dafür viel Geld zu bezahlen. Muss man ja auch nicht, da es genug Möglichkeiten gibt, quasi alles, auch Neuerscheinungen, kostenfrei oder preisgünstig aus dem Netz zu saugen. Wir haben uns daher entschlossen, „Zombique“ genauso wie alle anderen Alben über unser eigenes Portal zum kostenlosen Download anzubieten – ehe es andere machen, machen wir es lieber selbst. Auf diese Weise erreichen wir mit unserer Musik auf jeden Fall mehr Menschen und auch jene, die eben nicht bereit sind, sich die CD oder die Platte zu kaufen. Diejenigen, die sich wirklich für uns und unsere Musik begeistern, werden sich, so denken wir, auf jeden Fall auch mit einem physischen Tonträger versorgen wollen – und auch den gibt es über unser Vertriebsportal. Nicht wenige Bands nutzen ja mittlerweile den Online-Musikdienst Bandcamp, um etwas ganz Ähnliches zu erreichen, wir haben sozusagen unser eigenes Camp aufgeschlagen. Darüber hinaus wollen wir unsere Platten aber auch über die lokalen Plattenläden und Mailorder anbieten; hier laufen bereits Kontakte.

Auf welches Equipment schwört ihr und warum?

Wir hatten Ende der 1990er Jahre unsere „19-Zoll-Phase“ und spielten MIDI-gesteuerte Gitarrenracks. Wir haben uns dann im neuen Jahrtausend auf unsere Ursprünge zurück besonnen und unsere alten Röhren-Verstärker-Topteile wieder rausgekramt. Eiko hat sich dazu ein Pedalboard mit Bodeneffekten zusammengestellt, die er ja für seine Lead- und Soloteile benötigt. Allerdings würde er das gerne verschlanken und insbesondere für die Livesituation schwebt ihm da für die Zukunft Amp-Modeling vor, das dann ein klassisches Setup mit Boxenturm, Topteil und Effektboard auf der Bühne verzichtbar machen würde. Ich persönlich spiele seit ca. 2003 wieder das Equipment, mit dem wir damals 1989 angefangen haben: Ein Laney-Topteil mit Box und eine Boss-MT-2-Tretmine – und bleibe auch dabei.

Welchen Tipp habt ihr aufgrund eurer Erfahrung für junge Bands parat?

Es muss natürlich jede Band selbst wissen, was sie mit ihrer Musik oder ihrer Präsenz erreichen möchte, welche Mission sie verfolgt, ob sie Erfolg oder möglichst große Erträge haben möchte. Ich halte es aber für ganz wichtig, dass man sich als Band ein Stück Unabhängigkeit und größtmögliche künstlerische Freiheit bewahrt. Auch sollte man darauf schauen, dass das Marketing für die Band transparent bleibt; deshalb Augen auf beim Plattenvertrag – insbesondere auch beim Einräumen von Rechten. Wir haben das Glück gehabt, dass wir uns bisher weder persönlich noch musikalisch irgendwie verbiegen mussten und sind sehr froh, dass das ganze Bandgeschäft in unseren Händen liegt.

Was macht mehr Spaß: Studio oder live?

Beides ist sehr wichtig. Uns macht die Arbeit im Proberaum oder im Studio viel Spaß, aber auch auf der Bühne zu stehen ist super. Es ist toll, die neuen Songs und das neue Album dann live zu präsentieren und zu schauen und zu erleben, wie das Material bei der Meute ankommt. Wir können es kaum erwarten, mit Eric jetzt auch live wieder durchzustarten.

Wie viel private Zeit investiert ihr in FINAL CRY?

Im Moment sind wir doch recht busy, was aber mit MBR-Publishing zu tun hat. Wir wickeln ja nicht nur die ganzen Verkäufe über das Portal ab, sondern bearbeiten ja auch alle weiteren Anfragen selbst. Die Bemusterung der Magazine und Fanzines kostet jetzt auch viel Zeit, genauso wie die Kontaktaufnahmen und die Verhandlungen mit potentiellen Partnern und Vertrieben. Die Labelarbeit kostet also im Augenblick ganz schön viel Zeit. Daneben sind wir fleißig am Proben, um den Eric (und uns) bühnenfit zu kriegen. Wir wollen auf jeden Fall noch in diesem Jahr mit ihm auf die Bühne, da haben wir noch ein bisschen was vor. Dann arbeite ich auch bereits an neuen Songs, mit denen wir uns demnächst befassen werden. Im Moment investieren wir alle also viel Zeit in die Band.

Gebt „Zombique“ eine Chance, Ihr werdet es nicht bereuen.

 

Foto: www.facebook.com/Final-Cry-130886693647399

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