Stories

SMELTZ

Im Interview-Teil der Printausgabe wurden die Mundart-Alternative-Rocker SMELTZ so vorgestellt: Ein Wiener im Hessenexil und die Neuauflage von Songs der Frankfurter M.E.L.T. („Mother Earth Love Truth, 1997) im typischen Schmäh: Das steckt hinter SMELTZ und ihrem provozierend anderen Debüt „Schön ist anders“. Kammersänger und Gitarrist Crisan dieser erfrischend anderen Band hatten noch deutlich mehr zu erzählen.

Die Facebook-Seite ist brandneu – dabei seid ihr eine Band mit langer Geschichte.

KAMMERSÄNGER: Hier ist sie wieder, die Quantentheorie. Wir sind alt, und brandneu zugleich. Fred, Crisan und ich sind was von M.E.L.T. geblieben ist, Stef und Klaus „Da Hesse“ sind neu dazugekommen.

Euer einheitlicher Look ist auffällig und eher „retro“ als modern – handelt es sich um die Arbeiterkleidung von (Wiener) Metallarbeitern nach der industriellen Revolution, oder welchen Background hat das? Woher stammen die Klamotten?

K: Flohmarkt und Erbstücke. Wir haben nicht den Anspruch modern zu sein. Sowohl wir, als auch unser Gear sind „Vintage“, mit Kratzern und Gebrauchsspuren.

Bezieht sich der Albumtitel „Schön ist anders“ als Relativierung der Ironie direkt auf ‚Schöne neue Welt“ – oder steht er tatsächlich für sich und könnte auch „Hässlich“, ‚Unschön“ oder „Suboptimal“ lauten?

K: All das auf einmal und noch viel mehr. Die Protagonisten sind genauso gemeint wie ihre Kunst, die Welt genauso wie die Menschen die sich darauf bewegen. Es beschreibt einen Zustand, jenen in dem wir uns gerade befinden. Gesellschaftlich, politisch, moralisch und ökologisch...

Wie schwer fällt es euch, beim Gesang nicht zu sehr in den Schmäh zu verfallen, sondern auch für Zugereiste oder Piefkes weitgehend verständlich zu sein?

K: Je nachdem, was die Musik so verlangt. Die Texte sind für Wiener und Süddeutsche vermutlich einfacher zu verstehen als für Rheinländer, der wichtige Teil der Kommunikation passiert aber eh zwischen den Zeilen.

CRISAN: Als Max - wie wir den Kollegen Kammersänger nennen - im Studio die Vocals aufgenommen hat, kam ich am zweiten Tag zur Session von ‚Strange‘ hinzu. Ich kannte die Texte ja, konnte den Refrain in diesem Moment aber nicht zuordnen. Ich habe mir gedacht, „verdammt, was singt der da? Ist das Italienisch? (lacht) Als wir uns für dieses Projekt erstmals zum Brainstorming getroffen haben, hat Fred die Frage in den Raum geworfen ob wir weiterhin Englisch oder nun vielleicht Deutsch singen. Mir hätte sich diese Frage gar nicht gestellt. Fred hat dann aber den Gedanken direkt weiter gesponnen und in die Runde geworfen. „ Max, du bist doch Wiener. Dann mach es doch gleich richtig, sing wienerisch“! Ich hatte innerlich „beide Hände über den Kopf zusammen geschlagen“. Max fand die Idee direkt Super und hat uns gebeten uns auf dieses Experiment einzulassen. Als ich dann die ersten Texte gelesen habe, hat mich die Idee mehr und mehr begeistert!

Sind „Architekten der Realität“ Dummschwätzer, die sich alles nach ihrem Gusto zurechtrücken und so lange uminterpretieren, bis es ihnen in den Kram passt? Andererseits: Sind Künstler nicht alle Architekten der Realität, weil sie mit Metaphern arbeiten, filtern, zuspitzen, spiegeln, weiterentwickeln…?

K: Das sind all die besorgten Bürger, die Fatalisten und Murphy's Law-isten, die so lange fürchten, schreien und heraufbeschwören bis es wirklich eintrifft. Zumindest in ihrer Welt. Jene die sich ihre Pippi-Langstrumpf-Welt so erschaffen, wie sie ihnen (nicht) gefällt. Deine Betrachtungsweise gefällt mir. Sie hat etwas angenehm Positives an sich. Nehme ich gerne an.

Ist der Begriff „imbecile“ mitten im Text eure Art, etwas Falco-Denglisch reinzubringen, oder ließ sich mit der deutschen Wortbedeutung einfach nichts richtig singen vom Versmaß her? Im besagten ‚Strange‘ spielt ihr noch offener mit englischen Brocken.

K: Der Wiener an sich parliert gerne in fremden Zungen. So ist Jiddisch und Französisch schon seit Jahrhunderten Bestandteil des Wienerischen: Beispiel: Bist narrisch?! → kommt vom Jiddischen „narish“, dumm. Das oben erwähnte „parlieren“ kommt aus dem Französischen. Der eine oder andere Anglizismus hat so auch Eingang in die Wiener Mundart gefunden. Nicht erst seit Falco, aber er hat es sehr schön eingesetzt.

Wurdet ihr in der Schule auf Deutsch oder Englisch mit „Brave New World/Schöne neue Welt“ gequält – oder seid ihr direkt fasziniert davon gewesen? Welche schräge Gestalt spricht denn in der Bridge vor dem Song-Finale?

K: Ich frage ich, ob das nicht der einzige Part ist, in dem ich selbst zu Wort komme (lacht). An sich ist es jeder der drei Charaktere. Sie alle haben erkannt, dass das Grauen der (kürzeren) Vergangenheit ein Scherz ist, verglichen mit der Gegenwart oder dem was auf uns zukommt. Und so wird aus der vergangenen Misere die verklärte gute alte Zeit.

Der Begriff „selbst optimierte Mittelschicht“ ist wunderbar, zumal es durch den Ritalin-Verweis zusätzlich entlarvt wird. Haben eure Eltern versucht, euch zu optimieren und habt ihr mit Rock’n’Roll – erst als Hörer und vom Outfit her, später als Musiker – dagegen rebelliert?

K: Eltern wollen stets „das Beste“ für ihre Kinder, nur definieren sie es alle anders. Ich hatte Glück; mein Vater bot mir die notwendige Angriffsfläche zur Rebellion und so fand ich zu meiner Persönlichkeit und zur Musik. Ich hatte niemals den Druck, mich optimieren zu müssen, ich konnte aus mir machen was ich wollte. Ich sehe dieses Glück bei wenigen jungen Menschen heute...

C: An dieser Stelle muss ich mich fragen ob mein Sohn gegen mich rebelliert? Wir hatten immer die Leidenschaft zur gleichen Musik geteilt, mittlerweile legt er Regelmäßig als DJ Drum‘n‘Bass auf. (lacht)

‚Schall & Rauch‘ kann man von der ersten Strophe eher so verstehen, dass das ganze Gerede von Überfremdung und Assimilation nur Panikmache ist (hierzulande bis zum Erbrechen von AFD und Artverwandten betrieben). Ist da eine explizite politische Aussage, die euch motiviert? Geht es euch überhaupt im gesellschaftlichen Makro- oder eher familiären Mikrokosmos?

K: Nein, nicht die Angst vor Überfremdung oder Assimilation durch „externe Kräfte“, eher der Verlust seiner selbst in Gier und Konsum. Es ist die Sprache der Menschlichkeit die wir verlieren, das Mitgefühl und unser Verantwortungsgefühl für diesen Planeten, den wir uns mit so vielen anderen Lebewesen teilen.

Ist die Spinnenfrau in ‚Der Kuss‘ so etwas wie die Sirenen bei Odysseus oder die Loreley? Oder wieder ein jüngerer literarischer Bezug auf „Kuss der Spinnenfrau“ von 1976, beinahe zehn Jahre später verfilmt? Letztlich klingt es gerade in der letzten Strophe doch recht autobiographisch. Ist ‚Weit offen‘ derselben Person geschuldet?

K: Der Text ist in der Albumversion geändert und konkretisiert. Die Spinnenfrau und das „Chelsea-Girl“ sind identisch. Jene weibliche Verführung die dich für einen kurzen Moment vom Schmerz befreit um ihn kurz darauf doppelt so heftig zuzufügen. Ich habe sie so benannt, weil ich sie oft im gleichnamigen Wiener Cult Club Chelsea getroffen habe...

Euer Credo als Band ist das Fazit von ‚Schrei‘: „Des bissl Lärm macht frei“– oder? Wo lärmt ihr – in einem privaten Kellerkabuff, oder in einem großen Proberaumkomplex mit vielen anderen Bands?

K: Wir haben den Luxus mehrerer Proberäume. Einer davon ist in einem Frankfurter Hochbunker, der andere am Hof unseres Schlagzeugers. Ich persönlich hasse Proberaumkomplexe. Der Bunkerproberaum gehört unserem „Flying Fred“ schon seit den 90ern und war auch der letzte MELT-Proberaum.

Bei ‚B 72‘ dachte ich erst an einen Flugzeugtyp (wie die B52), dann an eine Bundesstraße. Der Text selbst hinterlässt dann ein ganz großes Fragezeichen.

K: Das B72 ist auch ein Musik-Club in Wien. Ich habe dort vor einem Jahr meinen Freund Edi Ehn zum letzten Mal mit seiner Band „The Nose“ spielen sehen, bevor er plötzlich verstarb. Edi war ein großartiger und liebenswürdiger Mann, Labelbetreiber (Gash-Records) und Förderer der Wiener Alternative-Szene. Seine Band Shaken Not Stirred ist Kult!

Ihr nutzt öfter den Begriff Metal, obwohl Alternative Rock/Grunge für die Musik – losgelöst vom sehr eigenen Gesang – deutlich passender ist. Bei ‚Wildes Kind‘ assoziiert der Metaller dann aber direkt den W.A.S.P.-Hit ‚Wild Child‘ aus den 80ern. Was sind die Metal-Gassenhauer, auf die ihr euch alle beim Feiern einigen könnt?

K: Ja, ich bin auch hier eher bei Alternative/Grunge als bei Metal. Andererseits, was ist Metal? Also heute, nicht historisch. Ich habe das Glück, in meiner Wahlheimat ausgemachte Spezialisten zu haben. Ich wohne in einem 700-Seelen-Dorf, 120 Kilometer nördlich von Frankfurt. Eine Bank, ein Bäcker, zehn Großbauern, ein Biobauer sowie ein Hard-Rock- und Heavy-Metal-Fanclub. Die „Heavies“, wie sie hier genannt werden, bringen mir Verständnis für klassischen Metal bei. Mit viel Guinness und guten Whiskey. Ohne bleib ich auch eher beim Alternative Rock. (lacht)

Wofür steht das Kind auf dem Kettcar: Eine eigentlich positive Kindheitserinnerung, die aber dadurch verdreht wird, dass nicht frontal fotografiert wurde? Ist euer Cover-Motiv ein altes Familienerinnerungsstück, eine Auftragsarbeit für die Band – oder ein Zufallsfund im Katalog eines Künstlers?

K: Mein großer Bruder im Jahr 67, also ein Familienerinnerungsstück. Er fährt von uns weg und sagt: „ Ihr könnt mich mal gern haben“ Oder: Schön ist anders, ich geh...

Wie ist es um bisherige und zukünftige Live-Präsenz – auch grenzüberschreitend bestellt? Was ist geplant, was wäre erwünscht? Seid ihr noch in der Hauruck-Phase, oder müsst ihr Rücksicht auf Beruf und Familie nehmen?

K: Am 16. Februar werden wir im Frankfurter Cave eine kleine, feine „Aus-Der-Taufe-Heben-Wiederauferstehungs-Party“ feiern, an weiteren Terminen wird gearbeitet. Erwünscht wäre vieles, von Support-Tour bis Festival-Alarm, aber bleiben wir realistisch. Es wird ein mühsamer Weg. Nebenbei haben wir alle unsere Verpflichtungen und auch andere Bands. So bin ich Sänger der Akustik-Rock-Band Die Kammer, Stef und Crisan betreiben Skullboogey, Fred hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht und dealt mit sündhaft teuren Vintage-Gitarren, Da Hesse baut Schlagzeuge…

Sprache hin oder her: Von allen, was derzeit unter Deutschrock läuft, setzt ihr euch in Optik, Musik und Lyrik ab. Nervt euch das Onkelz-/Frei.Wild-Genre, oder würdet ihr auf derlei Veranstaltungen gerne eine eigene Duftmarke setzen?

K: Ich sehe keinen Unterschied zwischen Frei-Dingens, Andreas Gabalier und den Onkelz. Sie sind schlichtweg das rechte „Hosen“ Bein. Ich habe keine Ambitionen, in ihren Gewässer zu fischen. Es gibt einen Unterschied zwischen den „einfachen“ Leuten und „enthirnten“ Leuten. Auch bei besagten Hosen, Broilers, Kraftklub und so weiter. Aber jetzt, wo du es sagst: Gibt es aktuell eine deutschsprachige Rock-/Metal-/Alternative-Band die sich inhaltlich von „wir sind verfolgt/keiner versteht uns/wir müssten stark sein“ und „die Ausgestoßenen müssen zusammen halten“ bis hin zu „Trink ma no aan“ abheben? Egal ob links-, rechts-, oder rein gewinnorientiert? Ich halte es mit Chris Cornell, Zack de la Rocha und Helmut Qualtinger - okay, jetzt müsst Ihr recherchieren. Ich verachte Dummheit (VORSICHT: Intelligenz schützt vor Dummheit nicht!) genauso wie borniertes Pseudobildungsbürgertum. Ich lege den Finger in die Wunde, bis diese verf****** Idioten endlich anfangen nachzudenken. Dabei nehme ich mich selbst nicht aus. Ich bin ein Idiot wie alle anderen auch. Scheiß Menschheit.

Foto. www.facebook.com/15terBezirk

Verwendung von Cookies

Um unsere Webseite für Sie optimal zu gestalten und fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen zu Cookies erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung Weitere Infos

Verstanden