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RAY PHILIPS (Budgie u.a.)

Ray Phillips ist zum Zeitpunkt des Interviews äußerst entspannt, sitzt in seinem selbsternannten „Chillout-Zimmer“ in seinem Landhaus in Wales. Immer wieder schaut er aus dem Fenster, erblickt auf der einen Seite das Meer, auf der anderen saftige Wiesen, auf denen Schafe weiden. Dieses Idyll steht im krassen Gegensatz zu seiner musikalischen Vergangenheit, war er doch einst bei den legendären BUDGIE aktiv, die als eine der härtesten Bands ihrer Zeit und Quasi-Wegbereiter der NWOBHM in die Geschichtsbücher eingingen.

Zusammen mit Sänger/Bassist Burke Shelley und Gitarrist Tony Bourge spielte der Schlagzeuger die ersten drei Alben der walisischen Pioniere ein. Speziell diese Platten waren wegweisend für jenen Sound, der später unter dem Banner „Heavy Metal“ einen Triumphzug durch die Musikwelt antreten sollte. Bereits der Bandname war Understatement pur und kündete von jener Art typisch britischen Humors, den Ray desöfteren auch im Interview durchschimmern lässt. Angesichts der harten, düsteren Mucke wählten andere Zeitgenossen nämlich entsprechende Namen wie Black Sabbath, Judas Priest Bloodrock, Pentagram oder Captain Beyond. BUDGIE entschieden sich indes für den „Wellensittich“, der sich auch regelmäßig im Layout ihrer Platten wiederfand. Aber genau jene Extreme schienen Rays Leben zu prägen. Heute hat man den Eindruck, als sei der 69-jährige nach allen Hochs und Tiefs seiner Karriere mit sich und der Welt im Reinen. Und so entwickelt sich ein munterer Plausch, bei dem der Drummer vermehrt das Wort übernimmt, und sich von einer Geschichte zur nächsten springend in Rage redet. Man könnte dem sympathischen Waliser aber auch stundenlang zuhören! Nicht umsonst erschien im April 2018 eine Autobiografie über Rays Leben.

Doch dazu später mehr, erst einmal fangen wir treffenderweise beim Beginn seines musikalischen Werdegangs anno 1967 an, als er die beiden bereits erwähnten Herren Shelley und Bourge zum ersten Mal traf. „Ich ließ eine Anzeige im Schaufenster eines Ladens namens Gamlin's Piano in Cardiff aufhängen, dass ich als Schlagzeuger eine Band suchen würde. Danach kam Burke Shelley bei mir zuhause vorbei, klopfte an meine Tür und von da an ging alles seinen Gang. Zunächst waren wir ein Quartett, Tony war noch nicht mit dabei. Eines Tages verließ uns unser erster Leadgitarrist, weswegen Burke und ich nach einem Ersatz Ausschau hielten. Über einen Freund kamen wir mit Tony Bourge in Kontakt. Er spielte damals noch in einer anderen Gruppe, verließ diese jedoch, um sich uns anzuschließen. Etwa 18 Monate später wollte unser Rhythmusgitarrist in eine völlig andere musikalische Richtung als der Rest der Band gehen. Wir wussten jedoch, dass, wenn wir uns in eine kommerziellere Ecke orientieren würden, wir zum Scheitern verurteilt wären. Deswegen hielten wir an unserer Vision für BUDGIE fest, trennten uns von unserem Gitarristen und machten als Trio weiter.“

So heavy wie möglich

Wenngleich die Musik der Waliser für die damalige Zeit regelrecht revolutionär heavy klang, kam dieser Sound natürlich nicht direkt aus dem Nirwana. Auch Phillips & Co. hatten ihre Vorbilder. „Die Einflüsse, die maßgeblich dafür waren, in welche musikalische Ecke wir uns mit BUDGIE bewegten, waren vielschichtig. Anfangs inspirierte uns zeitgenössische Popmusik wie die Beatles sehr. Dann kamen allerdings die ersten Led-Zeppelin-Alben raus, also orientierten wir uns sehr an deren Sound. Den Stil von BUDGIE prägten unsere Vorlieben für gewisse Genres. Tony stand zum Beispiel sehr auf Blues von John Mayall. Ich persönlich mochte Cream sehr und insbesondere Ginger Bakers Drumstil sowie natürlich Led Zeppelin und John Bonhams Art, Schlagzeug zu spielen. Eines Tages realisierte ich jedoch, dass dies noch nicht das Ende der Fahnenstange ist. Das war noch nicht genug, ich wollte etwas anderes probieren! Dann entdeckte ich Cozy Powell, der mich eine Weile lang ziemlich beeindruckte. Generell habe ich schon immer viel klassische Musik gehört. Auch das beeinflusste meinen Drumstil bei BUDGIE. Unser schwerer, harter Sound kam irgendwie ganz natürlich zustande. Tony stimmte seine Gitarre komplett anders als herkömmliche Musiker, um einen schwereren Sound zu erzeugen. Wenn man so will, kann man von einer heutigen Warte durchaus sagen, dass wir Vorreiter des Umstands waren, weswegen heutzutage siebensaitige Gitarren überhaupt gebaut werden! Genauso wie viele junge Bands der Gegenwart wollten auch wir damals so heavy wie möglich klingen, weswegen wir unsere Instrumente tiefer stimmten.“

Mit niemand Geringerem als Black-Sabbath-Produzent Rodger Bain nahmen BUDGIE 1971 dann ihr selbstbetiteltes Debütalbum auf. Dafür frequentierten die Waliser die nahe gelegenen Rockfield-Tonhallen, die sich in der Folge zu einem der führenden Studios der Welt mauserten und deren guter Ruf auch heute noch ungebrochen ist. „Ein Promoter aus Cardiff stand damals in Kontakt mit den Rockfield Studios und wusste, dass die dort nach Bands Ausschau hielten. Und er fragte uns, ob wir gerne dort aufnehmen würden? Wir meinten ja und gingen dorthin. Im Vorfeld riet uns der Promoter, dass wir dort Popsachen und auf keinen Fall unsere eigene Musik spielen sollten! Als wir dann dort waren, ließen wir diesen Ratschlag jedoch links liegen und zockten unsere eigenen Songs! Rodger Bain war dort und nahm das Ganze auf. Dann ging er nach London, um Leute von Plattenfirmen zu finden, die an unserer Musik interessiert wären. Daraufhin wurden wir zu einer Audition für MCA Records und einem anderen Label namens Bell Records in London eingeladen. Einer der Verantwortlichen dort stammte aus einer Ortschaft in Südwales, die etwa sechs Meilen von meinem Haus entfernt liegt. Der gebürtige Waliser mochte uns und unsere Musik. Als er uns spielen hörte, griff er nach einem Blatt Papier und meinte zu uns, dass er uns einen Plattenvertrag anbieten möchte. Was ihn an der Musik BUDGIEs wirklich stark beeindruckte, war, dass wir in einem Moment wirklich heavy und laut spielten, plötzlich jedoch in einen ruhigeren Part umschwenkten, nur um wenig später wieder heavy und laut zu zocken. Über mich sagte er, dass er mein Schlagzeugspiel liebte, weil ich sehr viel Energie versprühte. Er meinte, dass ich ein ziemlich aufgedrehter Charakter sei, der immer Witze machte, viel lachte und ständig überall rumsprang. Der Kerl mochte die Leute in der Band und er war auch BUDGIEs Musik sehr zugetan. So kamen wir also zu unserem Plattenvertrag und so kam auch der Kontakt zu Rodger Bain zustande.“

Das Zweitwerk „Squawk“ ist eines der wenigen BUDGIE-Alben, auf dem der namensgebende Wellensittich nicht zu sehen ist. Generell gesehen ging dieses Werk im Vergleich zu anderen Scheiben der Truppe wie beispielsweise „Never Turn Your Back On A Friend“, „Bandolier“ oder „In For The Kill!“ (zu Unrecht!) etwas unter. „Wir hatten generell kein Mitspracherecht, was die Gestaltung unserer Cover-Artworks betraf, dafür zeichnete unsere Plattenfirma verantwortlich. Das Cover unseres Debüts, wo der Wellensittich ein großes Pferd reitet, sieht wirklich herzallerliebst aus, wie ich finde! Damals hatte sich diese Vogel-Thematik in unserem Konzept bereits fest verankert. Für „Squawk“ zeichnete Roger Dean ein Flugzeug mit einem Vogelschädel. Der Jet, der dort zu sehen ist, erinnert sehr an ein Überschallflugzeug, das die Russen damals hatten. Dieses Cover schlug also etwas aus der Art, und für unser drittes Album „Never Turn Your Back On A Friend“ fertigte Roger Dean erneut das Artwork an.“

Die erwähnte Scheibe war dann auch die letzte, bei der Phillips in Erscheinung trat. Heute gilt „Never Turn Your Back On A Friend“ als immens wichtiges Album in der Karriere von BUDGIE, befand sich darauf doch zum einen das Big Joe Williams – Cover von 'Baby Please Don't Go', welches anno 1973 insbesondere auch in Deutschland kommerziell ziemlich erfolgreich war. Zum anderen war da aber auch noch das Eigengewächs 'Breadfan', das eine Band namens Metallica viele Jahre später für ihre Tributscheibe „Garage Inc.“ recycelte. „Lars Ulrich & Co. fragten uns im Vorfeld natürlich nicht, ob sie unsere Songs covern dürften. Das wäre ja, wie wenn man in einen Laden geht, um Süßigkeiten zu kaufen und fragt, ob man sie kaufen könne?! Man geht stattdessen hin und sagt höflich, dass man Süßigkeiten erwerben möchte und legt das Geld auf den Tresen. Metallica teilten uns also mit, dass sie zwei Stücke von uns covern würden. Wir fragten, wie hoch denn die Auflage dieser Veröffentlichung sei, und uns wurde gesagt, dass etwa 250.000 CDs davon gepresst werden würden. Wir hatten damals dieselbe Meinung wie unser Manager, nämlich dass das eine ganz schön große Menge Kohle sei, die wir an Tantiemen einfahren würden!“

Aus dem Volk für das Volk

Doch drehen wir das Rad der Zeit zurück in die 70er: Nach Erscheinen des epochalen „Never Turn Your Back On A Friend“ wuchsen die Spannungen zwischen Ray und seinen Mitmusikern, da für seinen Geschmack der geschäftliche Aspekt bei BUDGIE viel zu sehr in den Vordergrund rückte. „Deswegen wurde ich damals rausgeschmissen. In einem Buch über BUDGIE meinte Tony Bourge mal, dass er zu sehr in diese Management-Geschichte hineingezogen wurde. Die geschäftliche Seite darf jedoch wiederum auch nicht vernachlässigt werden, jemand muss sich einfach darum kümmern! Als ich mit der geschäftlichen Seite vertraut wurde, wurde mir schnell klar, dass es gewisse Regeln gab, an die man sich halten musste, um zu überleben. Es ist durchaus in Ordnung, Musik zu erschaffen und Alben einzuspielen, aber letztlich muss man daraus auch Profit schlagen! Man muss live spielen, um immer mehr zu verkaufen und berühmt zu werden! Damals war das für mich bei BUDGIE eine schwierige Situation. Wir mussten quasi in der Presse und im Fernsehen präsent sein, um weiterzukommen. Eines Tages tourten wir mit einer Supportband namens Judas Priest durch die Lande und ich unterhielt mich mit deren Manager. Er meinte, dass das Problem bei BUDGIE sei, dass wir das alles zu sehr auf die leichte Schulter nähmen. Wir sollten touren, unser nächstes Album fertigstellen und danach wieder viele Konzerte geben. Unsere Plattenfirma sollte uns diesbezüglich intensiv unterstützen und gehörig Promotion betreiben. Das lief bei uns jedoch nicht so glatt, wie es hätte sein sollen. Ich stieg bei BUDGIE aus, machte allerdings weiterhin Musik.

In der Folgezeit investierte ich viel Geld in meine Leidenschaft, was sich nicht wirklich bezahlt machte. Ich hatte ziemlich große finanzielle Schwierigkeiten. Mittlerweile sitze ich hier in Wales in meinem Haus, sehe das Meer vor mir, habe mein eigenes Studio sowie Unmengen an Gitarren rumstehen! Tony wollte damals Erfolg, den ich gemäß meiner eigenen Definition durchaus hatte! Ich bin mit meiner Frau seit mittlerweile 50 Jahren verheiratet, habe drei Kinder und vier Enkel. Insofern kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass ich ein absolut fantastisches Leben hatte! Ich stieg damals bei BUDGIE aus, und im Laufe all der Jahre führte dies zu der Situation, die jetzt mein Leben ist, ich habe mich halt entwickelt. Doch zurück zu jener Zeit nach meinem Ausstieg bei BUDGIE: Danach rief ich eine Band namens WOMAN oder RAY PHILLIPS WOMAN ins Leben. Einer der Gitarristen dieser Gruppe war John „Ned“ Edwards. Wir spielten ein paar Jahre lang zusammen und als es dort nicht mehr weiterging, stieg er aus und schloss sich der Band von Van Morrison an. Dort spielte er sieben Jahre lang Gitarre, so lange wie kein anderer Gitarrist von Van Morrison. Ned hatte damit ziemlich großen Erfolg und wurde berühmt. Er mochte einfach diese Mischung aus Blues und Rock‘n‘Roll!

Ende der 70er Jahre verließ Tony Bourge BUDGIE, um sich WOMAN anzuschließen. Wir unterhielten uns darüber, wieso er BUDGIE verlassen hatte. Tony erklärte es mir und ich meinte zu ihm, dass dies genau meiner Denkweise entsprach, die ich damals hatte, als ich mit der Band Schluss gemacht hatte. 1982 beschlossen wir, zusammen eine neue Gruppe auf die Beine zu stellen: TREDEGAR. Unser damaliger Manager wollte uns ziemlich groß rausbringen. Ich setzte alles auf eine Karte und investierte in TREDEGAR etwa 25.000 Pfund. Davon nahmen wir ein Album auf, drehten ein Video usw. Die Spirale der Investitionen hörte sich jedoch nie auf zu drehen, ich wurde da immer mehr reingezogen. Anfangs waren es noch 25.000 Pfund, die ich ausgab, wenig später bereits schon 30.000 bis hin zu 40.000! Irgendwann verließ Tony TREDGAR und ich hielt inne, um meine bisherige Situation noch mal gründlich zu überdenken. War es das wirklich das was ich wollte? Ich meine, ich hatte ziemlich viele Schulden und meiner Frau ging es deswegen überhaupt nicht gut. Unsere Beziehung stand damals auf dem Spiel! Nach fünf Jahren lief es etwas besser, nach zehn Jahren sah die Situation noch rosiger aus und zwanzig Jahre danach hatte sich darüber keiner mehr einen Kopf gemacht! Ich hatte es damals versucht, hatte unglaublich viel auf mich genommen, um TREDEGAR ins Leben zu rufen.

Je mehr Zeit verstrich, desto schwieriger wurde die Situation. Meine Mitmusiker verließen mich schlussendlich und überließen mich meinem Schicksal. Dann kam jedoch die bereits erwähnte Geschichte mit Metallica. Von da an floss wieder Geld, ich bezahlte all meine Schulden und kaufte zwei Autos, für meine Frau und für mich eins. Ich versuchte also, meiner Frau eine Wiedergutmachung für diese schwierige Zeit zu bieten. Wenn ich heute auf mein Leben zurückblicke, so muss ich jedoch sagen, dass ich absolut nichts daran ändern würde! Sicherlich gab es Tiefschläge wie die oben genannten, aber letztendlich hat mich das auf einen Weg geführt, der absolut richtig für mich war!

Viele Leute sehen in mir heute noch den ehemaligen BUDGIE-Schlagzeuger, und damals wie heute gibt es viele Fans, die in mir eine Art Rockstar sehen. Das ist jedoch falsch, denn ich war seit jeher ein Musiker aus dem Volk für das Volk! Ich fühlte mich nie als Rockstar! Ich bin einfach ein Mensch, der Musik macht, auf die er Bock hat! Irgendwann sagte mal jemand zu mir, dass, wenn man auf eine Bühne geht, man automatisch zu einem Rockstar wird, denn das sei es, was die Menschen sehen wollten. Ich bin jedoch grundsätzlich gesehen sehr bodenständig. Wenn ich jetzt aus dem Fenster gucke, sehe ich einen Zaun, den ich vor Kurzem erst selbst aufgestellt habe. Ich meine, ich liebe es auch, so etwas zu machen! Wenn ich einen Zaun errichte, lege ich all mein Herzblut hinein und wenn ich Rockstar sein soll, ebenso, haha! Ich verstehe indes Leute nicht, die, einfach nur weil sie mal etwas Musik machten, zu hochnäsigen Rockstars werden! Ich mag es nicht, mit Leuten von oben herab zu reden. Anstatt Autogramme zu geben, ziehe ich es vor, mich mit Menschen zu unterhalten! Man muss sich einfach mit gegenseitigem Respekt begegnen! Wenn beispielsweise jeder auf der Welt so mit anderen Leuten umginge wie wir im Rahmen dieses Interviews, wäre die Welt eine andere!“

Kein aufgesetzter Bullshit

Verweilen wir noch etwas bei den bereits erwähnten TREDEGAR, die 1986 eine NWOBHM-inspirierte Platte leicht epischen, traditionellen Metal unters Volk brachten. Der Bandname ist indes auf eine gleichnamige Stadt in Wales zurückzuführen. „Ja, das stimmt. Ich wohne nicht allzu weit von Tredegar entfernt, die Gegend hier ist einfach wundervoll! Ich lebe in der Nähe eines kleinen Dörfchens, dessen Häuser ich sehen kann, wenn ich jetzt aus dem Fenster gucke. Das Cover des TREDEGAR-Albums anzufertigen war ziemlich teuer. Die Firma, bei der es gepresst wurde, meinte sogar, dass es nach Fleetwood Macs „Tusk“ das zweitteuerste gewesen sei, das sie je hergestellt hätten! Tony und ich versuchten zumindest, mit TREDEGAR etwas außerhalb von BUDGIE ins Leben zu rufen. So etwas in der Art hatte Burke jedoch nie probiert. Gut, es ist seine Entscheidung, sich vollends BUDGIE zu verschreiben, aber für uns war TREDEGAR eine andere, eine neue Erfahrung. Letzten Endes war das Ganze, wie gesagt, nicht sonderlich von Erfolg gekrönt. In den 90ern gründete ich dann SIX TON BUDGIE und mein Sohn Justin Hayward Phillips ging mit mir damals auf Tour! Er stand damals absolut im Mittelpunkt, jeder redete über ihn. Justin und der damalige Bassist zogen alle Blicke auf sich, während ich mich entspannt zurücklehnen konnte, haha! Ich fand das sehr gut, denn ich konnte einfach wieder Musik machen, ohne den Rockstar spielen zu müssen. Nach dieser Tour fingen Justin und ich an, unsere eigene Musik aufzunehmen. Mein Sohn ist definitiv einer der talentiertesten Menschen, die ich je kennenlernen durfte! Wenn er auf der Bühne diese Shredding-Gitarre zockt, ist das einfach unglaublich! Er ist so schnell, verfügt über eine großartige Stimme und schreibt tolle Songs!

Am 1. März nächsten Jahres werde ich 70 Jahre alt. In meinem Alter ziehe ich es vor, einfach nur Musik zu schreiben, ohne kommerzielle Hintergedanken. Manchmal kommt Ned Edwards in mein Studio und wir erschaffen zusammen Songs. Er spielt Slide- und Leadgitarre, dann fügen wir noch Piano, Mandoline und Mundharmonika hinzu. Oft sind wir dann zu sechst in einem Raum und spielen alles Mögliche! Alles fügt sich auf natürliche, organische Art und Weise zusammen. Das stellt mich zutiefst zufrieden! Derzeit arbeite ich an einem neuen Soloalbum, wo auch Justin mit von der Partie sein wird. Ich werde das Projekt wohl RAY PHILLIPPS & FRIENDS taufen. Das ist kein aufgesetzter Bullshit, es ist authentisch! Man braucht nicht viel im Leben, das einzige was man braucht, ist die Wahrheit! Und die Wahrheit ist, dass ich ein wundervolles Leben habe! Vor nicht allzu langer Zeit saß ich irgendwann mal in einem Pub hier in der Gegend und genehmigte mir einen Drink. Auf einmal kam ein Kerl zu mir, der fragte, ob es mir was ausmache, dass er sich neben mich hinsetzt? - Ich erwiderte: ‚Durchaus nicht!‘ Denn ich mag es, mit Menschen, speziell jungen Leuten, zusammenzukommen und Gedanken auszutauschen. Er erzählte mir, dass er Regisseur sei. Momentan arbeite er an einem Film mit Vampiren und Werwölfen. Er fragte mich daraufhin, was ich so machen würde und ich erzählte von meinem Soloalbum. Wenig später schickte ich ihm ein paar Stücke davon. Während ich ein paar Tage später an der Scheibe arbeitete, rief der Kerl mich an und fragte, ob er einen Song für seinen Film verwenden könne und wie viel Geld ich dafür haben möchte? Ich meinte, dass ich dafür keine Kohle sehen wollen würde und stellte ihm das Stück gratis zur Verfügung. Der Kerl fragte mich dann noch, ob ich eine Rolle in seinem Film übernehmen wollen würde? Ich wusste erst nicht recht, ob das was für mich wäre, er zerstreute jedoch meine anfänglichen Bedenken. Ich sollte den Meister spielen, den Meister-Dracula, Meister-Vampir oder was auch immer! Auf meiner Facebook-Seite gibt’s ein Foto von mir in der Kluft, die ich in diesem Film trug, da sehe ich wirklich wie ein richtiger Rockstar aus, haha! Ich mag es nicht, ein Rockstar zu sein, aber ich liebe es, so auszusehen, hehe! Ich genieße es, mich schick anzuziehen und habe wirklich einen ganzen Haufen wundervoller Kleidung zuhause! Ich ziehe mich anders an als das Gros meiner Mitmenschen, das fällt vielen Leuten auf!“

Einfach nur Rock

Nicht gerade wenige Zeitgenossen sprechen Ray indes natürlich auch auf seine bewegende Musikerkarriere an. „Viele meinen, ich wäre ziemlich berühmt - wenn sie das denken, okay! Dass ich halt einfach Musiker bin trifft's wohl eher auf den Punkt! Dann kommen Fragen wie: ‚Hast du jemals diesen oder jenen berühmten Musiker getroffen...?‘ Ich ziehe es jedoch vor, über Musik, über das Leben zu reden als über das was mal war. BUDGIE war nie eine leichte Angelegenheit, wir hatten damals hart gekämpft. Mein jetziges Leben ist dagegen sehr entspannt, ich muss niemandem mehr etwas beweisen! Ich bin kein wiedergeborener Christ oder so, aber ich glaube an gewisse Grundsätze im Leben. Zum Beispiel sollte man, wann immer man etwas macht, sein Bestes geben, weil man im Vornherein nie weiß, wohin das noch führen könnte. Wenn man nicht sein Bestes gibt, wird man wieder scheitern! Die Leute wissen das auch zu schätzen, wenn sie merken, dass jemand alles was er hat in eine Sache investiert. Doch zurück zur oben bereits kurz erwähnten Geschichte mit dem Regisseur: Ich stellte ihm also einen Song meines Soloalbums für seinen Film zur Verfügung, eine Zwei-Minuten-Nummer. Verblüffenderweise passte das Stück auch sehr gut zu dem Streifen! Dann kontaktierte mich die BBC für ein Interview, das ich vor ein paar Wochen führte. Und etwa zur selben Zeit erhielt ich von dir eine E-Mail, in der du fragtest, ob ein Interview mit mir über meine Zeit bei BUDGIE und danach möglich wäre. Die meisten Leute wollen immer nur die alten Geschichten über BUDGIE hören. Natürlich übten wir einen großen Einfluss auf die Musikwelt aus! Bands wie Metallica, Iron Maiden und Soundgarden führten uns als Inspirationsquelle an. Selbst Alex Van Halen schrieb mal auf seiner Website, dass eines seiner größten Vorbilder Ray Phillips war! Es ist schon unglaublich, wenn man bedenkt, welch riesigen Einfluss BUDGIE, diese drei Teenager aus Wales, auf die Entwicklung der Rockmusik hatten!

Nachdem ich die Band verlassen hatte, explodierte irgendwann Ende der 70er, Anfang der 80er die New Wave Of British Heavy Metal. Irgendjemand sagte damals zu mir, dass wir diese Bewegung ins Leben gerufen hätten. Doch wir hatten mit Heavy Metal nichts am Hut, wir fingen einfach als Rockband an, so einfach war das! Was danach mit BUDGIE alles passierte, war nicht meine Schuld, haha! Dave Mustaine schrieb in seiner Autobiografie, dass er, als er per Anhalter durch Amerika tingelte, im Radio eines Autofahrers, der ihn mitgenommen hatte, einen Song hörte. Er fragte, welche Band das sei und der Fahrer meinte, dass das Briten seien, die BUDGIE hießen. In der nächstgelegenen Stadt stieß Mustaine auf ein paar Tapes von uns und sie bliesen ihn regelrecht weg! Wenig später antwortete er auf eine Anzeige einer Band in einer Musikzeitschrift. Er rief an und meinte, dass er dort als Gitarrist einsteigen wollen würde. Sie unterhielten sich etwas über Musik und tauschten sich darüber aus, welche Gruppen sie gerne hörten. Mustaine erwähnte BUDGIE und die Jungs von Metallica meinten, dass jetzt alles klar sei und er den Job hätte! Insofern kam Mustaine also wegen seiner Liebe zu uns zu Metallica, haha! - Ich finde diese Geschichten toll!

Selbst Gruppen wie AC/DC, Def Leppard oder Iron Maiden äußerten bereits, dass sie BUDGIE lieben! Was nach meinem Ausstieg passierte, war keine sehr schöne Geschichte, aber Metallica retteten sozusagen mein Leben! Die ganze Geschichte mit Metallica passierte genau zur richtigen Zeit, denn ich stand damals wirklich kurz vor dem Selbstmord! Ich befand mich damals an einem ganz tiefen Punkt in meinem Leben, hatte alles verloren. Aber ich setzte meinem Leben kein Ende, und plötzlich tat sich eine Tür auf, und alles wurde besser! Ich versprach meiner Frau nach dieser Geschichte mit Metallica, dass es wegen einer meiner Bands niemals mehr so weit kommen würde. So etwas sollte sich nie mehr wiederholen! Ich bin ungemein zufrieden, dass sich das alles so entwickelte. Das war eine Erfahrung, wir hatten eine schwierige Aufgabe vor uns, die kaum zu bewältigen schien, aber zusammen schafften wir es! Als ich damals mit den Jungs von BUDGIE anfing, Musik zu machen, war ich gerade mal 19 Jahre alt. Damals bereits lernte ich meine spätere Frau kennen und noch heute sind wir zusammen!“

Entscheidungen fürs Leben

Dass Ray nach wie vor noch Musik macht bedeutet nicht, dass er sich versucht sieht, Verlockungen des Musik-Business nachzugeben. Aus eben jenem Grund verließ er ja BUDGIE, darüber hinaus hatte er ja auch die Schattenseiten dieses Geschäfts zur Genüge kennengelernt. „Vor etwa zwei Jahren befanden sich AC/DC gerade auf der Suche nach einem neuen Schlagzeuger. Ich saß gerade mit einem Freund in einem Pub, und er meinte zu mir, dass ich mich doch auf diesen Posten bewerben sollte! Ich dachte darüber nach, denn da AC/DC BUDGIE damals ja sehr mochten, hätte ich wohl durchaus Chancen gehabt, den Job zu bekommen. Nach meinen Erfahrungen im Musik-Business wurde ich mir jedoch klar, dass ich es nicht genießen würde, mich einer großen, berühmten Band anzuschließen. Schließlich habe ich all das im Leben bekommen was ich schon immer wollte! Wieso sollte ich jetzt damit anfangen, das alles wieder zu zerstören? Ich mochte den Gedanken noch nie, ein großer, berühmter Rockmusiker zu sein. Für eine gewisse Zeit lang bei einer Band wie BUDGIE Schlagzeug zu spielen war in Ordnung für mich. Wie gesagt bin ich kein wiedergeborener Christ, aber ich glaube, dass es für alles einen Grund gibt. Die Leute sagen einem, dass man dieses oder jenes machen sollte, aber meistens passen diese Vorschläge nicht zu meinem Leben.

Ich meine, ich habe drei Kinder und wann immer ich ein Neugeborenes in meinen Händen hielt und ihm in die Augen blickte, war das ein unglaublich wundervolles Gefühl! Wenn Kinder aufwachsen, können sie eine Menge Ärger bereiten und so manches Elternteil kommt damit nicht klar. Aber so ist das nun mal! Es ist nicht so, dass man ein Baby hat und dieser Status Quo das ganze Leben lang so anhält. Was man anfängt, muss man mit allen Konsequenzen, die so eine Sache mit sich bringt, auch zu Ende führen! Babys bleiben nicht ewig kleine Engel, im weiteren Verlauf des Lebens kann es viel Ärger geben. Aber anstatt sein Kind als „Bastard“ oder ähnliches zu beschimpfen, sollte man sich sagen, dass man sich ja bewusst für Nachwuchs entschieden hatte und dass schwierige Phasen auch mal ihr Ende finden. So sollte man das Ganze anpacken! Man fällt im Leben zu gewissen Zeitpunkten Entscheidungen und wenn dies getan ist, übernimmt man auch Verantwortung dafür. Ich brauchte auch eine gewisse Zeit, um das zu realisieren. Als ich mich damals dafür entschied, Kinder in die Welt zu setzen, war das bewusst und im Nachhinein muss ich sagen, dass ich nie eine bessere Entscheidung hätte fällen können! Ich schätze mich sehr glücklich, dass ich den Pfad, den ich im Leben bestritten habe, im Nachhinein nicht bereue! Denk doch nur mal an Musiker wie Jimi Hendrix, John Bonham oder Cozy Powell: Letzterer verlor bei einem Autounfall sein Leben, Hendrix starb an einer Überdosis Drogen und Bonham schied wegen seiner Alkoholabhängigkeit aus dem Leben. Ich hingegen denke mir, dass ich mich sehr glücklich schätzen kann, so alt geworden zu sein und das erlebt zu haben, was ich erleben durfte!“

Eine schreckliche Biografie

Wie bereits erwähnt, machte Ray in den 90ern zusammen mit seinem Sohn Justin an der Gitarre unter dem Namen SIX TON BUDGIE Musik, bevor sich der Schlagzeuger eine Auszeit nahm, um sich um seinen erkrankten Vater zu kümmern. „Auf meiner Facebook-Seite gibt’s ja dieses bereits erwähnte Interview mit einem Schreiber der BBC mit dem Titel „How Metallica Helped Saved Me“. Das Bild zu dem Artikel wurde in meinem Chillout-Zimmer geschossen. Meine Frau und ich pflegten meinen demenzkranken Vater fünf Jahre lang. Damals zog ich mich oft in dieses Zimmer zurück, um etwas Ruhe zu bekommen. Wenn ich so lange wie mein Vater leben würde, würde ich erst in 30 Jahren sterben! Und ich habe noch einiges vor, zum Beispiel spiele ich derzeit mit meinem Sohn Musik, die eher so in die Rock- und Blues-Ecke geht. Erst vor wenigen Monaten bin ich auch mal wieder live aufgetreten. Natürlich ist das alles keineswegs so professionell wie damals bei BUDGIE. Aber ich habe mittlerweile Musiker gefunden, mit denen es mir Spaß bereitet, Songs zu schreiben. Das Leben steckt manchmal voller Überraschungen und jederzeit, in jedem Alter tun sich neue Sachen auf! Sollte ich allerdings irgendwann mal wie mein Vater an Demenz erkranken, würde ich meinem Leben ein Ende setzen. Ich würde mich mit einer Ladung Pillen, einer Flasche Jack Daniel's oder Whiskey oder was auch immer irgendwohin verziehen und dann Lebewohl sagen. Ich habe gesehen, was Demenz aus Menschen macht, und ich könnte es nicht ertragen, nicht mehr alle meine Sinne beisammen zu haben, lieber würde ich sterben wollen.“

Doch noch hat Ray ja noch viel vor: 2011 erschien sein Soloalbum „Judgement Day“, bevor er mit Bassist Tom Prince und Gitarrist Adam Healy diverse Konzerte bestritt. Kurz vor den aktuellen Arbeiten an einem weiteren Solowerk waren die Bücher über seine Zeit bei BUDGIE sowie eine umfassende, fast 500 Seiten starke Autobiografie über sein Leben, große Projekte der jüngeren Vergangenheit. „Ein Autor namens Chris Pike schrieb mir eines Tages eine E-Mail und fragte mich, ob ich mit ihm ein Interview für ein Buch über BUDGIE führen würde? Wir telefonierten etwa viereinhalb Stunden lang und lachten die ganze Zeit, hatten eine großartige Zeit! Als das Buch erschien schickte er mir davon ein Exemplar. Chris schrieb dann noch ein zweites und ein drittes Buch über BUDGIE. Dann meinte er zu mir, dass er Lust hätte, eine ganze zusammenhängende Autobiografie über mich zu verfassen. Wir telefonierten dann an meinem Geburtstag miteinander, dem 1. März, das ist der Saint David's Day, der walisische Nationalfeiertag hier bei uns. Und ich wurde im Saint David's Hospital geboren! - Zufälle gibt’s?! Wieso bekam ich den Namen Ray, man hätte mich genauso gut Saint nennen können, haha! Es dauerte ganze vier Jahre, diese Autobiografie zu verfassen und ich musste mein ganzes Leben noch mal Revue passieren lassen! Als alles fertig war, erhielt ich das Ganze noch mal zum Lesen und als ich damit fertig war, meinte ich zu Chris, dass man das nicht als herkömmliche Autobiografie titulieren könne, denn da waren schon viele krasse Sachen dabei. Ich meinte zu dem Autor, dass wir das eher „An Awful Biography“ nennen sollten, haha! Also erhielt das Buch den Titel „An Awful Biography Of A Great Life – From BUDGIE To TREDEGAR And Beyond“. In dem Schmöker finden sich viele lustige Anekdoten wieder, unter anderem auch ein Foto von mir als ich gerade mal neun Jahre alt war. Insgesamt hat Chris Pike ganze drei Bücher über BUDGIE geschrieben. Der erste Band behandelt beispielsweise nur die Jahre von 1967 bis 1973. Dort wird insbesondere natürlich die Ära behandelt, in der ich Teil der Band war. Das dritte Buch endet mit dem letzten BUDGIE-Konzert, dann gibt’s noch die Autobiografie über mein Leben. Aber, wie gesagt, ist das Buch über mich „An Awful Biography“. Wer sich das zulegt, darf mir nicht die Schuld daran geben, haha!“

www.rayphillipsbudgie.com

Foto: www.facebook.com/ray.philips.37

www.budgie.uk.com

https://budgieinpeckingorder.weebly.com/

 

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