Live, Reviews

MOSHCLUB Open Air 2018 @L.A., Cham, 24. & 25.08.2018

Es gehört in der Region Cham seit gut 20 Jahren zur Tradition, dass der 1989 gegründete Moshclub Kolmberg im August ein kleines, aber feines Festival veranstaltet. Was in den ersten Jahren unter kultig-dörflicher Landwirt-Atmosphäre begann, nahm über die Jahre nach und nach etwas größere Ausmaße an. Nicht umsonst sind in den letzten Jahren unter anderem Destruction, Tankard (mehrmals), Sacred Steel, Ektomorf, Hail Of Bullets, Sepultura, Onkel Tom, Rage, Mantar, Pro-Pain und Contradiction dort aufgetreten. Die Veranstaltung findet stets zugunsten von Gewaltopfern statt – Erlöse werden vom Club an den Weißen Ring gespendet.

2015 zog man u.a. aus Kapazitätsgründen das erste Mal von Kolmberg nach Cham um. Als Kulisse dient das liebgewonnene L.A. – eine Mischung aus American Diner, Bar und Live-Venue mit absoluter Wohlfühlatmosphäre, toller Küche und durch die Bank angenehmer und sympathischer Belegschaft. Für das Open Air wird auf dem Parkplatz vor der Location eine Bühne aufgebaut, welche von diversen Food-, Drink- und Merch-Ständen umringt wird. Neben diverser Grillware und Standard-Fastfood gibt es auch göttliche Burger-Variationen (u. a. Devilburger, Pulled Pork), Tex-Mex-Kram als auch einen Crêpes- und Met-Stand. Wohlfühlatmosphäre von A bis Z!

Am Freitag spielten unter anderem bereits die Alternative/Nu-Rocker Heartless Day, die starke Black-Sabbath-Coverband Mad Sabbath, Bate, Spooky Kids (Marilyn-Manson-Coverband) sowie Sacarium (Metallica-Coverband) auf. Der Tag war laut Moshclub-Präsi Hogan trotz vereinzelter Regenschauer gut besucht und ein voller Erfolg.

Als heute kurz vor 17 Uhr die Chamer 12-ENDER loslegen, nieselt es zwar etwas, aber größeres Sauwetter bleibt glücklicherweise aus. Die Jungs zocken eine Mischung aus Punk, Rock, Crossover und Metal, wobei sie sich neben diversen Coverversionen auch auf eigene Stücke stützen können. Insgesamt eine ganz solide Vorstellung einer spielfreudigen Band. VIRUS41 sind ebenfalls Lokalmatadore und haben ziemlich genau vor vier Wochen bereits in der Konzerthalle des L.A. für Cannibal Corpse Anzeizer spielen dürfen. Der Deathcore der Buben hat Wumms und Durchschlagskraft, jeder einzelne Musiker sichtlich Spaß. Sehr sympathisch wirkt, dass man sich selbst alles andere als ernst nimmt und den kleinen Fan-Circle-Pit vor der Bühne mit bierseligen Trichter-Saufspielen und einigen anderen witzigen Einlagen bei Laune hält. Auch wenn VIRUS 41 für Vollblut-Metaller zu modern sind und es ihren Songs teilweise noch etwas an Raffinesse und der Variabilität fehlt, muss man Band einen guten, kurzweiligen Gig attestieren!

Die folgende Combo ANTIPEEWEE kann hier aber trotzdem gleich noch einige Schippen drauflegen. Aus Abensberg kommt nicht nur guter Spargel, sondern auch anspruchsvoller Thrash Metal mit Bay-Area-Schlagseite, melodisch-ausgefeilten Soli und einer latenten Punk-Kante. Schon zu Demo-Zeiten konnten die Buben rund um Saitenhexerin Coralie Live überzeugen. Aber zu sehen, wie sich diese Musiker von Platte zu Platte als auch Gig zu Gig stetig weiterentwickeln, ohne ihre Trademarks, Bodenständigkeit und rotzige Attitüde zu verlieren, macht einfach Freude. Hier steht eine eingeschworene, zusammengeschweißte und arschtight aufspielende Einheit auf der Bühne. Jeder einzelne Musiker ist eine Klasse für sich und hat jede Menge Spaß in den Backen. So können ANTIPEEWEE von Song zu Song kontinuierlich immer mehr Leute vor die Bühne ziehen und zum Bangen und/oder Pogen bewegen. Die Setlist ist gut zwischen Altstücken, Songs der zweiten Scheibe sowie Tracks von dem neuen, etwas reiferen Album „Infected By Evil“ ausbalanciert. 'Separate (The Head From The Body)' bleibt live dennoch d-e-r Mitgröler vor dem Herrn, und Die-Hard-Supporter sind traurig, dass heute 'Attack The Brewery' außen vor bleiben muss. Ansonsten gehen aber kollektiv alle Daumen und Pommesgabeln nach oben. Sehr starke Performance!

Mit einem weiter gefassten Lokalpatriotismus gehören auch NOTHGARD noch dazu. Die Wurzeln des Quartetts liegen im benachbarten Niederbayern, obwohl die Rhythmussektion nun aus dem doch etwas ferneren München stammt und auch die Gitarrenfraktion - Bandgründer und Sänger Dom R. Crey und Wolfchants Skaahl - weiter über die Republik verstreut lebt. Dennoch ist es ein Gig vor vielen alten Freunden, Verwandten und Wegbegleitern. Das Kit von Neuzugang Felix mag nicht so recht an Ort und Stelle beisammen bleiben – später für Husky wird es sicher festgedübelt. Verglichen mit den vorangegangenen Thrashern bringen die Epic-Deather noch eine ganze Schippe mehr Melodie mit, das wird vom Intro ‚Glittering Shades‘ an deutlich. Dem folgt nicht wie auf dem Album ‚From Lambs To Lions‘, sondern ‚Draining Veins‘. Die Setlist ist aber keineswegs auf das so gerade noch eben aktuelle Drittwerk „The Sinner’s Sake“ beschränkt. Der Vorgänger „Age Of Pandora“ kommt direkt mit dem Titelstück und später noch mal mit ‚In Blood Remained‘ zum Zug. Mit dem Ohrwurm ‚Warhorns Of Midgard‘ (von Sacred Steels ‚Wargods Of Metal‚ inspiriert?) geht es weiter zurück zum gleichnamigen Debüt, bevor die Zeitreise plötzlich in die Zukunft katapultiert: Mit ‘Malady X’ stellt die Band den Titeltrack des anstehenden vierten Albums vor. Feuertaufe bestanden! Immer wieder fühlt man sich während des Sets bei den Melodieläufen an Running Wild erinnert. ‚Ninja‘, die sicherlich coole Europe-Coverversion aus den letzten Aufnahme-Sessions, bleibt leider ungespielt – NOTHGARD vertrauen komplett ihrem eigenen Material. Wohl auch als Tribut an die vielen alten Gefährten vor der Bühne entführt das Finale mit ‚Ragnarök‘ und ‚Lex Talionis‘ noch einmal zum Debüt. Eine weise Entscheidung, wie der Schlussapplaus dokumentiert.

Wenn auch noch in Kolmberg, waren SODOM bereits einmal bei der 2009er Ausgabe des Moshclub Open Airs Headliner. Damals allerdings noch mit Bobby und Bernemann. Heute präsentieren sich die Teutonen-Thrasher mit runderneuertem Line-Up. Hinter dem Schlagzeug sitzt nun der gute Husky, welcher derzeit anhand seiner zusätzlichen Betätigungsfelder u.a. bei Desaster und Asphyx gut ausgelastet sein dürfte. Das erste Mal in der langen Geschichte der Band stehen nun zwei Klampfer auf der Bühne. Einer davon ist der junge, noch relativ unbekannte Yorck Segatz, welcher bisher soweit bekannt lediglich bei den Todesmetallern Beyondition aktiv war. Die zweite Gitarre bedient Koryphäe und Rückkehrer Frank Gosdzik alias Blackfire. Auch wenn dieser zuvor lediglich gute drei Jahre in der Band war, brachte er die Combo ein großes Stück voran und war stark ins Songwriting der Klassiker „Expurse Of Sodomy“, „Persecution Mania“ und „Agent Orange“ eingebunden. Auch heute ist der charismatische Musiker live eine echte Bereicherung. Mit seinem unverkennbaren Groove und der Art, messerscharfe sowie schädelspaltende Riffs zu zocken, den originellen Soli sowie der Bühnenpräsenz, zieht er neben Mr. Angelripper verstärkt die Blicke auf sich. Und Tom wirkt wie völlig entfesselt. So glücklich, agil, enthusiastisch, motiviert und leidenschaftlich hat man ihn schon lange nicht mehr erlebt – auch wenn es hier nie wirklich Grund zum Meckern gab. Das Gefühl, hier nun wieder echte Kumpels, Brüder im Geiste und Trinkkumpanen gemeinsam musizieren zu sehen, ist wieder da. Der Mischer meint es heute ebenfalls sehr gut mit SODOM und zaubert einen druckvoll-knackigen sowie differenzierten Sound.

Schon nach dem Eröffnungstrio 'My Atonement', 'Conqueror' und 'Sodomy & Lust' kocht der Pit, und es ist klar, dass das Quartett heute gar keine Gefangenen macht. Nach kurzen Begrüßungsworten von Tom geht es Schlag auf Schlag weiter. 'Outbreak Of Evil', der Übersong 'Christ Passion' sowie der Hit 'The Saw Is The Law' werden zum Besten gegeben – und Cham kocht! Das Altstück 'Blasphemer' schraubt das Aggressions-Level dann sogar noch weiter nach oben. Mit 'City Of God' gibt es anschließend zwischendrin auch mal ein neueres Stück zu hören. Gefolgt von der ersten Rarität des Abends, nämlich 'One Step Over The Line' von „Tapping The Vein“. Die zwei folgenden Klassiker 'Nuclear Winter' sowie 'Agent Orange', mit starkem 'Iron Fist' Motörhead-Cover in der Mitte, singen dann ungelogen 98% aller Anwesenden aus voller Kehle mit – großartige Stimmung! Natürlich darf auch der letzte Longplayer „Decision Day“ nicht ausgespart werden: 'Strange Lost World' erinnert an eine starke Veröffentlichung. Ebenfalls lange nicht gehört haben wir 'Tired & Red', welches Mr. Hüskens herrlich brutal trommelt. Überhaupt scheint dieser mittlerweile Stallgeruch angenommen zu haben – performt hungrig, aber gleichzeitig sehr souverän. 'Remember The Fallen' wird von Herrn Such mit einer deutlichen Ansage angekündigt und wird von ihm heute besonders melancholisch gesungen. „Get What You Deserve“ ist eines der sträflich unterbewerteten und vergessenen Alben von Sodom. Umso erfreulicher, dass sich heute 'Silence Is Consent' als eines der unerwarteten Highlights des Gigs herauskristallisiert. Richtig witzig wird es anschließend mit 'Die stumme Ursel' von derselben Platte. Fragt sich nur, wann Angelripper nun seine Sexpuppe wieder mit auf Tour nimmt? Zum Schluss des Sets folgen zwei Stücke, welche eigentlich bereits zum deutschen Kulturgut gehören. Die Rede ist vom Überhit 'Ausgebombt' sowie 'Bombenhagel' (heute inkl. ganzer Deutschland-Hymne im Mittelteil). Nach diesem wahren Triumphzug schlurfen SODOM als auch das Publikum glücklich und zufrieden zum nächsten Bierstand. Anschließend gibt die Band dann gleich eine Autogrammstunde und nimmt sich auch für ein Schwätzchen oder Foto mit den Fans eine Menge Zeit. Das nennt man Fan-Nähe!

Wer nach der Ruhrpott-Thrash-Vollbedienung noch nicht genug hat, darf sich anschließend in der L.A.-Konzerthalle von POWERFOOLl weiter die Ohren durchpusten lassen. Die sehr sympathische Band, bestehend aus noch relativ jungen Kerlen, zockt eine kurzweilige Party-Setlist aus bekannten Rock- und Metal-Coversongs. Am meisten Resonanz bekommen heute Nacht 'Seek And Destroy'(Metallica), 'Sad Mans Tongue' (Volbeat), 'High Voltage' (AC/DC) sowie 'Sharp Dressed Man' (ZZ-Top). Nachdem POWERFOOLvon der Bühne gehen, ziehen die unersättlichen und trinkfestesten Besucher noch zur Madhouse-Bar weiter. Dort kümmern sich die Sexy L.A. Girls liebevoll und geduldig um die Musikwünsche von so manchen feierwütigen, durstigen Herren, bis es fast wieder hell wird.

Und damit geht ein erneut sehr gelungenes, friedliches und stark besetztes Moshclub Open Air zu Ende. Am nächsten Tag erfahren wir noch, das 535,- Euro Erlöse als Spende an den Weißen Ring übergeben werden konnten. Wir freuen uns schon jetzt auf die nächste Ausgabe 2019!

Text: Markus Wiesmüller; Björn Thorsten Jaschinski

Fotos: Danny Jakesch

Fotos Antipeewee: Ervin Novak

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