ANDREW JAMES, CHIP HANNA, THE OUTLAW VINNIE STIGMA @ L.A., CHAM, 20.11.2025
Agnostic Front Gründer VINNIE STIGMA gibt sich an einem arschkalten Donnerstagabend die Ehre in Cham. Dieses Mal hat er sich für sein Solo-Album dem kauzigen Country-Rock verschrieben. Klassische Stücke und Interpretationen werden mit eigenen Kompositionen vermischt. Der 70-jährige genießt es immer wieder, aus seinem Korsett ausbrechen zu können. Da die Show im L.A. relativ kurzfristig gebucht wurde, sind kurz vor Konzertbeginn leider nicht ganz so viele Zuschauer wie man dem guten Vinnie wünschen würde im Venue. Aber zumindest ist es voll genug, um eine entspannte Konzertatmosphäre ohne herben Beigeschmack aufkommen zu lassen. Im Vorfeld stärken sich viele entspannt im Diner Bereich des Venues mit unglaublich leckeren Burgern, Burritos oder Pork Ribs.

Der Konzertabend wird im Rahmen von „ein Mann und sein Mikro“ eingeläutet. ANDREW JAMES (Ex-Ski King) lässt seine Country/Rockabilly-Interpretationen von Rock- und Metal-Songs Instrumental vom Band laufen, um über diese wirklich stark und leidenschaftlich drüber zu singen. Was sich relativ komisch anhört, funktioniert doch erstaunlich gut. Vor allem, weil Andrew ein sehr sympathisch als auch charismatischer Zeitgenosse ist. Er wechselt sehr gekonnt zwischen Tough Guy Posen, Selbstironie, Vollmeise und Rockabilly-Poserlexikon hin und her. `Ace Of Spades`und `Breaking The Law`, funktionieren heute neben Elvis sowie Bob Seger Cover (`Turn The Page`) neben Country-Rock Standards heute am besten und verschaffen dem Sänger meist deutlich mehr als Höflichkeitsapplaus. Anhand der Ausstrahlung dieses Herrn, der mittlerweile wiedergeborener Christ ist und sich sozial immer wieder engagiert, wundert es gar nicht das er auch schauspielerisch aktiv ist. Fast schade so eine Koryphäe so früh auf die Bühne zu schicken.
Nach „ein Mann und sein Mikro“ folgt logischerweise „ein Mann und seine Gitarre plus Mikro“. CHIP HANNA darf heute auch für VINNIE STIGMA trommeln und gibt sich zuvor Solo die Ehre. Erneut beachtlich, dass so ein hochkarätiger Musiker ganz bodenständig als Opener entspannt auf die Bühne schlurft und unbekümmert drauf los musiziert. Seine Verflechtungen in US-Punk Bands wie U.S Bombs oder One Man Army seien hier auch noch erwähnt. Chip ist mit einer warmen, sehr charakteristischen Stimme gesegnet. Er tobt sich quer durch Country, Rock sowie Rockabilly Evergreens sowie eigener Stücke (incl. Berlin Three Band) aus und gibt dabei stets eine gute Figur ab. Mit seiner introvertierten, aber hingebungsvollen Ausstrahlung sowie dem herausragenden Gesang zieht er das Publikum sofort auf seine Seite.
Nach einer erfreulich kurzen Umbaupause schlurft nun endlich Obersympath VINNIE STIGMA mit seinen Mitstreitern entspannt auf die Bühne. Neben wie zuvor erwähnt CHIP HANNA hinter dem Drumkit, hat er Mad Sin Klampfer Tex Morton, Gitarrist Jesse Wagner (Aggrolites) sowie Michelle Bell an der Fiddle um sich geschart. Mr. Stigma ist in ein schwarzes, elegantes und tough aussehendes Cowboy/Western Outfit gehüllt und trägt selbstredend einen schicken Hut. Anhand seiner toughen Aura und dem Italo-Mafia-ähnlichem Aussehen, könnte der gute tatsächlich gleichermaßen in Western als auch Thriller mitspielen. Bzgl. Mimik, Gestik und Stage-Acting pendelt Vinnie perfekt zwischen großer Show, Theatralik, Selbstironie und ernsthafter Performance hin und her. Einige anwesende sind überrascht, wie gut er tatsächlich vom Opener an singt. Und obwohl wie eingangs erwähnt heute die Halle nicht gerade randvoll ist, gibt er plus Band wirklich alles und hat sichtlich eine Menge Spaß an dem Auftritt. In Songpausen und in den Ansagen schwingt hier und da sogar etwas Dankbarkeit, Rührung und Alters-Melancholie mit. Das macht VINNIE STIGMA nur umso interessanter. Und wer seine packende und stellenweise urkomische Biographie gelesen hat, weiß auch wie vielseitig und unterschätzt der umtriebige Musiker ist. Nach `Glad You Came Out`und `Rose Of Alabamy`sind Musiker als auch Publikum richtig eingegroovt. Das erste Stimmungshoch bescheren uns dann `Jesus Ain`t Gone`mit witziger Ansage, `I Lost My Dog Today`sowie `Long Gone`. Zu `The Devils Right Hand`zieht STIGMA witzigerweise immer gestikulierend mit links seinen imaginiären Colt. Am meisten singalong und aus sich im Publikum herausgehen, erntet heute erwartungsgemäß der kleine Hit `Already Dead`, welche Vinnie wie auf den Leib geschnitten bzw. geschrieben ist. Gewagt und sehr lässig ist auch eine Country-Rock Version vom Agnostic Front Klassiker `Gotta Go`. ANDREW James wird sehr herzlich für eine Performance mit auf die Bühne genommen – harmoniert extrem gut mit der Band. Zuschauer mit Adleraugen in den ersten Reihen mutmaßen, ob Vinnie nicht am Ende der Show etwas Rührungswasser in den Augen hatte. Jedenfalls springt er von der Bühne, klatscht Fans ab, umarmt einige und bedankt sich fürs da sein. Danach wird er dem Fotos machen, signieren und Smalltalk halten lange nicht müde. Das ist echte Fannähe! Eine authentische, kauzige, stellenweise selbstironische und kurzweilige Show, welche wirklich mehr Zuschauer verdient gehabt hätte. Glücklicherweise haben aber ja Agnostic Front gerade eine saugute neue Platte veröffentlicht und werden in Kürze auch wieder im zweiten Wohnzimmer L.A. Cham gastieren. Wir freuen uns schon jetzt drauf.
Text: Markus Wiesmüller
Fotos: Hans Schmidbauer