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SLIME, ERECTION @ L.A., CHAM, 09.01.2026

Ganze zehn Tage war die Legacy Delegation nicht mehr im zweiten Wohnzimmer alias L.A. Cham – da kann man schon mal Entzugserscheinungen bekommen. Für die erste Show des Jahres steht heute nun Deutschpunk auf dem Speiseplan. Zuvor tagt ein kleiner Stammtisch aber noch bei leckerem Tex-Mex Essen im Diner-Bereich der Location. Erneut ist das Konzert ausverkauft, weswegen es zum Einlass bereits brechend voll in der Hütte ist.

slime 13 tourposter erection cham ausverkauft

Den Anfang dürfen die 2018 gegründeten Regensburger ERECTION machen. Die Band hat sich Punk `n Roll mit einer Menge Attitude und Zeigefinger verschrieben. Toleranz, Selbstbestimmung, Feminismus, Selbstliebe und das Durch- und Überleben von persönlichen Krisen ziehen sich durch die Texte des Quartetts. Im Mittelpunkt steht dabei klar schwer-tätowierte Frontfrau Julia Melzer. Durch diverse Interviews sowie ein Buch (Stress mit Soßen) über ihre bewegte Lebensgeschichte, ist die Sängerin mind. rund um Regensburg ein Stück weit bekannt. Ein amtliches Energielevel, schräg-pinke Outfits bei den Männern und das konsequente RRRIOT-Girl Image von Fr. Melzer, sind markant und schaffen etwas Wiederkennungswert. Der Sound- und Lichtmann meint es auch recht gut mit ERECTION. Die Musiker wirken gut eingespielt und haben sichtlich Bock auf den Gig. Was die Performance allerdings nicht über gutklassig hebt, ist das musikalisch einfach etwas gleichförmige Songmaterial. Am meisten bleiben heute die Stücke `Dead Girls` (7x no!) sowie `Rich Bitch` hängen. Insgesamt eine solide Anheizer-Show, welche auch schon den ersten kleinen Pogo-Pit des Abends einläuten konnte.

Danach dürfen endlich die Großmeister SLIME auf die Bühnenbretter. Die Hamburger liefern sich mit Rostock (Dritte Wahl) gerade ein interessantes Rennen, wer nun die beste noch aktive Deutschpunk-Truppe alter Schule ist. Natürlich gab es nach Weggang von Ursänger Dirk Zweifel unter den Fans. Seine markante, Charismatische Stimme war irgendwie sehr schwer wegzudenken. Doch die Band hate ein sehr gutes Händchen darin, Tex Brasket zu entdecken und mit an Bord zu holen. Über das bewegte Leben sowie die Dämonen und Hoch- und Tiefs des 46-jährigen Musikers könnte man allein einige Seiten füllen. Doch dazu gibt es an anderer Stelle mehr als genug nachzulesen. SLIME fanden mit dem Sänger jedenfalls einen weiteren Charismatiker, der mit viel Leidenschaft, Herzblut und Authentizität zu Werke geht. Dies lies bzw. lässt nach und nach skeptische Altfans verstummen – aber gleichzeitig auch viele neue Fans SLIME entdecken. So setzt sich das heutige Publikum sehr breit aus Altpunks, Teens auf Suche der idealen Subkultur, Rockern, Metallern sowie einer Hand voll Redskins sehr breit zusammen. Nach dem neueren Stück `Komm Schon klar` gleich die Granate `A.C.A.B`abzufeuern, verfehlt natürlich nicht seine Wirkung. Ein großer, toller Pogo-Pit ist eröffnet und die Singalongs und Shouts vor der Bühne sitzen von Anfang an. Sound, Licht sowie Performance des Fünfers sind erwartungsgemäß erste Sahne. Nicht nur während `Armes Deutschland` sowie `Wer Du bist`, ist es schön dem Paar Michael Mayer und Bassistin Nici Perkovic (Die Mimmi`s) beim Interagieren zuzuschauen. Die beiden harmonieren auch auf der Bühne prächtig und lassen sich nicht nehmen, während Klassikern wie `Alle Gegen Alle` ultra-fette Backing-Vocals abzuliefern. Klampfer Christian ist ein wenig der Ruhepol in der Runde. Aber selbst er geht mit Hamburger Gelassenheit gut ab, zieht Grimassen und rifft sich schön tight einen ab. Mr. Elf garniert obendrauf oft sehr feine Leads- und Soli, welche schon lang nichts mehr mit reinem Schredder-Punk zu tun haben. `Lieben Müssen` und `Monster`wird vom Mastermind toll verziert, ehe es das erste große Highlight des heutigen Abends zu hören gibt. `Albtraum`von „Yankees Raus“ (1982) ist ein Klassiker vor dem Herrn, der in diesen turbulenten Zeiten wieder aktueller denn je wirkt. Dargeboten mit gehörigem Punch und einer Menge Pfeffer im Arsch. Die letzte Phrase ist generell eine gute Überschrift für das heutige Konzert. Nach `Evolution` beweist das in die länge gezogene, mit alles und jedem abrechnende `Weil Fickt Euch Alle` eindrucksvoll, dass auch die neueren Lieder heute problemlos Cham zum Kochen bringen können. Auf das textlich wertvolle `Euch Will Ich Sehen` folge der Hit `Schweineherbst`, ehe uns `Safari` wieder ein klein wenig durchschnaufen lässt. Trommler Alex ist nun auch bereits seit 2010 an Bord und weiß nicht nur von seiner Zeit mit Hass, wie man Punk spielt. Hier und da verziert er Soundlücken auch gern mal mit gekonnten Fills. Nach dem provokanten Altstück `Deutschland`, folgt ein kleiner Block an Akustik-Versionen. Den Anfang macht `Gewalt`, welches in diesem Gewand perfekt funktioniert und allen Anwesenden Gänsehaut verschafft. Das positiv-aufmunternde `Heute Nicht` hätten wir hingegen lieber in der Stromgitarren-Version gehört. `Zusammen`kristallisiert sich dann als zweites Stimmungshoch der Show heraus. Trotz ernstem Text eine herrlich reinigende Endorphinbombe. Nach `Schatten` `Bock Auf Leben` und `Sein Wie Die`, geht die Band unter frenetischem Applaus kurz von der Bühne. Die Zugabe wird mit der Stimmungsgranate jüngeren Datums `Ebbe Und Flut`eingeläutet. Gefühlt pogt, singt, tanzt oder bangt hier wirklich jeder und alles ekstatisch mit. `Irgendwas Mit Saufen`fällt dagegen etwas im Set ab und könnte evtl. durch einen weiteren Klassiker ersetzt werden. Die Oldschool-Fraktion geht anschließend zu `Linke Spießer`, `Störtebecker` sowie dem alles zermalmenden Übersong `Religion`völlig steil. WOW – was für eine Machtdemonstration. Dank einem sympathisch-natürlich, alles gebendem „Neusänger“ Tex halten wir ein Unentschieden zwischen Dritte Wahl und SLIME fest. Besser hätte das Jahr konzerttechnisch nicht starten können.

Text: Markus Wiesmüller