DEATH TO ALL, CRYPTIC SHIFT @ CH-Pratteln, Z7, 21.06.2026
Vor zwei Jahren hatten wir Sommersonnwende mit der Cavalera-Family und Sepultura-Zeug in Rostock, heute also DEATH TO ALL mit einem Querschnitt durch das Schaffen von Schuldiners stilprägender Band Death in Pratteln in der Schweiz. Basel meldet an diesem Tag 36° Grad und die alle paar Meter in der Stadt sprudelnden Trinkwasser-Brunnen sind ein echter Segen, beim einfach umherstreifen und die Atmosphäre genießen. Am Rhein dann sogar Menschenmassen, die ihre Klamotten in sogenannte Wickelfische stopfen, die umschnallen und sich in die Fluten stürzen um sich von der Strömung bis in die Innenstadt oder weiter mitnehmen zu lassen. Ein sehr verlockender Gedanke... Nach Pratteln fährt dann bequem die Straßenbahn, der Automat vor dem Badischen Bahnhof verkauft einem den hierfür nötigen Fetzen Papier auch, wenn man ihn mit Euro füttert und keine Schweizer Franken einstecken hat. Alles also prima! Irgendwann dann an der Konzertfabrik Z7. Einlass und so weiter, es riecht nach Fritten und Bratwurst, kennt man alles...

CRYPTIC SHIFT sind in Extreme Prog-Kreisen ein wenig die Band des Jahres. Das zweite Album "Overspace & Supertime" geistert seit der Veröffentlichung als heißer Tipp in der Szene umher und polarisiert gewaltig. Die technisch sehr verschachtelte Spielweise der Combo ist nun nicht jedermanns Sache. Fast alle Songs des Quartetts haben Überlänge und so sind vierzig Minuten Spielzeit mit vier Stücken gefüllt. 'Cosmic Dreams' macht den Anfang und sofort ist klar, diese zwei manchmal wie von Sinnen auf ihren Instrumenten agierenden Gitarristen Joss Farrington und Xander Bradley bestimmen hier die Szene. Letzterer ist als Sänger sowieso der Hingucker: Seine Posen, zähnefletschend mit fast verkrampft wirkenden Fingern auf den Saiten. Um einen Moment später dann die beachtliche Mähne wild und aggressiv um sich zu schleudern und ein paar Augenblicke später in ruhigen und eher spacigen Passagen von Songs wie 'Cryogenically Frozen' und 'Hyperspace Topography' zur Salzsäule zu erstarren. Zur Musik von Death passen die vier Engländer dahingehend gut, weil ihre experimentiellen Auswüchse, Passagen in denen sich die Instrumente verlieren dürfen, sowohl an die letzte Death-Platte wie auch stellenweise an Control Denied erinnern, von denen sie mit Sicherheit maßgeblich beeinflusst worden sind. Dazu noch diese giftigen Momente, in denen die Band auf Thrash und Speed Metal-Geschrote setzt und nur nach vorne drückt und ihr Science Fiction-Überbau. Das gibt dem Ganzen einen leichten Hauch von Voivod mit auf den Weg 'Hexagonal Eyes (Diverity Trepaphymphasyzm)' ist dann das über zehnminütige Finale eines beeindruckenden Gigs. Musikalisch spalten CRYPTIC SHIFT aber nach wie vor durchaus die Geister. So sieht man einige Besucher am Merch-Stand mit den Bandleuten quatschen während einige Vinyl-Scheiben und Shirts neue Besitzer finden. Nicht wenige stehen draußen um die heute weltbesten Fritten an, ein Auge auf die geöffneten Türen der Halle gerichtet.

Umbaupause ist vorbei, der DEATH TO ALL-Schriftzug hängt über der Bühne, Dead Can Dance übernehmen das Intro. Jubel wird laut, als Gene Hoglan hinter das Schlagzeug klettert und die Band die Bühne betritt um nach dem zum Eigen-Intro umfunktionierten 'Infernal Death' gleich mit 'Living Monstrosity' und 'Defensive Personalities' zwei Stücke der "Spiritual Healing"-Platte zu bringen, die ja zusammen mit dem "Symbolic"-Album heute im Mittelpunkt stehen wird. Es ist faszinierend, wie weit die Band am Original dran ist, wie Sänger und Gitarrist Max Phelps in seiner Art sich zu bewegen, wie er die Gitarre hält und wie er am Mikro steht die Agitation von Chuck Schuldiner verinnerlicht hat. Nicht falsch verstehen: Da steht nicht einer vorne, der den verstorbenen Frontmann von Death nachmacht und so, da steht der langjährige Gitarren-Tech von Schuldiner. Der Mensch, der auf Tour Abend für Abend am nächsten an ihm dran war, der mit ihm im Studio war, mit ihm zum Aufwärmen und Runterkommen gespielt hat und der Typ, der deutlich hörbar die Art von ChucksGitarrenspiel von diesem selbst gelehrt bekommen hat. Als wäre Chuck noch im Raum... Das geht tief rein, erzeugt Emotionalität im Publikum und die überträgt sich auf die Atmosphäte, als die Band kurz beim "Human"-Album Halt macht und da eine schöne Variante von 'Lack Of Comprehension' runterzimmert. Mit einem Steve DiGiorgio, der zufrieden und barfuß über die Bühne wetzt und die bei dem Song charakteristischen Töne auf seinem dreisaitigen Ibanez-Bass zupft. Nach 'Altering The Future' dann grenzenloser Jubel der die ersten Töne von 'Zombie Ritual' erklingen, der Song ein reiner Triumphzug. Phelps mit einer Growlstimme, die fast eins zu eins am Original ist. Das Publikum, mögen es am Ende so fünfhundert sein, hat derweil seine Nischen gefunden um dieses Konzert zu zelebrieren... Das Dargebotene zu intensiv, um dazu nur im Moshpit umherzutoben. Also lässt manch eine ihre Haare kreisen, ein anderer steht im Gang und hüpft mit geballten Fäusten auf und ab, wieder eine andere singt mit geschlossenen Augen mit, zum Refrain hin die Faust in die Luft reckend. Gene Hoglan und 'The Philosopher'. Wahnsinn, wie der Mann hier hinter seinem Kit hockt und selbst die allerkompliziertesten Moves voll einfach aussehen lässt. Dann 'Spiritual Healing' mit diesem Songaufbau, der immer – wenn auch mit Umwegen - auf den Refrain hin zuläuft, löst noch einen Euphorieschub im Publikum aus und so gibts kaum jemanden, der nicht die Worte "Speak no more lies, it's your turn to die..." aus der Bridge und den "Practice what you preach, your loved one is now deceased... Knowledge is at our hands, never to understand... Spiritual Healing!"-Chorus mitsingt. Danach folgt das "Symbolic"-Album. Komplett! Am Stück! In seiner ganzen Schönheit, mit all den wunderschönen Melodiebögen, die sich Gitarrist Bobby Koelble und Max Phelps aus den Instrumenten ziehen und gegenseitig zuwerfen. Links vom Mischpult hat es den besten Sound. Du schließt die Augen und fühlst dich irgendwie back in time: 1995, auf einem Death-Konzert. Blinzeln... Da vorne, neben DiGiorgio, da steht doch Schuldiner? Ist die Konzertfabrik gar zur Zeitmaschine geworden, hier in dieser Mittsommernacht? 'Symbolic', 'Zero Tolerance', 'Empty Words', 'Sacred Serenity', '1000 Eyes' die Anti-Überwachungs-Hymne, die im heiser gekreischten "We are enslaved! Now!" endet und nahtlos in 'Without Judgement' übergeht, was erneut für heruntergeklappte Kiefer im Publikum sorgt. Und 'Crystal Mountain', diese scharfschneidige Anklage anreligiöse Bigotterie, verpackt in melodische Eleganz.Gefolgt von der kantig-wütend runtergeholzten Version der fiesen Menschheitsverachtungs-Nummer 'Misanthrope', mit Hoglan-Doublebass at its best. Bevor dann das verspielte 'Perennial Quest' die ultimative 15 Punkte Platte beendet, das Album für die Ewigkeit. 'Spirit Crusher' von "The Sound Of Perseverance" rundet den Querschnitt durch die Diskografie von Death noch ab und 'Pull The Plug' sorgt zu guter Letzt dafür, dass nach zwei Stunden DEATH TO ALL der Schweiß von der Decke tropft, alle nach Luft japsen, aber keiner unzufrieden hinaus in die Nacht drängt. Sommersonnwende mal wieder in Laut!
Wedekind Gisbertson
Fotos: Wedekind Gisbertson & Andrea Kisslinger