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Auf den Autobahnen um Ludwigsburg ist der Wurm drin. Baustellen und Umleitungen machen die Anfahrt zum Abenteuer. Das merken auch Carcass, deren Bus mit Verspätung eintrifft und die auf den Soundcheck verzichten müssen. Während deren Crew noch schnell das Equipment auf der Bühne aufbaut, füllt sich die Halle schon mit Leuten. Ob Jung oder Alt. Ob Old School, ob moderner Metal – tausende sind der Einladung gefolgt, einen lauten Abend zu erleben.

Nails Trias

Lange muss keiner warten. Irgendwann geht das Licht aus, die drei von NAILS klettern auf die Bühne und knattern mit 'Suffering Soul' und 'Lacking The Ability To Process Empathy' los. Das ist Crust-Punk, Hardcore und Uffta!Uffta!-Thrash. Tiefergestimmte Gitarre mit viel Distortion, kein Song geht länger als zwei Minuten. Trotzdem ist da viel Abwechslung drin, mal reduziert sich der Spielverlauf auf ein einzelnes, malmendes Riff, mal klingt das Ganze nach groovigem Death Doom. Die Musiker wirken auf der riesigen Bühne jedoch verloren, im Verlauf der zwölf Songs gibt's zudem einige Wiederholungen. Im Publikum bilden sich dennoch erste, zaghafte Moshpits, die den rohen Sound feiern. Motor und Blickfang ist übrigens Trommler Carlos. Der spielt das letzte Stück sogar im Stehen, kickt dennoch deutlich hörbar die Bassdrum und lässt seinen Blick über eine Meute schweifen, die mehr als nur Anstandsapplaus klatscht.

Exodus Trias R

Die Bühne wirkt durch das bis unter das Dach gezogene Backdrop mit dem Artwork der neuen EXODUS-Platte "Goliath" noch größer. Lauter Jubel, als während dem Einlaufsong 'We Will Rock You' von Queen Tom Hunting hinter sein Schlagzeug klettert bevor Gary Holt, Rob Dukes, Jack Gibson und Lee Altus vorne mit '3111' loslegen, dem ein 'Bonded By Blood' folgt, das mit dem Gebell von Brüllwürfel Dukes einen pöbelnden Hardcore-Vibe hat. Erst gewöhnungsbedürftig, dann richtig gut! Die Songauswahl der altgedienten Kalifornien-Thrasher ist gut gewählt: Von 'Deathamphetamine' über 'Blacklist' kommt man zu 'Goliath'. Lautstark unterstützt durch viele Kehlen wird danach Tom Huntings 61.Geburtstag gefeiert, der umarmt sichtlich gerührt seine Bandmates, die ihm sogar einen Kuchen auf die Bühne bringen lassen. Mit dem Schlußtriple 'A Lesson In Violence', 'Toxic Waltz' und 'Strike Of The Beast' kann man nix verkehrt machen! Die Halle feiert den Thrash Metal samt der Crunchy-Riffs, die Lee Altus und Gary Holt unglaublich lässig aus ihren Instrumenten ziehen. Der rüpelig wirkende Dukes schleicht sich immer wieder an sie ran um mit ihnen etwas zu posen und ihnen Plektren zu stibitzen, die er dann grinsend ans Publikum verteilt. Sehr guter, weil komplett unbeschwerter Auftritt.

Carcass Trias R

'Unfit For Human Consumption' und 'Buried Dreams' sind der Einstieg in den Set von CARCASS die am Anfang mit Soundproblemen kämpfen, dann aber den besten Drum-Sound fahren. Die Band hat links und rechts Röntgenprojektoren als Monitore auf der Bühne und setzt auf helles Bühnenbild und Licht, als Kontrast zu den anderen Bands. Spätestens nach 'Incarnated Solvent Abuse' und 'No Love Lost' läuft der Sound von Jeff Walker, Bill Steer und Nippy Blackford prima und auch der kurzfristig eingesprungene Opeth-Schlagzeuger Waltteri Väyrynen macht seine Sache richtig gut. Es fällt auf, wie die Truppe ihren eher hippiesk angehauchten Melodic Death Metal-Stil von heute in ältere Stücke einwebt. Soli wirken umfangreicher, manche Melodielinie zieht sich länger durch die Songs. Als CARCASS nach 'Dance Of Ixtab', dem einzigen Song von "Torn Arteries", einen Old School-Block mit 'Genital Grinder', 'Exhume To Consume', 'Corporal Jigsore Quandary' sowie 'Heartwork' lostreten, ist Alarm in der Halle: Fäuste in der Luft, Haare fliegen, Stagediver werden gesichtet und ein sichtlich zufriedener Jeff schnippst viele Plektren in die tobende Meute. 'Carneous Cacoffiny' zum Outro umfunktioniert... Top Gig!

Kreator Trias R

Projiziert man auf den vor die Bühne gehängten Vorhang animierte Bilder von Grausamkeiten, Zwistigkeiten und kriegerischen Handlungen durch die Zeitalter und spielt den alten Song 'Eve Of Destruction' dazu, befördert man so ein sehr deutliches Statement. KREATOR legen danach vor einem sehr plastisch gestalteten Bühnenbild unter den illuminierten Augen des Dämonen-Maskottchens mit 'Seven Serpents' und 'Hail To The Hordes' los. Sofort haben Mille, Sami und Frédéric ihre Fans in der Hand. Trotz Feuerfontänen und gezieltem Schuss der Konfettikanone in den Moshpit bei 'Enemy Of God' - der für sichtlich Spass bei den da umhertobenden Leuten sorgt – ist der größtenteils blau beleuchtete Eröffnungsblock stimmig auf Band und Musik ausgerichtet. 'Satanic Anarchy' noch, bevor Sergio Corbucci wieder tot ist, die Kreator-Figuren mit Fackeln aus der Finsternis treten und die Stimmung beim dunkelrot ausgeleuchteten 'Hate Über Alles' einen nächsten Siedepunkt erreicht. Passend zu den aggressiv hinterhergeklopften 'People Of The Lie' und 'Betrayer'. Lichtwechsel: Bühnenbild fluoriszierend und Flammenwände brennen hoch: 'Krushers Of The World'. Man inszeniert sich theatralisch. Noch deutlicher wirkt es, wenn Mille sich zu 'Loyal To The Grave' in Federschwingen hüllt und einer Statue gleich da steht, regungslos, beim Singen mit seinen Händen gestikulierend, alle Blicke auf sich ziehend. Nach dem feurig-giftig runtergerissenen 'Phantom Antichrist' folgt der Gänsehautmoment des Abends: 'Tränenpalast'. Britta Görtz springt auf die Bühne und singt mit Mille im Duett. Welch' eine Bühnenpräsenz beide verkörpern. Wahnsinn! Geburtstag kann KREATOR heute aber auch: Sami wird 54! Ein Geburtstagsständchen vom Publikum mit Brittas eindrucksvollem Gegrowle! Viel Beifall. Vier Songs gibt es noch, mit 'Endless Pain' und 'Pleasure To Kill' sind da sogar zwei Golden Oldies dabei. Ein rundum gelungener Abend!

Text: Wedekind Gisbertson
Fotos: Andrea Kisslinger