LEGACY - The Voice from the Darkside

Switch to desktop

Thursday, 24 March 2016 14:37

 

ORDEN OGAN, ALMANAC, MANIMAL @ Bochum, Matrix – 18.03.2016

Written by 

Wie sehr ORDEN OGAN zurzeit durch die Decke gehen, erahnt der Besucher der Eröffnungsshow ihrer ersten Headliner-Tour schon einige Stunden, bevor die Ordensbrüder auf die Bühne stapfen. Vor der Matrix-Tür reicht die Schlange bis in den benachbarten Vollsortimenter. Gut, kann man sich auch noch 'ne Knackwurst gönnen, bevor einem die erste Supportband MANIMAL die Lauscher frei föhnt.

Die Schweden sind ein wenig nervös, was nicht nur daran liegt, dass Drummer André bereits im ersten Song das Bassdrum-Fell reißt und das Ding erstmal innerhalb der nicht gerade üppigen Spielzeit gewechselt und gestimmt werden will. High-Pitch-Sirene Sam versucht sich in der Zwangspause als Entertainer und erzählt, wie er just stundenlang auf der Suche nach seinem Verlobungsring im Mülleimer einer Pommesbude zwischen benutzten Servietten, Gammelfleischresten und abgebissenen Fladenbroten herumgewühlt hatte, bevor ihm einfiel, dass er das kostbare Stück in der Garderobe vergessen hatte. Danach wollte ihm kaum jemand aus der ersten Reihe noch die Pranke abklatschen – aber gut. Die peinlich bemalten, aber dennoch grundsympathischen Jungs bringen mit ihrer Mischung aus mittelalten Priest und ganz alten Queensryche die Meute auf Temperatur und verdienen sich den mehr als achtbaren Applaus.

Den ernten auch ALMANAC umgehend, als die Smolski-Truppe am Erscheinungstag ihres Debüts „Tsar“ auf die Bühne stürmt. Das All-Star-Ensemble ist kurzfristig für die eigentlich geplanten Mystic Prophecy eingesprungen, die sich aufgrund einiger Ungereimtheiten bei den Absprachen wenige Wochen vor dem Tourstart ausgeklinkt hatten. Der unverhoffte Einsatz kam für ALMANAC so plötzlich, dass man Sänger Andy B. Franck (Brainstorm) nicht mehr rechtzeitig einpacken konnte. Da mit Pink Cream 69-Stimmwunder David Readman und Jeannette Marchewka vom Lingua Mortis Orchestra aber genug vokales Volumen anwesend ist, steht dem Siegeszug der historisch uniformierten Gang nichts mehr im Wege. Was schon beim Anhören des Albums erstaunt, explodiert live mit Macht vor den Schädeln der Anwesenden. Statt verkopfter Prog-Dudelei lassen die Akteure die Rock'n'Roll-Sau aus dem Stall. Mr Smolski hat es geschafft, trotz teils abgedrehtester Riffs in jeden Song eine eingängige Hookline und mächtige Grooves einzubauen. Wer bei Nummern wie 'Tsar', 'Self Blinded Eyes' oder dem Gänsehaut in Serie erzeugenden 'Children Of The Future' nicht abgeht wie die berühmte Luzie, ist so tot wie MANIMAL-Sams Mülleimer-Inhalte. Viktor Smolski genießt den offenbar zurückgewonnenen Spaß an der Mucke, gibt sich den Tonfolgen hin und grinst selig übers ganze Gesicht, während seine Frontleute die griffigen Melodien ins Publikum schmettern. Und hier sind wir beim Kritikpunkt des ALMANAC-Konzepts angelangt: Dass jemand wie Jeannette Marchewka so gut wie ausschließlich eingesetzt wird, um Harmonien zu singen, grenzt an Blasphemie. Gebt der Dame bitte künftig mehr Raum, liebe Leute.

ORDEN OGAN werden in naher Zukunft richtig groß. Wetten?

Von Beginn des Sets an spürt man, dass hier alles passt: Sound, Bühnenbild, Garderobe der Oganisten - und der Altersschnitt der Fans. Vom Teenie-Mädel bis zum Mittfünfziger ist alles am Start, was auf Metal der hymnischen Art steht. Da ist er, der Massenfaktor. Und alle gehen sofort steil. Kitschfaktor hin oder her: Seeb Lebemann und seine Jungs bekommen das Lächeln nicht aus den Gesichtern. Auch nicht, als der Frontmann im zweiten Song 'Land Of The Dead' vor lauter Begeisterung seinen Einsatz verpasst. Egal, die Band lacht's weg, die Fans fressen dem Quartett eh aus der Hand. Denn ORDEN OGAN füllen die Lücke, die Blind Guardian hinterlassen haben, nachdem sie nach „Nightfall In Middle Earth“ auf die Prog-Autobahn abgebogen sind, wie kaum eine andere Band aus. Besonders mit einem Album wie „Ravenhead“, das quasi nur aus Epen besteht, die sich umgehend in die Gehörgänge bohren.

Dem Chartbreaker wird folgerichtig der Löwenanteil der Setlist geopfert. Ganze sieben Songs der Scheibe bläst man spielfreudig ins Plenum. Doch natürlich dürfen auch Tracks wie 'We Are The Pirates' oder der Klassiker 'Mystic Symphony' nicht fehlen. Zudem gibt es jede Menge Live-Premieren. 'The Black Heart', 'The Lake' und 'The Ice Kings' verlieren ihre Unschuld. An das, was in 'The Things We Believe In' passiert, kommen diese Nummern aber nicht heran. Wahrscheinlich würde das Publikum jetzt noch „Cold, dead and gone“ brüllen, wenn ORDEN OGAN nicht irgendwann in die Kojen gewollt hätten.

 

Wenn man sich also nicht zu viele Gedanken über die Moorhexen-Kostüme und einige Klischeeparts auf den Veröffentlichungen des Vierers aus Arnsberg macht, sondern in erster Linie die Musik, die Live-Energie und den generellen Enthusiasmus der Jungs feiert, dann darf man sich mit ORDEN OGAN über ihren ersten Headliner-Triumphzug freuen. Die OGAN-Jünger in der knüppelvollen Matrix gehen mit gutem Beispiel voran.

(c) 2012 www.legacy.de

Top Desktop version