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ARCH ENEMY

Im Heft-Interview führte Alissa bereits an, dass Michael den Text zum letzten Album-Track ‘A Fight I Must Win’ geschrieben, sie ihn aber komplettiert und abgerundet hatte. Er bestätigt, dass auch dieser Song von Depressionen handelt. „Abhängigkeiten beispielsweise von Substanzen können einer Depression folgen –oder umgekehrt. Jeder kennt es, wenn man sich enorm zusammenreißen muss, um die eigenen Gefühle zu kontrollieren, etwas unterdrücken und bekämpfen muss, um fokussiert zu sein.“

Die heute so weitverbreitete Diagnose eines Burn Out ist nichts anderes als eine Überlastungsdepression. Angesichts der unfassbaren Detailverliebtheit in der Gitarrenarbeit – ein ARCH ENEMY-Song von vier Minuten hat mehr Leads und Licks, als 80 Minuten lange Alben normaler Bands – ist es kaum vorstellbar, dass Michael auch hin und wieder von Schreibblockaden verfolgt wird. „Das hat jeder, ich bin kein Roboter. Gleichzeitig war Musik aber immer das Refugium, wo ich alles loswerden konnte, was mich beschäftigt. Musik ist der Soundtrack unseres Lebens, aber für mich ist sie das komplette Leben. Ich bin seit meinem 14. Lebensjahr in Bands, seit ich Carcass mit 20 beitrat, bin ich professioneller Musiker. Es gab nie einen Plan B. Ich habe keinen Ausbildungsabschluss und nie einen normalen Beruf gehabt. Dabei ist mein Arbeitspensum enorm, viele Außenstehende bestätigen das. Ich habe verschiedene Unternehmen, habe Angestellte, muss permanent Entscheidungen treffen – und da sind die kreativen Prozesse noch gar nicht mit genannt. Musik war immer der Soundtrack guter Zeiten, hat mir aber auch in schlechten geholfen, durchzuhalten und mich zu erholen. Deshalb versuche ich, die ganze Bandbreite an Gefühlen in meine Musik einfließen zu lassen und nicht monothematisch zu agieren. So habe ich mit ‚The World Is Yours‘ und ‚The Eagle Flies Alone‘ auch Songs geschrieben, die schon in sich positiv aufgeladen sind und davon handeln, ein Individualist zu sein und seinen eigenen Weg zu gehen. Es gibt so viele Leute, die einem vorschreiben wollen, was man zu tun hat.“

Die erste Gitarrenmelodie von ‚The Eagle Flies Alone‘, die später als Piano-Outro den Song beenden, erinnern nicht nur den Interviewer an den grundlegenden Basslauf von Dismembers ‚Dreaming In Red‘, dem Schlussepos von „Indecent And Obscene“. „Sharlee hat mir das auch gesagt, als er das Demo zu dem Song hörte, weil er mal bei Dismember Bass gespielt hat. Ich kannte den Song gar nicht und war nur mit „Like An Everflowing Stream“ vertraut. Es ist nicht identisch, aber jetzt erkenne ich die Parallelen auch.“

Mit den alten Dismember-Jungs war Michael früh verbunden: Seine erste Albumaufnahme war das leider einzige Carnage-Album „Dark Recollections“ und das damalige Line-Up bestand neben ihm fast ausschließlich aus Dismember-Musikern. Was seltsam ist, da seine Heimatstadt Halmstad und Stockholm nicht eben nebeneinanderliegen, die Teenager damals größtenteils sicher kaum einen Führerschein hatten und man sich nicht eben Songideen übers Internet zuspielen konnte. „Die ganze Death Metal-Szene bestand Ende der 1980er nur aus Kindern wie uns. Es gab vielleicht in ganz Schweden 60 Jugendliche, die überhaupt wussten, was Death Metal ist. Grave lebten noch auf der Insel Gotland, in Stockholm gab es Dismember und Nihilist, die späteren Entombed. Treblinka, aus denen Tiamat wurde, und Grotesque aus Göteborg waren nicht wirklich Death Metal, sondern schwärzer. Tompa hab ich das erste Mal getroffen, als er 17 war, wie die meisten anderen auch. Interessanterweise sind die meisten von damals immer noch aktiv. Hoffentlich kommen Dismember wieder zusammen!“

Auch die Bands des unfassbaren 1999er Tour-Trosses aus Dark Tranquillity, In Flames, Children Of Bodom und ARCH ENEMY sind allesamt erfolgreicher, als damals - wenn auch auf unterschiedlichen Niveaus und mit unterschiedlicher Treue zu ihren Wurzeln. „Das war unsere erste längere Europatour und natürlich eine geniale Zusammenstellung. Damals hatten die Bands musikalisch mehr miteinander gemeinsam. Man könnte argumentieren, dass die Finnen und wir noch am nähsten am damaligen Metal dran geblieben sind: gitarrenorientierte Musik voller Soli. Aber wir haben und alle auch verändert. Man spricht heute noch über diese Tour, aber damals war uns gar nicht bewusst, welche Signalwirkung das hatte, weil wir alle noch nicht so populär waren. Ich habe eine Kiste mit den ganzen Backstage-Pässen und als ich umgezogen bin, fiel mir der von jener Tour wieder in die Hände. Heute hat man die Vorstellung, dass es eine riesige Tour gewesen sein muss, aber die Clubs waren alle nicht wirklich groß.“

Wie schon bei den letzten Alben entstanden rund um die eigentliche Produktion einige Coverversionen, die für Single-Bestückungen, Compilations und obligatorische Bonusausstattungen diverser limitierter Albumvarianten genutzt werden. Das meiste ist davon aus dem Punk und Core, si wie The Shitklickers, GBH, Moderat Likvidation und Anti-Cimex - schließlich hat Michael früher mit Disakord selbst solche Musik gemacht. „Aber wir haben uns für die Japanpressung auch ‚Back To Back‘ von den Pretty Maids vorgenommen.“

Für Alissa hätte auch ‚Hell On High Heels‘ gepasst. „Ist das ein Pretty Maids-Song? Ach, ein neuerer – ich kenne nur die erste EP, „Red, Hot And Heavy“ und Future World““, erweist sich der unechte Rotschopf einmal mehr als Traditionalist. Eine Art „Root Of All Evil - Re-Revisited“ wird es so schnell nicht geben. „Unser alter Manager hatte das damals irgendwie in den Platenvertrag mit Century Media reingebracht. Aber eigentlich hatten wir gar keinen Bock, die alten Songs aus der Johan Liiva-Ära mit Angela erneut aufzunehmen und haben das Projekt immer wieder vertagt. Es zählte ich nicht wie ein volles Album, für uns erst recht nicht. Ich persönlich mag immer die Originale lieber, weil sie eine bestimmte Atmosphäre haben. Wenn Iron Maiden andererseits mit Bruce „The X-Factor“ neu aufnehmen würden, wäre ich auch dabei. Ansonsten reicht die Live-Show doch. Sonst werden immer nur Vergleiche gezogen und es ist für uns Musiker schwer, ein Gefühl aus einer Aufnahme wiederaufleben zu lassen. Die Fans, die das alte Zeug schon lange kennen, werden selten mit solchen Neuaufnahmen warm. Alissa hat live gezeigt, wie stark sie die Songs aus der Angela-Ära interpretiert und mit der Live-DVD jüngst gibt es da genug Material.“

Angela Gossow bleibt der Band weiterhin als Managerin verbunden. Alissa hat nicht nur den Klargesang jetzt bei ‚Reason To Believe‘ eingeführt, sondern auch die Bandbreite der Screams und Growls nochmal erweitert. „Wir sind noch dynamischer geworden. Angela liebt ‚Reason To Believe‘ und sagt, dass sie diese Facette nie hätte einbringen können. Auch wenn ich das ganz anders sehe, hatte sie immer befürchtet, uns zu limitieren. Ich war mit ihrem Gesang immer glücklich, sie war eine großartige Performerin und hat nie stagniert. Ich habe aber immer schon von einer atmosphärischen Death Metal-Ballade geträumt.“ Als Referenzen nennt Amott die ehemaligen Kings Of Metal und Hannovers größten Rockexport. „Wir wollen den Song auch live spielen, obwohl er sicherlich sehr konträr aufgenommen wird. Aber seit wir eine Sängerin als Ersatz für Johan ausgesucht hatten, bekamen wir immer wieder Shitstorms ab. Man muss da einfach seinem Herzen folgen. Hätte ich immer auf alle anderen gehört, würde meine Karriere aus Null Songs bestehen. Wir haben auch keinen Druck verspürt, „War Eternal“ toppen zu müssen. Wir als Band haben viel Selbstvertrauen, ich in meine Fähigkeiten ebenso.“