LEGACY - The Voice from the Darkside

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Wednesday, 20 March 2013 14:33

 

Elements Of Rock Festival feiert headbangend den zehnten Geburtstag

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Greg Bishop (X-Sinner) Greg Bishop (X-Sinner) Michael Bolli

Mitte März 2013 in Uster bei Zürich. Der Frühling hat zwar weder kalendarisch noch meteorologisch begonnen. Doch die winterlichen Temperaturen können eine kleine, eingeschworene Fangemeinde von rund 400 christlichen Metal-Fans nicht davon abhalten, zum bereits zehnten Mal in Folge nach Uster zu pilgern, um in familiärer Atmosphäre mit Kutte, Corpsepaint und am Gürtel baumelnden Methörnern den Herrn zu loben. Für Außenstehende ist die Kombination „christlicher Glaube und Heavy Metal“ ungewöhnlich, doch die Wurzeln der Szene reichen zurück bis in die späten 60er Jahre, als in den USA die Jesus People eine christliche Gegenkultur zur Hippie-Bewegung gründeten. Auch damals schon mit "eigener Musik" bzw. der zu dieser Zeit populären Musik, aber grundlegend anderen Texten. Im Kern ist der Gedanke der gleiche geblieben. Eine der Ikonen der Szene ist Jayson Sherlock (Ex-Mortification, HORDE), der das Festival dieses Jahr besuchte. Er bringt sein Anliegen mit einer Metapher auf den Punkt: "Ich liebe Death- und Black Metal. Aber vor allem im Black Metal ist die Message meist düster und sehr negativ. Ich wollte mit meinem Projekt HORDE einfach in einen dunklen Raum gehen und das Licht anschalten. Nicht mehr und nicht weniger." Sherlock ist mit HORDE einer der Pioniere der Szene und tritt mit dem Ein-Mann-Projekt am Freitagabend ein letztes Mal auf. Nicht wenige Fans dürften deshalb den Weg nach Uster gefunden haben. Doch zuvor gibt es noch eine bunte Palette anderer Bands der verschiedensten Stilrichtungen zu erleben.

Den Einstieg macht um 19 Uhr die Schweizer Melodic Thrash-Band PATH OF CONFUSION. Ein undankbarer Job, denn der Saal ist noch eher bescheiden gefüllt, die Musikfreunde trudeln erst nach und nach ein. Offensichtlich hat das Quartett das erahnt und sich seine eigene, heftig in der ersten Reihe jubelnde Fan-Riege mitgebracht. Der Gitarrensound und die typischen Thrash-Riffs sind gelungen und rocken, Sänger Jonathan Suter ist eher die Schwachstelle der Kapelle. Doch das hindert die sympathischen Recken nicht daran, den fünfzig ersten Fans ordentlich einzuheizen.

ALIENS ATE MY SETLIST aus dem Raum Stuttgart gewinnen nicht nur den Preis für den humorvollsten Bandnamen, sondern sind mit ihrem knackigen Post-Hardcore gleich sehr präsent. Die Aufsteiger der deutschen CCM-Szene (Christian Contemporary Music) lassen eine astreine halbe Stunde mit stimmgewaltigen Screams von Sänger Nick den Staub durch das Hallenparkett rieseln. Der Rest der jungen, talentierten Band unterstützt fleißig-rockend mit deftigen Riffs und erstklassigen Drumbeats.

Die fünf Musiker der italienischen METATRONE sind runde 15 Jahre älter als ihre Vorgänger, legen dafür aber souverän-erfahren ihre progressive Power Metal-Setlist vor. Das Publikum ist um 21 Uhr nochmals mehr geworden, und man hat den Eindruck, dass das Festival jetzt "richtig" gestartet ist. METATRONE tragen dazu einen weiteren Teil bei. Die vielseitigen Power Metal-Gesangseinlagen von Sänger Jo können mehr als überzeugen, Gitarrist und Bandleader Stefano lässt seine Gitarrensaiten mit erstklassigen Soli und Riffs glühen. Keyboarder Davide Bruno sieht mit Priesterkragen und Kreuz-Pin am schwarzen Hemd nicht nur aus wie ein echter Priester - er ist tatsächlich einer! Was ihn keinesfalls davon abhält, dem Sound von METATRONE mit seinem Keyboard eine progressive Note zu geben und das Ganze mit ein paar echten Growls abzuschmecken. Sprich: Die vielseitige Combo lässt mit ihrem melodiösen Metal beim Publikum die Pulsfrequenz steigen und die Nackenmuskeln warmlaufen.

Genau zum richtigen Zeitpunkt, denn mit KING JAMES um Guitar-Hero Rex Carroll betritt anschließend die erste, überaus populäre US-Band die Bühne. 1993 aus Mitgliedern von Stryper, Whitecross und Sacred Fires gegründet, gaben KING JAMES dem 80er-Hardrock-Sound einen neuen Touch und konnten damit weltweit eine treue Fanbasis aufbauen. Auch wenn die Herren inzwischen etwas in die Jahre gekommen sind, ist ihr spürbarer Enthusiasmus für die Musik ungebrochen - die hohen musikalischen Qualitäten sind ohnehin unbestritten. Mit Rex Carroll steht an diesem Abend zweifellos der beste Gitarrist des Festivals auf der Bühne. Seine Blues-lastigen Gitarrensolos grooven gnadenlos, und Sänger Jimmy Bennetts ausgezeichnete Stimme und Bühnenpräsenz beweisen einmal mehr, dass die Amerikaner immer noch die besten Entertainer sind. Nach einem berührenden Glaubenszeugnis über die Heilung seiner Tochter feiert das charismatische Quartett das Lynyrd Skynyrd-Cover 'Mississippi Kid' ab, was leider nur recht wenige Zuschauer miterleben. Die Halle hat sich wieder etwas geleert, und etliche Festivalbesucher haben damit unabhängig von Metal-Genres einen der musikalisch besten Auftritte des Festivals verpasst.

Vielleicht wollten sich die zahlreichen HORDE-Anhänger ja vor deren letztem Auftritt noch einen Imbiss oder eine Zigarette genehmigen, denn pünktlich zum Einschalten der Nebelmaschine strömen an entsprechenden T-Shirts deutlich erkennbare (Un-)Black-Metal-Scharen in die Halle zurück. HORDE hatte 1994 mit dem ersten und einzigen Album nicht von ungefähr einen Stein ins Rollen gebracht. "Hellig Usvart" (Heilig Unschwarz) ist noch heute ein hervorragend rohes, schrilles und ultra-extremes Black Metal-Album im Stile von Burzum oder Darkthrone. In Ermangelung weiterer Songs spielt Anonymous (aka Jayson Sherlock) das komplette Album einmal komplett. In seinem dunklen Habit mit Kapuze und vom dichten Nebel auf der Bühne verhüllt, kann man Sherlock nur hören - das dafür umso mehr! Gnadenlose Maschinengewehr-Doublebass-Drums, extrem schriller Black Metal-Gesang und eine ebenfalls mit Sturmhauben maskierte Begleitband (Mitglieder der am nächsten Tag spielenden Band DROTTNAR), deren zuckende Hände die Saiten ihrer Gitarren schreddern. Ein grandios atmosphärisches Erlebnis für Freunde von extremen Metal-Klängen, nicht nur musikalisch. Es klingen noch laute, begeisterte Rufe nach einer Zugabe nach, als das Licht angeht und der Umbau für die letzte Band des ersten Festivaltages beginnt.

Gegen 1.30 Uhr betreten FOR CHRIST SAKE aus Nordirland die Bühne, um den Extreme-Metal-Sack für diesen Tag zuzumachen. Sänger Ben gibt zur fortgeschrittenen Zeit nochmal so heftig Gas mit seinen Screams, dass er es nicht sehr lange im schwarzen Sakko und der Sturmhaube aushielt und sich des zusätzlichen Stoffs entledigt. Hut ab für so viel Engagement inklusive zahlreicher Taktwechsel und technischer Spielereien um diese Uhrzeit und mit entsprechend ausgedünntem Publikum! Teils haben sich einige Metalheads auch schon im hinteren Teil der Halle zum Schlafen gelegt, einige wenige Unverwüstliche feiern auch nach fast sieben Stunden heftig moshend, aber der Großteil der Metal-Gemeinde hat sich auf den Heimweg gemacht. Schließlich gilt es, den nächsten, noch früher beginnenden Festivaltag frisch ausgeruht anzutreten.

Der Samstag beginnt mit einem echten Kracher: NECROBLATION aus Lausanne in der französischen Schweiz haben erst zwei Wochen vor dem Festival ihr erstes Album "Ablation Of Death" veröffentlicht und klingen frisch und old-schoolig zugleich. Der sympathische Sänger und Gitarrist Jonathan Schmutz lässt Todes-Growls aus den Boxen dröhnen, die wohl selbst John Tardy von Obituary anerkennend nicken lassen würden. Gitarrentechnik und -sound sind exzellent, aber auch Basser Greg und Drummer Yannick stehen dem in nichts nach, und so hämmert das Trio dem Publikum ein absolut fantastisches Death Metal-Brett in die Gehörgänge. Gnadenloser, brutaler und meist ultraschneller Old School Death Metal mit Texten, die eine unmissverständliche christliche Message transportieren. Was für ein Auftakt, ein echtes Versäumnis für jeden, der den Kickoff am Samstag verpasst hat, und die Nachwuchs-Entdeckung des Festivals!

INNERSIEGE aus den USA schrauben den Härtegrad mit ihrem Melodic Power Metal europäischer Prägung wieder zwei Gänge herunter. Ihr solider Sound erinnert an Iron Maiden, Hammerfall oder Kamelot, lässt aber leider trotz großem Engagement, Bühnenpräsenz und musikalischer Güte für eine Band, die sich als "Melodic" bezeichnet, die großen, einprägsamen Melodien vermissen.

SACRIFICIUM aus dem Raum Stuttgart sind alte Bekannte des Festivals und schon mehrfach aufgetreten. Sänger Claudio Enzler agiert dann auch als erster Musiker intensiv mit dem Publikum zwischen den erbarmungslosen Old School Death Metal-Songs mit klassisch tief gestimmten Gitarren. Die langjährige Bühnenerfahrung der Schwaben, die bald ihr 20-jähriges Bandjubiläum feiern, ist sprichwörtlich greifbar und macht den Auftritt neben dem derbe genialen Sound und der sympathischen Natürlichkeit des Frontmanns zu etwas Besonderem.

NOMAD SON aus Malta gewinnen mit ihrem orientalisch angehauchten Kreuzritter-Doom nicht nur den Preis für den exotischsten Herkunftsort, sondern auch für die schleppendsten Gitarrenriffs. Die Mischung aus Doom und Power Metal (vor allem beim Gesang) gefällt dem Publikum, nicht zuletzt das Keyboard gibt dem gelungenen Mix nochmal eine besondere Kopfnote.

Mit X-SINNER, WHITECROSS und DROTTNAR stehen zum Höhepunkt nun nochmal drei beim EoR-Publikum besonders beliebte und bekannte, wenn auch gänzlich unterschiedliche Bands an. Auch ein völlig Außenstehender kann das an den Zuschauerzahlen im Publikum unschwer erkennen. Sicherlich, der fortgeschrittene Samstagabend mag dafür verantwortlich sein, dass nun die Metalheads aus allen Löchern kriechen. Doch damit lässt sich der frenetische Jubel für X-SINNER nicht erklären, dann doch eher mit dem groovigen, absolut energiegeladenen und Blues-orientierten Hard Rock, den das Quintett um Bandleader Rex Scott unter anhaltendem Applaus abfeiert. Der an AC/DC oder Def Leppard erinnernde Hard Rock mit simplen, aber groovenden Riffs und der charakteristischen Stimme Scotts bewegt die Fangemeinde ungemein, im wahrsten Sinne des Wortes! X-SINNER verlassen schließlich zu anhaltendem, lautstarkem Applaus verschwitzt, aber sichtlich zufrieden die Bühne.

Dann folgen endlich WHITECROSS, die bereits vor zwei Jahren am EoR begeisterten. WHITECROSS waren Anfang der 90er Jahre eine der bekanntesten und erfolgreichsten sogenannten White-Metal-Bands, mit großartigen Musikern und einer weltweiten Fangemeinde und sind nach wie vor aktiv. Neben der Musik, die als klassischer Metal/Hardrock (à la Bon Jovi oder Guns N' Roses) beschrieben werden kann, stand bei WHITECROSS schon immer die Vermittlung der christlichen Message im Vordergrund. Sänger Scott Wenzel ist in die Jahre gekommen, aber hüpft strahlend über die Bühne wie ein begeisterter Floh. Den Mikroständer mit einem Tuch dekoriert, geben die vier in die Jahre gekommenen Herren alles für den Herrn und zeigen dem jungen Gemüse, wozu erfahrene Live-Musiker imstande sind. Saitenzauberer Rex Carroll verwöhnt alle Gitarreros mit ausgedehnten Gitarrensoli, Fingerpicking und was sonst dazu gehört. Schlagzeuger Michael Feighan spielt ein erstaunliches Drumsolo ohne Drumsticks und gibt als Zugabe nach dem WHITECROSS-Klassiker 'In The Kingdom' noch den Sänger beim Guns N' Roses-Cover 'Knocking On Heaven's Door', bei denen das Publikum begeistert mitsingt.

Nach einer vorletzten Umbaupause kommen erneut die Nebelmaschine und der Bühnenvorhang zum Einsatz. Ein deutliches Zeichen für den "Bunker Metal" von DROTTNAR aus Norwegen, die in ihren als Markenzeichen bekannten kommunistischen Uniformen ihren eigentümlichen, experimentell-progressiven Black Metal zelebrieren. Die Performance ist wie immer beeindruckend, auch wenn der Extreme Metal nicht besonders zugänglich ist. Atonal, mit vielen Takt- und Rhythmuswechseln, technisch, chaotisch, sehr vielseitig und absolut faszinierend.

NAHUM aus der Tschechischen Republik haben die eher undankbare Aufgabe, nach einem solchen Knaller und gegen 2 Uhr morgens das Festival abzuschließen. Den Job erledigen sie erstaunlich, mit viel Power und positiver Ausstrahlung endet das Festival kurz vor drei Uhr nach den letzten Klängen von NAHUMs Death Metal.

Was für eine gelungene Jubiläums-Metal-Geburtstagsparty, die der Trägerverein in ehrenamtlicher Arbeit da auf die Beine gestellt hat! Kenner des Festivals dürften nichts anderes erwartet haben, doch die sehr gemütliche, familiäre Atmosphäre begeistert selbst langjährige Freunde immer wieder. Auf welchem Festival sitzt schon der Bandleader eines der Headliner (Rex Carrol von WHITECROSS) im Foyer der Halle und probiert umgeben von Fans eine neue Gitarre aus? Wo teilen sich Bands und Fans im selben Foyer einen Tisch, um gemeinsam ein Bier zu kippen und über Gott und Metal zu fachsimpeln? Auf dem Elements Of Rock Festival kann man Vorurteile zu Christen und dem Christentum abbauen, die Liebe zum Metal rangiert bei den meisten Freunden nur knapp hinter der Liebe zu Gott. Bassist Greg Whooper von NECROBLATION, der selbst kein Christ ist, bringt es auf den Punkt: "Yannick und Jonathan haben mich, ohne mich zu verurteilen, herzlich in die Band aufgenommen. NECROBLATION hat dazu beigetragen, dass ich mich mit Religion im Allgemeinen und dem Christentum im Besonderen versöhnt habe."

Fotos mit freundlicher Unterstützung von Michael Bolli

Media

DROTTNAR - WE MARCH DROTTNARLEGION via Youtube

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