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Alle Fotos von www.konzertfotografie.hamburg, © Jan Termath

OST+FRONT, ENTER TRAGEDY, TRAGEDY OF MINE – 21.04.2017 – Flensburg, Roxy

Hoch oben an der Nord+Front, somewhere in time or a Industriegebiet in Flensburg. Dunkle Wolken ziehen auf. Es ist grau und nieselt und so weiter. Lassen wir das Vorspiel …

Punkt 20 Uhr legen sich die Newcomer TRAGEDY OF MINE mächtig ins Zeug und haben das schwere Los gezogen, welches Vorbands und Vor-Vorbands häufig in die Hände fällt: die Zurückhaltung der Zuschauer. In diesem Fall ist nicht nur die besondere (und vor allem nordische) Zurückhaltung, sondern auch die Anzahl der Gäste eine Tragödie. Oder sind die Leute hoch oben im Norden Deutschlands so gemütlich, dass man erst zur Hauptband hingeht? Oder vielleicht herrscht in Flensburg ja auch der 16-Stunden-Arbeitstag, so dass man gar nicht hätte früher vor Ort sein können? Wie dem auch sei, TRAGEDY OF MINE liefern ab und ziehen ihren Melodic-Metal mit Spielfreude durch. Sänger Steven erkennt die maue Lage und verzichtet auf lange Ansagen, so dass die Konzentration zweifelsohne auf der Musik liegt (die im September 2016 erschienene EP „The Beginning“ bildet das Hauptaugenmerk). Definitiv ist die Stimme eine Stärke der Band. Growls und klarer Gesang wechseln sich in einem qualitativ hoch anzusiedelnden Format ab. Ein munteres Auf und Ab herrscht auf den mitgebrachten Podesten aus Bierkästen mit gelasertem Bandlogo inkl. Bodenbeleuchtung, auf denen sich die Gitarristen Victor Vu und Marcel Roth mit ihren 7-Saitern frickelige Duelle liefern; bestens aufeinander eingespielt, fette Riffs und doppelte Harmonie-Soli mit einem Hauch Iron Maiden. Generell hat der 5er das wohl technisch anspruchsvollste Material des Abends in der Tasche. Zwischendurch gibt es kurze Soundprobleme, die fix gelöst werden können (Bühnensound soll, nach Aussagen der Band, um einiges bescheidener gewesen sein). Vor der Bühne ballert die Anlage saubere und fette Klänge heraus, vor allem das Schlagzeug ist extra knackig und verteilt satte Tritte in die Intimbereiche der rar gesäten Zuschauer. Ein Banger bleibt eisenhart und feiert die Jungs direkt am Absperrgitter ab. Und siehe da. Es passiert doch noch etwas im Roxy: im hinteren Teil sind mehrere hart bangende Leutchen und so kann auch ein "Altherren-Stammtisch" jenseits der 30, die anfangs den "jungen Lärm" belächelten, am Ende überzeugt werden, es folgt sympathisches Begutachten und Beifallgeklatsche, und das von so gut wie allen Anwesenden. Mit dieser Band darf zu rechnen sein. 

Mittlerweile lassen sich auch die Flensburger blicken. Das Roxy füllt sich und ENTER TRAGEDY aus Guben, direkt an der polnischen Grenze, haben allerhand Bühnenschnick-Schnack inkl. Äxten, Redepodest, Kreuzen, Masken, zerhackstückelten Puppen im Hellraiser-Pinhead-Stil usw. aufgefahren. Zudem hat die Band bei Sklavenzentrale.com angerufen und sich einen mit Kartoffelsack-überstülpten Bimbo liefern lassen, der den gesamten Auftritt auf dem Bühnenboden verweilen darf, ab und zu kopfgefickt wird, zur Gnade aber später noch einen Wassernapf hingestellt bekommt. Die uneinheitliche Bühnenkostümierung ist ein wild düsteres Kuriositätenkabinett: Ein Sänger mit blutverschmiertem Hemd, ein bassspielender Mönch, eine gotische Keyboardspielerin in zerrissenen Strumpfhosen, ein Gitarrist in schwarzem Rüschenhemd, der andere im weißen Hemd und ein Muskelshirt-Drummer mit Axt. Vielleicht dient das der „Ästhetik des Hässlichen“, mit der die Band ihr dunkles Liedgut unterstreichen möchte. Das Musik von ENTER TRAGEDY ist vielleicht am ehesten dem Dark Metal mit Gothic-Einflüssen zuzuordnen, die gruselig poppigen 80er-Synthiparts von Keyboarderin Antje Tommack bereichern den Sound des Sextetts um schön tragende Flächen. Und doch gibt es auch hier immer wieder laut pfeifende Tonprobleme. Sänger Christian wechselt in den meist deutschen Texten zwischen hohem Gekreisch und gutturalem Gegrunze, welches wirklich finster rüberkommt; die im Mid-Tempo angesiedelten Songs untermauern das. Die Band findet hier auf jeden Fall einigen Zuspruch. Während der Sklave zum Tisch und auf den Boden schlagenden Fussabtreter wird, zerbeißt Sänger Christian Blutkapseln und weist die Anwesenden freundlich darauf hin, dass ihre Alben „Sounds Of The Fallen“ und „Anthropozän“ am Merchandise-Tisch zu erwerben sind, denn: „auch im Osten haben wir CDs, die haben wir mal mitgebracht.“ Danach dreht er beim letzten Song ein paar Runden durchs soweit zufriedene Publikum.

Kommen wir zu Fleischliebhabern und zum heutigen Headliner: OST+FRONT aus Berlin. Immer wieder „Rammstein-Plagiat“-Vorwürfe etc. – und doch kann man der Band ihre Eigennote nicht absprechen. Insgesamt wirken OST+FRONT dreckiger, härter und auch finsterer als die Vorbilder mit internationalem Erfolg. Die CD-Single „Fiesta De Sexo“ im limitierten Digipak (im März erschienen) dient als aktuelles Motto „Tour De Sexo“. Gut Schlacht!

Nun sind die meisten Menschen vor Ort und trotzdem bringt es das Roxy nur auf halbe Kapazität, während laute Marschmusik als Intro ertönt. Nacheinander betreten die Herren die Bühne, allen voran Eva Edelweiss als kaputte Zombie-Krankenschwester im Dirndl, welche erstmal die Leute ermutigt, und dies umgehend funktioniert. Die Band ist blutverschmiert, geschminkt und mit Hannibal-Lector-artigem Mundschutz ausgestattet. Der „Klassenkampf“ kann beginnen. Zuallererst fällt auf, dass die besten Lichtverhältnisse des ganzen Abends herrschen; atmosphärische Bodenstrahler und ein einzelner Frontleuchter von unten für Sänger Herrmann Ostfront im Ledermantel, der bald ausgezogen wird und die übliche Schlachtertracht zum Vorschein kommt. Seine Stimme, die sich schon beim Soundcheck eindringlich und kraftvoll zeigte, thront hier über dem bombastisch drückenden und rhythmischen Sound der Band (die Roxy-Anlage bringt ordentlich Dezibel!), vor allem in den gesungenen Passagen. Bei ‚Fiesta De Sexo‘ kommt Frau Edelweiss mit Mega-Sombrero hinter ihren Keyboards hervor und unterstützt tanzend am Mikro. Die Stimmung ist gut und bleibt bis zum Ende – nach einer anderthalbstündigen Show – aufrecht erhalten. Das liegt unter anderem am routinierten, straffen und unterhaltsamen Ablauf. Die Setlist umfasst jeden Diskographie-Output und liest sich per Auszug ungefähr so: ‚Fleisch‘; ‚Liebeslied‘; ‚Krüppel‘; ‚Dawaj Dawaj‘; ‚Sonne, Mond und Sterne‘; ‚Gang Bang‘; ‚911‘; ‚Volksmusik‘; ‚Mensch‘ und die abschließende Zugabe ‚Bitte schlag mich‘ – insgesamt werden über 20 Filetstücke rausgeschnitten. Zwischendurch schreitet Eva mit medizinischem Tropf und Blutpackung durch die Reihen und verteilt eine Spezialfüllung in die Münder der willigen Fans – die Vermutung liegt hier auf ein schmackhaftes Energy-Wodka-Gemisch.

Es stimmt: OST+FRONT erinnern in wirklich allen Markenzeichen stark an Rammstein, ob es die Vortragsweise der ähnlichen (und ähnlich betonten) Texte, der Sound oder sogar der steife Habitus ist. Doch wie schon eingangs erwähnt, bleiben OST+FRONT in ihrer schwarzhumorigen Porträtion der dunklen Seite des Menschen überraschend eigenständig und interessant. Das austauschbare Schild auf dem Podest von Eva E. sagt „Danke“.

 

Ein abwechslungsreicher Konzertabend, der mit mehr Leuten sicher etwas mehr Spaß gemacht hätte. Doch soweit das zu begutachten war, haben diejenigen, die an diesem Freitagabend da waren, mit Sicherheit den ihren gefunden. Die Flenser wurden nicht unbedingt ausgeweidet, aber umgeblasen. Durch Nieselregen trägt man jetzt diverse Tötungs- und Sexfantasien mit sich herum, lässt diese aber beim Abschiedsbierchen „unausgelebt“ in den Gehirnwindungen versickern. Und welche Band den Elisabeth-Bathory-Grabstein mit Rechtschreibfehler als Bühnendeko benutzte, ist nachträglich auch nicht mehr auszumachen. Lost somewhere in time …

 

Alle Fotos von www.konzertfotografie.hamburg, © Jan Termath 

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