Die Aussicht auf ein neues NILE-Album dürfte den meisten Death Metal-Fans schwitzige Finger bereiten. Schließlich haben die Amerikaner nicht nur ihre völlig eigene Nische gefunden, sondern überzeugen seit dem Debüt „Amongst The Catacombs Of Nephren Ka“ mit ausschließlich erstklassigen Platten. Und so lässt auch „At The Gates Of Sethu“ keine Schwächen oder gar Abnutzungserscheinungen erkennen. Wohl aber deutliche Unterschiede zum direkten Vorgänger „Those Whom The Gods Detest“: Die Songs sind allesamt kürzer, und der letzte Song geht knappe zehn Minuten früher über die Ziellinie. So kehrt „At The Gates Of Sethu“ zu den Tugenden von „Ityphallic“ und „In Their Darkened Shrines“ zurück. Dabei erfinden sich NILE natürlich nicht neu, wohl aber drehen sie gekonnt an diversen Stellschrauben. Gitarrist Karl Sanders ist jedenfalls vor allem froh, dass die neue Scheibe im Kasten ist, und erlaubt sich daher noch keine Einordnung der Platte in die eigene Diskografie. „Ich habe zehn Monate meines Lebens mit fast nichts anderem verbracht, als an diesem Album zu arbeiten. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich nicht nur froh, fertig geworden zu sein, sondern tue gut daran, dieses Album zu lieben. Warum sollte man sonst so viel Zeit damit verbringen, wie ein Irrer zu arbeiten, haha.“ Fest steht auf jeden Fall jetzt schon, dass die Arbeit Früchte getragen hat. Dabei ist der erste offenkundige Unterschied zum Vorgänger der Sound. „Der Gitarren-Sound ist anders. Sehr heavy, aber noch artikulierter als beim letzten Mal. Die ganzen Details der Riffs springen mich förmlich an. Der Schlagzeug-Sound ist ebenfalls ein Quantensprung. Außerdem stehen die Vocals wieder mehr im Vordergrund wie auf den ersten NILE-Platten.“
Generell kann man den Sound nur loben. Zwar haben NILE schon immer zu den Bands gehört, die einen möglichst natürlichen Sound zu erzeugen wussten, doch auf „The Gates Of Sethu“ scheinen die Amerikaner alles richtig gemacht zu haben. Einen gewichtigen Anteil daran hat natürlich Neil Kernon, der einmal mehr der Produzent der Wahl war. „Neil ist mit Leib und Seele dabei und arbeitet hart. Er produziert seit 40 Jahren Platten und hat einen unglaublichen Erfahrungsschatz. Auch Neil wollte alles Notwendige tun, damit „At The Gates Of Sethu“ das beste NILE-Album aller Zeiten wird. Das Schlagzeug klingt echt, weil es echt ist. Und ein echtes Schlagzeug bei unserem Tempo aufzunehmen und anschließend auch noch gut klingen zu lassen, ist nicht einfach. Neil hat wirklich geschuftet und rangeklotzt, damit die Drums nicht nur gut klingen, sondern auch komplett ohne technische Hilfsmittel auskommen. Wir hatten zwar auch Trigger an der Kickdrum, aber wir haben dann doch nur das Signal vom Mikrofon verwendet, weil es so besser klang. Der mikrofonierte Sound hat einfach besser wiedergegeben, was George gespielt hat als die verdammten Trigger.“
Dass „The Gates Of Sethu“ insgesamt kürzer geraten ist, war ebenfalls eine bewusste Entscheidung, wie Karl bestätigt. „Die Songs sind sehr fokussiert und auf den Punkt gespielt. Ich höre die ganze Zeit zwei Dinge von Fans: Die einen sagen, dass sie mehr epische Songs wollen. Die anderen wollen kürzere Songs, weil sie epische Songs langweilig finden. Dieses Mal haben wir kurze und mittellange Songs. Auf der nächsten Platte wird es vielleicht wieder genau andersherum sein.“ Noch vor der Veröffentlichung der neuen Platte über die darauf folgende zu sprechen, ist natürlich Stochern im Nebel. Dennoch dürfte es auch für NILE nicht einfacher werden, ihrem Sound immer wieder neue Aspekte abzuringen und trotzdem ihre Anhängerschaft nicht zu verprellen. Doch da gibt sich Karl pflichtbewusst: „Ich habe diesmal ein paar Songs geschrieben, die es nicht auf das Album geschafft haben, weil sie sich zu weit von der NILE-Identität entfernt hatten. Ich glaube, dass unsere Fans mittlerweile eine berechtigte Erwartungshaltung haben, was sie sich von einem NILE-Album versprechen können. Es ist wichtig, neue Ideen zu entwickeln und gleichzeitig dem zu entsprechen, was die Fans erwarten. Es wird von uns jedenfalls kein „Cold Lake“ geben.“ Wobei es nicht uninteressant wäre zu hören, was das im NILE-Kontext bedeuten würde.