…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer, wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!'
Nummer 666 meiner Liste: Habe von Zeit zu Zeit den Glauben an den Underground verloren
Sicher habe ich schon oft darüber philosophiert, dass es nicht in meinen Kopf will...
…wieso Bands wie Volbeat, die für mich auch nicht mehr oder weniger heavy als Coldplay sind, das Cover der Fachpresse zieren.
…warum böse Leute, die sich mit Blut besudeln und Corpsepaints tragen, mittlerweile Hollywood-Schauspielerinnen nageln und Wein anbauen.
…warum Mitglieder von Death Metal-Bands ungestraft sagen dürfen, dass sie froh sind, dass ihre Kinder noch zu klein sind, um mitzubekommen, wie Papa seine Brötchen verdient.
…wieso sich keiner dafür verantwortlich fühlt, dass Lieblingsbands ohne ihren Sänger touren müssen.
…warum Idole der harten Musik plötzlich in ihrer Bio schreiben, dass ihre Lieblingsband die Beatles sind und ihr Lieblingsgetränk Waldmeisterlimo ist.
Da fragt man sich doch oft, was da los ist! Oder? Aber vielleicht sehe ich das ja ganz alleine so?! Oder ich habe, wie man mir auf Facebook schon mal sagte, einfach nur 'ne große Fresse?!
Wer weiß das schon...
Am Wochenende war ich auf jeden Fall erst einmal wieder in einer Glaubenskrise! Viele wissen es nicht, aber wir (meine Band und ich) organisieren jedes Jahr ein Minifestival, welches sich „Noise gegen Armut“ nennt. Die Idee ist uns 2008 gekommen, als uns drei Dinge aufgefallen sind. 1.) Mit extremer Musik kann man selten was Zählbares verdienen. 2.) Wir spielen alle super gerne live. 3.) Manche Leute wissen nicht, wie sie an eine warme Mahlzeit kommen sollen. Gesagt, getan!
Die Begünstigte stand schnell fest… Es handelt sich dabei um Frau Andrea, die mit ihren fast 80 Lenzen jeden Tag in der Gelsenkirchener Armenspeisung Rappelkiste Menschen kostenlos bewirtet.
Also ging die Planung los! Für uns war schnell klar, dass wir alle zufrieden stellen wollen. Die Bands, die Fans und Rappelkiste! Also legten wir los und bewirteten unsere Bands und sorgten für Zuschauer! Die Zuschauer beglückten wir mit einem guten Ticket-Preis, tollen Bands und einem gratis Merchartikel für schlappe 9,- Euro! Die 9,- Euro sorgten für den Überschuss, der an Rappelkiste geflossen ist. Eine himmlisch runde Sache, wie wir meinten!
Die passende Location mit einem „Gott sei Dank“ idealistischen Inhaber, dem das Gelingen der Veranstaltung weit über den Profit geht, war auch bald gefunden, ebenso drei Bands, und schon ging 2009 die erste Sause mit Eat My Body, One Bullet Left und Yuppie-Club ab. Das Konzert war eine tolle Party, und es kam einiges für den guten Zweck zusammen.
Wir waren so motiviert von der tollen Stimmung, aber auch der Opferbereitschaft der Metaller und Punker, von denen manche selbst nicht immer genug für sich haben, dass wir uns sagten, dass diese Sache was ganz Großes werden muss. Und es schlug wunderbar ein! Ein Fest, an dem über 200 Leute Spaß hatten!
Die Sache hat sich schnell rumgesprochen, und wir konnten im Jahr darauf, 2010, das erste Mal mit 350 Leuten das Schild „ausverkauft“ draußen aufhängen.
Es hätte immer so weitergehen können, aber so ist es halt nur im Paradies. Im folgenden Jahr waren es nur noch 230 Fans, und vor wenigen Wochen wurde der historische Tiefstand mit gut 100 Besuchern erreicht.
Unsere Wut und Verzweiflung waren groß, und wir zermarterten uns den Kopf, woran das Ganze gescheitert ist. Falsche Bands? Zu wenig Promo? Schlechter Tag? Zu Viele Gegenveranstaltungen?
Woran liegt es wirklich, dass ein Death Feast nicht mehr stattfindet? Jeder, den ich kenne, der harte Musik mag, hat das Death Feast geliebt und geschätzt! Also warum mussten die Organisatoren aufgeben? Gottes Wille?
Liegt es an dem unsagbaren Überangebot oder daran, dass der Fan heutzutage genauso wie bei illegalen Downloads nur noch gierig seine Pranke nach allem, was umsonst oder fast geschenkt ist, aufreißt? Gibt es wirklich keine echten Fans und Idealisten mehr? Ist die Szene wirklich mausetot??
NEIN!!!!!
Und ich kann auch sagen, warum nicht!
Als wir beim letzten „Noise gegen Armut“ vor wenigen Wochen mit hängenden Köpfen die verkauften Tickets durchzählten, um das Ausmaß des Desasters zu ermitteln, und danach den Backstage-Bereich betraten, ging die Sonne auf. Da war eine Band mit jungen Burschen die nicht aufhörten, sich dafür zu bedanken, dass sie beim Noise gegen Armut spielen durften. Da waren Musiker, die viele Kilometer gefahren sind, um für 'nen Appel und ein Ei vor einer Handvoll Leute zu spielen. Da waren Männer, die sich an einem Samstagabend um Frau und Kind hätten kümmern können, anstatt nach Oberhausen zu fahren. Alle haben viel auf sich genommen, um dabei zu sein. Und das alles nur für die Musik und den guten Zweck! Nicht für den Erfolg, nicht für einen Plattendeal, nicht für Kohle… sondern für die Musik!
Alle tratschten, feierten, tranken Bier und tauschten sich aus! Selbst Prominente waren dabei! Keiner beschwerte sich bei uns, weil so wenig Leute da waren oder es keinen Schnaps gab! Und auch in der Halle unterhielten sich die Menschen noch bis in den späten Abend über die Shows der vier Bands und wie schön das doch alles war! Alles war harmonisch, und alle waren rundum zufrieden!
Wenn also so etwas möglich ist, dann lebt die Szene! Ich weiß nicht, wie groß sie ist… aber sie lebt! Und sie wird weiterleben…
…solange es noch ein Magazin gibt, das für solche Veranstaltungen Anzeigen zum Selbstkostenpreis raushaut.
…solange es noch eine Bands gibt, die für solche Veranstaltungen vom Arsch der Welt anreisen.
…solange es noch einen Menschen gibt, der seine Halle für Lulu zur Verfügung stellt.
…solange es noch einen Musiker gibt, der den halben Tag im Auto sitzt, um für 'nen kranken Kumpel einzuspringen.
…solange es noch einen Menschen gibt, der so etwas zu schätzen weiß.
…solange werde ich an die Szene glauben!
Bekomme ich von Euch ein Amen?
Jeder weiß, dass ich diese Kolumne schreibe, um mich zu entschuldigen. Und heute ich bin hier, um mich für meinen Frevel zu entschuldigen! Ich will verflucht sein, wenn ich noch einmal auf die Idee komme, dass die Szene tot sein könnte! Ihr wart die ganze Zeit da draußen, und jetzt konnte ich es endlich sehen! Danke!
P.S.: Und Gott ist mein Zeuge… mit Szene meine ich nicht den Wacken- und Rock am Ring-Campingurlauber!
Nächstes Mal: Nummer 112 meiner Liste: Habe Heinos Idee, Rammstein zu covern, für witzig gehalten!
Über FREI.WILD wurde in den letzten Jahren und besonders Wochen schon sehr sehr viel geschrieben; das meiste sowohl auf Pro- als auch auf Contra-Seite höchst unfundiert. Die Diskussion hat inzwischen auch Legacy-Redaktion und -Leser erreicht, da die Band in der Vergangenheit immer wieder Berichterstattung durch das Magazin bekommen hat. Hier sollen der Kolumne entsprechend alleine die Texte für oder gegen FREI.WILD sprechen. Zu Philipp Burgers Nazivergangenheit mit der Band Kaiserjäger und seiner 2008 stattgefundenen Kontaktaufnahme zur rechtspopulistischen Partei Die Freiheitlichen, die unter anderem die Schaffung eines Freistaats Tirol anstrebt und Angst vor Islam und Überfremdung hat (z.B.http://www.die-freiheitlichen.com/index.php/unsere-arbeit/pressemitteilungen/4718-fragestellung-ist-der-geplante-islamische-friedhof-in-bozen-ein-modellfall-fuer-ganz-suedtirol-), wurde an anderen Stellen (z.B. FREI.WILD selbst: http://www.die-macht-der-medien.de/) bereits vieles gesagt und sollte zumindest im Hinterkopf bleiben. Wenn die vielleicht tatsächlich überwundene Vergangenheit eines einzelnen Musikers den Konsum einer ganzen Band verbieten soll, dann dürfte eigentlich auch niemand Alcest hören; immerhin hat Neige in jungen Jahren mit Peste Noire „Aryan Supremacy” eingespielt. Von FREI.WILDs großem Vorbild, den Böhsen Onkelz, ganz zu schweigen. Also werden wir uns in ehrlicher Arbeit durch die knapp 130 Songtexte der Band rackern und nach Themen gegliedert schauen, wie denn die harten Fakten aussehen. Das Spannendste kommt dabei natürlich zum Schluss. Dass wir uns auf diesem Weg so weit wie es irgendwie möglich ist, von Lyrik und Schöngeist entfernen, dürfte angesichts der Einstellung „Offensiv, direkt und ohne schleimiges Gerede” klar sein. Jeder Kommentar zu Form und Stil entfällt daher; betrachten wir das Gesamtwerk lieber als eine Art umgangssprachliche Wutrede, bei der allein der Inhalt zählt.
Männerfreundschaften
Vielleicht der wichtigste und allgemeinste Identifikationspunkt mit FREI.WILD ist die Betonung, wie wichtig und ewig Freundschaft ist. In einer nicht enden wollenden Menge an Songs, die hier nicht alle einzeln genannt werden können, wird Zusammenhalt und Treue beschworen. Besonders markant in ‚Unterwegs’: „Einheit steht für vieles, steht für Macht. / Freundschaft schweißt zusammen, gibt ihr Kraft. / Doch wer ewig aus der Reihe tanzt und eigene Wege geht, / Ist das schwächste Glied, das auf dem Loser-Teppich steht” oder mit Betonung der Männlichkeit „Wir halten zusammen - Mann für Mann!” in ‚Irgendwer steht dir zur Seite’. Wer dieses heiligste Gut wiederum missachtet, wird doch sehr deutlich abgefertigt: „Fremder Gast alter Freundschaft / Warst Kumpel und jetzt so ein mieses Schwein. / Arschloch ist dein wahrer Name, / Dein Verhalten holt dich jetzt ein.” (in ‚Arschloch’, ähnlich auch ‚Ich lache über dich’). Erst im späteren Schaffen finden sich auch etwas nachdenklichere Stücke. In ‚Ich bin bereit’ wird den Freunden für die Hilfe in der Not gedankt und in ‚Auf einen Neuanfang’ geht es gar um eine bei den früheren Texten für unmöglich gehaltene Versöhnung. Die gefühlvollsten Songs behandeln dann konsequenterweise den Verlust eines Freundes; im Frühwerk ‚Feuchte Augen’ mit noch sehr plattem Text, später dann mit ‚Ich denk an euch zurück’ oder ‚Zieh mit den Göttern’ hymnisch. In den Erinnerungen an vergangene Zeiten spielt besonders das gemeinsame Böhse Onkelz-Hören eine zentrale Rolle; so in ‚Freundschaft’, ‚Eines Tages fährt Leon mit der Straßenbahn’und ‚Böhse Onkelz unser Leben’. Wenn FREI.WILD über die Onkelz singen „Diese Lieder haben Leben geprägt” und dabei auch explizit deren verbotenes und rassistisches „Der nette Mann” miteinbeziehen, stolpert man zum ersten Mal über Ungereimtheiten, auf die später zurückzukommen ist.
Dass Liebe und Frauen nicht immer gute Auswirkungen auf Freundschaften haben, hat wohl jeder mindestens passiv schon erlebt. So wird in ‚Wahr oder gelogen’ verzweifelt gefragt: „Ist es wahr oder ist es nur gelogen? /Ist es wirklich so? Hat sie dich, hat sie dich wirklich umerzogen? / Dein Leben lang waren wir deine Freunde und nicht sie. / Das darfst du nie vergessen, vergiss das nie!”. Und auch im eigenen Liebesleben gibt es meistens nur einen ‚Arschtritt’. Erst auf neueren Werken gibt es echte Trennungslieder (‚Mehr als tausend Worte’, ‚Ebbe und Flut’) und ein überraschend zärtliches Liebesgeständnis zum eigenen Kind (‚Aus Traum wird Wirklichkeit’). Dass es sonst hauptsächlich um entindividualisierte „süße Mädels”, „1000 Frauen, die dich alle lieben” geht, die zu einem bloßen Objekt degradiert werden („Die Eine will's von hinten, / Die And’re nimmt ihn in den Mund.” oder „An Mädchen keinen Respekt gelassen, durfte sie trotzdem fassen.”), spricht nicht unbedingt für einen gleichberechtigten Umgang mit Frauen. Trotzdem scheint man geistig nicht im 17. oder 18. Jahrhundert verankert zu sein, wenn man das gegen häusliche Gewalt und ehelichen Missbrauch gerichtete ‚Dein zweites Leben’ betrachtet: „Vergiss die Rolle als Frau und leb’ die Rolle als Mensch!”.
Saufen und Gewalt
Wer FREI.WILD nur von den neueren Alben kennt, übersieht vielleicht schnell, wo die Jungs textlich eigentlich herkommen. Anfangs pflegte man ein betont asoziales Säufer- und Straßenimage, von dem heute natürlich nicht viel übrig geblieben ist. Bei einem Überblick über das Gesamtwerk darf dieser Aspekt aber nicht ausgespart werden, finden sich doch in aktuelleren Stücken immer wieder Verweise auf die eigene Vergangenheit. Es geht um das Blaumachen in ‚Ich bleib daheim’ („Häng’ den ganzen Tag vor meinem Fernseher rum, / Schuften bei der Kälte, ich bin doch nicht dumm.”) und das Zeche prellen in ‚Gratissäufer’ („Ich steh' dicht an der Quelle, steh' dicht am Tresen, / Wir greifen hinten runter und das wars dann schon gewesen.”, „Die Wirte, diese Geldabzocker, haben sich's so verdient.”). Beachtenswert ist hier das, salopp gesagt, Schmarotzertum, das einige Jahre später in ‚Tritt dir selber in den Arsch’ den verbalen Angriff auf Empfänger von Sozialdienstleistungen rechtfertigt: „Auf fremder Tasche sitzt es sich wunderbar, / Der Trog der anderen stand für dich immer da. / Wirst auch in Zukunft fremde Früchte stehlen, / Mal selbstverachtet, selbstvergiftet, vor die Hunde gehen.”. Einher mit dem damals noch anarchistischen Umgang mit Gesetzen und Regeln geht fast immer Alkoholismus. Besonders komprimiert in ‚Volle Kanne’: „Beim Saufen sind wir immer, / Zuhause nur zum Schlafen.”, „Das Leben wird genossen, / Wir machen das, was wir woll'n.” und besonders ausdrucksstark „Wir zertreten all' die Regeln, / Und geh'n unser’n Weg allein.”. Angesichts dieser Zeilen darf bezweifelt werden, ob die Forderung, seinen Führerschein nach betrunkenem Unfall wiederzubekommen, in ‚Gebt mir die Pappe wieder’ ironisch zu verstehen ist. Auch in ‚Wochenendsparty’, ‚Brüderlein, zum Wohl’, ‚Alkohol’ und ‚Voll’ dreht es sich um den stets maßlosen Alkoholkonsum bis zum Erbrechen. Erst später folgt in ‚Wie oft soll’n wir’s dir noch sagen’ ein ansatzweise reflektiertes Handeln: „Und heut’ muss ich beichten: / Es kam so, wie sie sagten, / Es gibt Tage, an denen ich lieber zuhause bleib’.”.
Weitere Begleiterscheinung der Rebellion ist Gewalt, die sich allerdings vor allem in persönlichen Rachehandlungen manifestiert: „Denn heut' verhaue ich dich, / Schlag dir mein Knie in deine Fresse rein. / Heut' vermöbel ich dich, / Zähne werden fallen durch mich. / Und ich tret' dir in deine Rippen, / Schlag mit dem Ellbogen auf dich ein. / Tut mir leid mein Freundchen, / Aber Rache muss sein, die muss sein.” (‚Rache muss sein’) oder „Und plötzlich ist sie reif die Zeit, / Dann gibt's Revanche, dann gibts auf's Maul!” (‚Halt deine Schnauze’). Wenn FREI.WILD im aktuellen Song ‚Nennt es Zufall, nennt es Plan’ aber singen „Wir haben’s getan, / Wir haben’s gemacht. / Wir haben Leute verdroschen, / Über die Folgen nicht nachgedacht.”, „Keine Reue, haben darüber gelacht”, dann mag man aufgrund Burgers Vorgeschichte fast nicht fragen, gegen wen und mit welcher Begründung sich diese Gewalt äußerte. Wenn sie dann versuchen, mit der phrasenhaften Floskel, dass jeder Dreck am Stecken habe, eine Behandlung der Themen zu verhindern, widerspricht das ihrem eigenen Ideal, dass man sagen soll, was man denkt und macht nur zusätzlich verdächtig: „Jetzt ist das vorbei. / Was bleiben, sind Ruf und Geschichten, die nerven, / Doch nicht vernichten, / Auch wenn jetzt alle über uns richten”, „Vor euren Türen liegt Dreck und das noch mehr als bei uns. / Kehrt den erst mal weg!”. Besonders wenn man den selbstverpassten Maulkorb zum Thema politische Einstellung in Erinnerung hat, wirken Zeilen wie „Und trotzdem war und ist es immer wieder so: / Manchmal muss man seine Schnauze halten, / Denn es ist besser so.” fast wie ein Geständnis. Unter anderem in ‚Neues altes Leben’ schwören FREI.WILD der Gewalt heute ab („Purer Hass, rohe Gewalt, sage hier und heute: Halt!”, „Gewalt regelt Vieles, hast du immer zu mir gesagt. / Hast ihn oft beworben, diesen scheiß-verschissenen Rat”), die eigene Vergangenheit wird dadurch aber nicht ungeschehen gemacht. Vor allem nicht, wenn man wie in ‚Mein Leben, meine Geschichte, meine Lehre’ immer wieder behauptet, nichts zu bereuen: „Meinem Ruf als Arschloch machte ich alle Ehre. / Ich seh’ es heute gelassen, würd’ vieles anders machen. / Doch was soll’s, scheißegal! / Es war geil, so wie es war. / Kein Respekt, keine Reue, keine Scheu!”, „Schlägereien, gebrochene Knochen, / hab’ die Szenen stets genossen.”.
Das idealisierte Selbst
Das große Thema des Deutschrock findet sich auch bei FREI.WILD in mannigfacher Form. In fast 20 Songs (die Zählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) geht es primär um die gesunde Einstellung, immer wieder aufzustehen und weiterzumachen. Mal phrasenhaft a la ‚Junge mach weiter’, mal versuchsweise metaphorisch in ‚Des Schicksals Schmied’ oder auch martialisch in ‚Weiter immer weiter’. Der Grundtenor bleibt stets gleich. Auffällig ist nur, dass sich die Texte mit einem Ich häufig bis zu einem narzisstischen Egoismus steigern. Der deutlichste doppelmoralische Bruch zur in ‚Zufriedenheit’ geforderten Bescheidenheit, findet sich in ‚Immer nur nach vorne’ („Ich mach’ mich auf und greif’ entschlossen nach der Krone. / Die faulen Knechte klagen und sterben lieber ohne.”), dem aktuellen ‚Hier geboren und doch verloren’ („Wo ihr jetzt bleibt, / Ist nicht mehr mein Problem, / Denn ich werd’ jetzt weiter gehen.”) und dem provokativ mit expansionistischem Vokabular spielenden ‚Frei.Wilds Ländereien’: „Von unserer Heimat über Belgien bis nach Norddeutschland, / Ob wir im Westen oder Osten spielen, wir sind bekannt. / Lausche unserer Klänge; gibt`s in Österreich! / Missioniert für das geliebte Frei.Wild Kaiserreich.”. Zum einen irritiert die Verortung der Heimat in Österreich (gehört Südtirol schließlich zu Italien), allerdings nur so lange, bis man sich an das Parteiprogramm der Freiheitlichen erinnert, zum zweiten ist „Kaiserreich” in Verbindung zu Österreich und der rechten Vorgängerband Kaiserjäger sicher kein unbesetzter Begriff. Dass das „Hass und Rache sind mir nicht fremd; / Bin nicht stolz auf diese Nation.” in ‚Ich’ auf Italien abzielt, erfordert dann keine interpretatorischen Glanzleistungen. Trotz der im letzten Abschnitt thematisierten wenig glorreichen Vergangenheit ist das Ich oder das Wir meist von unbändigem Stolz auf das eigene Sein und Handeln erfüllt: „Doch ich weiß, ich liebe mich / Und ich schwör’, ich betrüge mich nicht. / Ich bin meine erste Wahl” (ebenfalls ‚Ich’), „Ihr werdet es schon seh’n / Auf welch’ großen Bühnen / Wir in kurzer Zeit schon steh’n.” (‚Frei.Wild’), „Die ganzen Wichser haben uns weiter alle satt. / Ich spuck auf sie und kann den Zorn in ihnen sehen. / Selbst nichts geschafft, sie können das hier nicht verstehen.” (‚Wir sagen danke für all die ganzen Jahre’). Daher überrascht auch nicht die Existenz gleich mehrerer Songs, die das Leben als Rockstar zum Thema haben; noch relativ unbekannt heißt es schon früh in ‚Feuer, Erde, Wasser, Luft’: „Denn diese Band, sie ist unser Leben. / Von klein auf geil und voll Starallüren, / Die uns eigentlich gar nicht gebühren.” Später heißt es dann in ‚Allein nach vorn’: „Dieselbe Hetze schon seit etlichen Jahren: / Ihr müsst den Menschen vor Frei.Wild bewahren! / Doch es hat nichts gebracht, / Uns nur bekannter gemacht! / Verdammt, was haben wir uns nur dabei gedacht, / Wir haben die Schweine bis auf’s Wacken gebracht./ Da muss doch noch was sein, / Die kriegen wir auch noch klein!”. Die Positionierung als zu Unrecht beschuldigte Opfer einer einseitigen Berichterstattung wird später noch ein wichtiges Thema sein; hier soll nur gezeigt werden, dass das Siegen gegen alle Widrigkeiten einen großen Teil der narzisstischen Mentalität FREI.WILDs ausmacht.
Exkurs: Religion
Es mag bei dem ganzen Bad-Boy-Gehabe seltsam erscheinen, aber die vier Jungs von FREI.WILD sind bekennende Katholiken „Ich kann dir nichts befehlen, aber wir vier hier sind Christen. / Wir wurden so erzogen und es hilft uns am Gewissen” (‚Der Tod, er holt uns alle’) und zählen Religion zu den wichtigsten Dingen, die sie mit der Heimat verbinden. Auch in ihren Texten spiegelt sich dies teilweise wider; so dreht sich ‚Weil du mich nur verarscht hast’ um das Vertrauen auf eine höhere Gerechtigkeit, die die auf der Erde begangenen Sünden rächt. Gleichzeitig präsentieren sie eine krude Version von Religionsfreiheit; einerseits gesteht man zwar ein: „Wir flehen und wir betteln, / Verfluchen, vergöttern unseren Herren. / Doch wer für dich der Herr ist, / Das steht nicht auf meinem Stern. / Was du draus machen möchtest, / Was dich durch Sturm und Ruhe trägt, / Das kann dir niemand sagen, / Niemand, nur du selbst”, andererseits entblöden sie sich nicht, Konflikte zwischen Christen und Moslems in NPD-Rhetorik lösen zu wollen „Jeder bleibt allein bei sich daheim” (‚Zwischen Trauer, Liebe und Schmerz’) und die Rücksichtnahme auf Andersgläubige in südtirolischen Schulen zu kritisieren „Kreuze werden aus Schulen entfernt, aus Respekt / Vor den andersgläubigen Kindern.” (‚Das Land der Vollidioten’). Allerdings kennen auch FREI.WILD ein wenig mehr Reflexion und die Theodizee-Frage: „Der Traum, der gerechten Welt: / Noch nicht jetzt, wir brauchen noch Geld. / Und wie es scheint, ist auch Gott so drauf, / Passt, wie es scheint, nur auf die einen auf” (‚Die Welt brennt’). Im gleichen Song begehen sie auch den verbalen Klogriff „Essen wird vernichtet, durch die Welt gekarrt. / Seht ihr das Ghettokind, was lüstern darauf starrt?”. Globalisierungs- und Kapitalismuskritik schön und gut, aber warum wird ein hungerndes Kind mit dem negativ konnotierten „lüstern” beschrieben? Warum kommt der völlig unpassende Begriff „Ghetto” vor? Soziale Brennpunkte werden für gewöhnlich nur im Hip Hop romantisiert als Ghettos bezeichnet; hier bleibt die Assoziation der Abwertung und Verfolgung. Ist der Sprachgebrauch da in Südtirol so anders? Wohl kaum.
Konservative Gesellschaftskritik
Auch wenn FREI.WILD immer wieder darauf pochen, dass sie eine unpolitische Band seien (was nach Meinung des Verfassers unmöglich ist, da Musik auf die Öffentlichkeit zielt und dadurch Meinungen und somit auch die Politik beeinflusst), äußern sie auch Kritik an den herrschenden Zuständen. Besonders abgesehen haben sie es dabei auf den Effizienz-orientierten und destruktiven Kapitalismus: „Raus aus der Scheiße, zurück ins Leben selbst. / Nimm dir ne Auszeit, nehmen und nichts geben!” (‚Nehmen und nichts geben’), „Ein Streben nach Neuem, / An eigene Grenzen gehen, / Den Wahnsinn an der Hand, / Ob's geht, ist irrelevant.” und „Wir sind nur Gäste auf dieser Erde, / Wir haben's vergessen, / Es ist uns niemals eine Lehre.” (‚Immer höher hinaus’). Eine interessante Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit findet in ‚Niemand’ und ‚Der aufrechte Weg’ statt. In einer Aufzählung von Jugendsünden fallen dabei folgende Schlagwörter, die zum Teil auch auf FREI.WILD anwendbar sind: Skinhead, Punk, Perverser, Kiffer, Brutalo und das Bekenntnis „Ich bin nicht heilig, bin weiß Gott nicht perfekt, / Hab meine Weste schon als Kind mit Schuld verdreckt. / Ich sprech’ mich schuldig, will das Ziel am Pranger sein.”. Das alles in Verbindung mit dem verurteilend gemeinten „Das Glas ist immer bodenleer / Und deshalb sind sie auch / Die ganze Woche voll” in ‚Mach dich auf’, müsste FREI.WILD eigentlich dazu bringen, ihre Vergangenheit zu bereuen und sich zu schämen. Wie oben gezeigt, findet dieser Schritt nicht statt. Stattdessen verfallen sie selbst in das von ihnen kritisierte Verhalten: „Jeder, jeder, jeder ist schuld, / Nur nie sie selbst”. Dass unmoralisches Handeln dann in ‚Schmerz der Phantasie’ und ‚Der Gast in deinem Geist’ als Ergebnis unkontrollierbarer menschlicher Triebe dargestellt wird, hebelt einerseits „Ja, wir sind kein Wesen, das nur frisst und nur scheißt, / Sauerstoff verbraucht, manchmal lacht, manchmal schreit. / Wir sind Pharaonen, göttliche Gestalten, / kurz umschrieben: natürliche Gewalten.” (‚Mensch oder Gott’) aus, andererseits macht es die eigenen Vergehen entschuldbar. Weitere Ideale, die FREI.WILD propagieren, sind Zivilcourage (‚Der Staat vergibt, dein Gewissen nicht’), freies Denken (‚Wer nichts weiß, wird alles glauben’) und maßvolle Sexualität (‚AIDS’). Dass dabei wie in der Kapitalismuskritik nur Gemeinplätze bedient werden, erleichtert die Zustimmung und erinnert daran, dass FREI.WILD trotz ihres Rockstar-Daseins weiterhin den Kontakt zur breiten Masse suchen; hieß es anfangs in ‚Geld’ „Wir Durchschnittsleute, was bekommen wir?”, ist es heute „Wir sind einfach gleich wie Ihr, von hier.” (‚Das Land der Vollidioten’) und fügt sich nahtlos in einen patriotischen Populismus ein.
Südtirol
Und da wären wir bei den Fragen, die momentan nicht nur den Besuchern des With Full Force unter den Nägeln brennen. Gab es auch weiter oben schon einige Fragezeichen, geht es jetzt ans Eingemachte, an den FREI.WILDschen Patriotismus. Eines nur vorweg: Wer FREI.WILD mit nationalsozialistischem Gedankengut in Verbindung bringt, liegt offensichtlich falsch; dafür sind viele Textstellen zu eindeutig formuliert: „Nicht von gestern, Realisten. / Wir hassen Faschisten, Nationalsozialisten. / Unsere Heimat hat darunter gelitten, / Unser Land war begehrt, umkämpft und umstritten. / Patriotismus heißt Heimatliebe, / Respekt vor dem Land und Verachtung der Kriege” (‚Wahre Werte’) und „Wir tanzen keinen Adolf Hitler, / Tanzen keinen Mussolini. / Wir mögen keinen Berlusconi und schon gar nicht diesen Fini.” (‚Das Land der Vollidioten’). Woraus Heimatliebe hier stattdessen besteht, macht ebenfalls ‚Wahre Werte’ deutlich: „Da, wo wir leben, da wo wir stehen, / Ist unser Erbe, liegt unser Segen. / Heimat heißt Volk, Tradition und Sprache / Für uns Minderheiten eine Herzenssache”, „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat. / Ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.”. Schon hier wird eine Identität gebastelt, die weit von der Realität entfernt ist. In Südtirol spricht eine klare 70% Mehrheit muttersprachlich Deutsch; darüber hinaus wird Südtirol von Italien als weitgehend unabhängig regierte Region akzeptiert. Und was für ein „kleines Volk” soll es denn hier sein? Was für ein Volksbegriff liegt überhaupt zugrunde? Volk wurde direkt vorher mit Tradition und Sprache in Verbindung gesetzt; welche Sprache soll das sein? Deutsch? Dann wäre „kleines Volk” schon bevölkerungsmäßig ein schlechter Witz, machtpolitisch sowieso. Sind die vielen verschiedenen südbairischen Dialekte Tirols gemeint und werden in einen Topf geworfen? Schon eher. Tradition, Brauchtum und Glaube sind da schon eindeutiger, allerdings ebenso realitätsfern. FREI.WILD träumen hier ganz offen von einer ethnisch homogenen, im Glauben vereinten Enklave, die auf grausame Weise an die Vision eines autarken Deutschlands erinnert. In einer globalisierten Welt, in der sich Kulturen vermischen und gegenseitig befruchten, wirkt es wie ein albtraumhafter Scherz, wenn sie skandieren „Doch ist heute vieles anders, vieles scheiße: / Verkehr, Umweltverschmutzung, Bauten fremder Welten.”, „Brixen, wir sind deine Kinder / Und passen auf dich auf” (‚Brixen’) und dabei an eine bewaffnete Heimatschutztruppe erinnern. Einer Diskussion über Sinn und Unsinn einer solchen völkischen Enklave erteilen FREI.WILD im berüchtigten ‚Südtirol’ eine Absage: „Unser Heimatland, wir geben dich nie mehr her. / Südtirol, deinen Brüdern entrissen.”, „Südtirol, du bist noch nicht verlor'n, / In der Hölle sollen deine Feinde schmor'n.”, „Kurz gesagt, ich dulde keine Kritik / An diesem heiligen Land, das uns’re Heimat ist”. Diese Stelle ist insofern ein Sonderfall, dass es die einzige ist, in der eindeutig zu nationalistischer Gewalt aufgerufen wird und an der ein völkischer Wahnglaube als absolute Wahrheit verkauft wird. Für den Autor dieser Kolumne ist damit eine weitere wertungslose Beschäftigung mit der Band ausgeschlossen.
Allerdings werden tatsächlich auch sehr viel friedlichere Töne angeschlagen. Das Interesse und die Achtung vor anderen Ländern ist durchaus gegeben: „Ich werd’ die Reise beginnen und dann komme ich zurück, / Mit erweitertem Horizont und dem Glück.”, „Wir von Frei.Wild reisen fort / An einen unbestimmten Ort, / Einfach weg in and’re Kontinente.” (‚Freiheit’, ähnlich ‚Mal Heimweh, mal Fernweh’). Aber in dem vielleicht gelungensten Vergleich der Bandgeschichte zeigt sich erneut das Problem: „Gegensätze zieh'n sich an, / Alles gleicht sich etwas aus, / Und aus Krieg wird Toleranz. / Ja, selbst die Splitter eines Knochens / Wachsen zusammen, werden eins, werden eins / Und sind ganz.” (‚Schwarz & Weiß’). FREI.WILD wollen nie ein Miteinander, immer ein Nebeneinander; schon weiter oben hat sich gezeigt, dass sie kein grundsätzliches Problem mit dem Islam haben, sehr wohl aber mit dem Islam in Südtirol. Die Zeit der zumindest scheinbar homogenen Nationalstaaten ist längst vorbei; wenn jetzt mit dem Verweis auf das Selbstbestimmunsgrecht der Völker eine föderalistische Neuordnung Europas gefordert wird, die zu einer nationalistischen Vielstaaterei führen würde, ist das ein anachronistischer Affront gegen alle nicht-deutschen Einwohner Südtirols (immerhin rund 30%). Dieser Punkt findet sich im Programm der Freiheitlichen und ist kongruent mit den vorgefundenen Ansichten in FREI.WILDs Texten.
Linke „Hetze” und Journalismus
Frei nach dem Motto „Wer Wind sät, wird Stürme ernten” haben FREI.WILD in vielen Songs Reaktionen und Anspielungen auf die an ihnen geäußerte Kritik geliefert. Dass sie dabei genau so beleidigend und oberflächlich vorgehen, wie die zugegebenermaßen häufig unsachlichen Kritiker, scheint sie dabei nicht zu stören: „Ihr seid dumm, dumm und naiv, / Wenn Ihr denkt, Heimatliebe ist gleich Politik.” (‚Das Land der Vollidioten’), „Stereotyp, Kopien bis in die letzten Reihen. / Und schreit dann einer Feuer frei, / Wird durchgeladen und geschossen. / Und erst gar nicht hinterfragt, / Was hat der überhaupt verbrochen?” (‚Wir reiten in den Untergang’, ähnlich ‚Schlauer als der Rest’) und in seiner martialischen Drohung besonders eindrucksvoll „Ihr singt von Punkrock, / Nächstenliebe, / Meinungsfreiheit und Idealen, / Von eurer schizo-sozialen / Gerechtigkeit / Von diesem Spirit of 69”, „Gehen wie Bomben auf euch nieder, / Immer, immer wieder. / Seht her, hier stehen die Sieger!” (‚Wir gehen wie Bomben auf euch nieder’). Man kann FREI.WILD ruhig glauben, wenn sie singen „Vor mir der leere Blick in meinem Gewissen. / Rein, rein, so soll es sein.” (‚Wer weniger schläft, ist länger wach’), denn ehrlich sind sie, wenn sie sich von Neonazis abgrenzen; nur macht es das verbreitete Gedankengut nicht weniger ekelerregend und die einhergehende Kritik nicht weniger angemessen. Kann man schon aufgrund der ideologischen Ausrichtung nachvollziehen, warum FREI.WILD allergisch auf Kommentare aus der linken Szene reagieren, ist ihr Umgang mit Kritik im seriöseren Journalismus kein bisschen differenzierter: „Das Land der Denker gibt es nicht mehr, / Das Land der Dummen umso mehr”, „Die Meinungsfreiheit war dahin, / Jeder verstellte seine Worte. / Und Tabus blieben Tabus, / Gewisse Themen waren verboten.” (‚Nur Dumme sagen Ja und Amen’), „Journalisten, Priester, die einfach immer alles wissen, / Die nur schreiben, die nur richten, und die Wahrheit finden sie beschissen.” (‚Gutmenschen und Moralapostel’).
In diesem Sinne merken wir uns gerne „Merkt euch: Ehrliches besteht und Verlogenes vergeht.” (‚Gutmenschen und Moralapostel’), ändern tut es an den getroffenen Feststellungen nämlich nichts; auch Journalisten lassen sich nicht so einfach blenden und verbiegen. Und wie FREI.WILD es fordern „Geh nach vorn und wirf du den ersten Stein!” wird hier sicher nicht der erste Stein, aber hoffentlich doch ein schwerer in den Weg einer völkisch-nationalistischen Band geworfen.
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen. Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Ich habe letztens in einem Fachmagazin für Heavy Metal einen Leserbrief bezüglich des so genannten „Pay-to-Play-Problems“ gelesen. Da hat sich jemand aufgeregt, dass er, wenn er mit seiner absolut unbekannten Band auf irgendeinem Festival spielen will, dem Veranstalter einige Tickets abnehmen muss, um diese zu verkaufen. Natürlich sind in diesen Jammerchor sofort 83.000 Leute eingestiegen und riefen wie aus einer Kehle „Ja, die kennen wir, die Konzerveranstalter-Penner-Kapitalistensäue, die nur ihre Kohle und Villa im Kopf haben!!!“
Wenn ich ehrlich sein will, habe ich mich in diesem Augenblick gefragt, wieso die sich eigentlich alle so aufregen. Mal abgesehen davon, dass es PAYFORPLAY schon immer gegeben hat, müssten sich doch eigentlich alle darüber im Klaren sein, warum das Ganze so überhand genommen hat. Jeder kann mal einen Blick auf sein CD-Regal werfen oder die Festplatte seines PCs checken, um sofort zu wissen, was läuft. Wenn man dort Musik findet, die man für lau geschossen hat, sollte man seinen achtseitigen Anschlussleserbrief zum Thema „Pay-to-Play“, in dem man mindestens 16 Veranstalter als Arschloch bezeichnet, als Backpapier nehmen und nie wieder jemanden mit dem Scheiß auf die Nüsse gehen .
Es scheint immer noch vielen Leuten wirklich nicht klar zu sein, in was für einem Teufelskreis sich die Szene befindet. „Fans“ brennen ihre CDs, anstatt sie zu kaufen. Bands können durch diesen Umstand ihren Lebensunterhalt nicht über CD-Verkäufe bestreiten. Musiker müssen sich entweder einen Nebenjob suchen oder nun öfter auf der Bühne stehen als sonst! Da diese CD-Lauschepper nicht nur einer Band, sondern unglaublich vielen Bands diese finanzielle Misere eingebrockt haben, spielen halt diese unglaublich vielen Bands unglaublich oft live. Die Folge ist ein Überangebot an Konzerten bei dennoch steigenden Gagen!
Und jetzt fragt sich zu allem Überfluss trotzdem noch Evil Thilo, (Frontmann einer beschränkt hoffnungsvollen Death Metal-Kapelle aus Heimbuchental) warum er nur vor sieben Leuten im Jugendzentrum um die Ecke spielt. Eigentlich gibt es da mit logischem Menschenverstand nur zwei Möglichkeiten! Entweder ist Evil Thilos Band totale Kacke, oder am gleichen Tag finden ungefähr 20 Konzerte mit gleicher Zielgruppe in einem Umkreis von 50km statt.
Vor zehn Leuten will Evil Thilo aber trotzdem nicht mehr spielen, denn immerhin hat er sein Demo an 30 Magazine geschickt, und zwei haben es sogar besprochen!!! Also schreibt er den Konzertveranstalter Rocking Ralf am ganz anderen Ende der Republik an! Das gut aufbereitete Promopaket wird eröffnet mit dem Satz „Alter, können wir nicht mit unserer brettharten Combo auch auf Eurem Konzert spielen?“
Rocking Ralf hat irgendwie das gleiche Problem wie alle anderen auch! Er muss den Laden voll machen, obwohl am gleichen Tag an jeder zweiten Steckdose 'ne Band spielt. Allerdings ist es nicht wie bei Thilo ein Egoproblem, wenn neben der Putzfrau nur noch zwei andere Leute da sind. Nein… er muss den ganzen Scheiß auch noch aus eigener Tasche zahlen, wenn es ein Misserfolg wird. Doch da bekommt er auch schon, während er voll in der Planung seines Events steckt, Evil Thilos in ein DIN-lang-Kuvert gefriemelte Unterlagen.
Der Veranstalter sagt sich (nachdem er zwei Stunden gegoogelt und keine nennenswerten Erfolge von von Evil Thilo und seiner Combo gefunden hat): „Na gut! Wenn die bei uns wirklich spielen wollen und vermutlich sowieso keine Sau für diese Band ein Ticket kauft, dann sollten die doch zumindest zehn Leute mitbringen. Wenn die am anderen Ende der Republik spielen wollen, werden die doch sicher zumindest so erfolgreich sein, dass es kein Problem ist, zehn Leute mitzubringen, oder!?!?“
So weit nachvollziehbar, denke ich mir! Wenn Rocking Ralf denen nämlich einen wertvollen Slot gibt und sich keiner für diese Band interessiert, dann kommen keine Leute zu seinem Konzert, und er geht pleite. Das versteht Thilo aber einfach nicht und bezeichnet diesen Konzertorganisator als einen Zerstörer der Musikkultur, dem es nur um die verdammte Kohle geht, und schreibt darüber einen Leserbrief. Ob Rocking Ralf, nachdem er fünf bis zehn solcher Konzertflops veranstaltet hat, Rocking Ralf Junior aus der Kita nehmen muss, weil er keine Kohle mehr hat, interessiert Thilo nicht so sehr!
Aber noch einmal zum Ursprung: Alle brennen CDs, Bands spielen mehr Konzerte, und Konzertveranstalter sind unter Druck! Nachvollziehbar? Dachte ich!
Aber ich glaube, ich mache mir das manchmal zu einfach und gucke nicht weit genug hinter die Kulissen. Wieso sollte denn nicht jeder überall spielen können? Warum spielt Kohle in der Musik überhaupt 'ne Rolle? Wie soll Thilo zum Weltstar reifen, wenn er nicht die Chancen bekommt, überall zu spielen wo er möchte? Wieso gibt es nicht in allen Schulen Gratiskakao?
Also Thilo und Band… wenn ihr das hier lest: Geht doch bitte weiterhin den Konzertveranstaltern, die oftmals aus reinem Idealismus ihre private Kohle ins Risiko bringen, damit auf den Sack, dass ihr dort spielen wollt, ohne was dafür zu tun! Warum solltet ihr auch dem geldgeilen Clubbesitzer oder Veranstalter irgendwelche Karten abnehmen? Damit die sich noch ein Boot und noch 'ne Rolex kaufen? Never! Nicht mit eurer Kohle! Wie soll man auch Karten verkaufen, wenn man aus Heimbuchental kommt und in Berlin spielen möchte? Übers Internet etwa? Ne, ne! Das Internet ist für kostenfreie Musik/Filme, Facebook-Gelabere und Pornos da und nicht für irgendwelche mühseligen Ticketverkäufe! Es ist euer gutes Recht, mindestens einen Kasten Bier, frei fressen, frei pennen, die Anfahrtskosten und 25,- Euro pro Bandmitglied zu verlangen! Denn wenn euch auch bisher keiner in Berlin kennt, wird euch nach dieser geilen Show, die ihr abgeliefert habt, die ganze Welt kennen!
Ich sehe es mittlerweile ein!
Es wäre Schwachsinn, wenn es heutzutage noch erforderlich wäre, eine eigene Fanbase zu haben und/oder vorher die lokale Clubszene unsicher zu machen. Das kostet nur Zeit, und ihr seid gut genug für die ganz großen Bühnen. Ich hoffe, Ihr nehmt meine Entschuldigung an, und ich kann Euch von meiner Liste streichen!?
Nächstes Mal:
Nummer 112 meiner Liste: Habe Heinos Idee, Rammstein zu covern, für witzig gehalten!
Nachdem sich FJOERGYN auf „Ernte im Herbst” als personifizierte Natur positioniert haben und den Dualismus von Mensch/Natur mit einem Sieg der Natur enden lassen haben, durfte man gespannt sein, wie die lyrische Reise auf „Sade et Masoch” weitergeht. Eine Fortführung des losen Konzepts in eine paradiesische menschenlose Welt war angesichts der weiterhin metallischen Marschrichtung kaum zu erwarten; eher vielleicht eine neue Perspektive auf die bereits behandelten Themen. Bevor diese Frage beantwortet werden soll, vorab noch eine kleine Ernüchterung bezüglich der Hoffnung, dass FJOERGYN die letzten Schwächen ihrer Lyrik beseitigt hätten. Es finden sich zwar kaum noch gezwungene Reime, und auch die Metaphorik ist noch ein gutes Stück intensiver und schlüssiger geworden, aber leider krankt das Werk teilweise an der Präsentationsweise und zerstört so die Chance auf höchste Dichterweihen.Wie auch schon bei Nachtblut stört die völlige Überbetonung der Reimpaare und macht den eigentlich vorbildlich vorhandenen Sprachrhythmus zunichte. Zusätzlich bleiben dadurch neben den vielen gelungenen Reimen eben auch die wenigen schlechteren (z.B. „Und doch der Tod verschonte uns / Kein Gedanke schenkt die Gunst”) im Gedächtnis.
Ein Einhorn und sein Untergang
Hatten wir schon auf „Ernte im Herbst” das Einhorn, ein Symbol der reinen Tugend, als heuchlerische Maske des Menschen enttarnt, nimmt ‚Das Leid des Einhorn’ diese Geschichte wieder auf und verknüpft so gekonnt die beiden Alben miteinander. Die eigentlich frohe Botschaft eines tugendhaften Menschen: „Schenktest uns der Hoffnung Licht, / Lebtest in den frühen Sagen / Und nährtest uns mit Zuversicht” entpuppt sich schnell als Lüge: „Neid um jedes fremde Leben / Macht sich in den Herzen breit, / Die mit Hass das Licht verweben”. Auch hier ist es der Mensch, der das Licht zu etwas Schlechtem macht. Eine neue Dimension erhält das Einhorn durch die unverkennbaren Jesus-Anspielungen in „Denn du trägst unser aller Last”, „Ein jeder soll sein’ Namen schreiben / In die Haut, tief in das Fleisch” und „du [der] die Welt erbaut”, wenn man von der christlichen Dreifaltigkeit Gottes ausgeht. Der eigentlich gute Gedanke hinter dem Christentum wird vom Menschen korrumpiert und endet im Vergessen der ursprünglichen reinen Tugendhaftigkeit: „Und alles, was an dich erinnert, / Ist das Horn aus reinem Gold. Es ragt zum Himmel weit empor; Dies’ Zukunft haben wir gewollt.”. An ihre Stelle tritt ein unbelebtes, mächtiges Gebilde, dessen „reine[s] Gold” zynisch die Umkehrung von Tugend zu Gier markiert. Die hier in Aussicht gestellte Zukunft ist die kapitalistisch-aufgestellte Kirche und der entsprechende kapitalistische Christ, die schon seit Jahrhunderten Realität sind. Angesichts der Perspektive einer antiken christlichen Botschaft ist es allerdings trotzdem konsequent, von „Zukunft” zu sprechen.
Engelsscharen
Über den Verirrungen des Menschen bleibt ein handlungsunfähiger Gott zurück, der seinen Raum zur Klage in ‚Ach sprich doch...’ und ‚Ich sah den Himmel weinen’ bekommt. Das meist scherzhaft verwendete Bild, dass Regen aus den Tränen Gottes bestünde, findet bei FJOERGYN ganz ernsthafte Verwendung: „Und aus den Augen perlt der Regen”, „Gott blickt trauernd in die Welt”. Was genau er betrauert, ist die Geschichte des Einhorns, der Tugend. Wieder werden die Texte schlüssig in einen größeren Zusammenhang integriert, ohne dass sie allzu offensichtliche Verbindungen aufweisen würden: „Ach sprich doch Mensch, warum das Leid? / Man schenkte dir die Tugend, / Sie stand zum Aufbruch stets bereit / Und starb in früher Jugend.”. Dass in ‚Ach sprich doch...’ ein Schöpfer aus der Ich-Perspektive berichtet , während in ‚Ich sah den Himmel weinen’ ein eindeutig christlicher Gott aus der Beobachter-Perspektive beschrieben wird, lässt die Deutung offen, ob es sich bei ersterem nicht doch wieder um FJOERGYN, bzw. Jörd die altnordische Erdgöttin handelt, wie schon auf „Ernte im Herbst”. Das insgesamt sehr christliche Personal auf „Sade et Masoch” spricht allerdings für den christlichen Gott. Verharrt Gott also in barmherziger Resignation, übernehmen andere seine richtende Funktion. Auf „Ernte im Herbst” war dies noch die Natur, hier sind es die Engel, die eine Art christliche Exekutive bilden: „Kein Stoßgebet erreicht das Tor, / Der Himmel verschloss seine Ohr'n, / Die Gnade Gottes treibt im Leer'n, / Die Engel stürzten ihren Herrn. / Die Engel führen heute Krieg / Gegen uns, des Herren Kind.”. Das menschliche Wir sieht diesem Gericht aber keineswegs beängstigt, sondern vielmehr mit der Hoffnung auf Erlösung entgegen: „Oh schöner Tag, an dem wir blicken / Euren Ritt in uns’re Welt. / Auf Sonnenstrahlen steigt ihr nieder, / Auf Schimmeln stolz, bevor sie fällt.”. Schufen sich FJOERGYN auf „Ernte im Herbst” noch ein Schlupfloch, indem sie sich in der letzten Schlacht auf Seiten der Natur wussten, gibt es auf „Sade et Masoch” auch für sie keine Verschonung mehr. Anstelle der Gier, die den Untergang durch die Natur hervorrief, treten hier freier Wille und Hass des Menschen: „Der Hass zieht tief, reißt uns ins Tal”, „Der freie Wille knüpft den Strick”. Der Mensch hatte die Möglichkeit, einen friedlichen, harmonischen Weg zu wählen, hat sich aber bewusst für Krieg und Missgunst entschieden.
Bestätigt wird diese Einstellung auch durch die Gedanken des Ichs in ‚Sade’: „Als wären wir niemals geboren, / Ein reiner Streich der Phantasie. / Als hätte sich die Welt verschworen / Und den Menschen gab es nie. / Und sei es so, Ich würd’ es lieben”. Gleichzeitig reflektiert es weit genug, um die Frage stellen zu können, ob wir überhaupt eine Welt ohne Sünde wollten: „ Ach wär dies Welt ein Reich der Träume, / Der Tod wär’ jedem Menschen fern, / Es gäbe keine kahlen Bäume. / Doch hätten wir dies wirklich gern?”. Auch einem vorgeschriebenen Schicksal wird eine Absage erteilt (wir haben den freien Willen im Hinterkopf!): „Das Streben stirbt, und resigniert / Denn alles steht am Anfang fest” wird durch „Zum Glück war’s nur ein kalter Raum, / Ein Märchental, ein finst’rer Traum.” aufgehoben. Das Ende des Lieds (und gleichzeitig des Albums) sind die folgenden kryptisch erscheinenden Zeilen: „Er wird geboren, bis er zerbricht. / Sie leben nicht, sie sterben nicht. / Ich bin allein in dies’ Geschicht’. / Sie leben nicht, sie sterben nicht.”. Wenn „er” den Menschen und „sie” die Menschen meint, tritt das Ich hier wieder aus dem Kollektiv heraus. Allerdings würde diese Interpretation einen Bruch mit dem Bild des aus freiem Willen sündigen Menschen bedeuten. „Sie leben nicht, sie sterben nicht” suggeriert den Eindruck des eben nicht mehr denkenden Systemmenschens. Da sich andere Interpretationen vor allem aufgrund der direkt davor stehenden Verse „Die Sonne schweigt, der Himmel weint / Und liegt dem Menschen nun zu Füßen.” verbieten, müssen wir diesen Bruch wohl akzeptieren. Entweder diese Stelle wurde hier fehlinterpretiert oder ist aus dem Textverlauf nicht genügend motiviert. Auch eine Rechtfertigung des Titels liefert der Text nur angedeutet. Die vom Marquis de Sade gepredigte Lust am Leid anderer findet sich nur als angerissene Kollektiveigenschaft der Menschheit, nicht als erotische Vorliebe, sondern als Neid und Gier.
Demut und Hybris
Neben ‚Sade’ dreht sich vor allem der Dreierblock aus ‚Masoch’, ‚Katharsis’ und ‚Narziss(t)’ um ein lyrisches Ich, das anders als auf „Ernte im Herbst” nicht mehr mit der Göttin FJOERGYN gleichzusetzen ist. Vor uns liegt vielmehr ein echter Mensch auf der Psychologenliege. Anders als ‚Sade’ wird ‚Masoch’ seinem Namensgeber Leopold von Sacher-Masoch gerecht. Der Drang, sich anzupassen und unterzuordnen, besiegt „Das Lamm, das meine Unschuld krönt”, das das Ich vom Rest abgehoben hat. Es wird Teil einer untergehenden Masse, was im vielleicht gelungensten Bild des Albums zum Ausdruck kommt: „Der Sand rinnt durch das Werk aus Glas. / Ich hab’ es selber umgedreht. / Ich liege nackt im hohen Gras / Und spür’, wie meine Zeit vergeht. / Korn um Korn fällt sie herab / In ein weites Massengrab.”. Die Betonung der freien Entscheidung zur Unterordnung gewinnt durch die Begründung dieser höchste Wichtigkeit: „Um mich endlich zu befrei'n / Von den Gedanken meines Geistes, / Von der Schande meiner Welt”. Das Ich unterdrückt in einem neuen Akt des Masochismus seinen Masochismus, um in die Masse zu passen. „Das Rückgrat brach und formte sich, / Die Wogen tragen mich hinfort / Aus dem Dunkel in das Licht.”. Das Brechen des Rückgrats, der Verlust der eigenen Identität wird zum Akt der Selbstverstümmelung, keiner physischen, aber einer psychischen. Aus dem verruchten „Dunkel” des Tabuiesierten gelangt das Ich zurück ans „Licht” der gesellschaftlichen Anerkennung. Wir wissen inzwischen: Licht hat bei FJOERGYN fast immer mit Heuchelei zu tun; so auch hier. Das Ich ist angepasst, aber unter der Oberfläche bleibt sein wahres Gesicht erhalten: „Schmerzen sind die Leidenschaft / Der alten Narbe, die noch klafft. / Die wahre Schönheit blickt nur der, / Wer Hässlichkeit in sich verehrt.”.
Ein gänzlich anderes Bild liefert das Ich in ‚Katharsis’. Der Titel darf hier zynisch verstanden werden, denn eine seelische Reinigung ist hier nur über den Umweg des physischen Ablebens möglich. Anders als das Ich in ‚Masoch’ schließt das Individuum eine Anpassung an die Gesellschaft kategorisch aus: „Und sucht' Ich auch, euch zu verehren, / Ist dieser Weg mir doch zu weit”. Die Abscheu vor den Mitmenschen nimmt ein solches Maß an, dass nur noch die Flucht bleibt: „Es tut mir leid, Ich kann das nicht, / Ich schrei’ es euch ins Angesicht. / Wenn Ich nun geh’ und euch verlasse, / Dann nur weil Ich euch so sehr hasse!”. Beachtenswert, dass sich die Aggression nicht gegen die verachteten Anderen, sondern gegen sich selbst richtet. Wobei die Entschuldigung wahrscheinlich an einen erneut elitären Kreis im Umfeld des Ichs gerichtet ist: „ Auch mir fällt's schwer, gedenk Ich jenen, / Dessen Herz nicht euren glich.”. Dass das emotionalste auch das lyrisch kunstloseste Lied ist, überrascht nicht. Ein pathetischer, bildgeladener Ton wäre dem Thema nicht angemessen gewesen. Trotzdem bleib auch hier der Anspruch „Singend möcht' Ich untergeh'n: / Ein Lied, das jeden Mensch erreicht” als direkter Verweis auf das folgende ‚Narziss(t)’. In diesem, vielleicht interessantesten, Text des Albums tritt das Ich als Künstler auf, der in einem Baum „Von ungekrönter Schönheit” sein Lebenswerk vollbringt, das aus der Verlockung und Opferung von Menschen besteht: „Fortan bracht Ich ihm jeden Tag / Ein Menschenlicht ins Kronengrab”, „Im Frühjahr sollst die Kinder tragen, / Im Sommer jene, die nur klagen, / Im Herbst die Alten, Die drum bitten, / Im Winter trägst mich in der Mitte” und „Sonne mich in meinem Schaffen, / wenn ein Licht für mich verreckt.”. Die Rolle des Ichs ist dabei ganz die des genialen, über der Moral stehenden Künstlers: „Nenn mich, wie du magst, / Denn ich weiß, wer ich bin. / Narziss schimpft sich die Mutter, / Der Vater ist der Wind. / Auserkoren für die Blüte, / Trage Ich mein Haupt bedeckt.”. Dass dieser trotzdem sein „Haupt bedeckt”, erinnert an das Ich in ‚Masoch’ ohne eine direkte Verbindung herzustellen.
Auf den zweiten Blick ergibt sich allerdings eine sehr viel tiefer gehende Interpretation. Da „Dies’ Baum ist nur der Zeuge / Für meiner Ära Tat.” und die Opferthematik stark auf die Weltenesche Yggdrasil der nordischen Mythologie verweisen (Odin erhängt sich an Yggdrasil und begründet damit einen Opferkultus), scheint das Ich hier für die gesamte Menschheit und ihr Handeln während der jetzigen Zeit zu stehen. Auch die Motivation der Menschen deckt sich mit dieser Deutung: „Denn alle wollten sehen / Diesen Baum, dies’ schwarzen Ort.”. Auch Odin erhängt sich, um an das geheime Wissen Yggdrasils zu kommen. Jeder strebt nach Unsterblichkeit und schreckt auch vor Opfern nicht zurück: „Geboren als Narzissten / Gingen wir in Herrlichkeit, / Denn uns're Neugier trug uns / In die Wiege fremden Leids.”.
FJOERGYN machen es dem Hörer wieder nicht leicht, lassen erneut eine Frage unbeantwortet (wer die Antwort kennt, darf gerne schreiben) und dichten, was das Zeug hält. Dass sie thematisch für den Metal ungewöhnliche (‚Die Hierarchie der Engel’, ‚Ich sah den Himmel weinen’) ebenso wie eher typische Gebiete (‚Katharsis’) durchstreifen, macht sie für diese Kolumne umso wertvoller. Stilistisch macht ihnen kaum jemand etwas vor, und in den besten Momenten wünscht man sich, dieses Material auch losgelöst von der Musik zugänglich zu machen. Für das kommende Album planen FJOERGYN scheinbar die Beilage einer eigens verfassten Novelle. Man darf gespannt sein. Bevor „Monument Ende” endlich erscheint, wartet noch das dritte Album „Jahreszeiten”, ein echtes Konzeptalbum, auf uns. Wer das Ganze hier zu monoton findet und gerne etwas anderes als FJOERGYN behandelt sehen möchte, sei beruhigt: das kommt und zwar hoffentlich schon in Kürze.
Nach dem lyrischen Leichtgewicht Nachtblut stapft dieses Mal der verschneite Poesie-Koloss FJOERGYN durch die Kolumnentür und will vom Verfasser dieser Zeilen ein wenig aufgetaut werden. Dass der Gabenteller dabei mit „Ernte im Herbst” (2005), „Sade et Masoch” (2007) und „Jahreszeiten” (2009) auch vor Veröffentlichung des demnächst erscheinenden Albums „Monument Ende” schon prall gefüllt mit Schwerverdaulichem auf die Bescherung wartet, bringt den Beschenkten in Zeitnot, will er allen Werken doch die gleiche Aufmerksamkeit zukommen lassen und am Ende einen Überblick über das Schaffen bieten können. Also schnell zur Schere gegriffen und „Ernte im Herbst” aus dem bunten Papier befreit.
Um mit dem ersten Track gleich erstmal ein wenig ratlos dazustehen. Denn ‚Monolog der Natur’ entpuppt sich als ein Instrumental, das voller Epik und drohender Macht ein für das gesamte Album konstitutives Bild der Natur einführt, ohne dabei mehr als die drei Worte des Titels und Keyboard-Arrangements zu benötigen. Im Laufe des Albums manifestiert sich Schritt für Schritt eine Opposition vom schwachen, schlechten Menschen und der erhabenen, durchgeistigten Natur. Aber nicht nur thematisch, sondern auch stilistisch bewegen sich FJOERGYN klar in der Linie der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts, ein alternierendes Metrum durchzieht alle Texte, konsequente Reimschemata dominieren, und auf musikalischer Ebene finden sich Anklänge an Schlegels Universalpoesie: Jede Stilrichtung ist möglich, solange sie sich ins Ganze fügt. Wir nennen das gerne Avantgarde, aber es läuft auf dasselbe hinaus. Auch der Bandname selbst, einer der Namen der nordischen Göttin Jörd (Erde), weist auf die Heiligkeit der Natur hin und spielt in den Texten eine zentrale Rolle.
Wölfe im Winter
Welcher Gedanke genauer hinter diesem Konzept steht, offenbart sich schnell im Selbstbildnis ‚Fjoergyn’: Die Band erscheint als schöpferisches Ich und spricht aus überlegener, göttlicher Position zum defizitären Menschen, der aus der Schöpfung ausgegrenzt wird: „Meine Kinder, Tier wie Stein, / Entstanden aus dem gleichen Keim, / Sie sind für immer nicht wie ihr, / Ihr Herz kennt anderes als Gier”. Maßlosigkeit markiert dabei den Konstruktionsfehler im Menschen: „Erschuf das Streben wie die Pest.”. Das oppositionelle Konzept stellen FJOERGYN auch in umgekehrter Lichtmetaphorik dar, die Nacht und die Dunkelheit werden zu einem Ort der Natürlichkeit und Ruhe, während der Tag und das Licht zum Symbol des Bösen werden: „Der Tag war stets der Menschen Geisel, / Missbrauchten ihn für reine Zier, / Plündern, töten ohne Reue. / So wurde das Licht zum Nest der Gier.”. Mit dem Verschwinden des Menschen soll die Welt entschleunigt werden und zu einem idealisierten, vergangenen Zustand zurückgebracht werden: „Sehet dort, wer Fjoergyns Schar begleitet: / Ist's nur ein Wächter einer alten Zeit, / Ein Wesen kühner Herrlichkeit.”.
Bei den Wesen in ‚Der Tag der Wölfe’ handelt es sich logischerweise – um Wölfe. Allerdings können diese aufgrund des bekannten Ausspruchs des römischen Dichters Plautus „homo homini lupus” deutlich sinnvoller als Menschen im Umfeld FJOERGYNs gedeutet werden (Ähnliches versuchen Varg seit Jahren deutlich offensiver). Gestützt wird dieser Ansatz durch die Ballade (im Sinne eines erzählenden Gedichts) ‚Veritas Dolet’. Ein Elternpaar will ihr ungewünschtes Kind beseitigen, das Kind überlebt, und ein Wolf tötet „die wahren Tiere”. Im Verlauf des Texts vergeht lediglich ein Jahr, allerdings wird in bekannte Jahreszeiten-Metaphorik ein ganzes Leben gekleidet. Im Frühling wird das Kind gehärtet, im Sommer lernt es „mit dem Rudel gehen”, es genießt den Herbst, ohne den kommenden Tod zu spüren, und stirbt letztendlich im Winter von schmerzenden Erinnerungen geplagt. Die Wahrheit (veritas), die hier weh tun soll (dolet), ist die Allgegenwärtig- und Unvermeidbarkeit des Todes. Es ist egal, ob der Mensch im Kindesalter durch die eigenen Eltern ertränkt wird oder im hohen Alter und müde des Lebens verstirbt: „Der erste und der letzte Pfad / War für ihn der beste.”.
Welcher Zustand der Welt wiederhergestellt werden soll, wird in ‚Des Winters Schmach’ höchst vage thematisiert: „Geprägt durch Stolz und kühnes Streben” „War der Mensch des Winters Kind”. Als alternatives Konzept zum kritisierten Kapitalismus wird vor allem eine enge Verbindung zu Winter, Eis und Schnee angeboten. Da soziale Kälte wohl kaum als erstrebsames Ideal hingestellt werden sollte, kommt man vielleicht eher mithilfe der verwendeten Farbmetaphorik der Bedeutung auf die Spur: „Als das Grün das Weiß zerbrach”. Weiß (und damit auch der Winter/Schnee) steht als typische Farbe der Unschuld hier wohl für einen naiv-unschuldigen Zustand der Einheit mit der Natur. Dass die zerstörerische Kraft von grüner Farbe ist, die wir heute vor allem mit Natur verbinden, scheint paradox. Auch der Erklärungsansatz über die Prominenz grüner Farbe im Katholizismus in Verbindung mit der Christianisierung und „Zivilisierung” germanischer Stämme bleibt unsicher. Festzuhalten bleibt also nur: Früher war es besser.
Eine Geschichte der Menschheit
Der Rahmen aus ‚Vom Tode der Träume’ und ‚Ernte im Herbst’ beschreibt bildgewaltig den Untergang des Menschen und soll hier etwas genauer betrachtet werden als die übrigen Texte. Am Anfang ist die Welt paradiesisch, was von FJOERGYN mehr als deutlich in einer Mischung aus griechischer und christlicher Mythologie zum Ausdruck gebracht wird: „Ein goldenes Vlies bedeckt den Grund, / Es säumt den Weg nach Eden. / Der Himmel klar, die Wolken weich, / Die Bäume können reden.” Ergänzt wird dieses elysische Bild hier durch eine romantische, beseelte Natur, was insgesamt das Bild eines perfekten Einklangs „wie es Fjoergyn einst gewollt” erschafft. In dieses Bild tritt als Fremdkörper „Ein Einhorn [...] / So weiß wie reiner Schnee.” und gesellt sich zu seinem keineswegs harmlosen Gegenpart, dem Fenriswolf. Der Traum dieser scheinbaren Eintracht zerbricht jäh und steigert sich zu einem rasenden Albtraum mit blutigem Ausgang: „Das Einhorn schwach erhebt den Leib / Und Schaum quillt aus dem Maul. / Das Blau der Augen bricht im Schrei, / Das Weiß verfärbt sich grau.” „Und Blut spritzt warm auf jedes Blatt, / Dornen sprießen und zerstechen. / Es stürzt herab und stirbt im Matt, / Die Schwere ließ es brechen”. Wäre allein der Tod des Einhorns noch kein Untergang, da es nicht in diese Welt gehörte, ist der Verlust der Harmonie des geschilderten Paradieses doch dauerhaft. Dargestellt durch die Natur, die nun fast wörtlich Blut an den Händen, bzw. hier Blättern und Dornen hat und verstärkt durch den einhergehenden Verfall: „Der Schimmel greift nach warmem Brot, / Die Frucht verfault am Gaumen.”. Was nun hoffentlich deutlich wird: Das Einhorn ist der scheinheilige, gekünstelt-moralische, pazifistisch-trieblose Mensch, der gnadenlos vom natürlichen Menschen (Fenriswolf ist Teil der ursprünglichen Harmonie!) zerrissen wird. Der Mensch zeigt sein wahres Bild, „tierischer” als es Tiere jemals sein könnten. Warum die Ordnung (der Traum) auch nach dem Tod des Einhorns nicht wiederhergestellt werden kann, liegt an dem Bewusstsein, das das Einhorn mit in die Welt gebracht hat. Der natürliche Kreislauf aus Fressen und Gefressen-Werden ist nicht mehr natürlich, sondern mit einem neuen Tabu belegt. Der Mensch tritt aus dem Kreislauf heraus und ist das uns heute bekannte Säugetier, das zwischen Trieb und Moral mit seinem Gewissen kämpft und längst die Verbindung zur Natur gekappt hat.
Dieses Menschenbild ist die Grundlage für die finale Schlacht in ‚Ernte im Herbst’. FJOERGYN treten als personifizierte Natur auf und richten über den verkommenen und verlorenen Menschen. Interessant ist hier auch das eigene Verständnis: „Ich wach empor in meinem Reich, / Da ich der Schöpfung Feuer bin.”. Auch die Natur ist Teil einer Schöpfung, Mittel des Gerichts, was verbunden mit der Bildlichkeit von „Und leckt das Fleisch von Sünde frei” einen nicht unerheblichen christlichen Einfluss miteinbringt. Schon weiter oben vereinen sich christliche, griechische und nordische Mythologie und bilden einen großen Fundus, aus dem FJOERGYN wieder im Sinne einer Universalpoesie schöpfen, ohne einem Glauben Alleingültigkeit zuzusprechen. Warum der Mensch gestraft wird, nahm seinen Anfang in ‚Vom Tode der Träume’ und ‚Fjoergyn’, wird hier aber noch einmal auf den Punkt gebracht: „Erbarmen schenkt nur das Licht, / Solang man es aus Herzen ehrt / Und die Natur mit Liebe nährt.”. Die Abkehr von der Natur hin zu einem aristokratischen „Stolz” und dem Missbrauch des Lichts ist das Todesurteil des Menschen und all seiner Werke, die in kraftvoller Weise lyrisch eingerissen werden „Es tobt das Meer, die See schäumt wild, / Die Ufer brechen mit dem Deich. / Es ist kein Traum, es schützt kein Schild: / Fjoergyn erntet Menschenfleisch!”, um in einer zärtlichen Renaturierung wieder aufzugehen: „Die letzten Schreie werden müde, / Der Atem bricht gleich ihrem Licht. / Auf kalter Haut gedeiht die Blüte, / Die in Menschenhand zerbricht.”. Der natürliche Kreislauf aus Tod und Leben ist wieder in Kraft gesetzt. Kunstvoll werden die in ‚Fjoergyn’ und ‚Des Winters Schmach’ als Naturzustände definierten Winter („Fjoergyns Gnade ist erfror'n”, „Mein Herz, es wurde kalt...”) und Dunkelheit („Die Welt vergeht in einer Nacht, / Der Tag ward um den Schlaf gebracht”, „Nächte stürzen über uns, / Die Sonne bricht entzwei.”, „Doch das Dunkle führt Gericht”) wieder aufgenommen und schließen so den lyrischen Rahmen von „Ernte im Herbst” ab. Verschonte gibt es vor diesem Gericht keine, allerdings schaffen sich FJOERGYN in den vorherigen Texten ein metaphorisches Umfeld aus Wölfen, die in der Schlacht wohl auf der Seite der Tiere kämpfen und setzen sich und Gleichgesinnte so über das verurteilte Menschenbild hinweg. Abschließend spielen vielleicht diese das instrumentale ‚Requiem’ und die Zeit des Menschen klingt aus.
Anders als Nachtblut haben FJOERGYN schon auf ihrem Debüt nicht nur interessante Themen, sondern arbeiten diese auch ästhetisch wertvoll aus und umschiffen mit beachtlicher Selbstverständlichkeit die Fettnäpfchen der deutschen Sprache. Durchaus pathetisch, aber ohne den häufig damit verbundenen Kitsch, behandeln sie philosophische und mit Blick auf die Evolution auch anthropologische Fragen und ohne dass man ihre Antworten übernehmen und verabsolutieren müsste, kommt man nicht drumherum, ihnen Respekt für ihr lyrisches Können zu zollen. Lediglich einige Reime, die eher dem Schema geschuldet scheinen statt wirklichen Inhalt zu vermitteln und vereinzelte unglückliche Satzkonstruktionen stören das Gesamtbild und verhindern einen Platz neben den gut 200 Jahre alten großen Dichtern der Romantik wie Tieck, Brentano oder von Eichendorff (das hier nicht weiter besprochene und an den Tod gerichtete ‚Abendwache’ beginnt im geradezu programmatisch-romantischen Ton: „Ein Gruße Dir, Du alter Kauz”). Trotzdem kann man nur erfreut sein, dass sich ein solches Werk in der Welt der metallischen Klänge entfaltet und es warten ja zwei weitere Alben, die vielleicht auch noch eine Steigerung auf lyrischer Ebene mit sich bringen.
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Nummer 17 meiner Liste: Habe mich über den Growl-Workshop von Frau G. lustig gemacht!!!
Vor nicht allzu langer Zeit gab es mal wieder eine DVD-Beilage in der aktuellen Ausgabe eines Fachmagazins für Heavy Metal. Lesen ist eh nicht mein Ding, also das Teil abgerissen, und rein mit der DVD in den Player.
Start… Interview mit Rob Zombie… Skip, Tourbericht Heaven Shall Burn… Skip, neues Video Hammerfall …Skip, uhhh, was ist das??? Eine hübsche Frau in einem Hörsaal???
Da ist also diese bildhübsche Blondine mit Pferdeschwanz, Nerd-Brille und Wohlfühlhoody im Bild, wie sie einigen Menschen in einem Hörsaal einer Uni etwas erläutert… und das auf einer Metal-DVD!!!!!
Das schaue ich mir mal näher an! Ton an und los geht es!
Man glaubt es kaum, aber diese Frau ist Sängerin einer Death Metal-Band (nennen wir sie mal Frau G.) und hält einen Growl-Workshop vor interessierten Musikstudenten, grünen Landtagsabgeordneten und Leuten mit einen Fetisch für Frauen, von denen man auch mal unverhofft was auf die Fresse kriegen kann.
Charmant führt sie durch das Programm und erläutert den Wissbegierigen, wie man mal so richtig sauer losbrüllen kann! Starten tut das Ganze mit einem Videoeinspieler von ihrer Death Metal-Band (nennen wir die Band der Einfachheit halber mal A.) mit einer so „bösen“ gekrächzten Ansage, dass nur Asiaten drauf abfeiern können. Weiter geht es dann mit der Erläuterung, dass man nur ordentlich rumschreien kann, wenn man dieses gewisse innere Feuer hat. Ein medizinischer Schnitt durch den menschlichen Rachen und durch die Lunge darf natürlich auch nicht fehlen, um zu erklären, wo die Nummer eigentlich anatomisch stattfindet.
Danach kommt das Atemübungsprogramm, und garniert wird die Veranstaltung mit plötzlichem Schreien und Brüllen der Dozentin. Das letzte Mal war ich so gefesselt, als die Wollnys ein verlängertes Wochenende in London gemacht haben! Aber das ging ja alles viel zu schnell… Also ein Bier holen und das Ganze noch einmal schauen.
Beim wiederholten Gucken habe ich dann wirklich alle Gefühlslagen durchlaufen! Stolz, Scham, Ekel… Es war wirklich alles dabei - doch am Ende blieb neben der zwei Tage andauernden Gänsehaut nur noch eine Frage im Raum stehen: „Was war das denn bitteschön?“ Für jemanden, der mit Napalm Death, Extreme Noise Terror, Kreator und Konsorten aufgewachsen ist, war das ein neuer Tiefpunkt in der Extrem-Metal-Welt. So eine Veranstaltung spielt in der gleichen Liga wie die verbalen Rechtfertigungsorgien vieler Pseudometaller gegenüber Nachbarschaft, Arbeitskollegen und Familie.
Einige Beispiel gefällig? „Das hört sich zwar nach Lärm an, aber der Typ an der Gitarre ist einer der Besten der Welt“ oder „Gute Musiker enden über kurz oder lang immer beim Jazz oder Metal! Das ist 'ne echte Herausforderung für jeden Könner“ oder „Die Band könnte eigentlich viel besser spielen, aber will nicht“ oder „Wusstest Du eigentlich, dass 27,3% der Wacken-Besucher einen akademischen Abschluss haben?“ NEIN NEIN NEIN! Metal, Punk & Grindcore ist in allererster Linie HERZ!
Ob dumm oder schlau, aus gutem oder schlechtem Hause, Australien oder Europa, Frau oder Mann. Aber gerade die extremsten Musikformen diese Genres sind aus Verzweiflung und Wut geboren und nicht aus Musikalität! Nichts, was einen musikalischen Anspruch hat oder hatte. Oder glaubt irgendwer, dass Napalm Death gehofft haben, mit „Scum“, einen Meilenstein im puncto musikalischer Anspruch zu setzen?
Schreien und Brüllen oder von mir aus auch Growlen ist kein Lehrberuf, sondern ein Gefühl! Wenn es, um diesen Gesang zu erklären, eines anatomischen Querschnitts bedarf, dann wäre es maximal der Querschnitt durch Gehirn oder Herz. Denn da spielt sich die Musik ab. Ich hoffe nicht, dass Lemmy demnächst noch ein Seminar darüber hält, wie man Metal atmet. Nachdem ich das alles verkraftet habe, konnte ich nicht anders, als allen Menschen, die ich kenne, zwei Wochen lang permanent mit meinen Witzen über diese Veranstaltung auf den Sender zu gehen!
Und genau das tut mir jetzt sehr leid, denn es war oberflächlich, unmodern, pubertär und engstirnig, sich für so ein fortschrittliches Projekt zu schämen oder sich sogar darüber lustig zu machen! Was soll daran schlimm sein, dem „Normalverbraucher“, der regelmäßig mit der Einstellung „das sind ja endlich mal richtige tolle Musiker, nicht so wie bei DSDS!“ auf seinem Sofa „The Voice Of Germany“ fachmännisch zelebriert und selbst Bands wie Judas Priest für unkontrollierten Lärm hält, das Growlen etwas näher zu bringen?
Haben wir nicht irgendwie alle was davon, wenn die gesamte deutsche Bevölkerung respektvoll vor einem den Hut zieht und sagt „Mein lieber Herr Scholli, da hat Ihr Sohnemann aber einige Schrei- und Growlstunden gehabt, dass er jetzt als Sänger so schön wütend klingt“!?
Was soll daran schlimm sein, wenn neben dem Iro-Hairstylisten und der Kutten-Änderungsschneiderei auch noch 'ne Growl-Gesangsschule aufmacht? Ist nicht der Respekt, den uns alle Menschen vom Postboten bis zur Bankangestellten für unsere Gesangsleistung entgegenbringen, der Treibstoff für unseren Einsatz?
Mittlerweile denke ich schon!!!
Liebe Frau G.! Ich hoffe, ich kann Sie von meiner Liste streichen!?
Nächstes Mal:
Nummer 25 meiner Liste: Habe „Pay To Play“ befürwortet.
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer, wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, 'n besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Ich weiß nicht, ob jeder von Euch schon mal im Backstagebereich einer Konzerthalle war!?!?!
Eins ist sicher…90% der Locations unter 1.000 Besucher haben den Charme der Kellerbar eines 85-Parteien-Hauses nach der Silvesterfeier! Verwanzte Sofas, volle Mülleimer, vollgekotzter Böden etc…!
Mich persönlich stört das nicht sonderlich! Rock'n'Roll!!! Aber das Drumherum, das sich mittlerweile in den Backstage-Areas abspielt, ist viel befremdlicher als die 123 Jahre alte Möblierung.
Fünf Stunden Autofahrt und endlich angekommen.
Du kommst rein und bist voller Adrenalin, weil du auf die Bühne darfst.
Schmeißt dein Zeugs in die Ecke, und knallst dich auf das Sofa. Nachdem der Nebel (der durchs Setzen aufs Sofa aufgewirbelt wurde) sich einigermaßen gelichtet hat, schnappst du dir deine erste kalte Flasche Entspannungsbier und zündest dir dabei ein Zigarettchen an. Ein erster tiefer Zug, und plötzlich tritt ein tättowierter, langhaariger Kerl aus dem Nebel hervor und sagt: „Eh Alter! Mach die Kippe aus! Hier is Rauchverbot!!!" Noch denkst du, er macht einen Scherz… Doch er sieht dich weiter ernst an und sagt „Echt Alter! Mit so vielen Leuten auf so engem Raum, da muss man auch mal Rücksicht nehmen können!“
Okay, denkst du dir… Doch das war erst der Anfang des 15-seitigen Regelkatalogs, den du danach verbal überreicht bekommst.
Neben „hier ist Rauchverbot“ gibt es beispielweise auch noch „sorry, das vegetarische Catering ist nur für die Jungs mit den bunten Shirts“, „kann mal jemand die Musik leiser machen“, „müsst ihr euch jetzt schon vor dem Gig den Arsch zulaufen lassen?“ und „kann mal jemand den besoffenen Typen, der auf dem Tisch tanzt, vor die Tür setzten??? Ich kann mich gar nicht konzentrieren!“
So oder so ähnlich werden einige Musikerkollegen es auch schon erlebt haben, und so oder so ähnlich wird es sicher auch bei der letzten Andrea Berg-Tour zugegangen sein! Nach dem Motto „Pssst! Noch 10 Minuten bis zum Auftritt! Die Künstlerin muss sich konzentrieren!“ geht der Stimmungszug im Backstage ab wie eine Polonaise bei der Jahreshauptversammlung der grauen Panther!!!!
Mal davon abgesehen, dass die Stimmung zum Kotzen ist, entwickelt sich auch gar kein Gefühl mehr dafür, dass es sich hier um ein Metal- oder Punk-Konzert handelt (außer der Tatsache, dass man in irgendeinem Keller sitzt, der an den letzten "Hostel"-Film erinnert). Heutzutage sind alle Musiker „Profis“!!!! Früher biste besoffen angereist und besoffen gefahren! Heute müssen die Growler ihre Stimme schonen und die Musiker etwas Ruhe vor dem Auftritt haben!
Da ist mir doch ein Martin van Drunen (wie ja viele wissen, ein echter Profi) beispielsweise 1.000.000 mal lieber!! Der reist mit seiner Band an, liefert 'ne Hammer-Show ab, und das, obwohl Hail Of Bullets im Backstage vorher und nachher gefeiert haben wie eine Horde Wikiniger!
Aber vielleicht machen Hail Of Bullets das genauso falsch und sollten sich auch mal in aller Professionalität an die „neuen“ Backstageregeln halten!?!??!
Wie auch immer… ich habe das jetzt verstanden und möchte mich für meine verständnislosen „geh mir doch bitte nicht auf den Sack“ Reaktionen auf die letzten 15 Zurechtweisungen im Backstage entschuldigen!
Ich weiß jetzt, dass auch jede noch so kleine Grindcore- und Death Metal-Band ihr Bestes geben will! Immerhin haben die 37 Konzertbesucher 6,- Euro berappen müssen, der Konzertveranstalter fünf Dosen Bier + Chilli con Carne rausgetan, und daher können auch alle 'ne professionelle Show erwarten.
Ich habe jetzt verstanden, dass Zigarettenrauch im Backstage nicht nur die Stimme angreift, sondern auch nervt und tötet.
Mir ist jetzt klar geworden, dass keiner Ramba Zamba im Backstagebereich braucht, denn wenn man Party machen will, kann man auch in die Düsseldorfer Altstadt gehen.
Zukünftig nehme ich einfach mehr Rücksicht, werde eine Duftkerze, die meine Fürze absorbiert, neben meinem Platz anzünden, vor der Tür rauchen, meine Bier auf dem Lokus trinken, Musik im Auto hören und bevor ich abhaue, nochmal kurz feucht durchwischen!
Es war niemals mein Anliegen, eure Professionalität einzuschränken und damit möglicherweise Eure Karriere zu gefährden.
Grindcore, Punk und Death Metal muss ja kein Spaß machen, sondern ist ein Job wie jeder andere auch!
Also… SORRY!
Nächstes Mal:
Nummer 17 meiner Liste:
Habe mich über den Growl-Workshop von Angela Gossow lustig gemacht
Texte im Metal haben allgemein einen furchtbaren Ruf. Szenegrößen wie Manowar oder im extremeren Sektor Cannibal Corpse haben mit ihren stumpfen und jahrelang wiedergekäuten Botschaften ein trauriges und viel zu kurz greifendes Bild der Geisteslandschaft eines ganzen Genres hinterlassen. Auch vielen Fans scheint das rein Musikalische wichtiger zu sein als irgendwelche Textzeilen, die über „Hail and Kill”- oder „Saaaaatan”-Rufe hinausgehen. Wenn Bands viel Energie in inhaltliche Konzepte und deren lyrische Ausarbeitung stecken, wird das schnell als intellektuelles Weichspüler-Gewäsch verschrien. Besonders bei fremdsprachigen Interpreten ist es leichter, ein bis zwei Zeilen Refrain mitzugrölen, ohne den Text in seiner Gänze auch nur im Ansatz verstehen zu wollen. Etwas anders sieht es bei deutschsprachigen Bands aus: Die Identifikation mit den Texten findet stärker statt, und im Mainstream erfolgreiche Bands wie Rammstein oder Subway To Sally stehen nicht zuletzt aufgrund ihrer ausgefeilten Texte in den Charts. Dass es neben dem Spaßfaktor und der Ventilfunktion für Hass, Wut und Trauer eben auch einen reflektierenden, interpretatorischen Zugang zu den Texten der Metal-Welt gibt, soll hier gezeigt werden. Ob dabei tiefsinnige lyrische Perlen oder klischeetriefende Hafenbeckenabfälle geborgen werden, wird sich zeigen. Erste Gäste bei diesem Vorhaben sind die dieses Jahr bei Napalm Records durchgestarteten NACHTBLUT und ihr aktuelles Album „Dogma”.
Lyrik mit Hindernissen
Allerdings muss der geneigte Zuhörer auf diesem, bevor er sich überhaupt auf die Inhalte der Texte einlassen kann, als erstes Hindernis einige stilistische Grausamkeiten über sich ergehen lassen. Denn von einem metrischen Rhythmusgefühl kann bei Askeroths teilweise abgehacktem und silbenschluckendem Hinausknurren, -flüstern oder -kreischen einzelner Wörter nicht gesprochen werden. In Verbindung mit einem wirklich brutalen Umgang mit der deutschen Syntax, stellvertretend dafür steht das subjektlose und vollkommen invertierte „Blinde Schafe zu meinem Gottesdienst einlade” aus dem Track ‚Bußsakrament’, rollen sich auch dem wohlwollensten Hörer erstmal die Fußnägel hoch. Getoppt werden diese Kinderkrankheiten nur durch Reime, die selbst ein halbwegs trainierter Papagei als unsauber bis nicht vorhanden enttarnen würde und die die gesamte Analyse begleiten werden. Eine Kostprobe vorab gefällig? Da wären „Auf Erden / Verderben” und „gestorben / kein Morgen” oder als echtes Highlight „Für mich der Tag erst dann beginnt / Wenn die Sonne im Meer versinkt / Langsam öffne ich den Sarg / Begebe mich auf Menschenjagd”. Wären andere Bands vielleicht nicht übermäßig stolz auf dieses Ergebnis, werden die Reimpaare von NACHTBLUT extrem betont und mit gedehnten Silben ins schmerzende Gedächtnis gebrannt. Hat man sich einmal gegen diese Aussetzer halbwegs unempfindlich gemacht, kann man sich endlich dem reinen Inhalt zuwenden.
Das Dogma des eigenen Weges
Auf dieser Ebene findet sich als ein Leitgedanke das Thema des eingehaltenen eigenen Wegs, das in ‚Dogma’, ‚Der Weg ist das Ziel’ und ‚Die Schritte’ mit verschiedenen Feinheiten ausgearbeitet wird. In ‚Dogma’ liegt der Fokus auf der Ablehnung fremder, bzw. religiöser Dogmen. Dass der Refrain mit „Gott würfelt nicht nur / Er schummelt sogar” eine komische Note hat, nimmt den ernsteren Strophen ein bisschen an Kraft und wirkt ungünstig gewählt. Dabei verwirrt zunächst auch die Wendung „Ein Ziel ist die Hölle / Diese Lüge ist wahr”. Die Annahme eines Jenseits hätte bei der Diesseitsfixierung der Texte irritiert, im weiteren Verlauf wird aber deutlich, dass die Hölle das irdische Leben meint. Anstelle der fremden Dogmen findet man bei NACHTBLUT ein stark individualistisches Element: „Wege entstehen dadurch, dass man sie geht”. Die geformten eigenen Ansichten werden so zu einem persönlichen Dogma, das titelgebend für das Album sein dürfte.
‚Der Weg ist das Ziel’ nimmt das Thema auf und ist als Bandhymne interpretierbar, da „Und wir ziehen rastlos weiter, kein Schritt ist für uns zu viel” sofort an eine Band auf Tour denken lässt. Deutlich wird dabei auch die Kompromisslosigkeit, die ein eigenes Dogma mit sich bringen muss: „Wer auf Freiheit verzichtet, um geliebt zu werden / Hat beides nicht verdient”. Wie auch am Anfang von ‚Dogma’ („Der Mann, der den Berg versetzte [...] war derselbe Mann, der anfing, kleine Steine aufzuheben”) binden NACHTBLUT in ‚Der Weg ist das Ziel’ gekonnt bekannte Sprichwörter in ihre eigenen Texte ein: „Unser Leben ist Erz, unsere Herzen sind Blut, denn wir sind unseres Schicksals Schmied” und schaffen so markante, leicht im Ohr bleibende Momente.
Im Gegensatz zu den beiden genannten, sehr kämpferischen Stücken ist ‚Die Schritte’ ruhiger und nachdenklicher. Die Aussage bleibt allerdings die Gleiche: Binde dich nicht, gehe deinen Weg immer weiter und nutze die Zeit, die du hast. Der schöne Refrain „Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt / Den ersten gehen Vater und Mutter mit / Den letzten gehst du allein / So war es und so wird es immer sein” erinnert gar an eine simplere Variante von Hermann Hesses Gedicht ‚Stufen’.
Letztendlich schlägt auch ‚Rache’ in die gleiche Kerbe. Steht am Anfang der Wunsch, sich umzubringen, um die anderen Menschen in Trauer zu versetzen und so Rache zu üben, folgt später die Reue und ein Bekenntnis zum Leben: „Gestern war die Rache mein / Gestern sah ich helles Licht / Heute hass ich mich dafür / Doch ein Zurück gibt's für mich nicht”. Ein Gedanke, der auch in ‚Mein Herz in ihren Händen’ Ausdruck findet: „Die Zeit heilt alle Wunden / drum lass ich ab vom Strick”. Die Todessehnsucht wird hier von einer Frau ausgelöst, dem zweiten großen Thema auf „Dogma”.
Die Frauen von NACHTBLUT
Ein positives Frauenbild sucht man in den Songs vergeblich, vielmehr gibt es verschiedene Formen der Schlechtigkeit. In ‚Eiskönigin’ erwischt es die scheinbar perfekte, nur auf Äußerlichkeiten reduzierbare Anziehpuppe, die von allen als eine Projektion der eigenen Idealvorstellungen begehrt wird, aber ihren Sinn verliert, sobald sie erreichbar oder von niemandem beachtet wird. Der treffend gezeichnete Charakter wird mit der Zeile „Mit deiner ganzen Art - und dem erhobenen Blick / erhoffst du dir doch nur einen schnellen...” und einem ekstatischen Frauenschrei am Ende zerstört. Die ‚Eiskönigin’ wird ihrer Maske beraubt und verliert durch die Auslebung der allzu menschlichen Lüste ihren überirdischen Reiz. Dass der Text mit seltsamen Phrasierungen und teilweise erzwungen wirkenden Reimen („Dein Aussehen ist dein größter Schatz / Weil du außer dem nichts zu bieten hast”) durchzogen wird, zieht ihn teilweise ins Lächerliche, was angesichts der eigentlich gelungenen Metaphorik sehr schade ist.
Neben der ‚Eiskönigin’ findet sich in ‚Mein Herz in ihren Händen’ eine falsche und verlogene Frau, die das verzweifelt liebende Ich hintergangen hat und es mit dem bitteren Résumé „Ein Jahr verschwendet an einer Person” zurücklässt. Die Schlussfolgerungen daraus scheinen infantil, sind aber lyrisch gut in Szene gesetzt: „Von Kirchenglocken großer Liebe / Hab’ ich nun genug / Alles Märchen, alles Lügen / Alles nur Betrug”. Der Dreiklang aus Märchen, Lüge und Betrug markiert den Abschied vom Glauben an das Gute im Menschen allgemein. Die Erkenntnis „Der Mensch ist bös’ gemacht” spielt als Kern der zuletzt behandelten Texte eine zentrale Rolle. Auch der mit Sicherheit kontroverseste Text auf „Dogma” handelt von Frauen und erinnert mit seiner expliziten Gewaltdarstellung und seinem erzählerischen Stil an die großen Brüder von Eisregen. Durch die Wendungen „Vulva-Platz”, „Scheiden-Weg” und „Wo günstig Fleisch sich anbot” wird deutlich, dass es sich beim lyrischen Ich um den Sohn einer Prostituierten handelt. Interessant ist in ‚Vulva’ die Rolle des Regens: „Nur die Toten fürchten den Regen / Da er uns die Wahrheit zeigt”. Er nimmt den Menschen ihre Schminke, ihre Maske und offenbart das Gefühlslose, Tote, das darunter liegt. Für was der Regen hier metaphorisch steht, ließ sich allerdings leider nicht entschlüsseln. Auch das Ich besitzt wie die geschminkten Huren keine echten Gefühle und ist nur von dem Wunsch erfüllt, sich an den Frauen zu rächen, da er ihnen die Schuld daran gibt, dass er in einer fleischlichen Welt aufgewachsen ist und nichts über den Trieb hinaus empfindet. Eine besondere Rolle nimmt dabei die Rache an seiner Mutter ein, der Muttermord als Zeichen des Hasses auf sein eigenes Leben wird hier verspätet an ihrer Leiche vollführt. Die Beschreibung der weiteren Morde ist erstaunlicherweise verstörender, lyrischer Höhepunkt des gesamten Albums und besticht durch eine heftige Bildhaftigkeit: „Die Säge kommt erst, wenn das Blut gefriert / Im Takt des Röchelns mit den Knochen musiziert / Für meine Ohren ein exorbitanter Klang / Begleite die Symphonie mit meinem lieblichen Gesang”. Das Ganze wird mit einem irren „Lalala”-Singsang unterlegt und verhindert so auch effektiv die Deutung des Liedes als misogynes Manifest, wie es eine oberflächliche Betrachtung vielleicht nahelegt. Hier wird die Geschichte eines psychisch Kranken und seiner Morde erzählt und nicht etwa ein ideologisches Statement abgegeben. Gestützt wird diese These auch durch das Selbstverständnis des Ichs im Text: „Tot – bin ich, bist du nicht / Tot – bist du, bin ich nicht”. Die Grenze zwischen seelischem Tod des Mörders und physischem Tod der Opfer verschwimmt.
Menschen und die Macht
Als dritter Themenkomplex offenbart sich das Böse im Menschen. In den Songs ‚Macht’ und ‚Bußsakrament' sind es Machthaber, die ihre Position ausnutzen, in ‚Mordlust’ wird der Trieb im Einzelnen thematisiert. Kann ‚Bußsakrament’ noch mit zwar altbekannten, aber guten Wortspielen der Marke „Liebe meinen Nächsten” und „Ich gewinne sein Vertrauen mit meinem heiligen Schein” auf Kosten der Missbrauchsskandale der katholischen Kirche punkten, scheitert ‚Macht’ vor allem mit dem peinlichen „Macht macht geil / machtgeil”-Refrain. Die Aufzählung von verschiedenen Diktatoren, Völkermördern und Kriegsverbrechern in den Strophen lädt zwar zur historischen Recherche ein, die Aussage des Songs bleibt aber banal: Macht zeigt das wahre Ich eines Menschen, und das ist böse. Interessanter ist ‚Mordlust’. Das Ich will die Morde keineswegs begehen „Ich habe mir fest vorgenommen / Meinem Drang zu widerstehen”, kann seinen Trieb aber nicht besiegen. Der Sieg des Bösen, der Lust über die Vernunft und das Gesetz ist wichtiger Bestandteil der lyrischen Welt NACHTBLUTs. Daher ist es konsequent, wenn am nachdenklichen Ende die Perspektive so gedreht wird, dass jeder der Mörder sein könnte: „Schaust du zu mir herab, siehst du nur noch Abschaum / Schaust du zu mir auf, siehst du deinen Meister / Doch schaust du mich direkt an, so siehst du dich”. Der verurteilende Umgang mit religiösen Tätern in ‚Bußsakrament’ entfaltet dabei seine Doppelmoral, die aber angesichts des vagen Black Metal-Hintergrunds nicht verwundern sollte.
Vampire beim Schlachter
Abschließend gibt es noch ‚Ich trinke Blut’. Im Interview der Ausgabe 79 wird das Lied von Schlagzeuger Skoll als Song über „Massentierhaltung und Vegetarismus/Veganismus” bezeichnet und von Kollege Bastian Schmatz in der entsprechenden Review auch in diese Richtung gedeutet. Allerdings bestätigt auch er, dass der Text „auf den ersten Blick plakativ” wirkt. Doch eben gerade bei genauerer Betrachtung kann man die Aussage Skolls nur als Wunschdenken bezeichnen. Lassen sich der Refrain „Ich trinke Blut - Weil es mir schmeckt / Ich bin einer von denen, der die Klinge ableckt / Ich trinke Blut - Und ich fühl mich dabei gut / Leben, leben lassen und mein Leben lass ich leben durch Blut” und eine der Strophen „Meine scharfen Zähne erfüllen ihren Sinn / Ich gehe morden, weil ich so naturverbunden bin / Ich bin der König der Könige der Nahrungskette / Ich wäre minderwertig, wenn ich Mitleid hätte” noch tatsächlich vom Vampirismus-Thema lösen und in eine Ernährungs-Interpretation zwängen, hat die anfangs zitierte Nachtaktivität und Menschenjagd definitiv nichts damit zu tun. Besonders auch „Die Alten beten, die Jungen schreien / Die Knaben stammeln, die Mädchen weinen / Die Väter winseln, die Mütter flehen / Die Männer schweigen und die Frauen stöhnen” ist doch sehr weit von Vegetarier-Kritik entfernt, aber dafür umso näher an der klischeehaften Reaktion auf das Wildern eines Vampirs. Dass im Video zum Song blutverschmierte Menschen durch einen Stall krabbeln müssen, um die gewünschte Botschaft zu vermitteln, zeigt, wie halbgar NACHTBLUT die Zweideutigkeit des Songs geraten ist. Dass der Refrain wie ein billiger Kinderreim klingt, wird da schon zu einer traurigen Randnotiz.
Letztendlich hinken die Texte der musikalischen und kompositorischen Klasse der Songs weit hinterher, und es bleibt festzuhalten, dass NACHTBLUT mit „Dogma” aufgrund der festgestellten stilistischen Schwächen nicht die erhoffte lyrische Perle liefern. Die durchweg interessanten Themen der Songs sind aber allemal einen zweiten Blick ins Booklet oder auf die Lyrics-Website Eures Vertrauens wert. Wissen, was man da auf Konzerten, in Metal-Discos oder im heimischen Wohnzimmer eigentlich mitbrüllt, lohnt sich in jedem Fall.
„Ach du liebe Güte“, werden jetzt einige rufen! Schon wieder 'ne Kolumne!
Als würde es nicht reichen, dass Fenriz oder Scott Ian neben zwei, drei Redakteuren Eurer Lieblingsmagazine Platz mit ihren persönlichen Meinungen und Werbebotschaften verseuchen. Fängt der jetzt auch noch damit an???
GENAU SO IST ES!
Ich werde mich jetzt Monat für Monat an dieser Stelle zur extremen Metal-Szene äußern! Und zwar über die „Szene“ von heute und über die Szene der Vergangenheit! Keine Angst, ich stimme nicht das alberne Lied „früher war alles besser“ an. Doch man kann auf jeden Fall sagen, dass alles etwas anders war.
Viele wissen es vielleicht nicht (weil sie einfach zu jung sind), aber extremer Metal oder Grindcore war damals noch nichts für RTL Exklusiv und Taff. Es wurde nicht im Frühstücksfernseher über Wacken berichtet, und mein Oberstudienrat hat auch keinen Metal gehört, geschweige denn, sich dazu bekannt! Metal war damals tatsächlich etwas, das die Gesellschaft abgelehnt hat, und wer Metal oder Punk gehört hat, galt als asozial. Die Menschen haben die Straßenseite gewechselt, wenn sie so einen Typen gesehen haben, und Väter haben (so lange sie noch stärker als ihre Kinder waren) versucht, sich mit aller Kraft dagegen zu stemmen, dass ihre Kids in diesen Sumpf abdriften.
Es war eine Randgruppe! Eine echte Randgruppe, die etwas ausdrücken wollte, die gerne ungeliebt war und niemals eine Wochenendbewegung, wie es heute vielfach der Fall ist.
Heute ist ja alles deutlich liberaler geworden. Metal, Grindcore und Co. haben volle Akzeptanz in jeder Bildungsschicht/Einkommensschicht erreicht und werden auch schon mal beizeiten in den Gymnasien der Republik von Schülern als Kunstform im Unterricht präsentiert. Ein Tattoo hat heute sowieso jeder, und es gehört zum guten Ton der Gesellschaft, dass jeder Teenie in der Pubertät auch mal eine Punk- oder Metal-Phase durchlebt, um seine Eltern zu schocken!
Ist es das, was alle wollten???
Ist es das, was Sid Vicious oder Tez Roberts wollten?
Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen!
Ich glaube nicht, dass Tom Angelripper sich damals erhofft hat, dass „Obsessed By Cruelty“ von irgendeinem sackhaarlosen Teenie als Schulprojekt im Musikunterricht besprochen wird. Na sicher ist das heute super, dass bei jedem Radiosender Metal läuft und Frauke Ludowig über wilde Festivals berichtet!
Aber machen wir uns doch alle nichts vor, im Ergebnis wird man heutzutage mit Metal genauso zugeschissen wie mit Schlagermusik! Das bittere Ende dieser Kommerzialisierung sieht man dann hinterher… denn dann wird der schlimmste Alptraum eines jeden „alten“ Fans wahr, und eine Band wie Volbeat wird Headliner auf dem Wacken Open Air. Und wisst Ihr, auf welcher Bühne Volbeat dann spielen werden??? Auf der TRUE METAL STAGE!!!!!
Glücklicher Weise nur ein schrecklicher Alptraum… oder doch nicht??
Schöne neue Welt!
Aber eigentlich ist der Zweck dieser Kolumne gar nicht, die ganze „Szene“ von heute in den Dreck zu ziehen! Ganz im Gegenteil! Ich habe mich viel zu oft und zu lange darüber beschwert, dass aus dem kleinen, extrem geilen Haufen der 80er/90er eine riesige Bewegung wurde, in der jeder Zweite nur deswegen dabei ist, weil er das Festival-Feeling so unbeschreiblich findet, oder nix anderes da war, als die Techno-Szene sich langsam aufgelöst hatte...
Und darum mache ich es jetzt wie Earl J. Hickey:
…kennt Ihr vielleicht auch solche Typen, die immer nur über Old School labern und sich dann fragen, wieso ihre Musikerkarriere beschissen läuft? Tja, genau so einer war ich auch. Immer, wenn mir mal was Gutes in der Metal-Szene passiert ist, ließ das böse Ende nicht lange auf sich warten: Karma! Da wurde mir klar, dass ich mich ändern musste. Also hab ich 'ne Liste mit all meinen üblen Lästereien und Gräueltaten gemacht, um sie dann, eine nach der anderen, wieder gut zu machen.
Ich versuche nur, ein besserer Mensch zu sein. Mein Name ist Lee!
Nächstes Mal:
Nummer 87 meiner Liste: Habe im Backstage-Bereich geraucht!!!!