Coole Leute, die gerne Musik machen
In der Printausgabe #79 steht das selbstbetitelte Skarab-Album im Mittelpunkt des Interesses. Darüber hinaus hat sich mit Gitarrist Tim aber auch ein Austausch über den ZEITGEISTER MUSIC-Dachverband ergeben, unter dem viele verschiedene Konstellationen vergleichsweise weniger Musiker experimentieren.
Gerade eben kam das neue Hammerheart heraus, und was man dort im Valborg-Interview über die ZEITGEISTER liest, ist alles so herrlich verschwommen und abstrakt. Man hat das Gefühl, dass es sich bei ihnen um eine Kommune handelt, die in immer wieder neuen Konstellationen ihrer Kreativität freien Lauf lässt. Man phantasiert als Leser über einen urigen Loft mit individuell eingerichteten Räumen für die verschiedenen Gemütsverfassungen und musikalischen Bedürfnisse. Aber willkommen in der Realität – ein solches Leben und (kreatives) Arbeiten dürfte in der Boomregion Bonn mit ihren heftigen Mieten unbezahlbar sein. „Die Vorstellung gefällt mir“, träumt Tim einen Moment mit, um dann wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukehren. „Allerdings führen wir doch relativ normale Leben und wohnen in gewöhnlichen Wohnungen. Wir schauen aber, dass wir genug Zeit zum Musizieren finden – letztes Jahr habe ich mir nur zu diesem Zweck sechs Monate Auszeit von meiner Tätigkeit als Softwareentwickler genommen. Und gelegentlich suchen wir auch coole Orte zum Musizieren auf: Ich fahre öfter mal mit meiner Freundin zum Musizieren in ein Holzhaus in der Eifel, die aktuelle Klabautamann-Platte wurde zu Teilen in dem super coolen Holzhaus der Eltern meiner Freundin im Siegerland aufgenommen und für die Skarab-Schlagzeugaufnahmen haben wir uns in einem kalten Bunker eingenistet.
Auch wenn wir jetzt keine Kommune im eigentlichen Sinn haben, da wir nicht zusammen wohnen, so gibt es auf der einen Seite den Proberaum 308 im Hansahaus, wo sich einige Zeitgeister regelmäßig treffen, und auf der anderen Seite kommen tatsächlich immer wieder neue Projekte in unterschiedlichen Konstellationen der selben Leute zusammen. Insofern ist deine Vorstellung in mancher Hinsicht gar nicht so unpassend.“ Diese naive Kommunen-Vorstellung hatte der Interviewer letztmalig bei...In The Woods, die auch als das Zentrum von vielen Seitenlinien fungierten. Welche Band wäre denn bei den ZEITGEISTERn das Zentrum – Klabautamann, Island oder Valborg? „Das kann man nicht so genau sagen. Ich schätze Klabautamann ist am bekanntesten und verkauft auch am meisten Alben. Aber Valborg spielt am meisten live – ja sogar mal auf dem Roadburn Festival, das von Tom Warrior mit organisiert wird – und dort sind auch mit Flo, Jan und Christian die zentralen Zeitgeister versammelt“
Zeitgeist ist ein Wort, welches wie auch Blitzkrieg und einige andere direkt in den englischen Sprachgebrauch übergegangen ist. Bei ZEITGEISTER hingegen dürfte ein native speaker nur mit den Schultern zucken. „Da hab ich mir nie Gedanken drüber gemacht. Ich glaube, der Name kommt von Christian, musst du ihn mal fragen. Ich fand ihn immer cool und griffig, und mittlerweile steht er für mich für eine Gruppe cooler Leute, die gerne Musik machen.“
Egal welche Band aus dem Verbund man herauspickt: Keine entspricht dem Zeitgeist, der mit Begriffen wie Kommerz und Trend einhergehen würde. Ganz im Gegenteil, die meisten Projekte sind anachronistisch, nostalgisch, sind visuell, lyrisch und musikalisch eher Eskapismus als Spiegelung der aktuellen Befindlichkeiten der Nation/der Welt. Die Bands machen Liebhaberkunst für kleine Minderheiten und haben wahrscheinlich doch eher Angst davor, vom Zeitgeist vereinnahmt und plötzlich unverschuldet „das nächste große Ding“ zu werden – oder? „Ich kann mir kaum vorstellen, dass irgendjemand von uns Angst hätte, mal kommerziell erfolgreich zu sein! Erstmal tun wir viel zu wenig dafür, also ist die Wahrscheinlichkeit recht niedrig, dass es mal so kommt. Aber dann muss man auch sagen, dass es zumindest mich auch wirklich nicht stören würde, wenn etwas mehr Geld dabei rum käme. Ich denke, dass das den anderen auch so geht. Aber das ist nicht das Ziel. Wir wollen Mucke machen, die uns Spaß macht, wo wir gerade Bock drauf haben. Wenn das zufällig das ist, was auch viele andere hören wollen: super! Wenn nicht: auch egal. Aktuell hätte ich auf jeden Fall wenig Lust, etwas zu machen, das mir musikalisch gar nicht zusagt, nur um mehr Geld mit der Musik zu verdienen. Da kommt man mit regulären Jobs einfacher zu Geld und kann sich die Musik als Hobby erhalten, ohne den Druck, Kohle damit rein bekommen zu müssen, und dem ganzen Stress, der damit verbunden ist.“
Künstlerische Grenzen scheinen dabei das einzige Tabu – mit seinem Epic Rap dürften Angry Teng bei 99% der Metaller der ultimative Sprengstoff sein. „Aus meiner Sicht passt Angry Teng musikalisch nicht wirklich ins ZEITGEISTER-Repertoire, oder sagen wir eher: noch nicht. Ich denke, dass dies aber genau ein cooler Punkt ist: Wir scheißen auf Grenzen und sind damit viel freier als solche, die sich immer genötigt fühlen, sich an bestimmten Genres orientieren zu müssen oder irgendwelche Erwartungen zu erfüllen. Angry Teng ist hauptsächlich bei uns, weil er ein guter Freund ist und auch Bock hatte, bei den Zeitgeistern mitzumischen. Das ist wichtiger als das manchmal doch etwas engstirnige Metaller-Publikum zufrieden zu stellen. Die Vielzahl an Projekten ermöglicht einem auf der einen Seite, immer mal wieder etwas Neues zu machen, wenn einem danach ist, ohne etwas Altes aufgeben oder ändern zu müssen. Auf der anderen Seite kann man aber auch immer wieder ein altes, verstaubtes Projekt ausgraben und mit einem neuen Album wieder zum Leben erwecken. Dann hat man wieder etwas Vertrautes, auf dem man aufbauen kann. Im Grunde ist jedes neue Projekt wie ein neues Stück Land, das man auskundschaftet und kultiviert. Wenn man nach Jahren zurückkehrt, fühlt man sich zu Hause, man entdeckt aber immer wieder neue Dinge und kann jederzeit musikalische Ideen auf dem Acker aussähen, in den gewohnten Bedingungen reifen lassen und schließlich ein frisches Album ernten.“ Eine Philosophie, die qualitativ aufgeht – auch wenn man natürlich nicht alle Ernteerträge gleichermaßen geschmacklich schätzen muss.