Für einige Leute gelten WUSSY als eine der besten amerikanischen Indie-Bands des neuen Jahrtausends. Nun muss man mit Superlativen ja vorsichtig sein und sollte sich einen Eindruck von der Band verschaffen, ehe man selbst darüber urteilt. „Buckeye“ ist dazu bestens geeignet, handelt es sich hierbei doch um eine Compilation. Da die Songs nicht in chronologischer Reihenfolge aufgeführt sind, kann das spontane Hören vielleicht etwas verwirrend sein. Daher eine grobe Orientierungshilfe: Frühe Songs wie 'Airborne', 'Soak it Up' oder 'Funeral Dress' haben noch starke Bezüge zum Folk Rock, die mittlere Phase mit Songs wie 'Maglite' 'Death By Misadventure' 'Magic Words' erinnert an R.E.M., neuere Sachen wie 'Pulverized', 'Little Miami' oder 'Pizza King' sind etwas härtere Rockmusik, teilweise mit ungewöhnlicher Instrumentierung (etwa Theramin-Klänge bei 'Asteroids') und deutlich mehr Verzerrung. Gut möglich, dass sich das Ganze zukünftig noch zu Art Rock auswächst. Bezüge zum Folk sind heuer fast ganz verschwunden. Stattdessen zeigt sich jetzt eine eigenständig gewordene Band. Die Entscheidung, jetzt eine Compilation zu veröffentlichen und weltweit zu vertreiben, ist also goldrichtig. Wer auf Anspruch nicht verzichten will, dem sei diese Scheibe als Einstieg empfohlen. Man kann eine gute Band finden, anschließend die alten Alben besorgen, sofern als CD verfügbar, auf neue hoffen und sich ganz nebenbei ärgern, dass man WUSSY nicht eher entdeckt hat.
„Punk is not Dead!“ fällt einem sofort als beschreibende Phrase der neuen Platte der CASUALTIES ein. Kaum bei Season Of Mist unter Vertrag, kommen die Herren mit „Resistance“ um die Ecke. Der Name ist natürlich Programm. Mit nicht weniger als 16 Tracks in nicht mehr als 38 Minuten wird Hardcore Punk zelebriert, bis das Trommelfell platzt. Das Songwriting folgt den typischen drei Akkorden für ein Halleluja, wobei die Gitarrenspuren vergleichsweise anspruchsvoll ausfallen, für Hardcore eindeutig schon zu künstlerisch. Der Rhythmus gleicht einem Schlag in die Fresse oder einer Einladung zum Pogo. Die Texte zelebrieren von Sozialkritik ('Modern Day Slaves', 'Morality Police') über Selbstbestimmtheit ('My Blood. MyLife. Always Forward!' oder 'Warriors On The Road') bis Politik ('No Hope') und Staatskritk ('Brick Wall Justice') alles, was man erwartet. Abwechslung gibt es erwartungsgemäß eher wenig, stattdessen wird der musikalische Knüppel geschwungen. Der Sound ist roh und dreckig, wie es sich gehört. Die Musiker hatten eindeutig nicht vor, sich oder das Genre neu zu erfinden. Dies ist aber gar nicht nötig. Vielmehr beweisen THE CASUALTIES, das sie es immer noch können und weit von irgendwelchen Ermüdungserscheinungen entfernt sind. Mag man ihnen Ausverkauf vorwerfen, so oft man möchte, aber ein so kompromisslos aggressives und ehrliches Album erwartet man nicht von vermeintlichen Kommerzschweinen. Fans der Gruppe müssen dieses Album kaufen, Fans der Stilrichtung können es kaufen, die anderen können die Band mal.
OUR LAST NIGHT wollen mit „Age Of Ignorance“ im Alternative-Genre Fuß fassen. Dabei zeigen sie unüberhörbare Bezüge zu Bands der Sorte Rise Against oder Foo Fighters auf. Die Songs sind mitreißend, Party-tauglich und technisch betrachtet auf einem akzeptablen Niveau. Die Band hat eindeutig Potential, und auch dieses Album wird sicher Zuhörer finden. Leider ist das Songwriting aber noch zu wenig eigenständig, um wirklich zu überzeugen. Gut zu hören ist dies an Liedern wie 'Age Of Ignorance', 'Conspiracy' oder 'Send Me To Hell'. Sie bestehen sämtlich aus Riffs, die schon zu oft verwendet wurden, um noch als interessant zu gelten. Zur mangelnden Eigenständigkeit gesellt sich ein Ungleichgewicht: Poppige Nummern wie 'Reason To Love' stehen in krassem Gegensatz zu harten Songs wie 'Liberate Me', das ein ziemlich cooles Intro hat und ein guter Opener gewesen wäre. Die Halbballade 'Voices' klingt etwas zerstückelt, und die flächig über das Album verteilten Synthesizer-Einsprengsel wirken unpassend bis unnötig. Offenbar herrscht noch eine gewisse Unsicherheit hinsichtlich der musikalische Ausrichtung. In Anbetracht dessen erscheint der glattgebügelte Sound wenig überraschend. Da ihre Stärken und ihr technisches Potential aber bei härteren Songs zum Tragen kommen, sollten die Jungs diese soundtechnisch in Zukunft mit mehr Ecken und Kanten versehen. All das sind aber Kritikpunkte, die sich mit der Zeit sicher erledigen. Man darf gespannt sein, was man von OUR LAST NIGHT noch hören wird.
NATIONS AFIRE sind eine Allstar-Band, bestehend aus (Ex-)Mitgliedern von namhaften Gruppen wie Rise Against, Ignite und Death By Stereo. Ihre Musik ist eine wilde Mischung aus Hardcore, Punk und Rock, wobei eine gewisse Rise Against-Lastigkeit vorherrscht. Offbeats, Breaks, gelegentliche Shouts erinnern stark an selbige. Allerdings ist das so ziemlich der einzige Kritikpunkt. Es kommt zu jedem Zeitpunkt Stimmung auf, die Musik ist abwechslungsreich und wird auf hohem Niveau dargeboten. Die jahrelange Erfahrung der Musiker macht sich bezahlt, und die Band scheint zu harmonieren, was bei Allstar-Projekten nicht selbstverständlich ist. 'I Am An Army' ist ein Opener, der unweigerlich Lust auf mehr macht. Diese wird vom Titeltrack und von 'Nine Lives' auch sogleich befriedigt. 'Even The Blackest Heart Still Beats' zeigt als Ballade die eine ruhige Seite der Gruppe. Das Lied ist ein unglaublicher Ohrwurm, und man kann sich die Chöre aus dem Publikum vorstellen. Wenn am Ende von 'Wolves' der letzte Ton verklingt, hat man mehr geschwitzt als nach einer Doppelschicht, aber wesentlich mehr Spaß gehabt. Mit Bezug auf den Sound ist es NATIONS AFIRE gelungen, ein unwahrscheinliches Live-Feeling zu erzeugen, ohne das solche Musik nicht funktionieren würde. Da die Herren demnächst auf Tour gehen, sei allen Interessenten ein Konzertbesuch wärmstens empfohlen.