LEGACY - The Voice from the Darkside

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Wednesday, 29 June 2011 02:00

 

Shining

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Verzweiflung, mein Erbe

Die bereits für Anfang 2010 angekündigte siebente SHINING-Platte „Född Förlörare“ (übersetzt: „Geborener Verlierer“) wird nun endlich veröffentlicht. Der Titel ist wohl eher ein Understatement, denn dieses Album offenbart das mit Abstand vielseitigste SHINING-Material überhaupt. Am Telefon zeigt sich Band-Kopf Niklas Kvarforth als angenehmer, intelligenter Gesprächspartner, der sowohl selbstbewusst als auch kritisch mit der eigenen Vergangenheit umgeht. Auch wenn viele seiner Ansichten noch immer destruktiv erscheinen, ist er offenbar an dem Punkt angelangt, an welchem ihm bewusst geworden ist, dass man mit bloßer Provokation dem Underground nicht entwachsen kann.

 

Hinsichtlich der Veröffentlichung von „VII“ gab es im Vorfeld viel Hin und Her. Die Songs zum siebten Release waren lange im Kasten, aber Osmose wollte man diese Aufnahmen nicht überlassen. Um aber den Vertrag mit ihnen zu erfüllen, wurde kurzerhand „Klagopsalmer“ geschrieben und eingetrümmert. Die Spontanität merkt man dem Release durchaus an, und es verwundert kaum, dass es entsprechend Kritik regnete. Berücksichtigt man aber, dass diese „dazwischen geschobene“ Veröffentlichung, innerhalb kürzester Zeit zusammengeschustert und aufgenommen wurde, ist sie gar nicht so schlecht. „Ich habe „VII“ vor mehr als vier Jahren geschrieben. Es sollte ja eigentlich SHINING VI werden, aber es war einfach zu gut, um es auf Osmose herauszubringen. Sie hätten es nicht genug promotet“, rechtfertigt Kvarforth die Entscheidung, dem Label das Material vorzuenthalten. „Wir schrieben binnen zwei Tagen ein neues Album - was dann eben Nummer „VI“ wurde. Mit dem ja bereits fertigen „VII“ unterschrieben wir dann bei Indie Recordings.“

Dass es dort zu einer extremen Verzögerung des Releases kam, lag nicht in deren Verantwortung. Niklas schiebt die Schuld vielmehr auf den damaligen Produzenten, welcher sich Ewigkeiten nicht um den Mix der Platte scherte. Kvarforth sieht all diese Ereignisse aber eher als Wink des Schicksals, denn sie führten zu dem überraschenden Major-Deal mit der finnischen Universal-Tochter Spinefarm, welcher SHINING zum ersten Mal in ihrer Karriere den verdienten, bisher verwehrten, Support garantiert. Die Finnen haben das Potential gewittert und Indie Recordings das Material quasi abgekauft, um es selbst zu veröffentlichen. „Als wir auf der Watain-Tour waren, erhielt ich eine Nachricht von Teemu, dem neuen Chef von Spinefarm“, beginnt der Sänger zu erzählen. „Er hat früher schon ein paar Konzerte in Finnland für uns organisiert und schrieb mir, dass er SHINING auf seinem Label haben wolle und unserem jetzigen ein Angebot gemacht hätte, das sie nicht ablehnen könnten. Er meinte, er könnte die Band finanziell unterstützen und uns helfen, größer zu werden.“ Bis zu diesem Angebot waren Spinefarm für Niklas nur eines von vielen kleinen Labels, das in seinen Augen neben „Drawing Down The Moon“ von Beherit nicht viel Ansprechendes veröffentlicht hat.

Teemu hat die Band überzeugt, dass so ein Quantensprung nach vorn möglich wäre und hat seinen Worten auch Taten folgen lassen. Kvarforth ist selbst überrascht, wie fruchtbar die Zusammenarbeit für beide Seiten sein kann. „Als ich damals mit Teemu telefonierte, schlug ich ihm vor, dass er binnen zwei Tagen hierher nach Schweden kommen möge und wir persönlich über den Deal sprechen sollten. Er buchte direkt einen Flug und kam. Bisher hat er jedes einzelne Versprechen gehalten, und das waren eine ganze Menge. Es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass wir ein Label haben, das uns in unserer Entwicklung unterstützt. Bisher bekamen wir immer nur eine Menge versprochen, aber letzten Endes ist bis auf ein paar Werbeanzeigen nicht viel passiert.“

Die neuen alten SHINING

Blickt man auf die ersten Platten von SHINING zurück, ist eine immense Entwicklung erkennbar. Vom Black Metal der Anfangstage ist nicht mehr viel übrig geblieben, denn die stilistische Vielfalt, die in die Musik der Schweden Einzug gehalten hat, ist sicher dort noch irgendwo verwurzelt, hat sich aber in eine Richtung entwickelt, die nicht mehr in Schubladen passt. Derzeit werden SHINING des Öfteren als „Opeth des Black Metal“ bezeichnet. Zwar sieht Kvarforth nicht viele Parallelen, erachtet den Vergleich aber in Anbetracht von deren musikalischen Fähigkeiten als Kompliment. „Die alten Black Metal-Fans werden dieses Album wahrscheinlich nicht mögen, aber andererseits werden wir damit auch viele neue Fans gewinnen. Der Vergleich mit Opeth scheint vielleicht nicht völlig absurd, dennoch ist das nicht so unsere Baustelle. Ich mag ein paar Sachen von ihnen, aber im Grunde genommen inspiriert mich weitaus mehr als das. Ich höre Popmusik, Rock, sogar HipHop bis eben hin zu Metal. Und letztendlich ist „VII“ genau deshalb ein sehr variables Album. Es klingt so vielseitig, weil ich von all diesen verschiedenen Kanälen beeinflusst werde“, deckt Niklas seine Inspirationsquellen auf. „Es ist etwas völlig anderes, als sich einzig nur von Bands wie z.B. Darkthrone inspirieren zu lassen und eine Platte aufzunehmen, die dann wie eine Waschmaschine klingt.“ Neben all den musikalischen Einflüssen, ist „VII“ insbesondere auch durch Niklas' damaligen Heroinkonsum geprägt. „Es ist kein Geheimnis, dass viele Platten wie beispielsweise von Pink Floyd oder The Doors unter dem Einfluss von Heroin geschrieben wurden. Inzwischen bin ich davon runter, aber zur Zeit, als die Songs entstanden, war ich abhängig. Ich glaube, dass auch aufgrund dieses Umstandes dieses Album etwas Besonderes ist.“

Negativität und Dunkelheit

Alles, was mit SHINING zu tun hat, ist laut Kvarforth eine Glorifizierung der Negativität und der dunklen Seite im Menschen, ungeachtet der jeweiligen musikalischen Expression. Bereits mit „V“ hat sich die Band klar vom typischen Black Metal abgewandt und für Genreverhältnisse progressive Pfade eingeschlagen. Wenig verwunderlich ist demnach die entsprechend harsche Kritik der Die-Hard-Fans der Anfangstage. „Als wir damals „V - Halmstad“ herausbrachten, hatte ich wirklich Angst, alle Fans zu verlieren. Natürlich hätten wir auch ein weiteres „Livets Ändhållplats“ aufnehmen können. Aber was wäre der Sinn darin gewesen? Ich habe angefangen, mich mit Black Metal zu beschäftigen, als ich etwa zwölf war. Ich wollte diese Form des Ausdrucks verfeinern, und mein Ziel war es immer, eine noch tiefere Dunkelheit zu finden.“

Als Ausweg aus kreativen Tiefs ist Niklas extreme Wege gegangen – hat sowohl mit psychischem als auch physischem Schmerz experimentiert und in diesem Zusammenhang absichtlich negative Gemütszustände erzwungen, indem er Beziehungen beendete oder Familienkonflikte provozierte. Ergebnisse dieser Stimmungstiefs waren dann nicht immer aggressive Metal-Parts. „Manchmal nimmt das ganz seltsame Züge an, und ich schreibe anschließend ein Pop-Riff. Aber dann soll es eben so sein. Ich setze mich nicht hin und fange an, mir darüber Gedanken zu machen, was die Leute wohl davon halten werden“, erläutert er die potentiellen Auswirkungen seiner Grenzerfahrungen. „Ich folge meinem Herzen, und genau das ist, es worum es geht: ein Song muss Passion haben, du musst das Feuer, das in deinem Herzen brennt, fühlen. Dann kannst du auch die sprichwörtlichen Berge mit deinen bloßen Händen versetzen.“

Zusammen sind wir alles

Gastbeiträge von befreundeten Bands sind nicht ungewöhnlich im Metal-Genre. Und so findet man  auf „Född Förlörare“ u.a. Gesangs- bzw. Gitarren-Passagen von Watains Eric Danielsson und Arch Enemys Christopher Amott. „Erik ist wie ein Bruder. Ich hatte die Idee, ihn auf einem der Songs mitwirken zu lassen, seit ich Watain zum ersten Mal in Oslo auf dem Inferno Festival getroffen habe. Es war eine ganz natürliche Sache für mich, ihn zu fragen, ob er nicht  mitwirken wolle, und er hat es mit Leib und Seele getan.“ Die Zusammenarbeit mit Christopher resultierte im Prinzip nur daraus, dass Peter Huss zunächst alle Sologitarren für das Album allein einspielen musste. „Wir hatten aber diesen einen Song mit mehreren aufeinander folgenden Soli, und ich wollte, dass hier noch ein weiterer Gitarrist ins Spiel kommt. Huss dachte sofort an Christopher, und ich fand die Idee gut, denn von den beiden Amott-Brüdern ist er der bessere Gitarrist.“

Neben diesen Beiträgen steuert auch der schwedische Pop-Sänger Håkan „Nordman“ Hemlin auf dem Track 'Tillsammans Är Vi Allt' die Vocals für den Refrain bei. Eigentlich eine seltsame Kooperation für eine Band wie SHINING, aber im Gesamtkontext macht die buchstäbliche Instrumentalisierung Hemlins durchaus Sinn. „Nordman ist ein bekannter Drogensüchtiger (Er geriet durch seinen Heroinmissbrauch in die Schlagzeilen – Anm. der Redaktion). Ich habe über unseren Manager anfragen lassen, ob er mit uns auf diesem Album zusammenarbeiten wolle“, schildert Kvarforth den Beginn dieser eigenwilligen Liaison. „Nordman bekam nur den Text des Refrains, der soviel bedeutet wie 'Ohne dich bin ich nichts, ohne mich bist du nichts - aber zusammen, zusammen sind wir alles'. Er dachte es sei ein Liebeslied – was es ja im Prinzip auch ist. Es handelt von der Liebe zu Heroin. Als die Presse in Schweden davon Wind bekam, gab es überall Schlagzeilen wie 'Schwedischer Popstar arbeitet mit Skandal-Band zusammen'. Seine Karriere bekam dadurch einen Anschub, aber kurz darauf wurde er wieder mit N-Methylamphetamin (Crystal) erwischt.“ Ironie des Schicksals...

Für den Song 'I Nattens Timma', der ursprünglich von Landberk, einer schwedischen Prog-Band stammt, hat man sich mit Peter Bjärgö von Arcana weitere, diesmal „neo-klassische“ Gesangsverstärkung geholt. SHINING betreten damit stilistisch erneut fremdes Terrain, aber das Stück passt von der Stimmung her sehr gut in den Rahmen des Albums. „Es ist ein düsteres Schlaflied. Landberk hatten im Jahre 1992 ein Album mit dem Titel „Riktigt Äkta“, was soviel wie 'wirklich wahr' bedeutet, herausgebracht. Ich habe dieses Album, nachdem ich es '94 oder '95 in die Finger bekam, mehrmals die Woche gehört“, schildert Niklas seine persönliche Beziehung zu dem Titel. „Es gibt viele großartige progressive Bands in Schweden, die außerhalb der Landesgrenzen nicht besonders bekannt geworden sind. Landberk haben ein sehr satanisches Album gemacht, und es passiert nicht oft, dass du so viel Ehrlichkeit in einem religiösen Kontext erlebst. Meine Version reflektiert ebenfalls diese alte, schwedische Melancholie und klingt durch die Vocals, die Peter zu dem Song beigesteuert hat, ein wenig nach altem Dark Wave.“

Das Beiprodukt eines Beiprodukts

SHINING werden als Gründer der Suicidal Black Metal-Bewegung angesehen, distanzieren sich inzwischen allerdings von dieser Richtung. Abgesehen davon, dass man musikalisch nur noch wenige Parallelen sieht, war die Motivation der Band damals eine gänzlich andere als das, was die neueren Vertreter dieser Form des Black Metal heute proklamieren und nach außen tragen. „Wir haben dieses Genre erschaffen. Aber heutzutage ist es irgendwie nur noch mies. Ich habe damit 1996 angefangen, und zum Teil bin ich auch stolz darauf, ein eigenes Subgenre hervorgebracht zu haben. Aber all diese Leute haben nicht wirklich verstanden, was die eigentliche Intention war“, beklagt sich Kvarforth. „Ich bekomme so viele CDs zugeschickt, die sich scheiße anhören. Oftmals untalentierte Musiker, die kaum ihre Instrumente beherrschen, singen davon, wie schlecht es ihnen doch geht. D-a-s war niemals die Intention von Suicidal Black Metal. Was ich wollte, war, den Leuten Bilder und Gedanken von Suizid einzupflanzen, ich wollte, dass sie sich eine SHINING-Show anschauen, sehen, wie ich mich verletze, und es selbst tun, ich wollte aktive Konfrontation.“ Der Suicidal Black Metal von heute erinnert Kvarforth wohl eher an verklärte Selbstbemitleidung als an echten Aktivismus, welchen er mithilfe seines expressionistischem (Selbst-)Zerstörungstriebs forderte. Für ihn war diese extreme Art des Ausdrucks kein Hilferuf, sollte keine Therapie für Depressive oder Suizidgefährdete sein.

Zu Beginn war Kvarforth inspiriert von Bands wie Celtic Frost und besonders von Burzum, nennt SHINING selbst „ein Beiprodukt“ dessen. „Burzum haben all das damals auf „Hvis Lyset Tar Oss“ und „Filosofem“ perfekt verkörpert, Strid schafften das ebenso mit ihrer selbst betitelten 7“. Unser erstes Album hat dem entsprochen - wir haben es bis zum Äußersten getrieben. Mehr ging einfach nicht.“ Die neuen Suicidal Black Metal-Bands sind in seinen Augen wiederum nur ein Beiprodukt von SHINING. „Sie sind sozusagen ein Nebenprodukt eines Nebenprodukts, und das kann nicht gut sein. Aber zuallererst sollten sie lernen, ihre Instrumente richtig zu spielen, bevor sie anfangen, Alben aufzunehmen.“

Auf der Suche nach dem inneren Gleichgewicht

Frühere Konzerte waren geprägt von Niklas' destruktivem Verhalten gegen sich und auch gegen andere. Bei jüngeren Live-Auftritten sollte Besuchern nicht entgangen sein, dass sich die Performance inzwischen doch mehr auf das Wesentliche konzentriert – nämlich auf die Musik. Kvarforth scheint indes zwar nicht vollends geläutert, aber doch besonnener als zuvor. Eingebläut hat ihm das wohl der neue SHINING-Manager Singh Geertz. „Er sagte zu mir, wenn ich wirklich etwas erreichen wolle, müsse ich Selbstbeherrschung lernen.“ Dazu kommt sicher auch, dass ein Plattenvertrag mit einem Major-Label eine Band prinzipiell zu einer gesteigerten Professionalität verpflichtet. „Ich versuche seither, nicht mehr so viel vor den Shows zu trinken oder mich selbst aufzustacheln.“ Die „neuen“ SHINING wollen nicht mehr aufgrund kontroverser Live-Shows in die Medien. „Man stelle sich vor, wir gingen tatsächlich irgendwann mal mit einer Band wie Opeth auf Tour - da wären dann 1.000 Leute, und 500 davon sind womöglich auf SHINING aufmerksam geworden, ohne aber jemals einen Song gehört zu haben.“

Der Verzicht auf diese Art von Darbietungen bedeutet keinesfalls eine Abkehr von ihren bisherigen Leitbildern. Kvarforth hat inzwischen ein, wenn auch noch immer ungesundes, Mittelmaß gefunden, welches nicht mehr nur Extreme offenbart. Und es scheint, als hätten seine Existenz und sein künstlerischer Ausdruck einen gewissen Halt gefunden. „Wenn du echte Negativität und Dunkelheit erlebt hast, willst du das nicht die ganze Zeit in deinem Leben. Wenn du behauptest, dass du es willst, dann lügst du oder du sagst es, weil du denkst, es wäre cool. Aber es ist nicht cool. Dunkelheit ist nicht cool. Das Böse ist nicht cool, auch wenn es mich nach wie vor sehr anzieht. Du musst ein gewisses Gleichgewicht zwischen der Dunkelheit und deiner Vernunft finden und aufrecht erhalten, um zu überleben.“
In Anbetracht dessen, dass die Aufnahmen zu „VII“ nun schon einige Zeit zurückliegen, überrascht es wenig, dass bereits am nächsten Album gefeilt wird. „Ich habe schon einige neue Stücke für SHINING „VIII“ geschrieben. Kommenden Januar werden Peter Huss und ich nach Gotland gehen und dort für zwei Wochen ein Haus mieten, um die Vorproduktion zu machen“, verrät Kvarforth erste mittelfristige Pläne für die nächste Scheibe. „VIII“ soll dann im Sommer aufgenommen werden, um irgendwann im Winter veröffentlicht zu werden. Dieses Mal muss keiner ewig darauf warten, denn wir nehmen bei Andy LaRocque auf. Er ist ein sehr zuverlässiger Prozent, und unser Label ist äußerst pünktlich.“

Allerdings werden sich SHINING live dieses Jahr etwas rar machen, um dafür aber dann 2012 wieder durchzustarten. „Wir werden nach Möglichkeit die großen Festivals im kommenden Jahr mitnehmen und im Herbst eine Headliner-Tour durch ganz Europa machen. Wir werden natürlich auch nach Deutschland zurückkehren, und ich verspreche, dass ich diesmal keine Flaggen verbrennen werde.“ Wir werden sehen, Herr Kvarforth...

Bearbeitung: Sabine Langner

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