Anders als bei den vorangegangenen Alben ist "Dim Carcosa" lyrisch in einen Rahmen eingebunden, welcher die Texte in Form eines durchgehenden Gedankenflusses, einer voranschreitenden Nacht nach der Rückkehr von einer ausgiebigen Reise entlehnt, umschließt. Während also die Lyrics in gewohnter Manier verschiedene historische Begebenheiten, Mythen und wenige persönliche Anmerkungen beinhalten, geben die ihnen voran- und nachgestellten Erläuterungen und Reflexionen Gunther Theys die Gestalt eines ungeachtet der verschiedenen Epochen und Örtlichkeiten geeinten Ganzen. Eine Technik, die in anderer Ausprägung auch von Umberto Eco in seinem Jahrhundertwerk 'Der Name der Rose' verwendet wurde. "'Der Name der Rose' begeistert mich als Buch und auch in der verfilmten Version immer wieder. Es zeigt die Abgründe des Mittelalters so schaurig und unattraktiv, daß es mich dennoch magisch anzieht. Der Aberglaube, die ganze Atmosphäre erscheint weit schauriger, als es jeder ordinäre Horrorfilm zu vermitteln vermag. Ich stelle mir immer vor, durch die Gänge dieses Klosters zu wandeln und die Furcht der Mönche vor dem Teufel, der ihnen über die Schulter guckt, zu spüren. Es ist eine brillante Mischung aus Krimi, Novelle und fundierten historischen wie religiösen Bezügen. Eco betritt virtuos in diesem Buch verschiedenen zeitliche Ebenen und verbindet diese." Bereits in den einleitenden Worten vor dem Text zur Ouvertüre 'The Return' verweist Gunther in einer Klammerbemerkung (any excuse for another adventure into the unknown is accepted in my book) auf eine Lektüre der fesselndsten Art. "Damit beziehe ich mich auf das Buch meines Lebens; in meinem Buch, in meiner Welt ist jede Entschuldigung, jeder Anlaß zum erneuten Reisen erlaubt. Das Buch, dessen Manuskript vervollständigt ist, wenn ich dieses irdische Leben hinter mir lasse." Vaterland; was mag ein eigentlich rastloser Mensch unter diesem Refugium verstehen? Ist es der Ort, an dem in frühester Kindheit die Sozialisation im Kreis der Familie stattgefunden hat, oder aber erweiternd zu dieser zeitlich-lokalen Eingrenzung ein Konstrukt aus kulturellem Erbe, politisch-ökonomischem Background und ähnlichen Faktoren? "Jeder ist ein Kind seines Geburtsortes und seines sozialen Hintergrunds. Für mich umfaßt das Wort Vaterland ein emotionales Band. Es ist mehr als nur eine Landschaft und ich habe versucht, meine Gedanken so niederzulegen, daß sie von jedem Menschen überall auf der Welt aufgegriffen werden können. Meine Sichtweise, mein Stolz, den ich empfinde, hält mich nicht davon ab, eben dieses Gefühl auch anderen Menschen bezogen auf ihre Vaterländer gönnen zu können. Wenn du nach langer Abwesenheit in die Heimat zurückkehrst, siehst du Dinge, die dir im Alltag als selbstverständlich erscheinen, mit ganz anderen Augen. Ich liebe den grauen Himmel über meiner Heimat, gerade wenn ich für Wochen unter brennender Sonne durch Wüstengebiete gestreift bin. Die emotionale Güte steht weit vor einem realistischen Sinn im Sinne von Religion und Politik." Genau so, wie es in der eigenen Umgebung der Heimat immer wieder neue Details zu entdecken gibt, so sieht auch Gunther den inneren Drang zur Rückkehr zu seinen Wurzeln nicht als Zeichen an, von einer gerade noch bereisten Kultur gesättigt zu sein, sondern es zieht ihn genauso in ihm gänzlich unbekannte Gebiete, wie hin zu Orten, an die er bereits Erfahrungen geknüpft hat. "Es ist nun schon eine Weile her, seit ich in Vorderasien war und seit geraumer Zeit verspüre ich eben diesen Drang, dorthin zurückzukehren und eine Tasse Tee am Bosporus zu genießen. Vor Jahren war ich dort und habe Cappadocia gesehen und war fasziniert von den rauhen Landschaften. Wann immer ich mich irgendwo wegbewege, bedeutet dies nur, daß etwas anderes, ein anderes Detail mein Interesse geweckt hat. Wie überall in Europa gibt es hier in Belgien eine Menge irischer Pubs und letztens habe ich einen in meiner Heimatstadt betreten. Nach einem Schluck Bier war mir danach, wieder das ganze Land in mich aufzusaugen und dorthin zurückzukehren. Dann erhielt ich eine Postkarte von einem Cousin von mir aus Konstantinopel, Istanbul. Das Motiv zierte ein Bild von Türken in der traditionellen Tracht aus dem 19. Jahrhundert mit ihren Wasserpfeifen in einer kleinen Seitenstraße. Da mir auch dieser Ort von vergangenen Reisen vertraut war, hatte ich plötzlich den Geschmack des dortigen Tees auf der Zunge. Und während sich meine Gedanken schon so weit in den Süden Europas tragen, frage ich mich plötzlich, wie es meinen Bekannten in Griechenland geht und verspüre Lust, einen Ouzo mit ihnen zu trinken und die landestypische Musik im Hintergrund zu hören. In diesen Momenten bin ich glücklich und sehe eine Schönheit des Lebens, die vielen Mitmenschen verborgen bleibt. Mein Blick gleitet dann über meinen Schreibtisch die Bücherregale entlang und wenig später finde ich mich mit einem Buch in der Hand wieder, in dem ich über das antike Griechenland lese." Die Formulierung "Climbing the stairs to my old room..." läßt darauf schließen, daß sich der heimische Ofen des ANCIENT RITES-Sprachrohrs immer noch in seinem Geburtshaus erwärmt. "Nicht ganz, es ist das zweite Haus, in dem ich lebe. Das erste habe ich heute Nachmittag noch gesehen, allerdings steht nur noch eine einzige Wand davon. Als ich sehr jung war, mußte meine Familie aus diesem Gebäude ausziehen. Es wurde von Nonnen gekauft, wie auch einige Häuser der Umgebung; sie wollten auf den Grundstücken Apartments errichten und haben die Bewohner der ganzen Straße zum Auszug gezwungen; kein besonders deutliches Zeichen von christlicher Nächstenliebe in meinen Augen. Mitten in den alten Stadtkern haben sie diese neumodischen Gebäude gepflanzt und die einzige verbleibende Mauer ist die an der Rückseite des Hofes. Da werden jetzt die Fahrräder abgestellt. Auf diese Wand habe ich in meiner Kindheit so viele Träume projiziert; einer der ersten, an die ich mich erinnern kann, war jener, in dem ich auf die Mauer zuging und hinter ihr einen riesigen antiken, griechischen Tempel vor dem Panorama der untergehenden Sonne vorfand. Es war mein erster archäologischer Traum, den ich mit sechs oder sieben Jahren hatte und mir war bewußt, daß ich jenen Ort erreichen wollte; dementsprechend enttäuscht war ich beim Aufwachen. Es hat mich traurig gestimmt, diesen "Hauptcharakter" meiner Träume in einem so unwürdigen Zustand vorzufinden." Was für ein aufmerksamer Beobachter Theys ist, offenbart sich in der Beschreibung der Umgebung seines Hauses, die einen direkt in das Herz eines alten Stadtkerns mit holprig gepflasterten Straßen und verwinkelten alten Gebäuden führt. Welche Gefühle erweckt bei ihm der Anblick der Kirche; sieht er sie als harmloses Relikt einer vergangenen Zeit an, oder treibt der Haß ein lüsternes Funkeln in seine Augen? "Die Kirche hier in meiner Nachbarschaft sieht recht pitoresk aus, mit lauter Gargoyles; es ist ein sehr altes, ehrwürdiges Gebäude und ein inspirierender Anblick. Gerade in einer dunklen Nacht oder auch schon des Abends geht von diesem Ort eine behaglich-gruselige Stimmung aus. Sie erscheint mir wie ein zeitloses Nichts, ein Tor zu einer anderen Epoche." Selbst wenn Bier zu den häufiger von Gunther Theys angebrachten Worten gehören mag, so erlauben weder Phantasie noch rationales Denken die Vorstellung, ihn im Suff entweder apathisch vor sich hin dämmernd, oder aber lautstark und aggressiv die Kontrolle über sich verlierend erleben zu können. "Ebenso wie beim Wein geht es mir um den Geschmack und um das Einfangen von Stimmungen und alten Erinnerungen, nicht um das Besoffenwerden. Ein leicht euphorischer Zustand ist nicht das verkehrteste, aber betrunken würden die ganzen schönen Bilder, welche in mir zurückkehren, verwischt werden, die Magie des Momentes wäre zerstört." Geschichte, so steht es geschrieben, versorgt die Menschen im Gegensatz zur Fiktion mit Helden aus Fleisch und Blut. "Kunst und Literatur, alles prägt eine Zeit. Es sind nicht nur die Kriegsepen und -geschichten, die mich inspirieren, sondern auch die Details des täglichen Lebens. Oft stelle ich mir vor, durch die Straßen des antiken Athens zu wandeln und die Architektur, die Statuen auf mich wirken zu lassen, oder die Übungen der Sportler; die Summe all dessen charakterisiert die wahre Schönheit einer Zivilisation." Ein Hauptmotiv in 'Der Name der Rose' besteht in der exklusiven Weitergabe bzw. völligen Geheimhaltung von Wissen und Innovation, um die Menschen kontrollierbar zu halten und Zustände zu konservieren. "Diese Kontrolle stützt religiöse wie politische Systeme, man betrachte nur die Situation in Afghanistan, wo uralte, prä-islamische Statuen von den Talliban zerstört worden sind. Diese religiösen Fanatiker versuchen hartnäckig, alle Spuren von kulturellem Erbe zu verwischen, welches Tausende von Jahren überdauert hat." Ein leicht verspätetes „1984“-Szenario, mit dem Unterschied, daß nicht die Macht über Computer und Drucktechnik (und damit einhergehend über die Geschichtsschreibung mittels der nachträglichen Korrektur der Urkunden der Vergangenheit) ausgeübt wird, sondern über unendlich primitive Zerstörungseskapaden. "Genau das passiert gerade. Es ist schon so vieles dem Erdboden gleichgemacht worden, ohne daß die Weltöffentlichkeit es je erfahren wird; ausgeführt von Fanatikern, die glauben, der Welt oder zumindest sich selbst damit einen Gefallen zu erweisen. Ich versuche hier gar nicht eine mystisches Atmosphäre zu kreieren, es erfüllt mich mit Schmerz, solche Kunstwerke und Statuen aus Ignoranz zerstört zu sehen. Wenn wir so weit nur gekommen sind, dann hat kein so bedeutender Sprung in der Evolution stattgefunden. Sie verstehen nicht, daß sie ihr eigenes Kulturerbe zerschmettern, nur weil ihre religiösen Vorstellungen andere sind." Megadeth wählten für ihr neues Album den Titel „The World Needs A Hero“. Eine Vorstellung, die reichlich naiv klingt. "Ein einziger Held erscheint unmöglich, da niemand alle Nationen und innerhalb der Nationen jegliche Interessenverbände befriedigen kann. Die Engländer werden sich nicht mit einem irischen Helden identifizieren wollen. Wer die ganze Welt für sich gewinnen will, muß eine zutiefst gesichtslose Person sein, ohne eigene Meinung. Als Katholik könnte er kein Held für die Protestanten, Hindus oder Orthodoxen sein. Stammt er aus der islamischen Welt, werden sich die Christen querstellen. Als Religionsloser wären die Atheisten zufriedengestellt, während die anderen reklamierten, er habe keinen Gott in sich. Welche Farbe soll er haben? Ein Weißer würde von den Schwarzen nicht akzeptiert, während ein Schwarzer nicht die Leute in Indien repräsentiert. Auf der Bühne verwenden wir eine sehr alte Flagge mit dem Wappen von Flandern, wofür wir häufig kritisiert werden. Wie können wir aber die belgische Flagge hissen, wenn wir ANCIENT RITES heißen und dieses Land erst 1830 kreiert wurde? Das ist nun wirklich nicht altertümlich, oder? Eine folkloristische Band muß sich mit den Problemen nicht herumschlagen, uns jedoch bezeichnet man als zu patriotisch und belegt uns mit einem Auftrittsbann. Ich habe mich immer gegen die despotische, fundamentalistische Ausrichtung vieler Anhänger des Islams ausgesprochen, ebenso wie gegen die dem in nichts nachstehende Haltung des Christentums. Deshalb wurden wir in unserem Land in mehreren Städten mit Auftrittsverbot belegt, weil wir nicht unsere eigene, sondern eine fremde Religion kritisieren, was uns als Rassismus ausgelegt wurde. Dieser Sichtweise trete ich ganz entschieden entgegen. Warum sollte ich mich als Faschist titulieren lassen, wenn ich gegen die Zerstörung von kulturellem Erbe eintrete oder mich gegen die sexistische Unterdrückung von Frauen im Islam richte? Dagegen zu behaupten, ich spucke auf Christus und nagle ihn ans Kreuz, hat keine Konsequenzen, für solche Äußerungen bin ich cool und true Black Metal." 'And The Horns Called For War' ist die rhetorische Frage vorangestellt, ob nicht im Hintergrund der alltäglichen Lärmkulisse in der Ferne der Klang eines Hornes zu vernehmen wäre. Eine Kakophonie? "Vielleicht; wobei ich den Klang herbeisehne. Wer sich intensiv mit den Liner Notes beschäftigt, wird merken, wie ich oft eine Sache von mehreren Perspektiven aus betrachte. Auf der einen Seite preise ich den Mut und die Verwegenheit, mit der manche Helden in den Tod gegangen sind, auf der anderen Seite frage ich an, ob der Mensch sein Gemüt nicht zügeln sollte. Eigentlich hasse ich Widersprüche und möchte nicht wie jemand wirken, der seine Ansichten ständig wechselt. Da ich aber dazu neige, mich zu tief mit etwas zu beschäftigen, komme ich irgendwann an den Punkt, an dem ich eine Theorie, auf die ich mich stütze, wieder umwerfen muß, weil ein Gegenargument sie entkräftet hat, oder ihr zumindest den Schein der absoluten Wahrheit genommen hat." Gerade in Deutschland kann man im momentanen Mittelalter-Boom 'On Golden Fields' ein „Crossover-Potential“ hinsichtlich der Tauglichkeit zur Tanztempel- und Szenekneipenbeschallung unterstellen. "Wir hatten auch noch nie solche Reaktionen im Vorfeld einer Veröffentlichung aus eurem Land, wie gerade jetzt und so viele Interviewanfragen. Es scheint, als haben wir mit den neuen Songs einen ganz speziellen Zugang zu den Hörgewohnheiten in Deutschland gefunden." Auf vielen Bedeutungsebenen erhält man Fingerzeige, sich den Ort, das unbekannte Faszinosum Carcosa zu erschließen. Hin- und hergerissen zwischen Wissensdurst und bedächtiger Zurückhaltung betrachtet nicht zuletzt Gunther die für das Cover aufbereitete Szenerie mit unverhohlener Leidenschaft. "Carcaso heißt die dort gezeigte mittelalterliche Festung, die im Süden Frankreichs aufzusuchen ist. Wir haben ein Photo am Computer verändert, wobei die Umgebung natürlich belassen und einzig um den zweiten Mond am wolkenverhangenen Himmel ergänzt wurde. Die Monde sollen als Zeichen für das mystische Carcosa dienen. Auf einer meiner nächsten Reisen werde ich mich voraussichtlich in die Nähe der Anlage begeben, aber nicht deren Mauern betreten. So ist es geplant, falls ich widerstehen kann. Vielleicht eröffnet ein Besuch aber auch ganz neue Mysterien. Ein weiterer Coverentwurf, eine Zeichnung dieses Mal, zeigte bereits einen Ausschnitt aus dem Festungsinneren, aber die Verwendung hätte den mythologischen Aspekt des Albums gestört. Das jetzige Bild reflektiert perfekt den Titel, die Entfernung ist beträchtlich und alles sieht so umnebelt und vage aus."
Björn Thorsten Jaschinski