Zusammen mit Morbid Angel und Deicide gehörten OBITUARY zu den willkommeneren amerikanischen Kulturattaches, die das Bild auch des Mainstream-orientierten europäischen Death Metal-Fans von brutalen Sounds made in Florida am nachhaltigsten geprägt haben. War für viele bereits das erfolgreichste Album „The End Complete“ zu flach und vorhersehbar, erlahmte spätestens mit „World Demise“ auch das Interesse der Presse an der Band um den Meister der schrillen Gurgellaute, John Tardy. Nach einem von allen Beteiligten eher halbherzig umgesetzten „Back From The Dead“-Comeback-Versuch und für Einsteiger empfehlenswerten Neuauflagen des Vermächtnisses steht jetzt mit „Anthology“ ein Rückblick mit vom superbem Cover und einer Venom-Interpretation abgesehenen geringen Kaufanreiz in den Regalen der Geschäfte und Mailorderfirmen.
"Ich würde mir auch wünschen, mehr mit OBITUARY zu machen, aber gerade jetzt ist jeder von uns mit seinen eigenen Aktivitäten beschäftigt. Mein Bruder hat sein eigenes Geschäft und Frank ist Lagerverwalter. Wir haben einfach festgestellt, wie hart wir als Band gearbeitet haben, und wie wenig wir im Gegenzug von der Plattenfirma unterstützt worden sind, auch wenn wir zu den ältesten und originellsten Roadrunner-Bands gehören. Von meiner Seite aus gibt es keine Feindseligkeiten, aber sie haben bemerkt, daß sich von OBITUARY-Alben eine ansehnliche Menge verkaufen läßt, ganz gleich, wie viel Einsatz gezeigt wird. Dies zu reflektieren hat sicherlich zum Verfall der Band geführt." Womit das Wort demise gefallen wäre. Nicht nur musikalisch, sondern auch inhaltlich hat nach „The End Complete“ eine Zäsur stattgefunden. "Als direkt Involvierte haben wir uns nie Gedanken darüber gemacht, welche Richtung wir mit der nächsten Veröffentlichung einschlagen sollten. Seit den frühesten Tagen waren wir dicke Freunde und schrieben stets die Musik, die unserem jeweiligen Lebensgefühl entsprach. Es war unbedeutend, was das Label, die Fans oder die Presse darüber denken mochten." Wobei gerade die Tour zu „World Demise“ mit EyeHateGod und Pitchshifter ebenso wie die Projekte einiger Musiker darauf schließen ließen, daß man einer als unbequem empfundenen, und dabei doch nicht unerheblich mitgeprägten Schublade mit aller Gewalt zu entfliehen gedachte. "Es war nicht unser Ziel, auf Teufel komm raus Offenheit zu demonstrieren oder unseren Horizont zu erweitern, sondern ein Resultat dessen, daß wir in OBITUARY unterschiedliche Musikstile genießen. Uns war auch bewußt, daß einige unserer Fans so auf Death Metal fixiert waren, daß ihnen diese Einstellung Probleme bereitete." Einer Affinität zum Horror konnte den Floridarianern noch nie in Abrede gestellt werden; allerdings war es bis einschließlich „The End Complete“ eben eine Verarbeitung auf fiktionaler wie mystischer Ebene, musikalisch perfekt in Einklang gebracht mit John Tardys verstümmelten Zeilen, die später doch zu zusammenhängenden Texten heranwuchsen. Plötzlich bekam der Horror jedoch ein reales Gesicht, ein eindeutig gesellschaftskritisch-politisch motiviertes Antlitz, welches die Booklet-Gestaltung von „World Demise“ im Sog der Lyrics in ein ungewohntes Licht rückte. Während das Cover mit der Angst vor einer totalen Industrialisierung und der Zerstörung der Natur spielt, geht allerdings in den wirtschaftlich prosperierenden Gesellschaften der Trend hin zur Dienstleistungsgesellschaft und zur Ausgliederung der Fabrikation aus dem eigenen Territorium. "Wir sahen unsere Chance nicht so sehr in den Texten, sondern vielmehr auf dem optischen Sektor und in den Songtiteln. OBITUARY waren nur ein kleiner Bestandteil der Welt, die wir nie hätten ändern können. Ich denke und hoffe, daß jeder Mensch einsieht, daß wir es sind, welche die Umwelt verschmutzen und die Erde töten. Zuvor waren wir nur eine Blut- und Gore-Band, und plötzlich wollten wir uns beweisen, daß wir auch ein Verständnis dafür haben, was um uns herum geschieht." Abgesehen vom 'I Don't Care'-Videoclip hielt die ausführliche und zu ihrer Zeit bahnbrechende Multimedia-Sektion vom „Back From The Dead“-Nachfolger allerdings keine weiteren Denkanstöße dieser Art bereit, sondern verwirrte durch ein Sammelsurium verschiedener Clips und Animationen der letzten sieben Jahre. Wobei das Video, welches einen jungen Mann nach einem kurzen Monolog von einer Stahltreppe in den Tod springen läßt (und dessen Leiche am Ende zufällig in bester „Slowly We Rot“-Manier in der Gosse liegt) zu seiner Entstehungszeit sicherlich kein Teil eines wie auch immer gearteten Konzepts gewesen sein wird. "Da war ich gleichzeitig Darsteller und Director, John der Kameramann. Die Szene ist schon fast elf Jahre alt und Resultat davon, was passiert, wenn man viele Wochen am Stück auf Tour ist. Derlei Aktionen habe ich noch massig auf Lager und ich plane, noch in diesem Jahr einen Zusammenschnitt davon als Homevideo zu bearbeiten und durch das Internet zu verkaufen. Mein Bruder und ich haben eine Homepage (tardybros.com), die wir demnächst zum Laufen bringen werden. Der Todessprung wurde in der Nähe eines holländischen Hotels gedreht, nachdem wir einiges an Pot geraucht hatten." Am ersten bedeutenden Wendepunkt der Bandgeschichte, als Xecutioner sich in OBITUARY verwandelten, stand fast die gesamte internationale, noch sehr überschaubare Death Metal-Szene in intensivem Briefkontakt. Mit dem Popularitätsschub und anschließendem kommerziellen Versacken des Genres wurden diese unzähligen Querverbindungen empfindlich beschnitten. Da erstaunt es schon fast, eine relativ neue Band wie Dark Tranquillity mit einer differierenden Death Metal-Philosophie im Booklet gelistet zu finden. "Als unsere ersten Alben erschienen, war der Zusammenhalt von Fans und Bands scheinbar unzerstörbar; man versuchte sich in den Interviews stets gegenseitig zu unterstützen, aber natürlich hält so etwas nicht für Ewigkeiten." Der Einfluß von Celtic Frost wäre auch ohne die Verneigung vor 'Circle Of The Tyrants' ausreichend deklariert gewesen. In 'Threatening Skies' treffen unverkennbare Frost-Riffs auf eine ungewohnte Hardcore-Attitüde. "Auch das war keine Absicht. 'Threatening Skies' war der letzte Song, den wir für das Album (und überhaupt) geschrieben haben. Das Material war bereits fertig aufgenommen, als Trevor den Track innerhalb von nur einer Stunde komplett strukturiert hatte." Eine entgegen allen Erwartungen von Donald positiv empfundene Erfahrung war das Playback-Posen zwecks Drehens eines Videos, dessen Marktwert für Metal-Bands glücklicherweise schnell wieder als nichtig eingeschätzt wurde. Angesichts der überragenden Mehrheit an abschreckenden Beispielen eine begrüßenswerte Entwicklung. "Ich bin Videofreak und lerne gerade, wie man mit dem Material umgeht, weil ich mir einrede, ein Talent als Produzent solcher Clips zu haben. Ich hatte bislang keine Ahnung, wie ich in das Musikgeschäft einsteigen sollte, aber ich war seit meinem sechzehnten Lebensjahr ständig in Studios und habe dort Erfahrungen gesammelt. Die technische Seite ist immer noch ein Buch mit sieben Siegeln für mich, aber dafür gehe ich mit einem freien Kopf in den Aufnahmeraum. Das kann ich anderen Bands, wie bei Lowbrow geschehen, anbieten." Schon beim Mix von „Slowly We Rot“ gingen Credits an den begabten Vokuhila-Freak. "1987 herrschte noch eine ganz andere Magie im Morrissound. Wenn einer in der Band Mist gebaut hat, mußten wir alle stoppen und von vorne beginnen, weil alles zunächst live eingespielt wurde. Das ist heute anders. Neben Allens neuer Band habe ich noch niemanden betreut, wenngleich ich schon einigen Bands aus der Umgebung ausgeholfen habe." Wie bei diesem Stand der Dinge einleuchten dürfte, ging die Initiative zu „Anthology“ einmal mehr von Roadrunner aus. "Sie haben in ihre Bücher gesehen und gemerkt, daß die Verkäufe des Backkatalogs stagnieren. Monte fragte uns nach einem regulären Album, aber wir hatten seit Jahren nicht geprobt. Das Konzept von „Anthology“ kam von mir, mit der Demo-Version von 'Find The Arise' wird sogar unser Xecutioner-Erbe bedacht. Das Venom-Cover 'Buried Alive' stammt aus den „World Demise“-Sessions und hat somit immerhin schon sechs Jahre auf dem Buckel, ebenso wie der alternative Mix zu 'Boiling Point'." Selbst wenn es tatsächlich keine weiteren Überbleibsel der verschiedenen Albumproduktionen gibt, die noch nicht auf den remasterten Gold-CD-Re-Issues verbraten wurden, hätte sich wenigstens eine weitere Dokumentation der frühen Schaffensphase durch 'Like The Dead' angeboten. "Dieser Song wurde im Gegensatz zu 'Find The Arise' nur ein einziges Mal für ein Demo eingespielt. Das wäre eine Herausforderung für die Zukunft, hierzu eine neue Fassung zu erschaffen. Aus einer sehr frühen Xecutioner-Session im Morrissound gingen leider sieben vollständige Songs verloren. Niemand aus der Band oder von meinen Freunden hat eine Kopie dieser Tracks. Das Studio war noch in einem anderen Stadtteil Tampas, bevor es zur jetzigen Destination umzog." Endlich zu CD-Ehren gelangt ist das faszinierende Andreas Marshall-Artwork, welches zuvor bereits als Shirt-Motiv herhalten durfte und wie ein stimmungsmäßiger 180°-Turn das „The End Complete“-Design aufgreift. Auch das Logo zeigt sich leicht verändert und weist deutliche Parallelen zu Marshalls Arbeiten für Blind Guardian auf, mit denen OBITUARY auf frühen Rock Hard-Festivals Bekanntschaft schlossen. An deren Zuvorkommenheit bezüglich des Headlinerslots konnte sich der Schlagzeuger der Grasnabenhechsler um Triefauge Peres aber nicht erinnern. "Wenn man nach einer anstrengenden Tour mit so erdrückend vielen Eindrücken und Bekanntschaften wieder zurück in seinen eigentlichen Alltag eintaucht, vergißt man viel. Deswegen vermisse ich auch das Live-Spielen, weil so viele Kontakte verkümmern." Ebenso wie der zur in Sachen Entfernung deutlich günstiger gestellten Ex-Managerin Debbie Abbano, der Großmutter des Metals. "Du kannst dir vorstellen, daß man sich manchmal so fühlte, als ob man seine eigene Mutter mit in den Tourbus geschleppt hätte. Das paßt nicht sonderlich zum Rock'n'Roll-Lifestyle, wo jeder sein eigenes Ding durchziehen will (durch Seniorinnen??? – Anm. d. entsetzten Verf.) und auf Party aus ist. Ich liebe sie. John, Debbie und ich sind immer prima miteinander ausgekommen, wir haben sie immer respektiert." Some music was meant to stay underground. Eine Weisheit, die als Werbeslogan dereinst „Beneath The Remains“ und eben OBITUARYs Erstling mit auf den Weg gegeben wurde. "Selbst heute würden viele Menschen unseren Sound nicht verstehen. Unsere Musik ist dazu bestimmt, stets mit einem Fuß im Underground zu bleiben, für die Fans, die um ihre Wurzeln wissen." Zumindest in Europa ging mit der Entwicklung von OBITUARY eine bemerkenswerte Bewußtseinsveränderung in der Presse einher. Einst als brutalste Band des Planeten gefeiert, wuchsen sie zum Top-Seller unter den Todesbleikapellen heran und wurden schließlich mit dem schwerlich positiv besetzten Etikett Girlie-Death Metal versehen, bevor man ab Album Nr.4 auf merklich abgekühlte Pflichtberichterstattung stieß. "Das ist die traurige Realität des Musik-Business. Aber wen interessiert die Presse, wenn man so viele Fans hat, die man in den Jahren berühren konnte und die einen über diese Marketingmechanismen hinaus verstanden haben. Als wir anfingen, wußten wir gar nicht, wie man Songs wirklich schreibt, sondern coverten unsere Faves. Als unsere Freunde, die mit im Proberaum abhingen, plötzlich unsere eigenen Songs lieber hören wollten als die Metallica-Tunes, spornte uns das unheimlich an und bestätigte, daß wir Talent hatten. Wir probten in der Garage von Johns und meiner Mutter." Die sich schwerlich über einen Song wie 'Stinkupuss' gefreut hätte, so dessen Inhalt wirklich mit der gestörten Phantasie eines Mitteleuropäers mithalten könnte. "Es war ein Wortspiel mit der Band Incubus. Wir waren halt Kids... Natürlich ging es um die christlichen Incubus und nicht um Mike Brownings Band." Angesichts der Cover-Kontroverse um „Arise“ und „Cause Of Death“ konnte das spätere Jungle-Orchester alias Sepultura sich glücklich schätzen, auf der anschließenden gemeinsamen Tour nicht ebenfalls mit einer solchen Widmung Abend für Abend bedacht worden zu sein. "Das war ein Paradebeispiel für Kommunikationsstörungen zwischen Label, Bands und Managements. Roadrunner führten beiden Bands dasselbe Artwork vor und stellte ihnen gleichzeitig die Verfügung desselben frei. Wir haben nur ein bißchen schneller zugesagt." Und so begab sich mit dem Opener Sadus ein wahres Klassiker-Package auf die Reise um die Welt. "Steve DiGiorgio war damals schon ein Baßgott. Das erste Mal habe ich ihn 1989 getroffen; er war der Cliff Burton des Death Metals. Sadus waren ihrer Zeit weit voraus. In Tampa haben wir auch einige Jam Sessions durchgezogen und dabei Stevie Ray Vaughan-Songs gezockt." Dem prompt „The End Complete“ gewidmet wurde. "Sein Werk nimmt immer noch einen bedeutenden Teil in meinem Leben ein, er ist einer der größten Songwriter der Geschichte, während die meisten ihn nur als phantastischen Gitarristen kennen. Er gehört zu den Künstlern, die dafür bestimmt waren, jung zu sterben, wie Randy Rhoads oder John Bonham. Man kann sich Stevie einfach nicht als alten Mann vorstellen." Neben einer Eigennennung tauchen unter den Bands im Booklet auch so frevelhafte Gestalten wie die New Kids On The Chopping Block auf, was jenseits von Todesfaszination und späterer Sozialkritik auch auf ein ausgeprägtes Humorverständnis schließen ließ. "Als Musiker und Songwriter waren wir absolut ernst zu nehmen und standen völlig hinter unserem Konzept, aber als Menschen waren wir Clowns, die immer Blödsinn im Kopf hatten. Man sollte das Ganze nicht zu verbissen sehen. Wir haben uns aus der Satanismusdiskussion ebenso herausgehalten wie aus dem direkt Politischen wie Napalm Death." Für die Bruder John immerhin bei 'Unfit Earth' seine Stimmbänder malträtierte. Donald hingegen konnte sich nie zu derlei Gastauftritten durchringen. "Abgesehen von einigen Backing Vocals auf „Beneath The Remains“ zusammen mit John habe ich keine solchen Aktionen zu verbuchen. Als Drummer habe ich immer nur live ausgeholfen, z. B. bei Intoxicate, einer Band, die es schon ewig gibt. Bald werde ich auf dem Album von einem Künstler für Def Jam Records zu hören sein, mit dem ich auch auf Tour gehe. Es wird definitiv keine dunkle, brutale, Death Metal-orientierte Musik sein, sondern sehr off beat, als wenn die Beatles auf eine Hardcore-Band treffen würden. ‘College radio let's party all night music‘ mit Metal-Gitarren und einigen wirklich guten Riffs. Ich würde es nicht ertragen, einfach zu einer anderen Death Metal-Band zu wechseln, wenn ich daran denke, daß mein Bruder der beste Death Metal-Frontmann der Welt ist."
Björn Thorsten Jaschinski