One Step Ahead
Normalerweise hat man als Metal-Band den Zenit mit einem mehrere Alben umfassenden Deal bei Szene-Primus Nuclear Blast erreicht. Viel mehr kann kaum noch nachkommen. Im Falle der deutschen Metalcoreler CALLEJON verhält sich die Sache etwas anders: Nach zwei von Kritik und Fans sehr positiv beachteten Alben „Zombieactionhauptquartier“ (2008) und „Videodrom“ (2010, Platz 31 deutsche Albumcharts) erfolgte direkt nach der Veröffentlichung von „Videodrom“ die Trennung vom Label in „gegenseitigem Einverständnis“. Nun durfte man gespannt sein, wie sich die Band weiter entwickeln würde und bei welchem Label CALLEJON anheuern würden.
Mit Four Music/Sony ist es dem Fünfer tatsächlich gelungen, nach Nuclear Blast noch einen Schritt nach oben zu vollziehen. Wer nun dachte, dass sich CALLEJON musikalisch ebenfalls dem Mainstream annähern würden, sah sich glücklicherweise getäuscht. Dennoch gelang der Sprung aus dem Stand auf Neun in die deutschen Albumcharts. Ein entsprechend gut gelaunter Bernhard „Bernie“ Horn stand keine zwei Stunden nach Bekanntwerden der Chartpositionen am Telefon Rede und Antwort. „Wir sind alle komplett von den Socken. Natürlich hatten wir gehofft, dass wir erneut in die Charts einsteigen würden, aber mit einer Platzierung in den Top Ten hätten wir nicht gerechnet.“ Wer nun mit einer Euphorie-Feier-Exzess-Stimmung bei der Band rechnet, sieht sich getäuscht. „Nach all der Arbeit und der Ungewissheit in den letzten Monaten ist uns im Moment seltsamerweise gar nicht nach Feiern zumute. Vielmehr ist es eine tonnenschwere Last, die uns gerade von den Schultern genommen wird.“
Damit bestätigt Bernie die Vermutung, dass man als Band nach dem Wechsel von einem 75%-Major zu einem 100%-Major einen ganz anderen Druck wahrnimmt als bei früheren Produktionen. Nicht zuletzt wegen der beachtlichen Vorabinvestition in die Produktion. Nicht jeder Musiker erhält bei der ersten Produktion vom Label die Möglichkeit, mit Szenegrößen wie Mixmaster Colin Richardson (Machine Head, Slipknot) und einem weltbekannten Mastering-Engineer wie Ted Jensen (Deftones, Green Day) zusammenzuarbeiten. „Es ist auf jeden Fall eine wundervolle Erfahrung, ein Album mit solchen Leuten aufzunehmen und die Scheibe letztendlich so zu produzieren, wie wir uns das immer gewünscht haben. Das ist quasi ein Kindheitstraum, der sich hier für uns erfüllt hat. Was den Druck angeht, so haben wir versucht, uns davon vollkommen frei zu machen und uns auf die Musik zu konzentrieren. Das klappt natürlich nur bedingt. Es ist definitiv ein Druck zu verspüren, den wir uns in erster Linie selbst machen. Wir wollten uns auf der einen Seite unbedingt musikalisch weiter entwickeln und andererseits den bisherigen Erfolg nochmals toppen.“ Unterm Strich haben CALLEJON also definitiv alles richtig gemacht. Es wäre allerdings schon interessant, zu wissen, wie man es schafft, nach der einvernehmlichen Trennung von Nuclear Blast direkt danach von einem Major eingesammelt zu werden. „Generell war es für uns wichtig, den Schritt aus dem Nuclear Blast-Vertrag zu gehen. Die Zusammenarbeit hat hier nicht so funktioniert, wie wir uns das immer vorgestellt hatten, von Seiten des Labels dürfte die Sichtweise eine ähnliche gewesen sein. Nachdem wir uns von dieser Situation befreit hatten, war für uns zuerst wichtig, ein neues Album zu schreiben. In dieser Zeit haben wir uns sehr viele Optionen offen gehalten und uns auch mit dem Gedanken befasst, völlig autark ein eigenes Label zu gründen. Im Vorfeld zu unserer kleinen Tour Ende 2011 schrieben wir dann jede Menge Labels ein, von denen einige tatsächlich Mitarbeiter zu unseren Shows entsendeten. Nach zahlreichen Gesprächen fiel die Entscheidung dann für Four Music, weil wir uns als Band hier einfach am besten aufgehoben fühlen. Wir haben völlige künstlerische Freiheit und immer die Möglichkeit, zu allen Entscheidungen unseren Segen zu geben. So behalten wir dennoch alle Fäden in unserer Hand. Gleichwohl ist es nicht von der Hand zu weisen, dass ein Major-Label ganz andere Möglichkeiten hat, die Leute zu erreichen.“
Mehr Menschen dürften auch mit dem breiter angelegten und leichter zugänglichen Sound, der auf „Blitzkreuz“ zu hören ist, erreichbar sein. Diese Entwicklung schlägt sich in Songs wie 'Meine Liebe' nieder, denen man durchaus realistische Single-Chart-Chancen einräumen könnte. Dass die Songs teilweise so geschrieben wurden, um sich auch ein wenig auf Sony zuzubewegen, weist Bernie allerdings entschieden von sich. „Die meisten Songs entstanden, bereits lange bevor wir uns auf Labelsuche begeben haben. Die Entwicklung ist aus unserer Sicht eine ganz natürliche gewesen. Es macht künstlerisch keinen Sinn, fünf oder sechs Alben lang auf die gleiche Weise drauflos zu brüllen. Dass die Sony-Leute etwas erschrocken gewesen wären, wenn wir plötzlich ein komplett mit durchgebrülltem Metalcore gefülltes Album abgeliefert hätten, ist aber auch nicht ganz unrealistisch. Beim Songwriting haben wir uns sehr auf unser eigenes Gefühl verlassen und die Songs im Vorfeld relativ wenigen Leuten gezeigt. Solange wir uns mit den Songs wohlfühlen, denke ich, dass auch unsere Fans mit dem Material zurecht kommen werden.“
Rein inhaltlich setzen sich relativ viele Texte des Albums mit dem Thema „Abschied“ auseinander. 2010 verstarb der frühere Gitarrist Sebastian Gallinat sehr plötzlich. Die Vermutung liegt nahe, dass hier der künstlerische Prozess des Songtexte-Schreibens als kreatives Ventil zur Verarbeitung derartiger Gefühle genutzt wurde. Bernhard kann diese Vermutung sehr gut nachvollziehen, sieht den Tod des früheren Kollegen aber nicht als Ursache dafür: „Wenn diese traurige Geschichte einen Einfluss auf unsere Arbeit hatte, dann fand dies vollkommen unbewusst statt. Natürlich hat uns die Nachricht von Sebastians Tod getroffen, und wir haben uns auch damit auseinander gesetzt. Aber bewusst ist kein Song auf das Thema hin entstanden.“
Eine ganz andere Art der Vergangenheitsbewältigung betreiben CALLEJON mit ihrer jüngst ins Leben gerufenen Verlosungs-Aktion, bei der u.a. der bislang nur auf einem Metallica-Tribute-Sampler enthaltene Track 'Wherever I May Roam' als streng limitierte Tape-Version verschenkt wird. Die Frage danach, weshalb man ausgerechnet auf das toter als tote Medium Audiotape setzt, weiß Bernie zu beantworten. „Da unsere Zielgruppe im Schnitt noch recht jung ist, kann es durchaus sein, dass ein Großteil nicht mehr die technischen Möglichkeiten hat, ein Tape abzuspielen. Allerdings ist das nicht der Hauptgrund für diese Veröffentlichung. Wir wollten den Track noch irgendwie interessant für unsere Fans nutzen. Da wir alle als Kinder der 80er Jahre aufgewachsen sind, war für uns das Aufnahmen von Tapes damals die normalste Sache der Welt. Das war der Grund für diese limitierte und handnummerierte Edition, die man ausschließlich gewinnen und nirgends kaufen kann. Es sollte ein limitiertes Sammlerstück für unsere Fans sein. Eventuell werden wir den Song irgendwann noch als Download-Single oder als Bonustrack verwenden, Gedanken darüber haben wir uns bis dato noch keine gemacht.“
Bereits vor dem Release wurde das Video zum Titeltrack ‚Blitzkreuz’ veröffentlicht, und seit kurzem steht auch das Video zu ‚Porn From Spain 2’ online. Vor allem das neuere der beiden Videos ist durch allerhand Musik-Prominenz gefeatured. Blendet man iMusic1 und YouTube aus, gibt es heute keine Plattform für Metal-Videos mehr. Auf die Frage, ob Videoproduktionen von Bands inzwischen als nötiges Übel angesehen werden, das kaum Payoff bietet, oder vielmehr als zusätzlichen Kanal, über den man sich künstlerisch zusätzlich ausdrücken kann, antwortet Bernie: „Für uns trifft ganz klar die letztere Möglichkeit zu. Ich selbst als Fan finde es immer extrem reizvoll, zu einem Song, den ich toll finde, auch das passende Video zu sehen. Das ist eine zusätzliche Ebene, über die man seine Kreativität ausleben kann. Da wir in der sehr komfortablen Situation sind, mit unserem Sänger auch einen voll ausgebildeten Grafikdesigner in unseren Reihen zu haben, der sich ja bekanntermaßen um alle Layouts und Covers selbst kümmert, besitzt bei uns das Visuelle einen sehr hohen Stellenwert. Zusätzlich zu den genannten Services verwenden wir unsere Clips auch gerne für Bonus-DVDs der Special-Editions unserer CDs. So findet sich auf der „Blitzkruez“-Erstauflage eine DVD mit dem ‚Blitzkreuz’-Clip und einer schönen Tourdokumentation.“
Für den Herbst ist ein weiteres Video und eine Single geplant. Welcher Song das sein wird, konnte Bernie noch nicht sagen. Im Oktober und November starten CALLEJON dann zur ausgiebigen Headliner-Tour.