Die 1977 gegründete Solinger Punk-Band S.Y.P.H. um den Sänger Harry Rag gilt vielen als Vorläufer und Begründer der deutschen Punk-Szene, manchen auch als Begründer der Neuen Deutschen Welle. Auch wenn vielleicht nicht alle Songs noch im Ohr sind, so sind doch diverse Zitate aus den Texten noch gegenwärtig. Der Song ‚Zurück zum Beton‘ lieferte im Jahre 2002 gar den Titel für eine bemerkenswerte Ausstellung über die Anfänge von Punk und New Wave in Deutschland in der Düsseldorfer Kunsthalle. Genau zehn Jahre nach dieser Ausstellung, die die Bedeutung der Szene um den Ratinger Hof aber auch die Bedeutung von S.Y.P.H. verdeutlichte, wurde nun das vierte Album der Band mit dem bezeichnenden Titel „4.LP“ wiederveröffentlicht. Eigentlich, so erzählt Rag rückblickend waren diese Songs schon für die zweite LP aufgenommen worden, einige der Titel wurden jedoch von der Band selbst seinerzeit kontrovers diskutiert, weil sie einen sehr experimentellen Charakter hatten und überdies teils sehr lang waren. Somit fanden nicht alle Stücke den Weg auf jenes zweite Album; Rag hat die ursprüngliche Track-Liste dann nach der ersten Auflösung der Band 1981 quasi rekonstruiert. Die „4.LP“ zeigt die ganze Ambivalenz von S.Y.P.H., indem es die zweite Seite von deren Medaille zeigt. Statt kurzen Punk-Nummern und kritischen Texten regiert hier das Experiment. Aus heutiger Sicht klingt das natürlich nach wahlloser Session und Improvisation, alle spielen irgendwie vor sich hin, als wären die Aufnahmemikrophone noch nicht an. Selbst der nur sehr selten als solcher in Erscheinung tretende Gesang ist eher wie ein weiteres Instrument im Hintergrund anzusehen. Für die Zeit sder Entstehung ist das aber schon irgendwie bewegend und zeigt zudem, wo zumindest einige Band-Mitglieder von S.Y.P.H. gern hinwollten: zum Krautrock. Da wundert es auch nicht, dass kein Geringerer als Holger Czukay (Can) Hand an diesen Aufnahmen anlegte und vermutlich einen größeren Einfluss auf die Entwicklung der Band hatte, als er selbst wusste. Diese Wiederveröffentlichung in der Serie „Hergestellt in Deutschland“ des Labels MIG hat zwar einige einnehmende Momente, in der Summe aber ist es doch außer für hartgesottene Avantgarde-Liebhaber vor allem von historischem Wert.
Eigentlich ist das mal ganz angenehm, zwischen all den Bands mit Referenzen und Zitaten aus den 80er Jahren auch mal wieder eine Band zu hören, die an die 90er erinnert. An eine Zeit, die vielleicht nicht ganz so stilprägend war, in der aber die Indie-Gitarren unaufgeregt vor sich hin dengeln, und die Sänger scheinbar gelangweilt näselnd über das Leben sinnieren durften. Die Leipziger Band RADINATION scheint sich in eben diesen Gefilden sehr wohl zu fühlen. Auf ihrem jetzt erschienenen zweiten Album „Contrast Show“ schrammeln sie sich melancholisch-impulsiv durch den Weltschmerz. Auch wenn es hier und da intensive Ausbrüche wütender Gitarren gibt, sind doch vor allem genau die Worte „unaufgeregt“, „entspannt“ und „scheinbar gelangweilt näselnd“ so sehr treffend. Gerade aufgrund der Nähe der Stimme von Sänger Andreas Reinke zu Markus Acher wird man schnell an die deutsche Indie-Überband The Notwist aus dem oberbayrischen Weilheim erinnert, auch die Gitarren und das Songwriting zeigen Parallelen auf. Aber auch Bands wie das englische Alternativ-Trio Kitchens Of Distinction könnten als Referenz herhalten, die einige ihrer Songs eher langsam entfalten als krampfhaft nach dem schnellen Hit, dem eingängigen Refrain suchen, und sich so sklavisch irgendeinem Diktat des Mainstream zu unterwerfen. Und wenn der Grundton schon nicht abwechslungsreich ist, so sind es doch die Produktion und zum Teil die Kompositionen, in deren Kombination eine Bandbreite von den Charlatans über The Church bis zu Crowded House angedeutet wird. Ja, es stimmt, Leipzig hat musikalisch mehr zu bieten als nur das WGT und Bach.
PETER BRODERICK ist ein außergewöhnlicher Musiker. Was immer er anpackt, erhält einen einzigartigen und einnehmenden Charme, ganz egal, ob es die Töne sind, die der gebürtige Amerikaner seiner Geige als Mitglied der dänischen Combo Efterklang entlockt, solo mit Loopstation und Klavier oder in seinen Kollaborationen mit M.Ward, Nils Frahm oder anderen Musikern. Mit dem Label Erased Tapes scheint der Wahl-Berliner den für sich optimalen Partner gefunden zu haben. Dem ebenso charmanten Label mit Sitz in Berlin und London ist es offensichtlich zu verdanken, dass BRODERICK viel Freiraum gewährt wird, sich zu entfalten und zu experimentieren. Das hat er – angeblich ermuntert von Label-Gründer Robert Raths – auf seinem nun erscheinenden neuesten Solo-Werk „These Walls Of Mine“ auf die Spitze getrieben. Nach eigener Aussage waren diese Aufnahmen ursprünglich lediglich Experimente auf dem heimischen Laptop. Hier finden sich die BRODERICK-typischen, eher meditativen Elemente ebenso wie eher überraschende Einflüsse aus Gospel, gesprochene Passagen, allerlei Sound-Collagen und Rap. Dabei sind auch mutige und gleichwohl beeindruckende wie traurige Momente: wie etwa im Song ‚Freyr!‘, in dem zu Folk-Gitarre und Percussion eine E-Mail verlesen wird, in der es um den Verlust einer Katze geht. Selbstredend spielt BRODERICK fast alle Instrumente auf „These Walls Of Mine“ selbst, ob Geige, Gitarre, Klavier, Percussion, Glockenspiel, Keyboards oder Beatbox – lediglich den Bass gibt er ab und zu an Martyn Heyne aus der Hand. Das Experimentelle zeigt sich aber vor allem darin, dass diese Aufnahmen teilweise offenbar in jenem Rohzustand verblieben sind, in dem sie in BRODERICKS Wohnzimmer entstanden. Dies zeigt sich etwa beim Titelsong, der zunächst als Gedicht verlesen wird, bevor er scheinbar improvisiert über Musik gerappt wird. Das mag nicht unbedingt massenkompatibel sein, aber es bleibt doch zu hoffen, dass Ausnahmekünstlern wie BRODERICK weiter solche Freiräume gegeben werden.
Es ist doch immer noch erstaunlich, dass das selbstbetitelte Debüt-Album der englisch-amerikanisch-französischen Band O.CHILDREN um den Frontmann Tobias O’Kandi im Jahr 2010 nicht mehr öffentliche Aufmerksamkeit auf dem europäischen Festland erhielt. Mit einer Mischung aus 80er-Jahre-Wave und -Gothic, der dazugehörigen Portion traurig-bösem Bariton in der Stimme und einer modernen, zeitgemäßen Produktion sowie dieser Verknüpfung von Melancholie und Sehnsucht hätte es eigentlich schon klappen sollen. Jetzt unternehmen O.CHILDREN den zweiten Anlauf, und es sollte schon mit dem Teufel zugehen, wenn der große internationale Durchbruch jetzt nicht gelingt. Und das nicht etwa, weil das Quartett bemüht gewesen wäre, im gleichen Fahrwasser weiter zu schippern und lediglich an einigen Stellschrauben zu drehen, sondern weil sie einfach weiter gemacht haben und sich dabei erstaunlich weiterentwickelt haben. Wurden 2010 als Vorbilder und Vergleiche noch Joy Division, The Sisters Of Mercy und The Mission angeführt, sollten es jetzt eher Interpool, The National und Him sein. Ja, O.CHILDREN sind poppiger und rockiger geworden, aber nicht auf eine anbiedernde Art sondern sehr angenehm. Natürlich sind diese Songs weniger schwer verdaulich als die des Vorgängers, natürlich sind einige Texte banaler, die Melodien freundlicher und radiotauglicher – insbesondere die markanten, rockenden Ohrwürmer ‚I Know (You Love Me)‘ und ‚Chimera‘, aber diese Songs sind eben trotzdem gut, und dass es diese Mischung aus Post-Punk, Gothic und Indie in die Radios schafft, ist doch eher erfreulich. Wie schön sind diese Zwischenzeiten, wenn plötzlich allerorten Editors, Interpool oder The National zu hören sind, und auch große Festivals die Hände nach diesen Bands strecken. So langsam strecken die Festivals – und dann wohl auch die Fans – die Hände und Fühler nach O.CHILDREN aus: Zu Beginn noch in der Düsterschublade (Summer Darkness), dann aber schon bei Greenville, und eine erfolgreiche Fortsetzung scheint garantiert und berechtigt.