Es ist 17 Jahre her, dass Black Metal in Skandinavien für mittelgroße Skandale verantwortlich war; die Protagonisten von damals sind in Teilen noch aktiv und beschränken sich heute auf das, was sie auch damals schon taten: Musik machen nämlich. Doch ihre Hörer kommen aus immer jüngeren Generationen, mithin solchen, die 1993 noch nicht einmal freihändig laufen konnten. Weil solchen Hörern nicht einfach ein Burzum- oder Darkthrone-Album verkauft wird, sondern immer auch der Mythos hinter beiden Projekten, lohnt es sich, bei Filmen wie „Until The Light Takes Us“ hinzuschauen, was immer auch ihr Zweck sein mag. Dies gilt auch, wenn der Film selbst schon wieder Vergangenheit ist. In einem Zeitraum bis etwa 2007 gedreht, wurde das Projekt in Skandinavien schon kurz darauf aufgeführt, während die Macher, Audrey Ewell und Aaron Aites, in Deutschland einige Jahre darauf warten mussten, den Film überhaupt unzensiert veröffentlichen zu dürfen. Was ihren Angaben nach daran gelegen hat, dass Hellhammer das Mordopfer Bard „Faust“ Eithuns, einen Homosexuellen, im gleichen Atemzug „fag“ nennt, wie er Bewunderung für den kurz darauf verurteilten Mörder äußert, der diesen Homosexuellen umgebracht hat. Die Unschärfe im Film ist gewollt: Es wird nicht danach gefragt, ob Hellhammer seine Bewunderung dafür ausdrückt, dass Faust ausgerechnet einen Homosexuellen umgebracht hat oder dass er überhaupt zu einem Mord fähig war. Natürlich wird auch das homophobe Weltbild der Protagonisten des Films nicht diskutiert: Hellhammer darf „fag“ sagen, Fenriz sich über Polizisten mokieren, die seinen Rucksack in einer Szene mit Gummihandschuhen untersuchen – Assoziationen zu rektalen Untersuchungen inklusive. Das mag flach wirken, aber genau so soll es sein; Ewell und Aites halten den Protagonisten einen Spiegel vor, sie entlarven sich selbst in den Rollen, die sie spielen. Man habe da noch dutzende Stunden mehr Filmmaterial aufgenommen, so die beiden Regisseure. Der Film beschränkt sich im Wesentlichen auf Fenriz und Varg Vikernes, kleinere Rollen spielen neben den oben genannten noch Frost, Demonaz und Abbath. Und ein Galerist namens Bjarne Melgaard, der im Black Metal Norwegens der frühen 90er Jahre ein akustisches Äquivalent zu Munchs „Der Schrei“ erkennen will. Damit haben die Macher, damit hat Melgaard ohne Zweifel Recht. Vermutlich wird die unbestreitbar vorhandene, künstlerische Seite am Sturm und Drang des Black Metal besser deutlich, wenn man vor „Until The Light Takes Us“ fleißig „Swedish Death Metal“ liest und sich fragt, wie eine so eruptive Bewegung vom Erfolg so schnell korrumpiert und der Beliebigkeit anheim gegeben werden konnte. Damit sind die Schattenseiten, Verbrechen, Kirchenbrände wie Morde nicht zu entschuldigen. Aber ist das überhaupt nötig? Wie beschrieben: Der Mythos ist ohnehin in der Welt; für den Rest müssen sich die Protagonisten vor allem vor sich selbst verantworten. Das tun sie, indem sie ihre Rolle spielen: Fenriz als naiver Romantiker, Varg Vikernes als Rassist, Frost als einer, der sich bei einer Selbstzerstörungs-Performance filmen lässt, Demonaz und Abbath als offensichtlich alkoholgeschädigte, gealterte Rockstars. Mehr ist nicht nötig. Wer weiß schon, dass Vikernes nach seiner Haftentlassung die ernster zu nehmenden Morddrohungen nicht aus der Metal-Szene bekommt, sondern von Norwegern, die es ihm übel nehmen, dass er den „Quisling“ zum Bestandteil seines Namens gemacht hat? Es gibt Dinge, welche die Geschichte allein regelt, ohne dass der moralische Zeigefinger erhoben werden muss.
