Wer gedacht hätte, da METALLICA auf ihre alten Tage hin nicht mehr die Sau rauslassen können, wird mit "St. Anger" definitiv eines Besseren belehrt. Wie es der Titel schon vermuten lät, klingt das achte Studioalbum der Band überaus frisch und vor allem ursprünglich und roh. Die Gitarren sind bis tief in den Keller gestimmt, wodurch die Riffs nicht selten etwas an Meshuggah und System Of A Down erinnern, Melodien sind sowohl im Gitarren- als auch im Gesangsbereich Mangelware und auch Balladen oder radiotaugliches Material sucht man hier vergeblich. Statt dessen ist die Songlänge wieder auf einen Durchschnitt zwischen fünf und acht Minuten gewachsen, die Eingängigkeit bewegt sich auf einem unteren Level, was dazu führt, da man "St. Anger" erst einmal ein paar Durchläufe zugestehen sollte, ehe man es beurteilt, und der Sound ist ungeschliffen und eher unter- als überproduziert. So entsteht hier häufig eine gewisse Punk-Attitüde, die im Zusammenhang mit dem fast schon nu metallischen Gitarrenspiel und dem teils blechernen und teils recht dumpfen Klang des Schlagzeugs einen rundum neün METALLICA-Sound entstehen lät, der weder an die '80er noch an die '90er Jahre erinnert, sondern durch und durch neu und einzigartig ist. Auch das Aggressionslevel hat wieder kräftig zugenommen und man hört den wütenden Songs deutlich an, da die Musiker keine einfache Zeit hinter sich haben. Die Höhepunkte der Scheibe sind zweifelsohne im Opener "Frantic" (dem wohl zugänglichsten Song des Albums) und dem punkigen "Purify" sowie "Some Kind Of Monster" und "Dirty Window" zu sehen, die sich allesamt tief in die Gehirnwindungen eingraben und ein Höchstma an Intensität parat halten. Beim Rest ist es schon schwieriger, da es dem Album meiner Meinung nach etwas an Abwechslung, Eingängigkeit und vor allem guten Melodien fehlt, denn gerade die Tatsache, da man früher noch jedes einzelne Riff nachsingen konnte, machte METALLICA zu etwas Besonderem, während auf "St. Anger" häufig alles in einem undifferenziertem Riff-Brei untergeht und mir viele Songs auch etwas künstlich in die Länge gezogen scheinen. Dennoch ist "St. Anger" ein überaus mutiges Album, das garantiert nicht konstruiert ist, sondern vielmehr direkt aus der Bauchgegend stammt. Natürlich werden METALLICA ihre Anhängerschar auch mit diesen elf Songs wieder spalten, denn im Endeffekt wei es eh wieder jeder besser und allen recht machen kann man es auch nie. Doch ist gerade die Tatsache zu bedenken, da die Four Horsemen mit einem radiotauglichen Hitalbum ganz klar auf der sichereren Seite gewesen wären als mit diesen zähen Wutattacken. Deswegen verdient dieses unkonventionelle Riff-Monster meine vollste Anerkennung und auch wenn ich mir im Moment noch nicht vorstellen kann, da sich "St. Anger" einmal in den Kanon der Klassiker einreiht, ist es doch ein auf seine Weise ungewöhnliches Album, das vielleicht gerade wegen dieser Kompromilosigkeit in Verbindung mit den durchaus tiefgreifenden Songstrukturen den Test der Zeit bestehen wird. Warten wir es ab. (SB)
