In der musikalischen Welt von 6:33 regieren Reizüberflutung und kürzeste Aufmerksamkeitsspannen. Die Franzosen richten ihr Interesse quasi im Sekundentakt auf neue, andere Stilkombinationen und Input-Geber und brechen alle ihrer Stücke ohne Rücksicht auf Verluste permanent auf. Was im Ergebnis „Orphan Of Good Manners“ heißt, pendelt in der Mitte zwischen Genie und Wahnsinn. Ihre polarisierende Aufstellung pflegen 6:33 nach allen Regeln der Kunst. Dabei scheint es das erklärte Ziel der Musiker zu sein, nur die Hörer mitzunehmen, die sich den Extrem Crossover auch wirklich erarbeiten wollen. Verträgliche Passagen, Clean-Gesang, Klavier-Einsatz und akustische Momente, die immer wieder eingestreut werden, gaukeln Song-Dienlichkeit und den Anschein vor, dass den Franzosen Nachvollziehbarkeit etwas bedeuten würde. Das ist eher nicht der Fall, und „Orphan Of Good Manners“ ist nichts anderes als eine fragmentarische Ideenskizze und kreatives Freidrehen. Zwischen Jazz, Funk, Dance, Electro, Fusion, Chaos, Rock, Death, Thrash, MetalCore und Hardcore wird all das in den Fleischwolf gesteckt, was 6:33 als interessant und ihren Sound bereichernd erachten. Unberechenbarkeit ist dabei das Leitmotiv der kreativen Arbeit der Franzosen, die diesen anstrengenden Ansatz über alle zehn Tracks des Albums führen. Wie es der Band am Ende gelingt, nicht zufällig und diesem Experiment gegenüber offenen Hörern auch nur ansatzweise erschließbar aufzuspielen, ist das große Geheimnis von 6:33. „Orphan Of Good Manners“ ist der musikalische Spiegel der hektischen, schnelllebigen Gesellschaft, die sich permanent auf der Suche nach dem nächsten Hype befindet. Krank!
