Das Warmspielen mit Metallicas 'My Friend To Misery' hat sich gelohnt: Das Feuer in BORKNAGAR ist mit der Rückkehr eines alten (vor einer Weile durchaus Misery-geplagten) Freundes aufs Neue entfacht. Fast scheint es, als ob Simen Hestnæs der ganzen Band mit seinem erfrischend kühnen „Stormseeker“-Album einen Motivationsschub verpasst hätte, denn so forsch und erhaben klangen die Herren seit „Quintessence“ (2000) nicht mehr. Das gilt insbesondere für Vintersorg, der angesichts der Konkurrenz aufblüht und der sich auf „Urd“ in vertrauter Umgebung wiederfindet, hat er doch unlängst mit „Jordpuls“ ein ganz ähnlich erdverhaftetes und an der eigenen Vergangenheit orientiertes Album aufgenommen. „Urd“ enthält ebenfalls einige Hits, an erster Stelle das von Lars Nedland komponierte 'The Beauty Of Dead Cities', in welchem sich der heimgekehrte Sangeshüne nach Herzenslust entfalten kann und der tolle Refrain melodisch an die besten Tage des Traumtheaters erinnert. Auf Albumlänge zitiert die Band sich einige Male selbst und zwar durchaus mit Nachdruck ('The Earthling'), überzeugt dabei mit durchweg gelungenen, im Großen und Ganzen abwechslungsreichen Kompositionen, die von Jens Bogren beim Abmischen einen formidablen Feinschliff erhalten haben. Das melancholische Instrumental 'The Plains Of Memories' in der Mitte des Albums gewährt mit wehmütigen Streichern und hoffnungsvollen Gitarren- wie Pianoklängen eine Atempause, bevor 'Mount Regency' quasi mit Macht die B-Seite einläutet. Vintersorg singt und keift, was das Zeug hält, während Øystein G. Brun an der Gitarre vollends den archaischen Kurs einschlägt und Lars diesen am Keyboard weiter verfolgt. Wenn schließlich Simen einsteigt und vor den Tücken des Winters in nordischem Gebirge warnt, hört es auch der Letzte mehr als deutlich: Die Jungs hatten mehr als nur Spaß beim Einspielen, sie haben sich gegenseitig befeuert und in die Ärsche getreten. Ganz nebenbei kommen dabei mittlerweile Einflüsse aus einer Rockmusik-Ära zum Tragen, die rund ein Vierteljahrhundert vor der Gründung BORKNAGARs zahlreiche kreative Höhenflüge mit sich brachte. Es mag ein weiterer Verdienst von Simen und Lars sein, dass diese inspirierende Ära ihren abenteuerlichen Nachhall in den neuen Liedern der Skandinavier findet. Eine Bewertung von „Urd“ in Punkten fällt ungewöhnlich schwer, denn von absolut solider Basis (12 Punkte) aus starten BORKNAGAR ein ums andere Mal gewaltig durch und finden zu alter Stärke zurück (14 Punkte). Dabei zeigt die Tendenz klar nach oben.
