Vier Jahre ist es nun her, dass NIGHTWISH sich gehäutet und auf „Dark Passion Play“ mitsamt der folgenden Welttournee mit einer neuen Sängerin präsentiert haben. Nachfolgerin der ausgebildeten Opernsängerin Tarja Turunen wurde Anette Olzon, die vor allem in Cover-Bands aktiv war und über einen erdigeren, rockigeren Stimmausdruck verfügt. Das neue Album „Imaginaerum“ zeigt die Schwedin und die finnische Band nun als echte Einheit und ist der Aufhänger eines Multimedia-Spektakels: Wenige Tage vor dem Interview weilte die ganze Band noch in Montreal, um dort an Dreharbeiten zum gleichnamigen Film teilzuhaben.
In den langen Interviews vor der Veröffentlichung von „Dark Passion Play“ in Legacy #49 und #50 betonte Bandleader Tuomas Holopainen, wie froh er sei, dass NIGHTWISH mit Anette Olzon eine gestandene Frau und Musikern gefunden hatten, um in Tarjas Fußstapfen zu treten, vor allem aber eigene zu hinterlassen. Trotz ihrer Erfahrung und ihrer Reife war Olzon hernach im positiven wie negativen Sinne davon überrascht, was es bedeutet, in einer Band zu singen, die international die Charts aufrollt und in ihrer finnischen Heimat ein Klatschspaltenthema ist. Insofern mag es für sie sogar von Vorteil sein, weiterhin in Schweden zu leben. „Als ich in die Band aufgenommen wurde, war ich voller Energie, aber ich wusste gar nicht, welchen Status sie wirklich genießen – gerade in Finnland, aber auch im Rest der Welt - und welchen immensen Einfluss Tarja hatte. Natürlich wurde mir auch viel Liebe zuteil, aber eben auch tatsächlicher Hass und enorme Kritik. Damit umzugehen, ist schwer. Wir sind menschliche Wesen und mögen Kritik nicht gerne. Ich habe dabei einiges von meinem Selbstvertrauen verloren und mir wieder erkämpfen müssen. Was mir geglückt ist. Jetzt mit diesem Album fühlt sich alles besser an. Die letzten vier Jahre waren definitiv sehr turbulent.“
Besonders in den südamerikanischen Ländern, wo die Fans in beiden Extremen sehr emotional sind, musste Anette die Zähne zusammenbeißen. „Da ist es eskaliert, dort haben mir Fans ihren Hass offen gezeigt. Aber im Internet ist es überall so, und natürlich habe ich davon Notiz genommen.“ Wobei die Kritik selten die künstlerische Leistung trifft – Anette ist nicht Tarja, und das alleine reicht Heißspornen aus, verbal über sie herzufallen. „Es gab sogar Morddrohungen. Wenn man aus einem normalen Leben kommt und nie eine Berühmtheit gewesen ist, einem normalen Beruf nachgeht, dann erlebt man dort auch immer mal wieder Ablehnung. Aber nicht in dieser Form. Es hat mich schockiert, zu hören, dass man mich tot sehen wollte und meine Kinder mit in die Sache gezogen hat. Natürlich weiß ich, dass nur eine Minderheit so heftig agiert und dass die meisten davon nur reden, statt ihre Worte umzusetzen. Dennoch ist das einer der negativsten Aspekte von Popularität.“
Geheilte Wunden
Walt Whitman, der später noch thematisiert werden wird, hat bis zu seinem Sterbebett „Leaves Of Grass“ umgeschrieben. Wie zufrieden ist Anette also mit dem ersten gemeinsamen NIGHTWISH-Album im Rückblick? „Hätte ich mehr Mitspracherecht gehabt, wäre mein Einfluss auf die Gesangsführung ein anderer gewesen. Aber ich mag „Dark Passion Play“ und habe es erst kürzlich daheim aufgelegt, um wieder mit den Songs vertraut zu werden. Sie kannten meine Stimme damals noch nicht so gut, und nach dem Mix klang sie manchmal etwas zu schwach. Dabei habe ich sehr viel Kraft in meinen Stimmbändern, was auf „Imaginaerum“ viel deutlicher wird.“ Power ist genau das richtige Charakteristikum für den Gesang von Marco Hietala, der mehr noch als auf dem Vorgänger für Duett-Passagen eingespannt wird. „Er hat mich dabei aber gar nicht so beeinflusst, weil ich früher in anderen Bands schon sehr kräftig gesungen habe. Im Studio hieß es manchmal sogar von Produzentenseite, ich sei zu laut. Marco singt für mich Demos zu den ganzen Songs ein. In gewisser Weise folge ich ihm also doch, gerade auch bei den Harmonien. Er war auch bei den Albumaufnahmen zuerst im Studio, weil ich einen Unfall hatte.“
Vor über vier Jahren war ‚Higher Than Hope’ Anettes Favorit aus dem Katalog der Band. Nach ausgedehnten Tourneen hat sie natürlich auch zu anderen Songs aus dem Repertoire einen direkteren Draht, kann sich musikalisch wie inhaltlich besser mit ihnen identifizieren. „Dennoch verbinden mich mit ‚Higher Than Hope’ die stärksten Gefühle. Der Text ist sehr intensiv. Aber ich liebe auch ‚Ghost Love Score’ enorm. Hätte ich den Song zuerst gesungen, wäre das vielleicht gar nicht so. Er ist eins von Tuomas' Meisterstücken.“ Auf „Dark Passion Play“ spiegelten ‚Master Passion Greed’ und ‚Bye Bye Beautiful’ die Schmerzen des Konflikts mit Tarja. Marco dominierte in deren Interpretation, aber auch Anette war gezwungen, sich diese negativen Emotionen zu eigen zu machen. „Ich habe natürlich schon bei den Auditions verstanden, worum es in ‚Bye Bye Beautiful’ ging, also lange, bevor ich in der Band war. Das war sehr offensichtlich. Ich mag beide Songs, bin aber froh, dass „Imaginaerum“ positivere Stimmung verbreitet und Tuomas nach vorne blickt. Der Knoten ist geplatzt, und die Wunden sind verheilt. Das Kapitel ist beendet und geistert nicht mehr durch die Gefühlswelt der anderen.“
Von den ersten Songs, die Olzon mit der Band gesungen hat, konnte sie sich besonders in ‚Eva’ hinein fühlen – die Geschichte eines Mädchens, das Opfer von Mobbing-Attacken ist. „Der Song war mir so nahe, ich hätte ihn wirklich selber schreiben können. So eine biographische Nähe hat auf dem neuen Album kein Song zu meinem Leben. Die Gefühle von Eva waren auch meine. Ihr Wunsch, die Welt zu verlassen, wenn um einen herum alle nur noch Gemeinheiten ablassen. Man fühlt sich ausgestoßen. Mich berührt dieser Song immer noch sehr, wenn ich ihn nur höre, und umso mehr auf der Bühne. Die neuen Texte erzählen eher Geschichten, sind theatralischer.“
Captain Spaulding
Im Interview nach der Listening-Session in Donzdorf hob Tuomas besonders die Gesangsleistung von Anette in ‚Scaretale’ heraus. „Dabei war das gar nicht der schwierigste Song für mich. Es hat mir Spaß gemacht, mich dem Gesang in der Art einer Theaterschauspielerin zu nähern. Da kam mein Musical-Background durch. Es war mal etwas anderes, diese böse Hexe darzustellen. Es gibt da diesen Part, in dem ich alles zusammenschreie wie ein angestochenes Schwein und wild ins Mikrophon spucke. Darauf waren die anderen im Studio nicht vorbereitet, aber für mich war es ein Rückgriff auf mein erlerntes Repertoire“, amüsiert sich Anette lachend. ,Scaretale’ gleicht einem wilden Achterbahntrip durch einen völlig irren Zirkus. Im „Song für Song“-Kasten vergleicht Kira einige abgedrehte Passagen mit Captain Spaulding, einem bösen Clown aus den Rob Zombie-Filmen „Haus der 1000 Leichen“ und „The Devil’s Rejects“. Mrs. Olzon ist dem Horrorgenre eher abgeneigt und kennt den genannten Charakter nicht. „Das ist Tuomas' Metier. Ich gucke mir hin oder wieder einen solchen Film an, bevorzuge aber „Midnight In Paris“ von Woody Allen. Es ist nicht so, dass ich mich langweile – ich bekomme leicht Albträume und fürchte mich zu Tode. Das war schon in meiner Kindheit so und ist selbst mit 40 nicht anders. Manche dieser Filme verfolgen mich einfach zu lange, obwohl ich auch den Reiz verstehe, sich zu gruseln.“ Im Interview für unsere letzte runde Jubiläumsausgabe erzählte Anette, dass sie schon während ihres Musikstudiums in Kopenhagen vor vielen Jahren den Clown gegeben hat. „Genau daran musste ich bei dem Song auch denken. Aber in ‚Scaretale’ sind die Clowns wirklich sehr böse, was umso mehr Spaß gemacht hat. Marco hat in der Mitte einen gesprochenen Gesangspart, der mich an den Zirkusdirektor vom Moulin Rouge erinnert. Er ist großartig darin. Ich denke, davon wird auch viel im Film zum Album zu sehen sein.“
Jazz-Vibes
Selbstbewusst und etwas provokant gab Anette nach ihrer Einstellung zu verstehen, dass sie mit Oper wenig anfangen könne – und auch HipHop und Jazz nicht zu ihren Lieblingsstilrichtungen zählen. Wie also konnte man sie dazu überreden, ‚Slow, Love Slow’ zu singen? „Als ich das Demo bekam, war ich völlig irritiert und dachte nur: Was? Nachdem ich dann erstmalig meinen Gesang dazu aufgenommen hatte, fühlte ich mich sehr unwohl damit und mochte meine Stimme in diesem Kontext überhaupt nicht. Für mich kam das sehr seltsam rüber. Meine Mutter liebt Jazz und hat mich dafür gelobt. Heute ist es immer noch so, dass ich mich absolut nicht als Jazz-Sängerin bezeichnen würde, aber ich finde meinen Gesang in dem Stück okay. Wenn ich ein Soloalbum veröffentlichen werde, könnten vielleicht sogar kleine Jazz-Einflüsse bemerkbar sein. In der letzten Zeit habe ich viel Katie Melua gehört. Ihre Musik hat jazziges Flair, ist aber modern.“ Wenn die Jungs von NIGHTWISH zu alt zum Rocken sind, kann Frau Olzon sich also als Sängerin in einer Hotelbar oder auf einem Kreuzfahrtschiff durchschlagen. „Das mit dem Boot habe ich schon getan“, lacht sie. „Als ich jünger war, habe ich an vielen Nachwuchstalentwettbewerben teilgenommen. Mit 20 oder 21 sang ich bei einem größeren nationalen Wettbewerb in Schweden. Die Finale wurden während mehrerer Fahrten auf einer Fähre zwischen Göteborg und Dänemark ausgetragen. Aber ich mag es nicht so, weil die Luft in solchen Schiffen sehr trocken ist und man leicht die Stimme verliert. Die Bedingungen sind nicht optimal. Außerdem werde ich leicht seekrank.“
Der Titel ‚Slow, Love, Slow’ impliziert, dass jemand den Duettpartner auffordert, einen Gang zurückzuschalten – „Ssssshhhh, Kleines – eins nach dem anderen“. „Eigentlich sollte ich das Stück ganz alleine singen, aber nachdem ich meinen Part zu seiner Pilotspur gesungen hatte, klang das Resultat beider Stimmen besser. Das kommt auch Marco zugute, der sonst bei NIGHTWISH vornehmlich den wilden Schreihals geben darf. Dabei hat er stimmlich viel mehr zu bieten. Er freut sich darüber, auf „Imaginaerum“ mehr Variation bieten zu können.“ Insofern war ‚The Islander’ auf „Dark Passion Play“ nur ein Vorgeschmack – und Fans seiner Band Tarot wissen ohnehin, was der bärtige Band-Senior drauf hat. „Genau. Ich habe schon damals bei meinem Einstieg vorgeschlagen, dass er mehr als nur Backing-Vocals einbringen soll. Ich war schon oft in Bands mit einem Sänger und einer Sängerin, mir gefällt das – und dem Publikum auch. Ein Album mit einer Lead-Stimme kann sehr ermüdend sein. Unsere Stimmen harmonieren gut miteinander. Es wäre eine Schande, Marcos Können nicht intensiver zu nutzen.“
Vogelkunde
In ‚The Crow, The Owl And The Doveʻ verkörpern die Tiere verschiedene Charaktertypen. Welcher Vogel repräsentiert dabei welches Band-Mitglied – und welche Gattung unserer gefiederten Freunde charakterisiert die beiden übrigen Musiker? „Die weiße Taube muss ich wohl sein“, lacht die Sängerin, die im Steckbrief auf der Band-Homepage immer noch angibt, ohne Laster zu sein. „Ich lebe wirklich gesund und bin außerdem die Frau in der Band. Ich bin ein offener Mensch, der in Konflikten seine unverstellte Meinung sagt. Das kann natürlich manchmal hart sein, aber der Band hat es gut getan. Die Jungs sind manchmal sehr verschlossen. Also bin ich die Friedenstaube, die die Konversation eröffnet und dafür sorgt, dass Konflikte gelöst werden. Marco ist die Krähe – er ist das Biest und der Älteste in der Band. Auf den neuen Promofotos sieht er sehr finster aus. Die weise Eule ist natürlich Tuomas. Er ist der Denker, der immer über alles grübelt – manchmal zu viel. Was die anderen betrifft: Emppu wäre ein Papagei, weil er der stets gut gelaunte Clown ist, der auch uns ständig zum Lachen bringt. Und Jukka.... Er ist der Falke, unser Geschäftsmann, der sich gut mit Papierkram und Statistiken auskennt.“
Walt Whitman stand schon für ‚Seven Days To The Wolves’ auf dem letzten Album Pate. Jetzt ist seinem Hauptwerk der imposante vierteilige ’Song Of Myself’ gewidmet. „Das ist das Steckenpferd von Tuomas. Ich muss zugeben, dass ich überhaupt nichts von Whitman gelesen habe und auch wenig über sein Leben weiß. Es ist Tuomas' Guru (lacht). Jedenfalls hat er seine Gedanken für dieses Album enorm geformt. Ich glaube, die anderen haben sich auch nicht so sehr damit beschäftigt. Wie ich eben meinte: Tuomas ist der Denker, der mit einem Buch in der Hand einschläft.“ Holopainen selbst sagt im Interview, dass er den transzendentalen Lebensstil von Whitman bewundert, ihn aber selbst nicht eins zu eins adaptieren kann. „Seit wir uns vor einigen Jahren das erste Mal begegnet sind, hat er sich verändert. Tuomas ist gelassener, zufriedener. Zudem hat er größere Visionen und arbeitet sehr zielgerichtet. Natürlich weiß ich nicht, wie er während der ersten Alben als Mensch war. Aber wenn ich mir den Backkatalog und besonders das Debüt anhöre, ist er kompositorisch gewachsen und schreibt viel tiefgründigere Texte. Auf „Dark Passion Play“ hat er viel hinter Metaphern versteckt und nicht so direkt formuliert wie für „Imaginaerum“. Beim letzten Album wurde er oft gefragt, wovon bestimmte Songs handeln, und er antwortete meist, man müsse das für sich selbst herausfinden. Jetzt sind die Texte immer noch anspruchsvoll, aber verständlich. Ob diese Veränderungen mit der Lektüre von Whitman zusammenhängen, kann ich nicht beurteilen.“
Kindheitserinnerungen
Tuomas betont stets, wie paradiesisch seine Kindheit gewesen ist – und wie traumatisierend dementsprechend die Ankunft in der Realität der Erwachsenenwelt. Er nutzt Reisen in seine Kindheitserinnerungen als Kreativpool. Anette hingegen hat schon früh die Erfahrung gemacht, dass das Leben oft Kampf bedeutet, wie ihre Identifikation mit ‚Eva’ zeigt. „Meine Kindheit und Jugend war sicher nicht paradiesisch, schon weil ich ein Scheidungskind bin. Meine Eltern trennten sich, als ich gerade einmal anderthalb Jahre alt war, und mein Vater lebte sehr weit von unserer Familie entfernt. Meine Mutter führte einen Single-Haushalt mit drei Kindern, wir waren sehr arm, und sie musste unsere Anziehsachen selbst nähen. Aber es gab viel Liebe in unserer Familie, in der Hinsicht kann ich die Erinnerungen von Tuomas nachempfinden. Aber gleichzeitig war ich sehr einsam, weil meine Mutter ganztägig in einem Büro arbeitete und während der Wochenenden unterwegs war und gesungen hat. Ich war also ein Schlüsselkind, welches nach der Schule oft alleine war, weil meine Schwester und mein Bruder älter sind. Dazu kam dieses Bullying in der Schule, eine Phase, die sich von meinem 13. bis zum 16. Lebensjahr hinzog. Das waren für mich sehr dunkle Jahre. Gleichzeitig ermöglichen sie mir eine andere Perspektive aufs Leben und haben mich in vielerlei Hinsicht abgehärtet. Dennoch hätte ich natürlich auch gerne die idyllischen Erinnerungen von Tuomas. Ich freue mich sehr für ihn, aber viele Kinder haben nicht diese Möglichkeiten.“
Tour-Aussichten
Angesichts der im Januar in den USA startenden Welttournee zur „Imaginaerum“ und der ebenfalls 2012 anstehenden Filmveröffentlichung wird der 15. Jahrestag des Debüts „Angels Fall First“ keine besondere Aufmerksamkeit erfahren. „Wir haben noch nicht wirklich intern darüber gesprochen, aber Marco und ich wurden schon von einigen anderen Journalisten gefragt, ob wir aus diesem Anlass das ganze Album auf die Bühne bringen würden. Das ist eine gute Idee, aber nicht für eine ganze Tour – es würde schnell langweilig. Aber ein, zwei spezielle Shows dazu wären großartig.“ Was das Einstudieren der neuen Songs für die nächsten Jahre ´on the road´ angeht, ist Anette realistisch. „Ich würde 'Song Of Myself' gerne in voller Länge bringen, aber es würde dann wohl auf einige Ausschnitte hinauslaufen, und wir würden zum Beispiel den Teil mit dem Brief weglassen. Die meisten anderen Songs werden wir einstudieren, auch wenn nicht alle ständig im Set sein werden. Dann können wir alle zehn Gigs etwas in der Spielfolge ändern.“ Zusätzliche eigene Songs oder Cover-Versionen zu den 13 Album-Kompositionen zur Nutzung als Single-Füllmaterial wurden während der „Imaginaerum“ Sessions nicht aufgenommen. Alphavilles Hit ‚Forever Young’ würde zumindest lyrisch zum Inhalt passen. „Ein wunderbares Stück, allerdings wurde der Song schon sehr oft gecovert“, stellt Anette berechtigt fest.
Da sie viele Jahre in Cover-Bands gesungen hat wäre sie eine logische Wahl als Jurymitglied einer Casting-Show. „Momentan geht es in diesem Format viel zu sehr darum, die Kandidaten niederzumachen, zumindest ist das gerade bei „Swedish Idol“ so. Vielleicht sollte man das Konzept eine Weile ruhen lassen. Ich würde mich jedenfalls derzeit nicht dafür hergeben.“ Die Kardinalsfrage in einer solchen Show wie auch im Aufnahmestudio oder auf der Bühne lautet für einen Sänger immer: Was ist wichtiger – der Ausdruck, das authentische Feeling – oder das perfekte Treffen jeder Note. „Ich bin eine emotionale Sängerin, aber auch eine große Perfektionistin. Frag die Jungs – sie sagen mir manchmal, dass ich aufhören soll, alles perfekt machen zu wollen. Die Ansprüche, die ich an mich selbst richte, sind enorm und manchmal zu hoch. Natürlich ist es für ein Album wichtig, dass die Noten sitzen, was nicht bedeutet, dass es mir auf der Bühne egal ist. Aber dort zählt der emotionale Aspekt mehr – ich möchte fühlen, was ich gerade singe. Technik ist da eine Sache, aber man muss das Publikum erreichen.“ Diesem Anspruch wird Anette Olzon auch gerecht. Und wer endlich begreift, dass sie keine zweite Tarja ist oder sein will, der lässt sich von ihr mitreißen. Auf „Imaginaerum“ und im nächsten Jahr auch wieder in den großen Konzerthallen und auf den Festivals.
Björn Thorsten Jaschinski
www.nightwish.com
In seinen Ausführungen zum Film „Imaginaerum“ stellt Produzent Stobe Harjo einige Fragen, die als Leitfaden für das audiovisuelle Projekt dienen. Anette Olzon gibt dazu ihre ganz persönlichen Antworten.
Was ist das Wichtigste im Leben?
Liebe!
Kann die Kraft der Erinnerungen uns während unserer letzten Momente schützen?
(überlegt und lacht) Vielleicht...
Wird die Fantasie uns in den dunkelsten Momenten die Lebensenergie zurückbringen?
Das ist etwas, das ich selbst als Teenager erlebt habe. Ich lebte in meiner eigenen Fantasiewelt. Und in dieser Welt wusste ich, dass ich irgendwann auch in der richtigen Welt Großes leisten und z.B. eine bekannte Sängerin werden würde. Vorstellungsvermögen und der Glaube, dass die Dinge sich ändern können, sind sehr wichtig.
Können wir nach großen Enttäuschungen wieder die Liebe finden?
Ich denke schon, und das bringe ich auch meinem einen Sohn hier zu Hause bei: Was auch immer man dir angetan hat – wenn du diesen Leuten vergibst, dann fühlst du einen inneren Frieden. Hass und Gnadenlosigkeit erfüllen einen selbst mit Trauer. Dann kann man auch wieder lieben. Man muss jemanden, der so gut zu einem war, vergeben können.
Björn Thorsten Jaschinski
Anlässlich der Listening-Session zu “Imaginaerum” gab es erste Gesprächsmöglichkeiten mit Anette und Tuomas. Der Keyboarder und Hauptkomponist äußerte sich enthusiastisch zum neuen Album und dem zunehmend Formen annehmenden Filmprojekt, welches einige Monate später 2012 vorgestellt werden soll.
Inwiefern hat das lyrische Werk von Walt Whitman den Entstehungsprozess von „Imaginaerum“ beeinflusst?
Ich habe diesen Schriftsteller erst vor kurzem für mich entdeckt, und als ich ihn das erste Mal gelesen habe, war es eine große Offenbarung für mich. Ich könnte mir vorstellen, dass sich manche Leute so fühlen, wenn sie die Bibel lesen. Für mich ist “Grashalme“ von Walt Whitman, auf dem `Song Of Myself` basiert, meine persönliche Bibel, in der ich für mich so viel entdeckt habe. Es wurde für mich zu einem sehr wichtigen Stück Literatur. Und ich wollte mit dem Komponieren und Schreiben von `Song Of Myself` diesem Werk eine Hommage darbringen. Es ist nicht so sehr ein Lied über `Song Of Myself`, sondern eher meine persönliche Geschichte, erzählt unter demselben Titel.
Hast du dieselbe Läuterung erfahren wie Whitman, als er dieses Gedicht verfasst hat?
Ja, so kann man es sagen. Das Feiern des Lebens, der Existenz und die totale Öffnung des Selbst gegenüber dem Leben ist doch das Wichtigste.“
Ist der transzendentale Lebensstil denn auch deiner?
Nein, nicht ganz. Und ich glaube auch nicht, dass ich es jemals so wie Whitman leben werde. Aber ich bewundere seine Sichtweise auf die Welt und wie er die Welt „fühlt“. Ich versuche von ihm zu lernen, aber ich bin noch ganz am Anfang. Er fasziniert mich sehr.
Walt Whitman wollte stets in die Vergangenheit reisen, um Dinge zum Besseren zu ändern. Könntest du dir vorstellen, eine Rückführung zu machen?
Ich weiß, dass es die Möglichkeiten dazu gibt, aber momentan ist meine eigene Kindheit die größte Quelle an Inspiration. Ich reise in Gedanken jeden Tag dorthin zurück, und das reicht erstmal. Ich würde auch nichts an meiner Vergangenheit ändern wollen. Alle Fehler, die ich begangen habe, haben mich vorwärts gebracht.
Wie werden die Fans „Imaginaerum“ aufnehmen?
Schwierig zu sagen, aber ich glaube, diejenigen, die „Dark Passion Play“ mögen, werden nicht enttäuscht sein, weil sie sich nicht so sehr voneinander unterscheiden. Obwohl „Imaginaerum“ etwas weniger schwermütig ist, sondern frischer, positiver und rockiger. Und vor allem: twisted! Und außerdem theatralisch! Ich glaube, die meisten werden ihre Probleme mit dem Jazz-Song `Slow, Love, Slow` und wahrscheinlich auch mit dem Zirkus-Lied haben.
Der ursprüngliche Albumtitel „Imaginarium“ musste geändert werden.
Leider gibt es in Spanien eine Bekleidungsfirma, welche die Namensrechte hat. Deren Anwälte gingen sofort auf die Barrikaden, als sie von unserem Projekt erfuhren. Außerdem gibt es in Florida noch ein Aquarium mit demselben Titel und den Film „The Imaginarium Of Doctor Parnassus“. „Imaginaerum“ war Marcos Idee. Nur ein kleines Detail, aber ich kann es noch immer nicht ganz richtig aussprechen…
Neben dem Album entsteht „Imaginaerum“ auch als Filmprojekt.
Eigentlich ist das eine richtig spaßig Arbeit, denn ich hatte die zwölf neuen Songs und die dazu passenden Bilder ganz klar in meinem Kopf. Der Drehbuchautor schrieb dann die zu meinen Visionen und Songs passende Geschichte. Der rauchige Jazz-Club aus `Slow, Love, Slow`, die Geschichte über den fliegenden Schneemann aus `Taikatalvi`, den Tanz des Todes aus `Arrabesque`.
Was hast du denn in der Zwischenzeit gemacht?
Ich war angeln, wandern, habe Filme geguckt und meine Energien wieder aufgeladen. Besonders beim Puzzeln, ich liebe Puzzeln, vor allem die ganz großen! Jetzt gerade fühle ich mich wie ein kleines aufgeregtes Kind, das auf Weihnachten wartet.
Ist das Filmprojekt ein persönliches Anliegen für dich und die Band?
Seit Jahren wollten wir alle so ein Projekt auf die Beine stellen, weil wir immer in großen Filmen und Bildern gedacht haben, wenn wir unsere Musik komponiert haben. In den letzten vier Jahren habe ich Geld gesammelt, um den verdammten Film endlich zu machen! Drei Jahre habe ich nur damit zugebracht, die richtigen Verbindungen zu knüpfen! Gott sei Dank haben wir in den letzten zwei Monaten noch einen geheimen Sponsor am Drehort in Montreal gefunden. Ich und die Band-Mitglieder haben all unser Vermögen zusammengekratzt, aber es war immer noch nicht genug.
Konntest du alle deine Ideen für das Projekt realisieren?
Leider nein, wir mussten einiges wegen unseres Budgets kürzen. Es sind nur vier Millionen, was zwar wahnsinnig viel klingt, in der Filmwelt aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein ist. „Der Kleine Hobbit“ soll circa 500 Millionen kosten! Aber ich würde sagen, 95% unserer Ideen konnten wir durchsetzen, und das macht mich sehr glücklich.
Erzählt der Film deine persönliche Geschichte?
Nein, nur das Album. Obwohl der Hauptcharakter Tom heißt, ist es nicht meine Biografie, sondern nur eine fiktive Geschichte. Die anderen Filmcharaktere heißen Ann, Markus, Emo und Jack, wie die Band-Mitglieder, und sind nur eine kleine Verbindung zur Band, um das Gefühl des Zuschauers, dass es sich um einen NIGHTWISH-Film handelt, nicht abreißen zu lassen. Es ist nur eine wunderschöne Fabel über die Vorstellungskraft des Menschen.
Warum hast du dich für echte Schauspieler entschieden und nicht für animierte Charaktere?
Meine ursprüngliche Idee war eine Aneinanderreihung verschiedener Musikvideos, die zusammen eine Geschichte ergeben, ohne echte Schauspieler - nur die Band und den Rest als Animation. Aber der Regisseur Stobe meinte, dass nur ein Full-Length-Drama mit realen Darstellern sinnvoll ist, basierend auf der Musik von „Imaginaerum“. Die Idee dazu entstand 2009. Der Film würde einfach nicht mit den ganzen Metal-lastigen Songs wirken, daher müssen wir sie variieren. Diese Aufgabe übernimmt Petri, er wird die Choräle und orchestralen Parts mehr herausstellen, damit die Atmosphäre des Films besser wirken kann. Er wird in Englisch sein und dann nur noch mit Untertiteln versehen, aber nicht synchronisiert werden.
Wird die Verfilmung in die Kinos kommen?
Hoffentlich! Er wird gerade in Kanada fertiggestellt, die Band begibt sich Mitte September selbst dorthin. Er wird also sicherlich in Kanada und Finnland Premiere feiern und dann nach Europa kommen. Die Filmverleiher wollen aber alle erst den Trailer sehen. Also müssen wir den zuerst machen. Das schaffen wir aber nicht vor Januar. Wenn der im Kasten ist, können wir dann auch mehr sagen. Ich sehe die Zukunft der Verfilmung aber sowieso nicht in dem kommerziellen Erfolg schlechthin. Ich bin froh, dass wir die Chance haben, so ein Projekt überhaupt zu realisieren.
Ist der Hauptcharakter nicht ein Tier?
Nicht wirklich ein Tier, eher ein NIGHTWISH-Computer-generated-Imagery (cgi).
Mehr verrätst du jetzt nicht, oder?!
Ich muss doch auch noch etwas mysteriös bleiben…
„Imaginaerum“ - Song für Song1. `Taikatalvi`
Langes, orchestrales Intro, in dem Marco mit einer tiefen Weihnachtsmannstimme singt und versucht, den Hörer in die richtige `Winterzauber`-Stimmung zu versetzen. Erste Gänsehautmomente.
2. `Storytime`
Die erste Single-Auskopplung legt eine schnelle, harte Gangart ein. Für eine wesentlich rockigere Attitüde als auf „Dark Passion Play“ sorgen wuchtige Drums. Dazu gibt es eine bombastische Rahmenhandlung mit großen Chören und eine Anette Olzon, die gleich klarstellt, dass sie mit Erfolg hart an ihrer Stimme gearbeitet hat. Sie klingt tighter und besser als je zuvor! Universell einsetzbarer Ohrwurm!
3. `Ghost River`
Anettes klarer Gesang im Intro wird unterbrochen von bissigen, düsteren Screams von Marco und erbarmungslosen Heavy Metal-Riffs. Harmonisches Stimmenduell im Refrain. Erinnerungen an `Beauty And The Beast` werden wach. Erstes Überraschungselement ist der beruhigende, schöne Kinderchor im Outro.
4. `Slow, Love, Slow`
Back to the Roots of Metal! Das Ticken einer alten Standuhr, die rauchige Atmosphäre eines alten Jazz-Clubs, Piano-Klänge und vereinzelte Saxofon-Parts. Die erste kontroverse Überraschung auf „Imaginaerum“. Der Chanson wird langsam aufgebaut, Marco und Annette singen rauchig im Duett, als hätten sie bis dato nichts anderes gemacht, als in Jazz-Bands zu singen. `Slow, Love, Slow` könnte durch den starken Jazz-Charakter zur Zerreißprobe für gradlinige NIGHTWISH-Fans werden. Mutiges, gelungenes Abwechslungsprogramm!
5. `I Want My Tears Back`
Ein Wiederhören mit den Dudelsäcken aus `Last Of The Wilds` im Intro gibt die „Folklore meets Metal“-Richtung an. Anders als vom Titel erwartet, ist der Song sehr schnell, kräftige Riffs und typische Keyboard-Arrangements sorgen für Bombaststimmung. Prägnante Drum-Momente sorgen für den richtigen Tanzrhythmus. Starke Melodiebögen und einprägsame Hooklines tragen den Titel und sorgen für das originale NIGHTWISH-Feeling. Album-Highlight!
6. `Scaretale`
„What a show we have for you today” ist die Tagline des Stücks, die den Inhalt auf den Punkt bringt. `Scaretale` ist das vielseitigste und abgefahrenste NIGHTWISH-Stück aller Zeiten, das einen musikalischen Zirkus voller böser Clowns à la Captain Spaulding heraufbeschwört, gegen den ein Kinderchor vergebens ansingt. Überraschungsgast der Vorstellung ist Anette, die in einer derart biestigen, erbarmungslosen, schrillen Stimme singt, dass sich alle Nackenhaare sträuben. Tosender Applaus für diesen geilen, dunkel-düsteren Ausbruch aus der Norm.
7.`Arabesque`
Wummernde Electro-Beats erzeugen erst einmal Verwirrung, bevor der sehr schnelle Tanz mit dem Tod zu volkstümlich orientalischen Klängen beginnt. Abgesehen von der Chorusline, ein rein instrumentales Stück. Schönes, variantenreiches Zwischenspiel!
8. `Turn Loose The Mermaids`
Akustikgitarre und sehr guter Cleangesang von Frau Olson mit leisem Panflöten-Zwischenspiel leiten die Ballade ein. Ein undramatischer, langer Instrumental-Part mit Violine wirkt kraftlos gegenüber dem bisher Gehörten. Ein Midtempo-Stück, dem der richtige Zünder fehlt.
9. `Rest Calm`
Zu Beginn kurze harte Gitarren-Riffs, zu denen dann Marco einsteigt und das hohe Tempo kurz hält. Als Annette dann loslegt, wird daraus eine Midtempo-Nummer, das Arrangement kann den bombastischen Vorgängern nicht standhalten und plätschert langweilig und ohne weiteren Überraschungsmoment dahin. Der schwächste Song des Albums.
10. `The Crow, The Owl And The Dove`
Das Songwriting ist ausnahmsweise mal von Marco. Überraschend poppiges Lied, wieder mal mit Anette und Marco im soliden Duett, ohne herausragende Momente. Die Drums bewegen sich fast nur im Hintergrund. Eingängiger Refrain. Im Outro ein leise verhallendes Pianospiel.
11. ‘Last Ride Of The Day‘
Hohes Tempo, treibender Rhythmus und vielschichtiger Gesang sorgen bei ‘Last Ride Of The Day‘, einem harten, durch keltische Melodien geprägten Stück, für Spannung. Wieder werden klassische Chorgesänge geschickt arrangiert, die die opulente Stimmung des Albums aufrecht halten.
12. `Song of Myself`
Song 1: `From A Dusty Bookshelf`
Song 2: `All That Great Heart Lying Still`
Song 3: `Piano Black`
Song 4: `Love`
Die mit Spannung erwartete Umsetzung des Tributs an Walt Whitman in vier Einzelepisoden, zusammen fast 15 Minuten lang. Die Übergänge zwischen den einzelnen Stücken sind fließend und leider nicht abgrenzbar. Wieder spielt Piano-Musik eine tragende Rolle. Stampfend schwer und noch sehr metallisch gerät der erste Teil des Lyrik-Opus', der absolut NIGHTWISH-typisch ist. Im zweiten Teil sorgen Choräle für die dramatische, opulente Rahmenhandlung, wenn die Verse des amerikanischen Dichters von Kindern, einem alten Mann und einer jungen Frau vorgetragen werden. Die hintergründig arrangierten Keyboards und Violinen suggerieren einen paradiesähnlichen, friedfertigen Platz, an dem, ganz nach Walt Whitman, alle gleich sind. Ein eigenständig stehendes Werk, eine sehr persönliche Komposition und ein würdiger Tribut an Whitman.
13. `Imaginaerum`
Der Titeltrack lädt zum großen Finale. Es scheint schier unmöglich, alle prägnanten Stilelemente in einem Song zu vereinen, aber in diesem Medley gelingt es mühelos. Grandioses Finale!
Fazit: „Imaginaerum“ ist ein super komplexes, starkes Album, das definitiv mehrmals gehört werden muss, um die Komplexität und alle Stilelemente zu erfassen. Der Bezug zum Heavy Metal und zum persönlichen Stil von NIGHTWISH geht, trotz vieler anderer musikalischer Einflüssen, nie verloren. NIGHTWISH zeigen Mut zu Experimenten, alle Ideen wurden grandios umgesetzt, und so sorgt die Band für eine Einzigartigkeit und Superlative, nicht nur im Female-Fronted Metal-Bereich, und setzt sich wieder an die Spitze. Gewohnt bombastisch, aber nicht überladen, sondern vielschichtig. Bis auf zwei Durchhänger können alle Stücke auf „Imaginaerum“ sofort überzeugen.
Das Quartett aus Deutschland legt mit “PussyPussyBangBang” sein bislang zweites Album vor. Sie ordnen sich selbst dem Alternative Dark Rock zu, aber schon der erste Song folgt eher dem Punk Rock-Prinzip. `Red Nose On` definiert sich durch eine einfache Drei-Akkord-Komposition, eine raue Gesangsstimme und ein hohes Tempo. `Any Other Day In Hell` geht hingegen im Refrain in Richtung Rock'n'Roll, bleibt aber sonst eher ein undefinierter Mix aus Metal-Gitarrensolo, Sprechgesang und einfacher Drumarbeit. Es fehlt dem Song auf dem Weg zum Rock'n'Roll einfach an Volumen. „Ihre“ Stilrichtung scheinen THE PUSSYBATS noch nicht gefunden zu haben, am besten klingen sie abe,r wenn sie es auf die Goth'n'Roll-Schiene à la 69 Eyes versuchen. Schönstes und kraftvollstes Beispiel auf “PussyPussyBangBang” ist `Miss Purgatory`, wo auch die düstere, tiefe Stimmfarbe des Sängers passt und die Arrangements ausgeklügelter scheinen. Dass das Zusammenspiel in der Band oft nicht stimmig ist und was dabei Schreckliches rauskommen kann, wird bei `Clownsome` klar. Ein ganz schlecht gestimmtes und abgemischtes Klavier versucht die pathetisch triefende, schiefe Gesangsleistung, die immer wieder hängenbleibt oder sich überschlägt, zu begleiten. “PussyPussyBangBang” hat hier und da gute Ansätze, ist aber insgesamt durch das Fehlen eines gemeinsamen Nenners sehr unrund geworden.
Bergen ist die zweitgrößte Stadt Norwegens, malerisch gelegen am Byfjord mit bunten Häuschen, engen Gassen und jährlich besucht von Tausenden Touristen. Die Stadt ist mit ca. 2548 mm Niederschlag an etwa 248 Regentagen im Jahr die regenreichste Großstadt Europas. Nur logisch, dass das Festival von vornherein als Indoor-Event konzipiert ist. Im tiefschwarzen Untergrund der Stadt brodelt es seit den frühen neunziger Jahren gewaltig. Zusammen mit Oslo ist die Stadt Schauplatz zahlreicher Black Metal-Entstehungsgeschichten. Burzum, Gorgoroth und Immortal begannen von hier aus zum Beispiel ihre Triumphzüge. Kein Wunder also, dass Bergen für eine Woche pro Jahr zu der Pilgerstätte aller Genre-Anhänger wird. Es geht den Veranstaltern des Festivals nicht darum, Geldbeutel zu füllen, sondern neuen Talenten eine Bühne zu geben und Legenden zu huldigen. Es gibt kein anderes Festival, zu dem so viele bekannte Musiker als Gäste kommen, um ihre Vorbilder zu sehen, Freunde zu treffen und gemeinsam mit Fans zu feiern. So mischen sich zum Beispiel Bandmitglieder von Immortal, Mayhem, Enslaved und Satyricon in das feierwütige Volk. An den beiden Haupttagen geht es bereits früh los. Sahg stellen zum Frühstück ihre neue Platte bei Schnittchen und O-Saft im Club Garage vor. Gut gestärkt und mit adretten, schwarzen Regenhüten ausgestattet, folgt man danach Enslaved in das Bergen Aquarium um der Seehunde-Show beizuwohnen, einen Film über Killerwale anzuschauen und ihrem neuen Album zu lauschen.
SECRETS OF THE MOON aus Deutschland machen den Opener für ein noch recht verschlafenes Publikum. Auf der Bühne ist es stockfinster, so dass man die Band nur erahnen kann. Keinesfalls ein Lichtausfall, denn die Band will lieber im Dunkeln bleiben. Aber wenn ‚Lucifer Speaks‘ ertönt – wer braucht da noch gute Sicht auf die Botschaftsüberbringer? Damit danach SOLSTAFIR nicht so unter Heimweh leiden müssen, hüllt man alles in dichten Eyjafjallajökull-Gedächtnis-Nebel. Die Isländer locken dann auch deutlich mehr Menschen vor die Bühne, obwohl heute ihre teilweise endlos langen Instrumental-Parts eher zum Bierholen verführen als zum Verweilen. THE DEVIL‘S BLOOD – viel Hype um Nichts? Noch immer ruhen sich die Eindhovener auf ihren Lorbeeren aus, spielen lieber altes Liedgut als etwas von ihrem neuen Material, das aber sehr viel intensiver sein soll als alles bisher. Die Show hat bis auf konstante Qualität beim Sound, Blut und Faridas Gesang leider nicht viel zu bieten. Dafür scheint es aber zum neuen Zeitvertreib der Truppe zu gehören, abseits der Stage überschüssige Energie beim endlosen Diskutieren mit den Ordern abzubauen.
In der Umbaupause haben alle die Chance, Devotionalen zu ersteigern – von Enslaved-Cymbals über E-Gitarre bis hin zu ungeöffneten Tape-Raritäten ist alles dabei. Zudem kann man Freitag und Samstag jede Menge Rock-Merch, CDs und Klamotten zum Spottpreis zu kaufen, deren Erlös dem Waisenhaus in Bergen zu Gute kommt. (Es kamen ca. 1.800 Euro zusammen. Eine begrüßenswerte Aktion, die unbedingt Nachahmer finden sollte!)
Eine Legende in neuem Solo-Gewand kommt mit IHSAHN als Nächstes. Der Musiklehrer ist den meisten hauptsächlich als Frontmann der Black Metal-Band EMPEROR bekannt. Durch seinen jazzig angehauchten Sound sticht er aus dem Freitags-Line-Up vollkommen heraus. Unterstützt wird er live von Leprous, einer norwegischen Progressive-Band. Seine Musik ist düster, ruhig, introvertiert. Hauptsächlich stehen Tracks von seinem aktuellen Album „After“ auf der Setlist, auch wenn man sagen muss, dass er mit der Band nicht ganz so packend ist wie auf Platte. Dass er der Geheimtipp des Abends ist, spricht sich schnell rum, und zum ersten Mal ist die Halle der ausverkauften USF-Werft gerammelt voll. Bei CATHEDRAL bleibt das auch während der ersten drei Lieder so, aber danach lichtet sich das Publikum überraschenderweise ganz schön. Ob es jetzt daran liegt, dass man schnell vor VENOM noch mal auf Klo und Bier zurückgreift, am quietschbunten Backdrop oder daran, dass sich der Sänger, anstatt zu singen, immer wieder mit dem Mikrokabel stranguliert, bleibt offen. Fünf Jahre war es ruhig um die britische Doom-Institution, und eigentlich erwartet man, dass die Live-Performance genauso zündend ist wie das aktuelle Album, aber es klingt heute steif und ist zu experimentell. Lange instrumentelle Passagen nutzt Frontmann Lee Dorrian außerdem noch, um immer wieder hinter dem Bühnen-Setting zu verschwinden.
Der Abend endet mit der Legende schlechthin: VENOM beeinflussen seit 1979 unzählige Bands und sind die Namensgeber der Musikrichtung Black Metal. Lange bevor Cronos auf die Bühne kommt, hallen die VENOM-Rufe durch die Werft; früher angereiste Bands, die unbedingt die Show sehen wollen, mischen sich unters Volk. Der Opener ist passenderweise ‚Black Metal‘. Danach folgen sämtliche Songs die im Titel das Wort „Hell“ enthalten und natürlich Hits wie ‚Warhead‘, ‚Bloodlust‘ und ‚In League With Satan‘. Heimlicher Star der Show ist Danny „Danté“ Needham, seit 2009 Schlagzeuger der Band. Es ist wie schwarze Magie mit Drumsticks: Permanent ist einer der Sticks in der Luft, in Rotation, hinter seinem Kopf. Und das Ganze in einem irren Tempo. Nach viel zu kurzen 100 Minuten haben die Engländer ihren Kultstatus in der Szene kräftig untermauert und hinterlassen einen super-positiven Nachgeschmack. Auf die nächsten 31 Jahre!
Der letzte Tag fängt sehr entspannt an, viele genießen mit einem Bier (je nach Sorte sechs bis zwölf Euro) den Sonnenuntergang an der direkt am Meer gelegenen Konzerthalle. Mittags hatte der Nachwuchs Gelegenheit für kleines Taschengeld SECRETS OF THE MOON, HELLISH OUTCAST und GRAVEDAL beim „Hits For Kids“-Club-Konzert zu sehen. Für die Großen gibt es mit OBLITERATION erst mal Nachwuchs-Norwegian Death Metal zum Aufwärmen. Dass die Jungs hauptsächlich von AUTOPSY beeinflusst sind, ist absolut hörbar, und prädestiniert sie geradezu, am selben Tag zu spielen. Könige des primitiven Death mit Punk-Einschlag sind NUNSLAUGHTER aus den USA. Ihr Auftritt ist aber normalerweise viel intensiverer Natur. Da wurde wohl gestern schon etwas viel gefeiert. Schade eigentlich, aber noch ist die Halle recht leer. Das liegt aber auch daran, dass der letzte Tag nicht ganz ausverkauft ist. Es findet nämlich heute auch das letzte Aha-Konzert statt, das laut Veranstalter mehr Leute zieht, als man bei diesen kontroversen Musikrichtungen vermuten mag. Thomas Gabriel Fischer aus der Schweiz, besser bekannt als Tom G. Warrior, ist mit TRIPTYKONangereist und zelebriert auf der stockfinsteren Bühne Musik, die der von Celtic Frost nicht ähnlicher sein könnte. Seine Setlist ist eine klasse Mischung aus alten Celtic Frost-Stücken und neuem TRIPTYKON-Material vom Album „Eparistera Daimones“, die ein andächtiges Publikum findet.
Alle Sinne sprechen die Schweden von WATAIN an. Optisch, da total blutig, olfaktorisch, da schwefliges Räucherwerk und geronnener Adersaft, und natürlich akustisch. „Sworn To Dark“ ist nicht nur der Titel eines ihrer Alben, sondern WATAIN machen es zu ihrem Lebensmotto. „Wir sind keine schüchternen Jungs, über die nicht gesprochen werden soll“, sagt Sänger Erik im Vorfeld seines Auftritts, und er spuckt während des Gigs Gift und Galle in das Mikrofon. Das Bühnen-Setting aus Pyros, Altar, Kerzen und Schädeln kreiert eine dermaßen düstere Atmosphäre, dass man sich eher als Zuschauer einer schwarzen Messe fühlt, denn als Besucher eines Metal-Konzerts. Und als die Teufelsanbetung auf höchstem Niveau zu Ende ist, verschwinden die Schweden wieder unter den Kapuzen ihrer schwarzen Jacken und Kutten und huschen im Schatten davon.
Die Samstagnacht kann wieder zur hautnahen Ahnenforschung in Sachen Death Metal genommen werden. Floridas urwüchsigster Death steht mit OBITUARY an. Die Gebrüder Tardy sind der Inbegriff für gnadenloses Drumkit-Geknüppel und unmenschliche, brutale Grunts. Es ist rappelvoll im Pit, die Luft steht und die Amis zocken einen Midtempo-Hit nach dem anderen, konsequent wie seit 20 Jahren. Scheiß auf eine Setlist, Hauptsache es knallt ordentlich bei halsbrecherischen Tempowechseln mit Schleudertrauma-Garantie. Wie praktisch, dass es dann erst mal eine Durchschnittsalter-gerechte Verschnaufpause von 60 Minuten gibt.
Seit September 2009 steht es fest: Eine von drei AUTOPSY-Reunion-Shows findet hier und heute statt. Chris Reifert an Schlagzeug und Mikro, Eric Cutler und Danny Coralles bearbeiten die E-Gitarre, und komplettiert wird AUTOPSY mit Bassist Dan Lilker von Brutal Truth. Dicht an dicht gedrängt saugen die Fans 120 Minuten lang jeden Ton in sich auf. Dabei haben 90 Prozent die Band noch nie in ihrem Leben live gesehen. Roh, dreckig, energiegeladen und verdammt massiv klingen AUTOPSY heute. Chris Reifert übernimmt dabei den bemerkenswertesten Teil. Es gelingt ihm zwar nicht immer, Gesang und Schlagzeug harmonisch in Einklang zu bringen. Dafür ist seine Herzblut-Performance quer durch AUTOPSYs Diskografie sehr überzeugend, auch wenn er leider fast nur im Dunkeln der Stage zu erahnen ist. Der Sound ist auf dem ganzen Festival durchweg spitze, der Lichttechniker scheint allerdings die ganze Zeit nicht viel davon zu halten, dass man die Bands auch sehen kann und nicht nur hören. Mehr Negatives gibt es aus dem teuren Norwegen nicht zu berichten; das Hole In The Sky ist eines der überzeugendsten und ehrlichsten Festivals der Welt. (KA)
2006 gründete TARJA ihr Projekt TARJA & HARUS: Vier Musiker, vier verschiedene musikalische Hintergründe und das gemeinsames Ziel, klassische Musik mit einem experimentellen Einschlag zu komponieren. Unterstützt wird die Finnin von Organist Kalevi Kiviniemi, Marzi Nyman an der Gitarre und Perkussionist Markku Krohn. Nun wurde ihr erstes Live-Album veröffentlicht. An der Sibelius-Akademie studierte Tarja Kirchenmusik, was sicher ein Grund dafür ist, dass 'Ave Maria`Op. 80', komponiert von Max Reger 1904, für das Konzert ausgesucht wurde und den klassischen Höhepunkt des Albums darstellt. Nicht so sehr die Stimme steht hier im Vordergrund, sondern eher Kiviniemi. Das Orgelspiel ist hervorragend. Da die CD im Dezember veröffentlicht wird, dürfen eine Fassung von `Jouluyö, Juhlayö` und `Variations Sur Un Noel`, ein instrumentaler Höhepunkt der Aufzeichnung, nicht fehlen. Die Stimme der Sängerin klingt immer gleich gut, aber auf Dauer auch nervig. Zu wenig Unterschiede gibt es zwischen ihren Musik-Projekten; nur große Fans dürften sich daran nicht stören und ihr mehr als zwei Songs fasziniert zuhören können. Ein zu experimentell geratenes Stück ist `Astral Bells`, und TARJA nervt einmal mehr mit `Walking in the Air` von Nightwish. Vielleicht ist es auch Zufall, dass der Veröffentlichungstermin mit dem von deren neuem Album zusammenfällt, aber wer glaubt schon an Zufälle in einem so harten Geschäft?