Keine Frage, man sollte ein gewisses Faible dafür haben, seinen Power Metal etwas klischeebelastet zu goutieren, um an diesem Abend seinen Spaß zu haben. Ist diese Voraussetzung allerdings erfüllt, ist man heute im Backstage Werk bestens aufgehoben und kann die Schulterpanzer von ORDEN OGAN sicher ebenso würdigen wie die von RHAPSODY aufgefahrene Schneekanone(!). Warum der gute Luca allerdings seine Freundin für eine Tanzperformance in ein Lichterkleid gesteckt hat, bleibt sein Geheimnis, beim unbedarften Zuschauer weckt das hauptsächlich Assoziationen an einen tanzenden Weihnachtsbaum.
Doch zurück auf Anfang, beziehungsweise zu VEXILLUM: Die italienischen Power/Folk-Metaller passen stilistisch natürlich hervorragend als Aufheizer, leider steckt die Legacy-Abordnung da noch im zähen Verkehr auf den Münchner Ringen. Rechtzeitig für die zweite Band ist die Halle erreicht. ORDEN OGAN ernten mit ihrem eingängigen Power/Heavy Metal weit mehr als nur Höflichkeitsapplaus. Songs wie 'The Things We Believe In', 'Easton Hope' oder 'We Are Pirates' heizen die Stimmung gewaltig an. Bei manch anderer Band wären die bereits erwähnten Outfits mit Schulterpanzer und Lederleibchen vermutlich „too much“, aber zu den mitsingkompatiblen Metal-Hymnen der deutschen Band passt dieses kleine Klischee-Tribut bestens.
FREEDOM CALL haben das Publikum vom ersten Song an im Griff. Es lässt sich nicht verleugnen, dass die Band permanent auf dem schmalen Grat zwischen zuckersüßem Kitsch und mitreißender Eingängigkeit balanciert. Da die Deutschen ihren melodischen Power Metal aber mit dermaßen viel ansteckender Spielfreude rüberbringen, kann man ihnen diesen Hang zu rockiger Bubblegum-Fröhlichkeit nicht wirklich übelnehmen – im Gegenteil, man kommt einfach nicht umhin, sich von der Stimmung anstecken zu lassen. Zwar wird Sänger Chris Bay sein Wunsch, ganz 'Rockstars'-like noch ein paar „Boobies“ zu sehen zu bekommen, nicht erfüllt, aber abgesehen davon frisst das Publikum der Nürnberger Band geschlossen aus der Hand. Bei 'Tears Of Babylon' hüpft beinahe der ganze Club mit, und auch bei den Mitsingspielchen bei 'Power & Glory' lassen die Fans FREEDOM CALL nicht im Regen stehen. Wie sich später noch zeigen soll, haben diese damit sogar den nun folgenden Headliner abgehängt, was die Zuschauereuphorie angeht. (DG)
Nach einer Umbaupause, in der man sich gepflegt ein Bier holen kann und dann wieder ohne Probleme bis direkt vor die Bühne gelangt, legen die erst einjährigen, neuen RHAPSODY mit dem Beinamen Turilli los. Das Intro kennt man ja bereits vom Album, der erste richtige Song ist 'Riding The Winds Of Eternity'. Bereits hier ist zu konstatieren, dass Alessandro Conti, der neue Sangeshero, seinen Vorgänger bei RHAPSODY um Längen übertrifft. Er meistert jede erdenkliche schwierige Passage und extreme Höhenlage mit Bravour und überzeugt als zweitwichtigster Mensch neben Turilli auf der Bühne vollends. Luca Turilli merkt man die Spielfreude deutlich an: Er fegt wie ein Derwisch über die Bretter und vergisst dabei keinesfalls das Gitarrenspielen. Seine Soli sind sicher ein Ansporn für viele junge Gitarristen im Publikum, sich zu Hause hinzusetzen und die alten Klassiker der Musikgeschichte rauf und runter zu dudeln. Da sich Gitarrist Dominique Leurquin bei einem Sägeunfall die linke Hand schwer verletzt hat und die Band sich keinen passenden Ersatz vorstellen konnte, kommt die zweite Gitarre vom Band. Dies gilt auch für den Großteil der Backing-Chöre. Das ist der Spontaneität etwas abträglich, wird aber durch die Güte der Songs wieder aufgewogen. Zu hören bekommt man unter anderem 'Clash Of The Titans', 'Demonheart', 'Excalibur' und 'The Ancient Forest Of Elves' von Lucas eigenen Projekten sowie Kracher von RHAPSODY (Of Fire) wie 'Dawn Of Victory'.
Im Gegensatz zu FREEDOM CALL, die hier ein Heimspiel haben, beschränkt sich die Interaktion mit dem Publikum auf kurze Ansagen der Songs und wenige witzige Gimmicks auf der Bühne. Allerdings gilt es hier ja auch weniger dem Bubblegum-Gott als dem des Cinematic-Metal zu huldigen. Zwischendurch bekommen sowohl Schlagzeuger als auch Bassist ihre Selbstdarstellungs-Parts, die sie recht ansprechend auszufüllen wissen. Besonders hervorzuheben ist das kurze, aber groovige Bass-Intermezzo. An dieser Stelle gehen ja im Normalfall die Getränkeverkäufe enorm in die Höhe. Hier bleibt aufgrund von Kürze und Würze jeder an seinem Platz und nimmt audiovisuell am gebotenen Geschehen teil.
Das Publikum zeigt sich nach der regulären Spielzeit dankbar und ruft die Band für mehrere Zugaben und somit fast zwei Stunden Spielzeit zurück auf die Bühne, wobei sicher viele Fans der ersten Stunde auf 'Warrior Of Ice' warten und den ersten Hit der Band auch geboten bekommen. So sind letztendlich der etwas seltsame Tanzauftritt der Ehefrau Turillis als wandelndes Lichtobjekt oder vorgezogener Weihnachtsbaum zu Klängen vom Band und das schlechte Bier am Ausschank die einzigen Wermutstropfen eines ansonsten gelungenen Konzertabends. (Vorst)
Text: DG & Vorst / Fotos: DG
Endlich wieder eine Konzert-Location in Mannheim, in der ein ordentliches Metal-Konzert stattfindet: Die Alte Seilerei in Mannheim ist ein perfekter Ort für lauschige Samstagabend-Konzerte. Der heutige beginnt mit HYRAX, einer Nachwuchs-Band aus Nürnberg. Nach den ersten zwei richtig schnellen Songs ist klar, dass hier keine 08/15-Schülerband die Gunst der Stunde nutzt, sondern eine richtig fett klingende junge Band am Start ist, deren Sänger zwar aussieht wie Richard Löwenherz in blond, aber eine geil tiefe Stimme wie Lukes Vater hat. Das Wohlwollen des Publikums ist HYRAX sicher. Bestimmt hört man von den Nürnbergern in Zukunft noch einiges. Schade nur, dass sie so schnell fertig waren.
DOWNSPIRIT hätten ruhig etwas ihrer Spielzeit abgeben können, denn so wirklich prall ist deren Auftritt nicht. Der Gitarrist (Cédric "Cede" Dupont, auch bekannt als Gitarrist der Schweizer Band Symphorce) und der Schlagzeuger geben wirklich alles gegeben und machen ordentlich Druck. Sänger Steffen Lauth unterstreicht jedoch mit seinen unnötigen Ansagen a la: „Bitte kauft unser Merch, es ist zwar völlig überteuert, aber wir brauchen das Geld wirklich“ genau das, was angesichts seiner lahmen Darbietung schon klar war: Bock hat er keinen, aber er wird halt dafür bezahlt. Mehr braucht man zu dem Gig nicht schreiben...
Bevor es für FREEDOM CALL auf Headliner-Tour mit Luca Turilli´s Rhapsody geht, feiern sie noch auf ein paar Headliner-Shows Happy Metal-Partys mit Fans. Gut gelaunt und mit einer riesen Stimmung unter den gefühlt 3.000 Anwesenden wird nun 17 lange Songs mitgesungen und -gefeiert. FREEDOM CALL ziehen mal wieder eine perfekte Live-Show ab, und es scheint den Rockstars völlig egal zu sein, wie viele Zuschauer bei ihren Shows anwesend sind: Hauptsache, es rockt wie die Sau. Chris Bay ist ein begnadeter Entertainer und Sänger, fast der letzte seiner Art im Happy Metal-Zirkus. Die Setlist ist geprägt von „Land Of The Crimson Dawn“, dem neuen FREEDOM CALL -lbum. Ein super Drum-Solo von Klaus Sperling rundet das Happy Metal-Erlebnis ab.
Setlist FREEDOM CALL:
We Are One
United Alliance
Hero on Video
Tears Of Babylon
Rockstars
Farewell
Drum Solo
Sun in the Dark
The Quest
Rockin' Radio
A Perfect Day
Warriors
Power & Glory
Land Of LightFreedom Call
Metal Invasion
Härtsfeldsee: 32°, Wassertemperatur: 25°, Bier: 3°. Optimale Bedingungen also bei Deutschlands familiärstem und freundlichstem Festival, das Jahr für Jahr in der Nähe von Dischingen (Kreis Heidenheim auf der schwäbischen Alb) von einem kleinen Verein veranstaltet wird, den wir Euch bereits in der Rubrik „Metal in der Provinz“ im Heft vorgestellt haben. Auch dieses Jahr zog es wieder große Acts wie BLIND GUARDIAN, SODOM, CHILDREN OF BODOM, RAGE und CALIBAN aufs Land. Am direkt angeschlossenen Badesee konnte man gemütlich am Sandstrand chillen oder eine Runde schwimmen gehen. Auf dem Festival-Gelände erwartete die Besucher ein fantastisches regionales Speisen- und Getränkeangebot zu günstigen Preisen. Ein Baguette mit einem halben Meter Feuerwurst, Tsatsiki und Kraut von der örtlichen Landmetzgerei kostete 3,50 Euro, dazu Antialk 0,4 für 1,50 Euro das Wasser und Softdrinks für 2 Euro. Bier war für 2,50 Euro zu haben. Das Personal - alles Vereinsmitglieder - war stets freundlich und gut gelaunt.
Auch auf der Bühne im Zelt lief alles stets glatt, und wenn man wie SODOM nicht gerade im Stau stand, war auch ein pünktlicher Showbeginn garantiert. Besonderes Highlight des Freitagabends waren FREEDOM CALL mit ihrem „Happy Metal“. Super gut gelaunt und musikalisch einwandfrei schafften sie es ganz locker, das Zelt zum Mitsingen zu bewegen. Hauptsächlich waren Stücke des Albums „Land Of The Crimson Dawn“ zu hören, aber natürlich fanden auch Klassiker wie `Freedom Call` ihren Platz in der überlangen Setlist. Fast 30 Minuten extra Spielzeit hatten sie der Verspätung von SODOM zu verdanken, die im Stau steckten und dann aus dem Bus direkt auf die Bühne stürmten, um gleich mit `In War And Pieces` loszulegen. An der Interaktion mit dem Publikum wurde dann entsprechend gespart, d.h. SODOM spielten eine Stunde nonstop und ohne größere Ansagen durch. BLIND GUARDIAN wirkten schon bei der Autogrammstunde etwas müde, und auch auf der Bühne wurde man das Gefühl nicht los, dass insbesondere Sänger Hansi Kürsch nicht ganz fit war. Stimmlich konnte man immer wieder kleine Patzer ausmachen, und auch an der Bewegungsfreude auf der Bühne mangelte es sichtlich. In den hinteren Reihen fiel das aber nicht weiter auf, und bei lautstarken Fanchören zu `Valhalla` oder `Quest For Tanelorn` war von der Band an sich auch gar nichts mehr zu hören. Die Stimmung ist immer großartig auf dem Festival, und man kann es bei Ticketpreisen um die 50 Euro nur jedem empfehlen, zum Härtseldsee zu pilgern.
Dem Cover nach liegt das Z7 in Pratteln – gerade erst von Watain zum Abriss freigegeben – als größte Open Air-Wiese der Schweiz direkt am Matterhorn. Aber das muss man natürlich ebenso wie die Späße der Bonus-DVD „A Perfect Day In The Life Of Freedom Call“ nicht so ernst nehmen. Schließlich walzen die Herren humortechnisch das platt, was die Helloween der frühen Kiske-Ära noch stehen gelassen haben. Mal ganz davon angesehen, dass sie deren deutschen Kinderlied-Speed Metal in eine poppigere, buntere Bonbonwelt geführt haben: Die „German Happy Metal Invasion“. Zumindest auf ihren ersten Alben haben die Männer um Sänger Chris Bay und Band-Mitbegründer Daniel Zimmermann eine dicht gepackte Palette herrlicher Ohrwürmer abgeliefert (hier mit dem Opener ‚We Are One’, ‚Warriors’ und ‚Freedom Call’ vertreten), bevor sich das wenig variierte Konzept mit der Zeit abnutzte und die ewig gleichen Fanfarenklänge schal wurden. Zimmermann konzentrierte sich letztlich auf sein Engagement bei Gamma Ray, so dass bei der 20 Song langen Clubschau Klaus Sperling (u.a. Ex-Primal Fear, Sinner, My Darkest Hate) in die Felle haut. Clubschau? Besser war es – gefilmt wurde im Dezember 2010, als FREEDOM CALL sich nach dem Support von Gamma Ray auf eigener Headliner-Tour befanden. Bay ist kein zweiter Kiske, er jauchzt und quietscht in den reichlichen hohen Passagen wie ein Seehundbaby, sorgt aber mit seiner eigentümlichen Stimmfärbung neben den fröhlichen Melodien im Familienpack für den Wiedererkennungswert der Band. Das Publikum frisst ihm aus der Hand – schon ‚United Alliance’ als zweiter Song bringt den ersten Singalong-Teil. Simple Einwürfe wie „Come on, gebt mir mehr“ mit Untertiteln zu versehen, passt wohl auch ins Humorkonzept. Vor der Synchron-Hüpfeinlage von ‚Tears Of Babylon’ lodern ein paar Flammensäulen, bei ‚Land Of Light’ setzt es Funkenregen. Schade, dass die Keyboard-Parts vom Band kommen – ein fünfter Musiker würde dem Auftreten der Band den Halbplayback-Charakter nehmen. Bays Piano-Einlage bei der letzten Zugabe, der Ballade ‚Hymn To The Brave’, kommt richtig gut – mehr davon! Geiles Konzert!
Das hat man davon, wenn man Edguy und Blind Guardian mag. Dann kommt der Chef und knallt einem das neue Machwerk von FREEDOM CALL auf den Schreibtisch. „Hier Schulz, machen se mal, das dürfte doch was für Sie sein.“ Begeisterung geht anders, aber vielleicht ist der fröhliche Melodic Metal auf „Land Of The Crimson Dawn“ ja gar nicht so übel. So zumindest die vage Hoffnung. Von wegen. Man nehme die klischeehaftesten und cheesigsten Songs von Hammerfall und Gamma Ray und potenziere diese um den Faktor drei – nur um mal eine Vorstellung davon zu geben, was einen hier erwartet. Mit dem speedigen Opener ´Age Of The Phoenix´ geht es zwar noch erträglich los, doch schon in diesen ersten drei Minuten werden Kitsch und Pathos in den Chören heftig strapaziert. Schlimm wird es danach mit ´Rockstars´, das mit folgenden Zeilen im Refrain glänzt: „Here come the rockstars, the nightcrawlers, loaded with steel, the riders, the fighters, the renegades on wheels“. Da geht es wohl um das allseits beliebte „Guitar Hero“-Spiel, nichtsdestotrotz ist man angesichts solcher Zeilen ziemlich peinlich berührt, zumal der Refrain so penetrant eingängig ist, dass man ihn so schnell nicht aus dem Kopf bekommt. Unangenehm. Richtig fies wird es dann im Quasi-Titeltrack ´Crimson Dawn´. Klebriger Streicher-Bombast und ein Refrain, mit dem man auch das Publikum von Florian Silbereisen zum Mitschunkeln bringt, dazu ein gewollt-aber-nicht-gekonnt-Düsterpart – nach drei Songs ist man schon völlig fertig mit den Nerven. Und das Grauen nimmt kein Ende: „Worria, oh worria, häwwi mättäl worria“ wird in ´66 Warriors´ skandiert, und die Ethno-Sounds im Song erregen vor allem Mitleid. Mit Synthie-Fanfaren geht es fröhlich ´Back Into The Land Of Light´, während man bei ´Sun In The Dark´ gezeigt bekommt, wie schön „tears“ und „fears“ sich reimen. Der etwas ernsthaftere, in den Strophen swingende Song mit seinen tiefen Gitarren ist ansonsten ganz erträglich – trotz der „uh – ah“-Shouts. Danach animiert der ekelhafte Pop Rock in ´Hero On Video´ zum debilen Mitklatschen, bevor es „high over the rainbow“ flott ins ´Valley Of Kingdom´ geht, wo man den bestimmten Artikel im Titel vermisst. Die irisch anmutende Geige in ´Killer Gear´ wirkt ein bisschen deplatziert, der Song hat aber ein paar nette Melodien zu bieten und dreht sich um die bösen virtuellen Welten von Spielen wie „World Of Warcraft“. Ganz schlimm ergeht es dem geplagten Hörer dann beim ´Rockin‘ Radio´, bei dem FREEDOM CALL wie Status Quo auf dem Deppen-Metal-Trip klingen, eine fiktive (?) Metal-Radioshow besingen und sich für Zeilen wie „We don’t play rap and hip hop, we play rock’n’roll“ und „We don’t play rap and techno, but rock’n’roll and metal“ nicht zu schade sind. Völlig resigniert stellt man dann fest, dass von den letzten vier Songs drei gar nicht mal so übel sind, bevor das abschließende ´Power & Glory´ mit Dudelsäcken zur „happy metal party“ einlädt – und man hofft, dass man keine bleibenden Schäden vom Hören dieser Platte davon getragen hat. Abgesehen vom mitunter grauenvollen Songwriting, bleibt festzuhalten, dass „Land Of The Crimson Dawn“ nicht sonderlich gut produziert ist. Der Sound ist allgemein dünn, drucklos und höhenlastig, die Drums klingen ziemlich pappig. Die Tatsache, dass die eine oder andere Melodie ganz ordentlich ist und man es ansatzweise mit Metal zu tun hat, reichen für knappe sechs Punkte. Trotzdem bleibt die Frage offen, ob Tony Iommi es bereuen würde, den Metal erfunden zu haben, wenn er damals geahnt hätte, was manch ein Musiker heutzutage daraus macht.