MUSTASCH
An Old Bunch Of Motherfuckers
“Natürlich bin ich nicht vollkommen zufrieden, das war nicht einmal
John Lennon mit „Sgt. Pepper“. Da gibt es schon so ein paar Sachen,
die ich wahrscheinlich anders gemacht hätte, wenn wir etwas mehr Zeit gehabt
hätten.“ Soviel zur kurz angebundenen Einschätzung von Mastermind
Ralf Gyllenhammar zur neuen, selbstbetitelten MUSTASCH-Langrille.
Trotzdem muss sich weder der Schöpfer noch das Resultat in die Welt der
Konjunktive flüchten, denn mit dem fünften Album haben die Schweden
einen saustarken Nachfolger zu „Latest Version Of The Truth“ aufgelegt
und das, obwohl zwei der vier Musiker andere Gesichter haben. Weshalb man dann
das Album ausgerechner „Mustasch“ getauft hat, hat trotzdem irgendwie
logische Gründe. „Als Hannes die Band verlassen hat, haben wir auch
denjenigen verloren, der immer mit unseren Albumtiteln ankam. Wir haben dieses
Mal lange diskutiert, ob wir das Album nicht einfach nach einem der Songs darauf
benennen sollen, aber wir konnten uns irgendwie für keinen entscheiden.
Also haben wir das Album einfach nach uns selbst benannt, nicht zuletzt auch
deswegen, weil wir damit demonstrieren wollen, dass wir noch immer dieselbe
Band sind, auch wenn zwei Mitglieder nicht mehr mit dabei sind.“ Bei den
beiden Musikern, die MUSTASCH im Sommer 2008 bzw. Frühjahr 2009 verlassen
haben, handelt es sich um die Gründungsmitglieder Hannes und Mats Hansson.
„Sie waren beide total ausgebrannt von dem vielen Touren. Und bei unserem
Schlagzeuger kam noch hinzu, dass er langsam ernsthafte gesundheitliche Probleme
mit seinen Armen bekam, nachdem er beinahe ein Vierteljahrhundert sein Drumkit
verdroschen hat. Wie du siehst: We are an old bunch of motherf***ers!”
Die neuen Leute sind Gitarrist David Johannesson und Danne McKenzie hinter den
Kesseln. Für die Band ist letzterer ein alter Bekannter, der schon vor
seinem offiziellen Einstieg ein paar Mal für den insbesondere aufgrund
seiner chronischen Muskelfaserrisse ausgestiegenen Mats nun den Posten eingenommen
hat. Und obwohl mit Hannes und Mats gleich die Hälfte der Gründungsmannschaft
das Schiff verlassen hat, hat Ralf niemals daran gedacht, die Segel komplett
zu streichen. „Keine Chance, zur Hölle nein. Wir machen weiter, bis
wir sterben!“ Trotzdem hat insbesondere der Abgang von Hannes für
eine gewisse bleibende Frustration bei dem Kapitän gesorgt. „Ich
war schon ziemlich geschockt von seiner Entscheidung. Wir standen gerade kurz
vor unserer Konzertreise in die Staaten, als ich ihn zur Rede stellte, weil
ich schon merkte, dass bei ihm die Luft raus war. Ich habe ihm gesagt, dass
er sich verdammt noch mal glücklich schätzen soll, diese Chance zu
bekommen. Und er solle sie mit entsprechender Demut nutzen. Ich meine, wir hatten
endlich die Möglichkeit, aus dem Stadium einer Hobby-Band herauszutreten
und richtig groß zu werden. Doch er hat sich für ein anderes Leben
entschieden.“
In dem Opener ´Heresy / Blasphemy´ singt der charismatische Fronter
über die Ankunft der apokalyptischen Reiter. Ein Tribut an die gemeinsame
Tour mit den Thüringern oder doch eher eine Selbstcharakterisierung? „Hmmm…
Das war die Tour, auf der sich unser Drummer dazu entschied, die Band zu verlassen.
Die Reiter waren dafür natürlich nicht der ausschlaggebende Grund,
sondern sein eigener Kopf. Ich persönlich hätte die Tour auch noch
weitere fünf Wochen durchziehen können. Um auf den Song zurückzukommen;
darin geht es um meine Meinung zur Kirche als Institution. Hauptsächlich
spezifiziert auf die Priester…“ Seine Meinung zu zerbrochenen Beziehungen
wurde in Form von dem speziellen Herzschmerz-Doppel ´I´m frustrated´
und ´Lonely´ vertont, die für Ralf auf jede MUSTASCH-Platte
gehören. „Wir haben doch alle unsere tragischen Beziehungskisten
hinter uns. Ich thematisiere das halt auch in meiner Musik.“ Wesentlich
enthusiastischer kommt da schon ´The Audience Is Listening´, in
dem es um das Privileg eines Musikers geht, der es geschafft hat, seinen Traum
leben zu können. Diesen (Höhe-)Punkt sieht der Fronter als vor zwei
Jahren erreicht an, „als wir den Swedish Grammy Award für den besten
Hard Rock Act 2007 überreicht bekamen.“
Zu den weiteren Highlights in der Karriere von MUSTASCH gehören für
den Bandchef insbesondere die Ereignisse jüngerer Vergangenheit. „Für
das letzte Album haben wir jede Menge coole Gigs absolviert, wir waren auf einigen
Festivals in den Staaten und hatten Shows in ganz Europa, konnten somit sehr
viele Länder kennen lernen. Das waren für mich persönlich die
magischsten Momente in unserer Bandkarriere. Wir wollen außerdem noch
ultraerfolgreich in Deutschland werden!! Ihr habt fantastisches Essen und tolle
Straßen (? – Anm. d. Verf.). Deutschland ist sicherlich das beste
Land der Welt, um zu touren.“ Zu den favorisierten Songs auf dem neuen
Album gehören für Ralf zwei bereits erwähnte Titel, der Opener
´Heresy / Blasphemy´ sowie ´I´m Frustrated´. „Das
sind meine beiden besten Kompositionen auf dem Album. Sie zeigen, wie ich bin.
Auf der einen Seite aufbrausend und in Rage oder vollkommen cool und entspannt.
Dazwischen gibt’s nichts.“ Und wenn Ralf Gyllenhammar das sagt,
dann bezieht sich das nicht nur auf den Sänger der Band MUSTASCH, sondern
auch auf seine private Persönlichkeit. „Ich bin ehrlich gesagt nicht
sonderlich kompromissbereit. Ich mag keine halben Sachen. Entweder liebe ich
etwas, oder ich hasse es. Entweder bin ich bis zur Oberkante besoffen oder nüchtern,
ich kann nicht drei oder vier Bier trinken und dann aufhören. Ich zieh
dass dann lieber noch drei, vier weitere Tage lange ohne Schlaf so durch!“
Harald Deschler
www.mustasch.net
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