SKITLIV
Zähe Ästhetik
Mit „Skandinavisk Misantropi“ veröffentlichen SKITLIV (übersetzt:
Scheißleben) einen derart zähen fiesen Doom Black Metal-Brocken, dass
selbst Genre-Fans erst mal schwer schlucken werden. Doch warmhören lohnt
sich, denn auf Dauer entfaltet das Material seinen ganzen Charme aus Daseinsüberdruss,
Ablehnung gegenüber allem und jedem und der nötigen Prise Wahnsinn.
SKITLIV haben also nicht nur dafür Aufmerksamkeit verdient, dass mit Niklas
Kvarforth und Maniac zwei der kontroversesten Persönlichkeiten der (Suicidal)
Black Metal-Szene hier die Strippen ziehen.
Letzter darf gleich zum Einstieg erzählen, wieso das Full-Length-Debüt
bis heute auf sich warten ließ, obwohl die Band bereits 2005 gegründet
wurde. „Es war schwierig, die richtigen Leute für die Band zu finden“,
führt Maniac aus. „Außerdem war es ein schwieriger Prozess,
diese Songs in einer Weise, die ich angemessen finde und wie sie eben in meinem
Kopf klingen, aus meinem System zu bekommen. Es war eine lange, inspirierende,
aber auch sehr harte Periode.“ Von der Maniac selbst wohl nicht gedacht
hätte, dass sie mal zu einem Abschluss kommt, schließlich hatte er
2004 nach seinem Ausstieg bei Mayhem noch verkündet, dass er niemals wieder
Black Metal machen wolle. „Nach Mayhem wollte ich überhaupt keine
Musik mehr machen. Ich habe ungefähr ein Jahr lang kaum Musik gehört,
geschweige denn welche geschrieben. Dann begann ich langsam, wieder einige Riffs
und Lyrics zu schreiben, anfangs nur für mich selbst. Ich habe verschiedenes
Zeug aufgenommen, und je mehr ich schrieb, desto mehr erkannte ich, dass ich
andere brauchte, um mit ihnen zusammenzuarbeiten. Ich glaube, dass Musik und
Schreiben der beste Weg sind, meinen Kopf klar zu bekommen, und somit war es
einfach das, was ich tun musste.“
Wobei „Kopf klar bekommen“ vielleicht nicht die richtige Formulierung
ist, schließlich gab Maniac in einem Interview in einem anderen Magazin
zu Protokoll, dass er und Niklas während des Songwriting-Prozesses permanent
unter Drogen standen. „Das muss ein falsches Zitat oder so sein. Ich habe
die meisten wichtigen Riffs entweder nüchtern oder unter dem Einfluss der
einzigen Droge geschrieben, die ich schätze: Ich nahm eine Menge Amphetamine.
Aber nicht wegen des Kicks, den es dir verschafft, sondern wegen der Art, auf
die Dein Hirn zu arbeiten beginnt, wenn Du eine Woche nicht geschlafen hast.
Ich würde keine Droge empfehlen.“ Aber natürlich nicht... Ansonsten
fungiert für den ehemaligen Mayhem-Frontmann vor allem eines als Inspiration.
„Mein eigenes Leben. Und das Leben mit anderen. Ich finde das sehr schwierig.
Es ist ein sehr persönliches Album.“ Dennoch ist es nicht alleine
auf Maniacs Mist gewachsen. „Ich habe die meisten wichtigen Riffs geschrieben,
Kvarforth und Ingvar haben beigetragen, indem sie sie erweitert und eigene Ideen
hinzugefügt haben. Natürlich habe ich selbst alle Lyrics geschrieben.
Letzten Endes hatte ich das letzte Wort, aber wir sind sicherlich eine Band.
Kvarforth hat die Musik für 'Towards The Shores Of Loss' geschrieben, und
Tibet (David Tibet von Current 93 – Anm d. Verf.) hat für das Stück
die Lyrics beigesteuert.“
Die gesteigerte Aufmerksamkeit, die seine Band dadurch erfährt, dass nicht
wenige Extrem-Metal-Fans schon in Hab-Acht-Stellung gehen, wenn sie nur den
Namen eines der beteiligten Protagonisten lesen, beurteilt Maniac jedoch nicht
nur positiv. „Es nervt, wenn das ganze skandalöse Zeug alles ist,
was die Leute interessiert. Dies ist ein sehr wichtiges Album für mich
und auch für Kvarforth. Wie ich sagte: Wir sind eine Band. Wir haben inzwischen
ein konstantes Line-Up.“ Und das lässt sich vom Black Metal-Korsett
nicht mehr einschnüren – was einen Song abgründig gestaltet,
kommt rein, egal ob es den Sittenwächtern passt. Doch Maniac sieht sich
ohnehin nicht mehr als Mitglied der Szene. „Eigentlich nicht. Ich mache
Musik. Es ist schwierig für mich, über die heutige Black-Metal-Szene
zu sprechen, da ich eigentlich kein Teil mehr davon bin. Ich liebe einige der
Bands, die es noch gibt, und es gibt auch einige gute neue Bands. Aber es ist
alles sehr groß geworden, und viele unterschiedliche Pfade wurden eingeschlagen.
Ich denke, es ist gut, wenn Bands dazu stehen, was sie tun, statt einfach nur
auf einen Zug aufzuspringen.“
Es steht außer Frage, dass SKITLIV selbst sich von Hörererwartungen
nicht beeinflussen ließen – „Skandinavisk Misantropi“
ist ein Album, das nicht sofort zündet, sondern erst erarbeitet werden
muss. „Da stimme ich dir zu. Meine Absicht war, meine damaligen Gefühle
und Emotionen zu Musik zu verarbeiten, und ich glaube, dass uns das gelungen
ist. Aber es kann schon sein, dass es ein schwieriges Album ist.“ Besonders
das zweiteilige 'Towards The Sea Of Loss/Vulture Face Cain' (siehe Review in
Ausgabe 63) sticht mit seinem vertonten Wahnsinn und seiner verstörenden
Stilkombination heraus. „Für diesen Song hat Kvarforth den Großteil
der Musik bei mir zu Hause geschrieben. Ich hatte ziemlich klare Vorstellungen
davon, wie der Song klingen sollte, also war es eine recht offensichtliche Wahl,
David zu fragen, ob er den Gesangspart am Anfang übernehmen würde.
Der Track ist auf verschiedene Arten verstörend. Ich bin sowohl mit den
Texten als auch dem fertigen Song an sich sehr zufrieden.“
Extreme Live-Performance scheinen schon fast vorprogrammiert – wenn man
sich die Clips von Kvarforth und Maniac zusammen auf der Bühne z.B. bei
YouTube ansieht, hat man ohnehin den Eindruck, dass sie sich gegenseitig noch
weiter hochschaukeln. „In der Anfangszeit war es vielleicht so. Aber heute
ist es anders. Wir sind heute kontrollierter, wir wissen, wo wir hingehören.
Es gibt immer Grenzen. Natürlich gibt es Dinge, die ich niemals auf der
Bühne tun würde – oder grundsätzlich. Und Schockwirkung
ist nicht so wichtig, ich schätze Improvisationen.“ Und die will
Maniac auch auf deutsche Bühnen bringen. „Wir hoffen, auf Tour gehen
zu können, sobald wir alle nicht mehr mit anderen Dingen beschäftigt
sind. Ich vermisse es, live zu spielen, und hoffe, dass wir nächstes Jahr
in Europa touren können. Ich brauche das.“
Diana Glöckner
www.myspace.com/skitliv777
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Ausgabe 68
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