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ÁSMEGIN

Vom Unterschied zwischen Glauben und Hoffnung

ÁSMEGIN gehören dank ihres letzten Albums „Arv” zu mehr als nur den Bands der Stunde. In Erik F. Rasmussen, ihrem Drummer und Vocalisten, offenbarte sich schon in Legacy #56 ein Musiker, der auch zu tiefschürfenden Antworten fähig ist. Logisch, dass ich ihn noch einmal befragen wollte. Sowohl zur Band selbst als auch in Fortsetzung des letzten Interviews.

Über die Genese von ÁSMEGIN hast du schon ein paar Worte verloren. Was ausgespart blieb, war die Frage, wieso zum Beispiel Lazare (Solefald) sich dazu entschloss, die Band zu verlassen?
Ich weiß alles über die Konflikte, die es innerhalb der Band gab, aber Ihr müsst respektieren, dass dies private Dinge sind. Generell kann ich so viel verraten: Lazare stieß zur Band, als alles wunderbar funktionierte, die Chemie stimmte. Nach einer Weile stauten sich ein paar Dinge auf, und das Fass lief über. Es wurden Sachen gesagt und getan, die ich unprofessionell und irrational nennen muss; so ist das immer, wenn Freunde auf Freunde losgehen. Lazare wollte deshalb aus der Band, er wollte keine Partei ergreifen oder in diese Grabenkämpfe hineingezogen werden. Ich halte das für eine kluge Entscheidung, wo immer man sie treffen kann, und er hatte immer genug Abstand, sie treffen zu können.

Wie hat sich dein Schritt von Snakes In Southern Flames zum Pagan Metal, von den „southern flames“ ins „nordic twilight“ vollzogen?
Nun, ich denke, der einzige Grund, aus dem ich als das Bandmitglied ohne Metal-Background erscheine, liegt darin, dass ich dir nur die Band genannt habe, in der ich sonst auch trommle. Ich bin aber auch Stimme zweier Death Metal-Projekte namens Deject und Abominant. Zwischen dem brutalen, rohen Sound von Death Metal und den komplizierten, emotionalen Klanglandschaften von Folk Metal liegen immer noch Welten. Trotzdem fühlt sich dieser Schritt für mich sehr natürlich an.

Du beschriebst, wie Napalm Records euch in den Arsch traten, weil ihr euch wie faules Pack verhieltet. Wie sehr überraschen dich die Reaktionen auf „Arv“ nun?
Das Feedback zum Album ist extrem kontrovers. Auf jeden Fall ist das Echo bis jetzt so ausgefallen, wie wir es nicht ansatzweise erwartet haben. Meiner Vorstellung nach hätten wir uns überall mit der halben Punktzahl zufrieden gegeben. Was wir bekommen haben, reicht von 1/10 bis 14/15 (danke für die Erwähnung – Anm. d. Verf.), und wir sind ziemlich neugierig auf den ganzen Rest, der noch aussteht. Nebenbei muss ich aber noch mal darauf hinweisen: Wir arbeiten schon am Material für zukünftige Alben und hoffen, dass keiner von Euch sich zu sehr in unseren aktuellen Sound oder den Sound des Debütalbums verliebt. Die Dinge werden sich definitiv verändern.

Was bleibt, ist der aktuelle Hype um Heathen Metal. Wir haben hier unsere zweite Spezialausgabe zu diesem Thema, ich denke, ich kann das so sagen. Fühlt ihr euch als Teil von so etwas? Und wie wird diese Hörerszene in zehn Jahren aussehen?
Ich bin kein Wahrsager, was weiß ich, wohin es die Szene treibt? Meine Annahme ist, dass die Leute sehr schnell müde werden und dann für eine Weile nichts mehr davon hören wollen. Nach einer Weile kommt das Genre wieder stärker als zuvor an die Oberfläche. Dabei hoffe ich, dass Metal sich einen ähnlichen Grad unterschiedlicher Varietäten bewahrt. Was den ersten Teil deiner Frage angeht, muss ich sagen, dass wir uns zu keiner Szene zugehörig fühlen. Es ist gerechtfertigt, von einem Trend zu sprechen, es gibt eine Menge großer Bands, die gerade Pagan- und Folk Metal spielen. Aber wir sind keine davon. Gegenfrage: wie kann ein Metaller denn noch „uniformer“ sein, denn als „Non-Uniformist“?

Du hast in unserem letzten Gespräch religiöse Philosophie erwähnt. Hebst du dabei auf ethische Standards ab, die heute vom Christentum beeinflusst sind? Jedenfalls behauptet die Kirche das von sich, oder? Menschen können nur unter christlicher Moral koexistieren.
Die meisten Christen beanspruchen die höchste Moral, darin unterscheiden sie sich nicht von anderen Religionen. Die am meisten strapazierte Ethik christlicher Schule, so wie ich sie verstehe, beginnt mit „Behandle deinen Nächsten…“. Wird das nicht die „goldene Regel“ genannt? Aber diesem Glaubensbekenntnis folgen nicht nur die Christen, in den meisten Religionen gibt es etwas ähnliches - auch in der Nordischen Mythologie. Ich sehe in christlicher Moral keinen Vorwand für Menschen, friedlich zusammenzuleben, die Annahme ist bestenfalls unreflektiert. Es gibt eine Menge starker Argumente, die ich dazu aufgreifen kann, ein gutes Beispiel ist die Tatsache, dass es funktionierende Gesellschaften vor dem Christentum gab. Außerdem musst du darüber nachdenken, wie oft in Konflikten die dogmatische Rhetorik großer Religionen erst dazu beiträgt, dass es zu Aufständen und Krieg kommt. Dogmatische Rhetorik einer Religion ist immer der Kontrast zur Philosophie, in der das Gewicht eines Arguments zählt.
Davon abgesehen, ist es für Leute wie dich und mich schwer, Werte zu verstehen, die komplett neben der christlichen Spur liegen, weil deren Gift und Galle so integraler Teil der Welt geworden ist. Trotzdem ist es dieses Bestreben, was dich in eine observierende Rolle bringt und dir ein höheres Verständnis von der Funktion unserer verschiedenen Wertesysteme gibt. Es hilft dir, verborgene Mechanismen der Unterdrückung in einer Kultur zu entdecken. Diese Perspektive verleiht dir zum Schluss ein fruchtbareres Verständnis alter Kulturen, sie lässt sich nicht mehr vom glitzernden Spektakel der heutigen Welt vernebeln.

Gibt es etwas anderes als Ritual und Aberglauben, auf dessen Basis Religion begründbar ist? Und trotzdem: Was ist daran falsch? Dein ganzes Leben macht nur Sinn, weil es sich auf Vorurteile gründet. Sobald du irreligiös bist, brauchst du eine andere subjektive Wahrheit, an die du glauben kannst.
Das Konzept einer Religion ist sehr kompliziert. Jede Religion basiert auf Ritual und Aberglauben, natürlich. Trotzdem hängt sie von einer endlosen Zahl von Parametern ab. Für mich ist das wirkliche Problem mit den verschiedenen Religionen dogmatische Rhetorik. Wenn Menschen anfangen, Hoffnungen und Träume mit Wissen zu verwechseln. Ich glaube, die romantische Idee eines Weiterlebens oder einer Seele hat sehr unterwerfende Wirkung. Es ist sehr menschlich, glaube ich, den Verstand umher wandern zu lassen, zu hoffen und zu träumen. Ich finde dies ein wunderschönes Merkmal des Menschen, eins von wenigen. Aber es muss in jedem von uns auch die Vorsicht geben, Hoffnung und Wahrheit nicht zu verwechseln. Das Konzept des Glaubens ist in meinen Augen ein kopfverdrehendes Element der Religion, eines, welches für zukünftige Generationen dringend aufgeklärt werden muss. Nur das Wort „Glauben“ transzendiert die Lücke zwischen Hoffnung und Annahme. Das sollte es wirklich nicht. Dann gibt es diese Bewegung von der Idee, dass etwas Erhofftes wirklich wahr ist oder es für Wirklichkeit zu halten. Das halte ich für Gift, für die größte Täuschung menschlichen Zusammenlebens, und für das Motiv von Vorverurteilung, Tötung und Krieg. Fürs Protokoll, die einzige für mich akzeptable philosophische Position gegenüber der Religion ist die des Agnostizismus. Atheisten gehen in die gleiche, falsche Richtung wie religiöse Mitmenschen, sie sprechen ohne Wissen. Ein Agnostiker nimmt zur Kenntnis, dass er ohne Wissen ist. Erst das erlaubt ihm, der Romantik des Hoffens, von der ich sprach, unverdorben nachzugehen. So süß…

Zu den Parallelen zwischen Politik und Religion. Ist die Ära der „-ismen“ nicht vorüber? Wir leben zwar immer noch im Kapitalismus, und Kuba verharrt im Sozialismus, und wir haben ein zunehmendes Problem mit Islamismus. Aber Philosophen, Historiker und Journalisten sind sich wieder weitgehend einig, dass keiner dieser „-ismen“ obsiegen wird und damit das Ende der Geschichte markiert. Worin ein sehr großer Unterschied zum Wesen der Religion liegt.
Die Entwicklung dieser „-ismen“ ist nicht gleichbedeutend mit ihrem Ende. Genau wie die vielen Viren und Bakterien ist Religion fähig, neue Hybriden zu gebären, oft in Mutation mit politischen „-ismen“. Immunität dagegen bleibt ein ständiger Kampf, aber auch ein Kampf, den es sich zu kämpfen lohnt.

Johannes Paul Köhler

www.asmegin.com

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