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ORPHANED LAND

Gelobtes Land, verwaistes Land

 

ORPHANED LAND nehmen in diesem Heft den Exotenbonus ein. In ihrem lyrischen Konzept tauchen keine slawischen, keltischen oder nordischen Berserker mit vollen Methörnern auf. Dafür setzt die israelische Band mit ihren folkoristischen Anleihen im arabischen und nahöstlichen Kulturraum seit Jahren künstlerische Maßstäbe. Darüber hinaus gelang es ihrem Sänger Kobi Farhi spielend, mir mit seinen ausführlichen Antworten einen tristen Herbsttag zu erhellen.

Das erste Stück auf „El Norra Alila“ heißt ‚Find Yourself, Discover God’. Eine religiöse Band seid ihr nicht - aber steckt hinter dem Titel eventuell mehr als ein Ausdruck des Strebens nach Frieden in deinem Heimatland?
Das kannst du definitiv so sagen. Es stimmt auch, dass wir keine religiöse Band sind, wir versuchen die Grenzen so weit zu erweitern, wie es Musik zulässt. Metal ist nur unser Ausgangspunkt, von dem aus wir auf eine weltweite Reise gehen. Ein Israeli, ein Jude in Israel zu sein, nach der so komplexen Geschichte meines Volkes und meiner Nation, ist doch interessant. Die Juden sind aus so vielen Ländern nach Israel gekommen, nachdem es gegründet wurde, sodass es sehr reizvoll für uns ist, Elemente afrikanischer, europäischer und arabischer Kultur zu kombinieren. Unsere Geschichte ist so komplex verwoben mit Tötungen, Blutvergießen und Kriegen, dass man sagen kann: Die Juden hatten nie einen Moment der Ruhe. Deshalb soll es wenigstens unser Ziel sein, das Licht, das Positive in allem zu sehen. Auch wenn wir Metal spielen, versuchen wir immer eine positive Message zu vermitteln. Wir sind umgeben von Negativität, der wir uns künstlerisch nicht auch noch widmen wollen.

Wie wichtig ist dir Religion?
Sogar in der Tora steht, dass es wichtiger ist, ein moralischer Mensch als religiös zu sein. Wenn es um die Geschichte geht, dann muss ich sagen, dass Religion für mich sehr wichtig ist, denn da ist die Religion eng mit der Geschichte meiner Nation verbunden. Juden haben es geschafft, sich ihre religiöse Tradition über die Jahrtausende zu bewahren, trotz aller Schwierigkeiten. Das ist etwas, was ich sehr wertschätze. Ich denke, auf diese Weise werde auch ich ein Quantum Religion als „jewish way of life“ bewahren und leben, wenn ich heirate zum Beispiel. Es heißt für mich auch, meinem Gegenüber immer offen und auf Augenhöhe zu begegnen. Wenn ich von ihm lernen kann, fremde Kulturen kennen lerne und verstehen lerne, dann sehe ich mich als reichen Mann. Ich respektiere definitiv meinen jüdischen Ursprung, aber gerade deshalb bin ich offen für andere Kulturen.

Ist es für dich ein Ziel oder ein frommer Wunsch, dass in Israel mehr als zwei oder drei Glaubensrichtungen friedlich zusammenleben?
Die Leute können sagen, dass das eine Art Utopie bleibt. Ich glaube, nein, ich muss daran glauben, wenn ich eines Tages Kinder in die Welt setzen will, dass es Menschen möglich ist, friedvoll zusammenzuleben, zusammen kreativ zu sein. Der Krieg zwischen den Religionen ist in meinen Augen ein reines Missverständnis, denn er begann erst, als die Menschen sich anschickten, im Namen Gottes zu sprechen und seine Macht einer weltlichen Autorität oder politischen Partei übertrugen. Dieser Krieg ist kein Fehler der Religion, sondern ein Fehler von Politikern. Wenn der Tag zu Ende ist, geht es doch jedem Menschen nur darum, sein Leben leben zu dürfen, Freunde zu haben und vielleicht etwas Spaß. Ich bin leider nur ein Musiker. Deshalb ist es meine Mission, diesen Gedanken durch meine Musik zu vermitteln.

Wenn du dir anschaust, was am meisten gegen Religion spricht, dann ist es nicht die Tatsache, dass Gott in Konflikten und Kriegen irgendwann auf beiden Seiten steht, sondern die Tatsache, dass sich Religion als unvereinbar mit Entwicklung und Evolution gezeigt hat.
Das denke ich nicht; das Problem der Religion ist der Extremismus. Extremisten sind blind, sie wollen nicht zuhören und sich nicht austauschen. Ich habe Muslime, Juden und Christen erlebt, die zuhören können und ein offenes Herz haben. Sie können akzeptieren, was immer du bist, auch wenn es sich von ihrem Standpunkt unterscheidet. Sie können sogar mit dir sympathisieren, indem sie sagen: Ich beneide dich ein wenig, aber dies ist nicht mein Weg. Diese Leute sind es, die ich respektiere.
Weißt du übrigens, dass ORPHANED LAND eine Menge Hörer in arabischen Staaten haben?

Ich dachte es mir schon.
Wir bekommen einen Haufen E-Mails aus Syrien, Ägypten, Jordanien, Marokko, Saudi-Arabien und so weiter. Unsere Fans dort sind sehr gut in der Lage, den Fakt, dass sie Moslems und wir Juden sind, beiseite zu lassen, sie verstehen, dass es da nur um politische Scheiße geht. Wir finden es umwerfend, dass unsere Musik dazu beiträgt, Freundschaften zwischen Arabern und Israelis entstehen zu lassen. Wir haben zwar wenigstens Friedensverträge mit Jordanien und Ägypten, aber das heißt nicht, dass Ägypter und Jordanier generell Israelis mögen, beileibe nicht.

Nun ist es so, dass der Pagan Metal, so wie wir in hier hören, sehr oft nordisch-patriotisch eingefärbt ist. Müsstet ihr in Israel euch von so etwas nicht eher bedroht fühlen? Oder hörst du dir das gern an?
Ich muss es noch einmal sagen: Wir sind hier interessiert an jeder Art kulturellen Austauschs. Deshalb mag ich natürlich skandinavischen Metal. Dazu kommt, dass Heidentum nichts ist, was du in Israel auf irgendeiner Agenda findest. Deshalb schätze ich die Auseinandersetzung damit noch einmal mehr. Es spricht ja auch etwas darüber aus der Musik, wie sich andere Kulturen in ihrer spezifischen Umgebung entwickelt haben. Wie gesagt, für mich ist das einfach nur faszinierend, gerade als Angehöriger eines Volkes, welches über die ganze Welt verstreut wurde. Stell dir vor, das deutsche Volk würde aus Deutschland ins Exil getrieben und für 2.000 Jahre würden Deutsche in Marokko, im Jemen, in Polen und vielleicht auch in Israel leben. Und dann stell dir vor, dass 2.000 Jahre später alle wieder zurück nach Deutschland können. Das bringt dir gleichzeitig einen Teil Marokko nach Deutschland, einen Teil Argentinien, einen Teil Polen… und so weiter. Das ist, was hier in Israel stattgefunden hat. Was uns verbindet, ist nur, jüdisch zu sein. Die Menschen hier haben aus ihren Zufluchtsländern so viele verschiedene Gewohnheiten, Einstellungen und Gedanken mitgebracht, dass ich es einfach respektieren muss. Auch wenn es Wikinger oder Skandinavier sind. Natürlich kann ich es nicht zulassen, wenn Leute meinen way of life zu beeinträchtigen versuchen. Ich habe ein großes Problem mit Terroristen, die Kinder umbringen. Ich habe ein Problem mit Neonazis. Es gibt nichts, was ich mit solchen Leuten zu argumentieren wüsste. Ich würde gern, aber ich fürchte, das wäre fruchtlos.

Pagan Metal wird oft mit Heldentum, dem Heldentod und Begriffen wie Ehre zusammengebracht. Ich denke, nach den Kriegen, die Israel erlebt hat, hast du eine andere Einstellung.
Dazu braucht es keinen Pagan Metal. Schau nach Japan, und vertiefe dich mal in die Kultur der Samurai. Wenn du ein wirklicher Samurai bist, dann dreht sich automatisch alles um deinen Tod. Es dreht sich darum, dass du stirbst und wie du stirbst, denn du willst ehrenvoll sterben. Auch das finde ich interessant. Jüdisch sein, heißt einen anderen Standpunkt dazu zu haben, und mein Weg ist definitiv nicht der eines Samurai, mir ist das Leben heilig. Aber ich erkenne sogar eine gewisse Schönheit in dieser Philosophie.

Ich habe euch 2006 in Wacken gesehen, als im Publikum die Fans Thors Hammer um den Hals trugen und zur gleichen Zeit israelische Flaggen schwenkten. Extraordinär, aber ein wunderbarer Moment!
Wir sind ein sehr offenes Land, für mich persönlich ist das okay. Es gibt Leute, die der Meinung sind, Israel wäre auch ein terroristisches Land und würde sich gegenüber den Palästinensern schrecklich benehmen. Aber im Unterschied zu ihnen lebe ich hier und weiß, dass es nicht wahr ist. Israel ist nie irgendwohin gezogen, um Zivilisten zu verletzen und töten, wie es die Hizbollah im Libanon getan hat. Die tun dort seit Jahr und Tag nichts anderes, außer Raketen auf unsere Städte zu schießen. Die zivilen Opfer, die es durch israelische Aktionen gibt, erklären sich dadurch, dass Terroristen sie als Schutzschild missbrauchen. Sie verstecken sich unter ihnen. Das erste und wichtigste Gesetz im Judaismus dreht sich um den Erhalt menschlichen Lebens. Es gibt keine Todesstrafe in Israel. Das einzige Todesurteil, das in Israel vollstreckt wurde, war das an Adolf Eichmann. Das einzige! Jeder Terrorist, der heute verhaftet wird, weil er Kinder in die Luft gejagt hat, bekommt die Todesstrafe nicht. Wir sind eine Nation, die das Leben schätzt. Wir Israelis glauben, das Leben ist die heiligste Sache der Welt.

Würdest du sagen, Israel hat eine moderne oder eine traditionelle Gesellschaft?
Ich würde sagen, dass Israel eine sehr konfuse Gesellschaft besitzt. Die ganzen Zufluchtsorte, von denen wir ein Stück Kultur mitgebracht haben…

… schon, von hier aus betrachtet, scheint es trotzdem zwei Hauptströmungen zu geben. Die Aschkenasim, die aufgeklärten Juden vor allem aus den westeuropäischen Staaten und Nordamerika und auf der anderen Seite die osteuropäischen Juden, die sicher viel orthodoxer sind…
Stimmt, aber ein Missverständnis liegt darin trotzdem. Die Mehrheit der Israelis ist überhaupt nicht religiös. Wir haben eine Demokratie, und Religion spielt da erst einmal keine Rolle. Ich denke, du kannst uns hier ganz gut mit der Türkei vergleichen. Ihr habt in Deutschland eine Menge türkischer Einwanderer und müsstet eine Menge über Türken wissen. Die Türkei ist das einzige muslimische Land der Erde, das gleichzeitig eine Demokratie ist, Religion und Politik sind dort zwei völlig verschiedene Dinge. Du kannst dort auf die Straße gehen, und siehst orthodoxe Frauen, daneben einen Homosexuellen und zwei Meter weiter Metaller mit langen Haaren. Diese Koexistenz finde ich großartig. In Israel ist es genauso. Es gibt hier eine extrem starke Verbindung zwischen Religion, Tradition und Kultur. Du kannst dein Leben hier trotzdem selbst bestimmen.

Ist der Bandname ORPHANED LAND als Gegensatz zum „promised land“ gemeint?
Oh ja, das hast du auf den Punkt getroffen. Es dreht sich alles um den Fehler, der das Gelobte Land in ein verwaistes Land verwandelte.

Der letzte Track auf „Mabool“ heißt ‚Rainbow (The Resurrection)’. Er passt zum Thema der Flut, aber da ein Regenbogen Anfang und Ende besitzt und ihr unter dem Namen Resurrection angefangen habt, Musik zu machen: Gibt es von ORPHANED LAND überhaupt wieder ein neues Album?
Bald sogar. Wir sind gerade dabei, es fertig zu schreiben und wollen dieses Jahr noch ins Studio. Es wird ein Konzeptalbum, welches sich mit einem Helden beschäftigen wird. Er ist ein Krieger des Lichts, womit wir auch auf die Flamme anspielen wollen, die in jedem von uns brennt. Unser Leben ist voll Depression, Traurigkeit, Blutvergießen und Krieg, und währenddessen schläft dieser Krieger in jedem von uns. Mit dem nächsten Album wecken wir ihn auf. Du kannst darin auch etwas wie einen persönlichen Messias sehen. Die Songs und Riffs werden komplexer und schwerer zu entschlüsseln als auf „Mabool“, auch wenn es ein kommunikatives, melodisches Album sein soll, mit allen arabischen und nahöstlichen Instrumenten, die man von uns gewohnt ist. Der Titel wird „ORwarriOR“ lauten. „Or“ ist das hebräische Wort für „Licht“. Wir kommen dann sicher auch auf Tour und spielen ein paar Sommerfestivals. Bis dahin gilt unser Dank allen unseren Fans in Deutschland und weltweit. Viele Grüße, passt auf Euch auf und ein gutes, neues Jahr. Nach dem hebräischen Kalender haben wir es übrigens schon gefeiert.

Johannes Paul Köhler

www.orphaned-land.com

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