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SEAR BLISS

Jam-Sessions im Kopf

Als SEAR BLISS vor elf Jahren ihr Debüt „Phantoms“ auf die Menschheit losließen, sprengten sie so ziemlich alle Vorstellungen vom hinterwäldlerischen Ostblock und skandinavischer Elite in Sachen Metal. Die CD verkaufte zehntausendfach und wurde vor einigen Jahren durch die Annaberger Waldschrate von Miriquidi neu aufgelegt.
SEAR BLISS werkeln inzwischen am sechsten Studioalbum und fahren in erfrischender Regelmäßigkeit quer durch den Kontinent, um Kostproben ihrer Interpretationen von kosmischer und heidnischer Stärke zu geben. Dementsprechend nahm es nicht wunder, Mastermind András Nagy wieder mal etwas erschöpft, doch ausnahmsweise gerade von einer privaten Feier in Budapest zurückgekehrt, an die Leitung zu bekommen. „Für mich ist die Band wie ein eigenes Kind. Als ich SEAR BLISS vor 13 Jahren gegründet habe, war ich erst 15 Jahre alt, ich bin also damit erwachsen geworden. Ich war damals großer Metal-Fan und wollte unbedingt eine eigene Band. Ein paar meiner Freunde waren damals schon erfahrener damit, Musik zu machen, ich habe sie gefragt, und so ist SEAR BLISS Ende 1993 entstanden. Ganz am Anfang waren wir sehr ernsthaft mit unserer Musik, wollten aber alle etwas anders machen. Deshalb haben wir die Trompete integriert, wir wollten anders und gleichzeitig auch frischer klingen.“
Die Integration eines echten Blasinstruments ist bis heute ziemlich einzigartig. Abgesehen von Ancients Stück ‚Nattens Skjonnhet’ dürfte es in der Tat kaum derartigen heidnischen Metal geben. Das gilt auch für die Texte der Ungarn, in denen Klischeewörter wie ‚Met’ erst gar nicht auftauchen. Sie reichen von Fantasy bis hin zu kosmischen Themen und wirken dabei verträumt bis aggressiv, auf jeden Fall aber authentisch. „Zunächst mal unterscheiden sich die Texte von Album zu Album doch ziemlich. Auf „Glory And Perdition“ dominiert kosmische Einsamkeit. Aber auf unserem neuen Album wird es dann auch wieder was anderes geben und speziell auf „The Pagan Winter“ und den ersten beiden Alben hatten wir auch Texte, die auf ungarischer Mythologie und ungarischem Heidentum basierten. Ein Song auf unserem neuen Album wird ‚Path To The Motherland’ heißen. Er basiert auf einem uralten ungarisch-transilvanischen Märchen, welches auch die Vorlage für das Coverartwork gibt. Übrigens, dieses Artwork wird sich ohnehin sehr vom Artwork der vorherigen Alben unterscheiden und wieder von Jozef Tari gemacht. Er war auch schon mal für Venom aktiv, trotzdem kennt ihn leider kaum jemand. Die Milchstraße heißt auf ungarisch sinngemäß ‚der Pfad der Krieger’. Wenn die Ungarn damals einen Krieg auszufechten hatten, befragten sie vorher ihre gefallenen Vorfahren, die dann von der Milchstraße zu ihnen herabstiegen, damit sie im Krieg mit ihnen seien. Die Sterne der Milchstraße markierten die Spuren der Hufe ihrer Pferde. Also wird es auf dem Cover jede Menge Reiter geben, die vom Himmel herab kommen, auf der Erde landen, und so wird auch das neue Album wieder mit diesen kosmischen Themen verbunden sein, trotzdem orientiert es sich auch wieder stärker an ungarisch-heidnischer Mythologie.“
Die Beschäftigung SEAR BLISS’ mit dem Kosmos verdient einen genaueren Blick. Für die Band ist der Kosmos das Allumfassende und Ewige; er umgibt uns, und er überdauert uns. Gerade in Zeiten, da sich besonders in Schweden die Ansicht durchsetzt, selbst der Kosmos wäre nur eine Manifestation materieller Kreation, eine interessante Ansicht. „Du spielst wahrscheinlich auf Dissection an. Nun, ich bin seit meiner Kindheit fasziniert von Kosmologie und Astronomie, lese eine Menge Bücher drüber und habe sogar angefangen, das wissenschaftlich zu betreiben, denn wir wissen zu wenig über das All. Für mich gibt es eine Verbindung zwischen der Ewigkeit des Weltalls und der menschlichen Seele. Ich verstehe, dass Bands wie Dissection anderer Meinung sind, aber genau wird das wohl niemand herausfinden. Für mich macht die Mystik dieses Themas den Reiz aus.“
Da András die menschliche Seele anspricht, liegt es nahe, auch in puncto Geister nachzuhaken. „Ich glaube nicht dran, aber das heißt ja nicht, dass es so was nicht gibt. Vielleicht sind das auch alles nur Einbildungen der Menschen?“ Mit der Unsterblichkeit hat er dagegen weniger Probleme. „Ich denke ziemlich oft drüber nach, ob es einen ewigen Kreislauf gibt, und hier kommt diese kosmische Komponente wieder hinein. Für mich liegt da der Schlüssel zum Verständnis. Wir sind Teil dieses ewigen Kreislaufs, der Kosmos ist unsterblich und ewig. Ich weiß nicht, ob so was wie Wiedergeburt funktioniert. Ich glaube schon, dass unser Leben immer eine bestimmte Rolle hat, manchmal überlege ich mir, dass Reinkarnation wahr sein könnte, aber generell glaube ich nicht wirklich daran. Ich bin eher der Zweifler, der mit seinen Liedern ausdrückt, dass es Fragen gibt, die man nicht beantworten kann. Es gibt einfach niemand, der mit Sicherheit sagen kann, dass Reinkarnation stattfindet.“
SEAR BLISS, die immerhin über eine Muttersprache verfügen, welche dem Estnischen und Finnischen ähnelt (Sprachwissenschaftler sprechen vom finno-ugrischen Sprachstamm), haben es bisher vorgezogen, ihre Texte in Englisch zu verfassen, während skandinavische, gerade finnische Bands, gar keine Hemmungen haben, ihr Humppa auch auf Finnisch an den Mann zu bringen. „Wir glauben, dass Englisch nötig ist, um international beachtet und verstanden zu werden. Als wir unser Demo aufnahmen, gab es in ganz Ungarn kein Metal-Label, wir mussten es in Englisch machen, um die Chance auf einen Deal zu kriegen, doch auf unserem nächsten Album wird ein Song auch ungarische Texte enthalten. Ich denke immer noch, dass es wichtiger ist, unsere Musik auch zu verstehen. Dazu kommt, dass Ungarisch gesungen doch ziemlich ungewohnt klingt.“
Wie SEAR BLISS-Texte entstehen, kann András übrigens nur schwer in Worte fassen: ‚Das ist schwierig zu erklären. Erst kommt das Songwriting. Wenn wir mit jeder Note fertig sind, setze ich mich hin, lasse die Musik in mich hinein fließen und schreibe als Text auf, was mir dann in den Kopf kommt. Ich schreibe einfach und komme dabei aus mir heraus, so dass die Texte von SEAR BLISS wie ein Instrument fungieren. Es ist wie eine Jam-Session im Kopf.“ Und auch die eigene Landesgeschichte weiß die Band mit den kosmischen Themen zu verweben: „Auf „Phantoms“ gab es ein Stück namens ‚1100 Years Ago’. Es basierte auf der heidnischen Revolution im 11. Jahrhundert. Auf „Grand Destiny“ hatten wir einen Song namens ‚Arx Idolatriae’, in dem es um eine Festung im alten Transilvanien ging. Ihre Ruinen stehen noch. Es war damals die letzte Festung, die sich der Christianisierung entgegen stemmte. Die jüngere Geschichte ist für uns nicht so interessant, obwohl uns alles auf irgendeine Art beeinflusst. Wie du vielleicht weißt, hat Ungarn eine sehr komplizierte Vergangenheit. Zum Beispiel war Ungarn vor dem ersten Weltkrieg dreimal größer, Transilvanien, das heute rumänisch ist, lag vollständig in Ungarn. Meine Eltern und ein großer Teil meiner Familie sind von dort geflohen. Als wir im Oktober in Transilvanien spielten, war das für uns eine sehr tiefgehende Erfahrung, zumal man dort noch überall ungarisch spricht. Ein Freund von mir, Gabor Fabian (www.gestamuhely.hu), ist Regisseur. Er macht derzeit einen Film mit uns über die schon genannte heidnische Revolution. Der Film soll das dokumentieren, denn solche Sachen werden hier an der Schule kaum durchgenommen, es ist nicht einfach, sich darüber zu informieren. Wir freuen uns da wirklich drauf, es wird eine Menge Pferde und Schlachtszenen geben. Wir schreiben Musik und übernehmen auch Rollen darin.“
Der Blick in die Zukunft fällt bei András denn auch genauso optimistisch aus. „Mit den Arbeiten für die Re-Releases von „The Pagan Winter, „Phantoms“ und „The Haunting“ sind wir fertig, das hat den ganzen Sommer in Anspruch genommen. „Phantoms“ und „The Pagan Winter“ sind beide remastert, es gibt Bonustracks in Form von Live-Aufnahmen vom Party.San und dem Sziget Festival. Alles bekommt ein neues Layout, neues Booklet und so weiter. „The Haunting“ ist teilweise neu aufgenommen und völlig remixt. Alle Keyboards und Gitarrensoli sind geändert, wir haben eine Menge Posaune hinzugetan und die Songs teilweise neu arrangiert. Es ist eigentlich ein neues Album geworden. Wir hatten es damals in Holland aufgenommen und uns nun von dort die original Masterbänder geholt, um sie in das beste Studio von Ungarn zu bringen, das Aquarium Studio in Budapest, welches zu Warner Music gehört. Nun klingt es, wie es vor zehn Jahren hätte klingen sollen. Alle drei CDs werden dann zusammen mit dem neuen Album im Juni erscheinen. Wenn es nach mir ginge, gäbe es auch alle unsere Alben auf LP, ich liebe Schallplatten, und ich würde unsere sehr detaillierten Artworks wirklich gern mal auf zwölf Zoll vergrößert sehen. Soweit ich weiß, wollten Red Stream, unser damaliges Label, für Europa auch jemanden für LP-Veröffentlichungen finden. Sie verhandelten damals mit Miriquidi, aber fanden dann noch ein anderes Label. Ach, keine Ahnung, ich vermute die Schuld liegt bei Red Stream, die waren nicht enthusiastisch genug. René von Miriquidi kenne ich, der ist ein viel zu netter Kerl. Nun werden wir mal sehen, was die Zukunft bringt.“

Johannes Paul Köhler

www.searbliss.hu

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