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HELHEIM

Heidentum ist Widerstand

Als HELHEIM vor elf Jahren mit “Jormundgand” ins Rampenlicht traten, suchte eine Band mit so konzentrierter Raserei ihresgleichen. Woher sonst denn aus Norwegen konnte eine solche Band in diesen Tagen kommen? Gemeinsam mit Enslaved verrückten die Bergener die seit der heidnischen Wende im Schaffen von Bathory bestehenden Dogmen von der Schaffung heidnischer Musik in unbekannte Sphären. Doch während der Rest der Welt mit den Jahren anfing, den Stil der ersten beiden Alben HELHEIMs zu kopieren und dabei viel zu selten an die extreme Atmosphäre, vor allem geschaffen durch die Schreie Vgandrs am elektrischen Mikrofon, herankam, entwickelten sich HELHEIM weiter. Bereits mit „Av Norrøn Ætt“ legten sie das eigene Werk neu aus, mittlerweile ist man mit dem fünften Album „The Journeys And Experiences Of Death“ in einer Sphäre angelangt, die sich ganz gut als Synthese der Stile von neueren Enslaved, der Experimentierfreudigkeit von Solefald und partiell dem Groove von Amon Amarth vergleichen lässt, freilich erweitert um die Atmosphäre, die jedes HELHEIM-Album unverwechselbar macht. Natürlich ist die Hingabe ans Heidentum weiterhin Programm, und zwar nicht nur als Lebensmotto. Die Band definiert Heidentum als Form des Widerstands.

VGANDR: Für mich bedeutet der Transfer von Heidentum in unsere Zeit, dass es nicht nur als religiöser Begriff gebraucht wird. Für mich definiert sich Heidentum vor allem aus der Opposition zu allen anderen Religionen, während für Christen der Heide nur der Name des Häretikers ist. Deshalb ist Heidentum für mich mehr als nur eine Form von Protest, es ist Widerstand.

LEGACY: Während eure ersten beiden Alben ziemlich schnell waren, habt ihr euch zu einer Band gewandelt, die auf ihren übrigen Album mal rockige, mal groovige Parts und mehr Heavy Metal-Elemente verwandt hat. Wieso habt ihr euren stilistischen Fußabdruck so sehr verändert?
V: Für uns bedeutet das Musikmachen fortwährende Evolution. Wir achten nicht drauf, was die Leute von uns erwarten oder nicht. Natürlich erwarten viele, dass wir zurück zum Stil von „Jormundgand“ und „Av Norrøn Ætt“ gehen, aber das würde diese Weiterentwicklung, die wir mit „The Journeys And Experiences Of Death“ einen weiteren Schritt gegangen sind, eher verleugnen. Wir wollten es als Konzeptalbum machen und konnten es nur, indem wir diese epischen und zähen Doom-Parts mit hineingebracht haben. Und es hat ja schon auf „Av Norrøn Ætt“ angefangen, wo wir mit der Geschwindigkeit etwas heruntergingen und die Sache epischer gemacht haben. Das mussten wir eigentlich nur wenig ändern, um zu „Blod Og Ild“ zu gelangen. Nichtsdestotrotz denke ich, unser Stil zieht sich durch alle unsere Alben. Du wirst immer Stellen finden, die dich daran erinnern, dass du HELHEIM hörst. Schließlich sind wir immer noch dieselben Leute, die diese Musik schreiben.

L: Die Doom-Einflüsse auf „The Journeys And Experiences Of Death“ wie in „Oaken Dragons“ sind wirklich prägnant. Ist das die Art von Musik, die wir in Zukunft von Helheim erwarten können?
V: Definitiv, es wird mehr solche Songs geben, uns hat das hinterher besser gefallen als die typischen Viking Metal-Parts auf unserem aktuellen Album. Für das nächste haben wir nun schon vier Songs fertig, einige in mittleren Geschwindigkeitsregionen, einige aber auch viel düsterer. Der Arbeitstitel ist „Chaoskult“, was ziemlich wenig über die Musik aussagt. Er klingt eher, als wenn das Album ein ziemlich schwarzmetallischer Nackenbrecher wird. Aber es wird viele überraschen, wie sehr wir die Geschwindigkeit herunterdrehen und wie düster es wirkt. Wir gehen im Spätsommer oder im Frühherbst ins Studio und wollen gleich nach der Veröffentlichung dieses Jahr noch eine Tour bestreiten.

L: Mit deutschen Labels hattet ihr ja wohl nur Pech, oder? Und nun habt ihr euer Label quasi vor der Haustür. Fühlt sich das besser an?
V: Ja, und nein. Ja, wir sind mit Dark Essence Records in keiner Weise limitiert, können unkomplizierter kommunizieren und effektiver arbeiten. Und nein, mit unseren deutschen Labels haben wir nicht nur Pech gehabt, mit Solistitium damals lief es ähnlich. Wir sind nur auseinander gegangen, weil wir uns über die Entwicklung der Band uneins waren. Ich will sagen, dass wir die Zusammenarbeit im Guten beendet haben, niemand hatte Grund, sauer zu sein. Mit Perverted Taste, wo wir unser Demo nochmals als LP herausgebracht haben, war das noch einfacher. Eigentlich ist das eher ein Release der Band, Perverted Taste hatten aber keine Probleme, es schnell herauszubringen. Bei Ars Metalli war es am schwierigsten. Commander Dobberstein ging einfach nicht mehr ans Telefon, wenn wir ihn erreichen wollten. Mal hob nur seine Mutter für ihn ab, mal tischte er uns irgendwelche Märchen auf und verschwand dann völlig. Und mit Massacre Records hatten wir die gleichen Probleme. Die antworteten nie, wenn wir was von ihnen wollten, als „Yersinia Pestis“ einmal draußen war. Also sind wir mit der „Hels Viti“-MCD in der Hinterhand einfach gegangen, es fiel uns nicht schwer.

L: Ich habe die Re-Releases eurer ersten beiden Alben hier. Es hat sich kaum was daran geändert, abgesehen von einigen Fotos und vielleicht noch dem Schrifttyp. Bonustracks gibt es nicht, Liner-Notes auch nicht.
V: Wir wollten die Alben eigentlich nur in Digipacks sehen und zwar mit etwas kräftigeren Farben. Bonustracks gibt es aus zwei Gründen nicht. Erstens finden wir, dass die Alben keine brauchen, weil sie dadurch zu sehr verändert würden. Zweitens haben wir auch gar keine aus dieser Zeit, die sich gut einfügen würden. Wenn wir „Blod Og Ild“ und „Yersinia Pestis“ noch einmal neu auflegen, wird es natürlich Bonustracks geben.

L: Zufälligerweise auch die norwegische Nationalhymne, die ihr mal aufgenommen und zum Download gestellt habt?
V: (lacht) Nein, das Stück nicht. Das war nur eine Spielerei von Lindheim, unserem alten Keyboarder. Er hat das Stück in vielleicht einer Stunde an seinem PC aufgenommen.

L: Bist du ein Patriot?
V: Ja (denkt nach), ich bin stolz auf mein Land, meine Familie und meine Umgebung, aber das meine ich nicht politisch. Politisch sehe ich mich eher als typischen Liberalen. Vielleicht könnte man es als ‚nationalromantisch’ beschreiben, wie eine Flamme, die in mir besonders stark brennt, wenn ich nach Hause, nach Bergen komme. Bergen ist meine Heimatstadt, ich denke, ich gehöre hier hin und nirgendwo anders. Es ist eine Form von ‚Mikropatriotismus’. Und Norwegen war bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Teil von Dänemark, das sollte man nicht vergessen. Wir hatten einen dänischen König für viele hundert Jahre und sind ziemlich stolz auf den 17. Mai, unsern Nationalfeiertag, an dem wir die Auflösung genau dieser Staatenunion feiern. In Schweden wird der Nationalfeiertag generell nicht so gefeiert wie bei uns. Sicher sind wir auf diese Art patriotischer als die anderen skandinavischen Länder, unsere Geschichte ist einfach noch jung. Damit wird man hier in Norwegen geboren, man bekommt es mit der Muttermilch in der Familie eingeimpft.

L: Die mittelalterlichen Rüstungen und Kettenhemden scheinen ziemlich wichtig für euch zu sein. Seid ihr im Privatleben die Sorte Leute, die sich zu Live-Rollenspielen treffen?
V: Nein, ich habe das noch nie getan. Unser Drummer hat das mal gemacht, ich interessiere mich dafür nicht. Ich ziehe solche Sachen nur an, wenn sie unserer Musik dienen.

L: Wieso habt ihr „Hels Viti“ als eigenständige Mini-CD bei Dark Essence Records nie veröffentlicht?
V: Das Material ist mittlerweile einfach zu alt. Es würde Leuten einen falschen Eindruck davon geben, was HELHEIM heute sind. Also haben wir es einfach als Limited Edition-Bonus mit zu „The Journeys And Experiences Of Death“ gegeben, und die Fans müssen auch nicht so viel Geld dafür ausgeben. So hat es auch noch einen weiteren Vorteil: Wir können es etwas limitieren, und gleichzeitig müssen die Hörer schnell sein und noch die limitierte Version des Albums erwischen.

L: Letzte Frage: was würdest du tun, wenn dich Varg Vikernes im Auto anhält und mit einer Kanone bedroht?
V: Keine Ahnung. Ich würde fragen: ‚Oh, bist du draußen? Steck' die Knarre ein und mach lieber ein neues Album. Eins ohne Synthesizer.’

Johannes Paul Köhler

www.helheim.com

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